Kreativität und Struktur. Gestaltungstherapie in der Behandlung posttraumatischer Belastungsstörungen


Studienarbeit, 2017

20 Seiten, Note: 1,3


Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

Vorwort

1 THEORETISCHE ERKLÄRUNGEN
1.1 Praxisspektrum
1.2 Psychotrauma
1.3 Ursachen einer Traumafolgestörung
1.4 Erleben traumatischer Ereignisse und natürliche Traumaverarbeitung
1.5 Lang- und Kurzzeitfolgen
1.6 Arten von Traumafolgestörungen
1.7 Posttraumatische Belastungsstörung und ihre Behandlungsmöglichkeiten

2 Die Behandlungsfrequenz
2.1 Die Ausgangssituation und die 1. Sitzung
2.2 Die 2. Sitzung
2.2.1 Die Rahmenbedingungen
2.2.2 Das Gespräch
2.2.3 Exkurs: Das Toleranzfenster
2.3 Der Gestaltungsprozess
2.4 Abschluss der 2. Sitzung

3 Fazit
3.1 Klinische Indikationen der Kunst- und Gestaltungstherapie in der Traumatherapie
3.2 Reflexion der Tätigkeit als Kunst- und Gestaltungstherapeutin
3.3 Meine Rolle als Therapeutin in Gestaltungsprozessen
3.4 Eigener Lernprozess

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Vorwort

Heilungsprozesse (Transformationsprozesse) bilden ein reichlich komplexes Geschehen. Die Transformation von Belastungsmaterial ist bei Traumafolgestörungen nicht ohne Reaktivierung von Ressourcennetzwerken und kontrollierte Belastungskonfrontation durchführbar. Bei Kon­takt mit dem emotionalen Traumamaterial taucht nicht nur das negative Material auf, sondern auch ständig Positives, d. h. Ressourcen („bipolares Prinzip der Psychotherapie“; Plassmann 2007). Die Intensität der Ressourcen entscheidet, ob Heilungsprozesse initiiert werden können. Mittlerweile ist es allen Personen, die Heilungsprozesse psychotherapeutisch begleiten, die Be­deutsamkeit des bipolaren Arbeitens bekannt (Plassmann 2014, S. 60).

Die klinische Kunst- und Gestaltungstherapie bietet als nonverbales Verfahren die Möglichkeit des bildnerischen oder gegenständlichen Gestaltens. Das Vorgehen ist dabei im Wesentlichen ressourcen- und prozessorientiert. Ich nutze die Interventionen der Kunsttherapie, um kreative Prozesse und Heilungsprozesse in der Traumatherapie zu initiieren und zu unterstützen.

Im ersten Teil dieser Arbeit werde ich meine Tätigkeit als Trauma- und Gestaltungstherapeutin sowie mein Praxisspektrum vorstellen. Des Weiteren werde ich mich mit den Theorien betref­fend Entstehung und Behandlungsmöglichkeiten der posttraumatischen Belastungsstörung (PTBS) und mit den Behandlungsmöglichkeiten mithilfe von Gestaltung beschäftigen.

Im zweiten Teil der Arbeit wird die Behandlungsfrequenz einer 30-jährigen Klientin beschrie­ben, die unter komplexen PTBS nach sexuellem Missbrauch leidet und in meiner Praxis mit Gestaltungstherapie sowie EMDR behandelt worden ist.

Der letzte Teil der Arbeit fasst meine Erkenntnisse zusammen und reflektiert klinische Impli-kationen und Behandlungserfolge der Gestaltungstherapie in der Behandlung der o. g. Klientin.

l Theoretische Erklärungen

1.1 Praxisspektrum

Seit fast zehn Jahren betreue und behandle ich in meiner Praxis Menschen, die unter verschie­denen psychischen Beeinträchtigungen leiden. Die meisten Klienten leiden unter Störungen, die reaktiven Charakter haben und als Belastungsreaktion zu definieren sind.

