Hoffmanns Märchen, von denen er zahlreiche verfasst hat, zeichnen sich durch eine Orientierung an der Realität statt einer phantastischen Märchenwelt aus. Charakteristisch ist auch das zwar versöhnliche, meist aber ironisch zu interpretierende Ende seiner Märchen. Sein 1821 im Rahmen der Serapions-Brüder erschienenes Märchen "Die Königsbraut" ist sein letztes und wird in der Literatur als „Musterbeispiel der reinen Komik“ und „komische[r] Höhepunkt“ seiner dichterischen Laufbahn gehandelt (Segebrecht, 2001, S. 1643 und Kaiser, 1988, S. 80).
In dieser Arbeit soll nun untersucht werden, ob die Königsbraut tatsächlich ein komisches, nicht ganz ernst zu nehmendes Werk Hoffmanns ist. Inwiefern werden die Merkmale romantischer Poesie ironisiert, karikiert oder verzerrt dargestellt? Welche typischen Märchenelemente werden thematisiert und dann parodiert? Ziel dieser Arbeit ist es, darzulegen, dass in Hoffmanns letztem Märchen die Merkmale romantischer Poesie zwar verwirklicht, diese aber deutlich überspitzt dargestellt werden, sodass das Werk als Parodie der romantischen Ideale angesehen werden muss.
Dazu sollen in Punkt 2 zunächst die für die Gattung Kunstmärchen typischen Eigenschaften grob zusammengefasst werden, die Hoffmann in seiner Königsbraut dem Lächerlichen preisgibt. Im Hauptteil der Arbeit werden anschließend die Elemente der Parodie am Text untersucht und in verschiedenen Unterkategorien detailliert behandelt. Dabei weisen sowohl die Besetzung des Personals als auch die verzerrte Darstellung von typischen Märchenelementen oft starke parodistische Züge auf. Darüber hinaus soll auch die ironische Aussagekraft des Untertitels "Ein nach der Natur entworfenes Märchen" genauer betrachtet werden.
Interessant ist außerdem die Behandlung der 'Kabbala' und anderer sog. Geheimwissenschaften im Märchen, die Hoffmann in einem nicht ganz ernst zu nehmenden Licht erscheinen lässt. Wie in vielen anderen zeitgenössischen Märchen auch, kommt der Poesie in der Königsbraut eine tragende Rolle zu, nämlich die des erlösenden Moments. Inwiefern dies ironische Elemente und Anspielungen auf das serapiontische Prinzip enthält, soll in entsprechendem Abschnitt geklärt werden. Im letzten Unterpunkt wird abschließend auf die Bedingungen der Hinführung zum Happy End und somit zur Herstellung des 'Goldenen Zeitalters', welches ein beliebtes Motiv in romantischen Märchen darstellt, eingegangen.
Inhaltsverzeichnis
1 Einleitung
2 Romantische Märchen
2.1 Das Kunstmärchen
2.2 Typische Elemente romantischer Poesie
3 Elemente der Parodie in der Königsbraut
3.1 Das Personal
3.2 Ein nach der Natur entworfenes Märchen
3.3 Parodierung typischer Handlungsinhalte
3.3.1 Spiel mit Märchenelementen
3.3.2 Die 'Kabbala'
3.3.3 Die Poesie
3.3.4 Die Herstellung des 'Goldenen Zeitalters'
4 Zusammenfassung
Zielsetzung & Themen
Die vorliegende Arbeit untersucht E.T.A. Hoffmanns Märchen "Die Königsbraut" dahingehend, ob es sich dabei um ein parodistisches Werk handelt, welches zentrale Merkmale und Ideale der romantischen Literatur ironisiert, karikiert und in übersteigerter Weise darstellt.
- Analyse der parodistischen Verzerrung von Märchenfiguren
- Untersuchung der ironischen Behandlung romantischer Handlungsmotive
- Kritische Auseinandersetzung mit Geheimwissenschaften wie der Kabbala
- Deutung der Rolle der Poesie als Mittel der ironischen Erlösung
Auszug aus dem Buch
3.1 Das Personal
Schon der Titel Die Königsbraut erweckt beim Leser bestimmte Erwartungen an die auftretenden Figuren des Märchens. Dieser lässt nämlich auf höfisches oder königliches Personal schließen, tatsächlich aber treten hier einfache Dorfbewohner und Alltagsmenschen auf, die immerhin ihrer Abstammung nach zumindest adlige Vorfahren haben, in ihrem Charakter und Verhalten aber keinerlei adlige Züge aufweisen. Zwar ist es vor allem in Wirklichkeitsmärchen keine Seltenheit, dass das Märchenpersonal nicht immer von edler Herkunft ist, jedoch macht Hoffmann aus den hier handelnden Akteuren überzeichnete Karikaturen mit viel zu hohen Überzeugungen von sich selbst.
