Gewalt von und an Jugendlichen ist leider ein bekanntes Phänomen. Schüler bringen viele Probleme mit in die Schule, durch die diese oftmals zum Tatort wird. Es gibt unterschiedliche Arten von Gewalt, wobei die physische Gewalt die „erheblichste Gewaltkategorie“ (Kassis 2004:252) in der Schule ist. Wie kommt es dazu und wie lässt sich dieses Gewaltphänomen soziologisch erfassen?
Zur Beantwortung der Fragen soll in dieser Arbeit das Desintegrations-Verunsicherungs-Gewalt-Konzept von Heitmeyer (1995c:57ff.) als möglicher sozialisationstheoretischer Ansatz vorgestellt werden, der von sich beansprucht, neben dem Rechtsextremismus auch Gewalt von und an Jugendlichen beschreiben und erklären zu können. Dieses Konzept wird anschließend analysiert und es wird kritisch hinterfragt, inwiefern es die empirische Realität im Schulkontext erfassen und erklären kann.
Inhaltsverzeichnis
1. Einleitung
2. Der Begriff der Gewalt und seine Dimensionen – im Allgemeinen und Speziellen
3. Erklärungsansatz: Desintegrations-Verunsicherungs-Gewalt-Konzept
3.1 Die Basis: Der Faktor Individualisierung / Herleitung
3.2 Der Faktor Desintegration
3.3 Mögliche Folge der Desintegration: Der Faktor Verunsicherung
3.4 Die mögliche Folge der Verunsicherung: Gewalt
3.5 Einordnung in das Konzept: Auswirkungen auf die soziale Institution Schule und ihre Rolle in der Gesellschaft
4. Kritische Reflexion
5. Fazit
Zielsetzung & Themen
Die vorliegende Arbeit untersucht, inwieweit das Desintegrations-Verunsicherungs-Gewalt-Konzept von Wilhelm Heitmeyer als sozialisationstheoretischer Erklärungsansatz für die Gewaltbereitschaft von und an Jugendlichen im schulischen Kontext dienen kann, und hinterfragt die Anwendbarkeit dieses Modells kritisch.
- Sozialisationstheoretische Grundlagen und Individualisierungsprozesse
- Strukturen und Dimensionen des Gewaltbegriffs
- Das Desintegrations-Verunsicherungs-Gewalt-Konzept nach Heitmeyer
- Schule als soziale Institution und Austragungsort von Gewalt
- Kritische Analyse der Mehrebenenproblematik bei der Gewaltbetrachtung
Auszug aus dem Buch
3.1 Die Basis: Der Faktor Individualisierung / Herleitung
Der Begriff der Individualisierung meint einen historisch-sozialen Prozess (vgl. Jagodzinski/Klein 1998:15) und hat in der modernen (Wohlstands-)gesellschaft einen hohen Stellenwert. Er bedeutet die Loslösung von strengen Vorgaben, Normen und Werten, sowie eine eigene Selbstfindung und -entfaltung des Individuums (vgl. Beck 1986; Heitmeyer 1995b:12). Dadurch verfügen Jugendliche prinzipiell über eine große individuelle Handlungs- und Wahlfreiheit. Die Entscheidung der Jugendlichen ist zwangsläufig gekoppelt mit zu bewältigenden Zwängen und/oder Druck. Ihre Lebensaufgaben sind komplexer, jetzt ohne „den Rückhalt stabiler Vergemeinschaftungsformen“ (Heitmeyer 1995b:12). Hinzu kommen Ungleichheitsrelationen durch Entstandardisierung von Lebensläufen. „Jugendliche können heute mehr entscheiden, [...] sie müssen aber auch mehr entscheiden – ohne häufig zu wissen, worauf sie denn entscheiden wollen“ (ebd.; Hervorh. CW.). Die Anforderungen an die Jugendlichen werden also größer und Probleme müssen eigenverantwortlich gelöst werden, seien es der Anschluss an eine Gruppe oder Institution, die Sicherung einer Position oder die Realisierung eines Aufstiegs. Heitmeyer (1995b:13) sieht hier keineswegs nur bessere Chancen für die jungen Menschen, sondern auch das Verhängnis „einzeln mit ihrer ganzen Persönlichkeit haften zu müssen“ (ebd.). Durch die Ausweitung an Möglichkeiten innerhalb der Individualisierung machen Jugendliche auch die Erfahrung der Ersetzbarkeit und Austauschbarkeit und somit können individuelle Entwicklungsprozesse durchkreuzt werden (vgl. Heitmeyer 1995c:39).