Ich interpretiere praktisch alle Fälle, die ich behandle, im Sinne einer erweiterten Traumatheo­rie, weil die Probleme von Menschen meiner Meinung nach meist zumindest teilweise durch frühere beunruhigende Erfahrungen entstanden sind.

Die meisten Menschen, die in die Behandlung kommen, haben ein signifikantes Trauma oder einen schwerwiegenden Verlust erlebt und sind dadurch entweder allgemein verletzlicher ge­worden - oder ihr aktuelles Problem ist dadurch entstanden.

Meine Klienten und mich verbindet bei der Arbeit ein gemeinsames Ziel: die möglichst rasche Gesundung meiner Klientinnen und Klienten und die Rückkehr in ihr gesellschaftliches Umfeld. Eine wichtige Grundlage bilden neben wissenschaftlicher und praktischer Kompetenz die en­gagierte und klientenzentrierte therapeutische Arbeit, die Mobilisierung aller vorhandenen Selbstheilungskräfte und der Einbezug der Angehörigen. Mit einem ganzheitlichen, integrati- ven Behandlungskonzept begreife ich den Menschen als Individuum mit Geist, Seele und Kör­per in einem lebenslangen Entwicklungsprozess. Ich begegne meinen Klienten mit einer tiefen Achtung für ihre individuelle Geschichte, ihre Bedürfnisse und Ressourcen. Wertvoller Be­standteil meines Therapiekonzepts ist die intensive Betreuung und Begleitung der Patienten in geborgener und persönlicher Atmosphäre.

Die psychotherapeutische Behandlung findet in Einzelsitzungen statt. Die Therapiepläne wer­den jeweils individuell mit dem/r Klienten/-in abgestimmt, die Bereitschaft zur aktiven Mitar­beit ist eine wichtige Voraussetzung.

Wichtige Behandlungsziele sind die Stärkung der Selbstsicherheit und des Selbstwertgefühls. Ich lege höchsten Wert auf eine hohe, ständig kontrollierte und wissenschaftlich überprüfbare Qualität meiner psychotherapeutischen Angebote: Es kommen ausschließlich wissenschaftlich und klinisch fundierte Behandlungskonzepte zum Einsatz, deren Wirksamkeit erwiesen ist. Gestaltungs-/Kunsttherapie und EMDR stellen methodisch die Schwerpunkte der Arbeit in meiner Praxis dar. Meine Erfahrungen basieren auf der zehnjährigen Arbeit mit EMDR in mei­ner Praxis und auf den Erkenntnissen aus dem Studium der tiefenpsychologisch fundierten Kunsttherapie an der KHSB.

1.2 Psychotrauma

Fischer und Riedesser (1998) definieren ein (Psycho-)Trauma in dem Lehrbuch der Psycho­traumatologie als „ein vitales Diskrepanzerlebnis zwischen bedrohlichen Situationsfaktoren und den individuellen Bewältigungsmöglichkeiten, das mit Gefühlen von Hilflosigkeit und schutzloser Preisgabe einhergeht und so eine dauerhafte Erschütterung von Selbst- und Welt­Verständnis bewirkt

Die ICD-10 beschreibt das Psychotrauma als „ein belastendes Ereignis oder eine Situation kürzerer oder längerer Dauer, mit außergewöhnlicher Bedrohung oder katastrophalem Aus­maß, die bei fast jedem eine tiefe Verzweiflung hervorrufen würde. Die Symptome müssen in­nerhalb von sechs Monaten nach dem belastenden Ereignis (oder der Belastungsperiode) auf­getreten sein [...].“

1.3 Ursachen einerTraumafolgestörung

Die Ursachen und Auslöser für Traumafolgestörungen können sehr unterschiedlich sein. Wich­tig ist die Differenzierung zwischen personalisierter und nicht personalisierter Gewalt. Zur Ka­tegorie „nicht personalisierte Gewalt“ gehören Erlebnisse wie Naturkatastrophen, Unfälle und andere willkürliche Ereignisse wie z. B. Zug- oder Flugzeugunfälle. Die Kategorie „per­sonalisierte Gewalt“ wird durch Ereignisse charakterisiert, bei denen eine Person Opfer schrecklicher Erlebnisse war und/oder das Leiden anderer erleben musste. Personalisierte Ge­walt hinterlässt tiefere Verletzungen und führt wahrscheinlicher zu einer Traumafolgestörung.