Die Hauptfigur Anna von Zabelthau, eigentlich in der Rolle der 'Königsbraut', wird als derbes Hausmädchen mit rundlicher Figur, dessen einziges Interesse landwirtschaftliche Arbeit wie die Pflege ihres Gemüsegartens ist, dargestellt. Vom Gemüt her ist sie freundlich und unbeschwert, sie spricht „munter und frei von allem, was die Landwirtschaft betrifft und zeigt dabei gar keine unebene Kenntnisse“16. Ansonsten jedoch wirkt Anna ungebildet – sie bezeichnet sich selbst als „dummes, einfältiges Ding“ (KB, S. 1148) – und naiv, denn sie ist von der träumerischen Vorstellung, Königin zu werden, geradezu besessen und ist bereit, für eine Mohrrübe ihren bisherigen Verlobten Amandus zu verlassen. In „ihrer allzu auffälligen Einseitigkeit, ihrer beängstigenden Oberflächlichkeit“17 ist es jedoch für den Leser offensichtlich, diese Figur nicht ernst zu nehmen und die ironische Absicht dahinter zu erkennen.
Zusammenfassung der Kapitel
1 Einleitung: Hinführung zur Problematik des deutschen Kunstmärchens und Darlegung der These, dass "Die Königsbraut" als Parodie romantischer Ideale zu verstehen ist.
2 Romantische Märchen: Definition des Kunstmärchens und Erläuterung grundlegender romantischer Poesie-Elemente als theoretisches Fundament der Analyse.
3 Elemente der Parodie in der Königsbraut: Detaillierte Untersuchung des Personals, der Handlungsinhalte, der Geheimwissenschaften und der Rolle der Poesie hinsichtlich ihrer parodistischen Gestaltung.
4 Zusammenfassung: Synthese der Analyseergebnisse, die das Werk als ironische Abrechnung Hoffmanns mit dem Genre des romantischen Märchens bestätigt.
Schlüsselwörter
E.T.A. Hoffmann, Die Königsbraut, Romantik, Kunstmärchen, Parodie, Ironie, Kabbala, Elementargeister, Amandus von Nebelstern, Dapsul von Zabelthau, Satire, Literaturanalyse, Poetische Genialität, Goldenes Zeitalter, Metamorphose
Häufig gestellte Fragen
Worum geht es in dieser Arbeit grundsätzlich?
Die Arbeit analysiert, inwiefern E.T.A. Hoffmanns letztes Märchen "Die Königsbraut" als ironische Parodie auf die Gattung des romantischen Märchens und deren Ideale zu verstehen ist.
Was sind die zentralen Themenfelder der Analyse?
Im Zentrum stehen die parodistische Darstellung von Märchenfiguren, die Verzerrung klassischer Handlungsmotive und die kritische Auseinandersetzung mit romantischen Natur- und Geistesvorstellungen.
Was ist das primäre Ziel der Untersuchung?
Das Ziel ist es, aufzuzeigen, dass Hoffmann durch die überspitzte und ironische Darstellung typischer Märchenmerkmale eine Distanz zu den Idealen der Früh- und Mittelromantik schafft.
Welche wissenschaftliche Methode wird verwendet?
Es wird eine literaturwissenschaftliche Analyse durchgeführt, die primär auf der Untersuchung von Textstellen, der Einordnung in den gattungstheoretischen Kontext und dem Vergleich mit romantischen Grundmotiven basiert.
Was wird im Hauptteil der Arbeit behandelt?
Der Hauptteil widmet sich der detaillierten Untersuchung des Personals, der Rolle der Kabbala, der Funktion der Poesie sowie der Herstellung des "Goldenen Zeitalters" unter parodistischen Aspekten.
Welche Schlüsselwörter charakterisieren die Arbeit?
Wichtige Begriffe sind E.T.A. Hoffmann, Parodie, Kunstmärchen, Ironie, Kabbala, Wahnsinn und Genialität sowie das Motiv der Metamorphose.
Warum ist die Figur des Amandus von Nebelstern als Parodie zu werten?
Amandus ist ein feiger Weichling, der sich zwar für ein poetisches Genie hält, aber in der Realität völlig scheitert. Seine "dichterischen" Versuche bewirken das Happy End nur durch Zufall und durch ihre schiere Unerträglichkeit für das Böse.
Welche Bedeutung kommt der 'Kabbala' in der Erzählung zu?
Die Kabbala wird als "überirdische Wissenschaft" parodiert, indem sie Hoffmanns Charakter Dapsul von Zabelthau als Spottfigur nutzt, deren kabbalistische Praktiken in einer lächerlichen, oft essbaren Realität (Gemüsewelt) scheitern.
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- Anna Hummel (Author), 2015, Elemente der Parodie romantischer Märchenmerkmale in E.T.A. Hoffmanns "Die Königsbraut", Munich, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/355089