Zusammenfassung der Kapitel
1. Einleitung: Die Arbeit führt in das Phänomen der Gewalt von und an Jugendlichen ein, nennt aktuelle Beispiele und benennt das Desintegrations-Verunsicherungs-Gewalt-Konzept von Heitmeyer als zentralen Erklärungsansatz.
2. Der Begriff der Gewalt und seine Dimensionen – im Allgemeinen und Speziellen: Dieses Kapitel erläutert die terminologische Vielschichtigkeit des Gewaltbegriffs in den Sozialwissenschaften und grenzt verschiedene Formen wie physische, institutionelle und kollektive Gewalt voneinander ab.
3. Erklärungsansatz: Desintegrations-Verunsicherungs-Gewalt-Konzept: Der Hauptteil beschreibt das sozialisationstheoretische Konzept, indem die Faktoren Individualisierung, Desintegration und Verunsicherung als kausale Kette für die Entstehung von Gewalt analysiert und auf die Institution Schule angewendet werden.
4. Kritische Reflexion: Hier wird das Konzept einer wissenschaftlichen Prüfung unterzogen, insbesondere hinsichtlich der Übertragbarkeit zwischen Makro- und Mikroebene sowie der Differenziertheit der Folgen von Individualisierung.
5. Fazit: Die Arbeit resümiert, dass das Konzept zwar prinzipiell zur Erklärung gewaltbereiten Handelns dienen kann, aber für den schulischen Kontext durch weitere psychologische und erziehungswissenschaftliche Theorien ergänzt werden sollte.
Schlüsselwörter
Sozialisation, Gewalt, Desintegration, Individualisierung, Verunsicherung, Schule, Jugend, Identität, Mehrebenenkonstrukt, Anomie, Gewaltprävention, Sozialstruktur, Pädagogik, Konfliktverhalten, Erklärungsansatz
Häufig gestellte Fragen
Worum geht es in dieser Arbeit grundsätzlich?
Die Arbeit analysiert das soziologische Erklärungsmodell von Wilhelm Heitmeyer, um zu verstehen, wie soziale Desintegrationsprozesse zur Gewaltbereitschaft bei Jugendlichen führen.
Was sind die zentralen Themenfelder?
Die zentralen Felder umfassen die moderne Individualisierung, soziale Ausgrenzungsmechanismen (Desintegration) sowie die daraus resultierenden emotionalen Zustände wie Verunsicherung, die letztlich in gewalttätiges Handeln münden können.
Was ist das primäre Ziel oder die Forschungsfrage?
Das Ziel ist die Prüfung, inwiefern das Desintegrations-Verunsicherungs-Gewalt-Konzept ausreicht, um Gewalt im schulischen Kontext soziologisch zu erklären.
Welche wissenschaftliche Methode wird verwendet?
Es handelt sich um eine theoretisch orientierte Hausarbeit, die auf einer Literaturanalyse und der kritischen Reflexion bestehender sozialwissenschaftlicher Konzepte basiert.
Was wird im Hauptteil behandelt?
Der Hauptteil gliedert sich in die Definition von Gewalt, die detaillierte Darstellung der drei Stufen des Heitmeyer-Konzepts (Individualisierung, Desintegration, Verunsicherung) und die Übertragung dieser theoretischen Annahmen auf die soziale Institution Schule.
Welche Schlüsselwörter charakterisieren die Arbeit?
Die Arbeit wird maßgeblich durch die Begriffe Sozialisation, Desintegration, Individualisierung und Gewalt an Schulen charakterisiert.
Wie unterscheidet Heitmeyer die verschiedenen Verunsicherungszustände?
Heitmeyer unterscheidet zwischen stimulierender (positiv herausfordernder), paralysierender (lähmender) und überwältigender Verunsicherung, die jeweils unterschiedliche Konsequenzen für die Handlungsfähigkeit des Jugendlichen haben.
Warum wird die Schule im Kontext der Gewaltforschung besonders betrachtet?
Die Schule wird als zentrale Sozialisationsinstanz betrachtet, in der Jugendliche auf Leistungsdruck, soziale Selektion und Normen treffen, was sie zu einem häufigen Austragungsort für inner- und zwischenmenschliche Konflikte macht.
Welches Fazit zieht der Autor zur Anwendbarkeit des Modells auf die Schule?
Das Fazit lautet, dass das Modell zwar gute Erklärungsansätze liefert, aber nicht alle komplexen situationellen und interaktionellen Bedingungen in der Schule vollumfänglich erfassen kann, weshalb eine Mehrperspektivität notwendig ist.
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- Christiane Wittich (Author), 2016, Soziologischer Erklärungsansatz zur Gewaltbereitschaft von und an Jugendlichen im schulischen Kontext, Munich, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/354855