1.4 Erleben traumatischer Ereignisse und natürlicheTraumaverarbeitung

Nur etwa 10-20 % aller Traumaopfer entwickeln eine PTBS, nach Vergewaltigung und Folter ca. 50 %. Die meisten Menschen verarbeiten traumatische Erfahrungen ohne Psychotherapie (Schubbe 2013). Die entscheidende Rolle beim Erfahren traumatischer Erlebnisse spielt die Tagesverfassung der betroffenen Person: ihre körperliche und geistige Fitness, aktuelle Belas­tungen und der momentane Ressourcenzustand. Gleichsam spielen persönliche Eigenschaften, Werte und Erfahrungen in traumatischen Situationen eine wichtige Rolle.

1.5 Lang- und Kurzzeitfolgen

Alle nach einem Notfall auftretenden akuten psychischen Symptome und Bewältigungsversu­che können wir als Kurzzeitfolgen definieren. Langzeitfolgen sind dagegen posttraumatisch entstandene chronische Symptome und andauernde Defizite, die oftmals mit komorbiden Stö­rungen wie Angststörung, Abhängigkeitserkrankung und Depression einhergehen. Entspre­chende Symptome treten oftmals verzögert ein.

1.6 Arten von Traumafolgestörungen

Es gibt verschiedene Arten von Traumafolgestörungen. Dazu gehören u. a.:

- akute Belastungsreaktion,
- Anpassungsstörung,
- posttraumatische Belastungsstörung,
- komplexe PTBS,
- dissoziative Störungen.

Eine häufig in der Fachliteratur verwendete, abweichende Kategorisierung differenziert Typ-I- Traumata (kurz andauernde, heftige Traumatisierungen) und Typ-II-Traumata (lang andau­ernde, komplexe Traumatisierungen) (Schubbe 2006, S. 46). Diese Differenzierung ist aus ver­schiedenen Gründen von elementarer Bedeutung und auch im Hinblick auf die Behandlungs­gestaltung sinnvoll, da früh traumatisierte Klienten/-innen andere therapeutische Interventionen benötigen als unter Monotraumatisierungen Leidende.

1.7 Posttraumatische Belastungsstörung und ihre Behandlungsmöglichkeiten

Die PTBS ist in der ICD-10 den Belastungs- und Anpassungsstörungen, im DSM-IV den Angststörungen zugeordnet. Laut ICD-10 ist nach einem traumatischen Ereignis das Vorliegen folgender Symptome ausreichend zur Diagnose der PTBS:

- wiederholte, unausweichliche Erinnerungen oder Wiederinszenierung des Ereignisses in Gedächtnis, Tagträumen oder Träumen,
- ein Zustand vegetativer Übererregtheit mit Vigilanzsteigerung,
- eine übermäßige Schreckhaftigkeit,
- Schlafstörung,
- Gleichgültigkeit, Teilnahmslosigkeit,
- Vermeidung von Aktivitäten, die Erinnerungen an das Trauma wachrufen könnten.

Traumatische Erlebnisse bringen katastrophale Erfahrungen mit sich, die in einem deutlichen Widerspruch zu den persönlichen Grundannahmen stehen. Häufig erleben sich Betroffene nach einem traumatischen Erlebnis als emotional schwach, defizitär und vulnerabel; die Welt erleben sie als feindlich und bedrohlich. Nach traumatischen Erfahrungen können tiefgreifende und situationsübergreifende Gefühle der Wertlosigkeit, Unfähigkeit und Selbstbeschuldigung ver­bleiben. Derartige dysfunktionale negative Überzeugungen können sich gegenüber der Umwelt in Gedanken wie „Ich bin nirgends sicher“, „Das geschieht mir recht“ und in der Unfähigkeit zu Beziehungen („Ich bin beziehungsunfähig, nicht wert, geliebt zu sein“) ausdrücken.

Nach Ehlers und Steil (1995) können dysfunktionale Überzeugungen Symptome der PTBS in­sofern aufrechterhalten, als sie ein Gefühl ständiger Bedrohung verursachen und zu Vermei­dungsverhalten führen, das wiederum die Überbewertung der Bedrohung aufrechterhält (Eh­lers/Steil 1995 zitiert in: Dunmore et al. 1997, S. 13).

In der Arbeit mit traumatisierten Menschen kommt es häufig zu heftigen Affektausbrüchen, Über-Limit-Situationen (Plassmann 2015, S. 66) und dissoziativen Reaktionen, sodass sich die Frage nach den Möglichkeiten, das Traumamaterial und die damit verbundene negative Selbstüberzeugung in der passenden Dosierung und Form zu exponieren, ergibt.

Neben den allgemeinen Wirkfaktoren der klinischen Gestaltungstherapie gibt es auch spezifi­sche Faktoren für Traumatherapie. Die herkömmliche Empfehlung lautet, die Traumainhalte nicht zu aktivieren (Martius 2013), um eine Retraumatisierung zu vermeiden. Die klinische Gestaltungstherapie sieht dagegen bei der Behandlung von Traumaspätfolgenstörungen gute Zugangsmöglichkeiten (Plassmann 2014, S. 172).

Traumatherapie mit Bildern ermöglicht es, Verbotenem Ausdruck zu verleihen, entlastet die therapeutische Beziehung (die Gestaltung, als etwas „Drittes“ gesehen werden) und bietet durch Verschieben, Verdecken und Verändern diverse Möglichkeiten der Distanzierung von der stell­vertretend für das Traumamaterial behandelten Gestaltung. Des Weiteren können über die Ak­tivierung kreativer Anteile der Psyche psychotherapeutische Prozesse begünstigt werden. Die Freude an eigenen Tun kann zur Entstehung des „Ich-Gefühls“ beitragen.

Psychodynamisch betrachtet stehen Bewusstwerdung und Erkenntnisprozess im Vordergrund. Auf diese Weise können wichtige Informationen über Struktur, Beziehungs- und Bindungs­muster der Gestaltenden gewonnen werden.

Der Gestaltungsprozess bietet die Basis für Probehandeln und unterstützt die Möglichkeit zur Musterunterbrechung. Die im Anschluss stattfindende Besprechung ermöglicht durch Fragen­stellung und Anregungen, den Symbolisierungsprozess fortzusetzen. Die Worte, die für die Ge­staltungsprozesse gefunden werden können, helfen, die Erkenntnisse aus der Gestaltung zu in­tegrieren. Traumatherapie mithilfe Gestaltung und begleitet von Bildern hat etwas Kreatives, Farbiges, Lebendiges.

Wichtiger Grundsatz der kunst- und gestaltungstherapeutischen Bearbeitung von Traumafolge­störungen ist das Prinzip der Strukturierung. Es soll verhindern, dass das Traumamatrial das Bewusstsein des/r Klienten/-in überflutet und ggf. der/die Klient/-in zusätzlich belastet bzw. retraumatisiert wird. Das bipolare Arbeiten (Plassmann 2007) unterstützt das Vorhaben und wird z. B. durch gezieltes getrenntes Unterbringen von Belastung- und Ressourcenmaterial auf zwei Blättern realisiert (Plassmann 2014).

2 Die Behandlungsfrequenz

2.1 Die Ausgangssituation und die 1. Sitzung

Marie (Name geändert) ist eine Frau in den Dreißigern, die verzweifelt nach einer Möglichkeit suchte, ihre Panik-und Angstanfälle zu überwinden. Sie hatte bereits zahlreiche Behandlungs­versuche absolviert und litt unverändert unter der Angst- und Paniksymptomatik. Durch uner­müdliche Recherche im Internet ist sie auf meine Praxis aufmerksam geworden und hat mich daraufhin angerufen. Am Telefon klang die Patientin völlig erschöpft und weinte zwischen­durch, während sie ihre momentane Situation schilderte. Die wichtigste Aussage war, dass das Leben der Patientin zuvor glücklich und geregelt verlaufen sei und sich zurzeit zunehmend durch immer weitere Symptom- und Beschwerdebildung in einen Albtraum verwandele. Ich habe schließlich mit der Patientin einen Vorstellungstermin vereinbart.

In meiner Praxis erschien eine hübsche, gepflegte Frau, die sehr unsicher und unruhig auf mich wirkte. Während des 90-minütigen Erstgesprächs hat mir die Klientin von einer Zahnbehand­lung erzählt, der sie sich auf Anraten Ihres Zahnarzts, dem sie sehr vertraute, etwa vier Jahre vorher unterzogen hatte. Anlass für die Zahnbehandlung waren wiederkehrende Zahnschmer­zen und Zahnwurzelentzündungen. Der Zahnarzt hat nach Äußerung der Patientin eine falsche Behandlung durchgeführt und damit ihre Zähne ruiniert. Die Zähne sollen seitdem keinen rich­tigen Biss haben, was zu unerträglichen Kiefer-, Kopf- und Muskelschmerzen geführt habe. Außerdem litt die Klientin unter starken Angst-, Panik sowie Schwindelattacken. Die Überkro- nung der Zähne bedeutete neben den Beschwerden auch erhebliche finanzielle Belastungen, aufgrund der häufigen Zahnarztbesuche litt das Familien- und Arbeitsleben der Patientin be­trächtlich. Die psychischen Beschwerden haben die Therapeuten bisher selektiv, d. h. von der Zahnarztbehandlung getrennt betrachtet, und die bisherige Psychotherapie hat keine spürbaren

Erfolge erbracht. Der mittlerweile die Klientin behandelnde Psychiater hat eine pharmakologi­sche Behandlung vorgeschlagen. Die Klientin hat die pharmakologische Behandlung abgelehnt aus Angst, unter der Medikation „nicht sie selbst zu sein“.

Das symptomreiche Beschwerdebild hat dazu geführt, dass Marie seit sechs Monaten arbeits­unfähig und in der Alltagsbewältigung mittlerweile weitgehend eingeschränkt war. Die Klien­tin hatte das Gefühl, dass der Zahnarzt aus Profitgier viele unnötige Arbeiten durchgeführt und dadurch ihre Zähne ruiniert hat. Sie fühlte sich verlassen und sah ihr Vertrauen in den Zahnarzt missbraucht.

Ich war überrascht, wie stark sich die Zahnarztsituation auf die Stabilität der Klientin ausge­wirkt hat. Die Symptome sowie die emotionalen Bewertungen, die Marie schilderte, haben auf sehr geringe psychische Stabilität gedeutet. Auf genaues Nachfragen hat die Klientin eine dys­funktionale, negative (Ich-)Überzeugung geäußert: Möglicherweise sei sie selbst an ihrem Leid schuldig, da sie sich nicht genug über die Behandlungsmöglichkeiten und Folgen informiert und dem Zahnarzt zu sehr vertraut habe. Sie glaubte, dass sie vorsichtiger und umsichtiger hätte sein müssen - dann wäre ihr das ganze Leid nicht widerfahren.

Die dysfunktionale Ich-Überzeugung hatte für mich einen posttraumatischen Charakter und hat mich veranlasst, Marie zu befragen, ob sie schon früher in ihrem Leben andere Traumata erlebt hätte, die sich auf irgendeine Art und Weise ähnlich wie ihre aktuelle Situation anfühlen.

Ohne zu zögern antwortete die Klientin, vor etwa 20 Jahren in der Kindheit mehrmals von ihrem älteren Bruder sexuell belästigt und auch einmal sexuell missbraucht worden zu sein. Sie konnte reflektieren und versprachlichen, dass sie in der momentanen Situation ihre Verletzlich­keit und den Treuebruch ähnlich empfindet wie damals in der Kindheit. Auch die dysfunktio­nale Ich-Überzeugung, „schuldig zu sein“ und möglicherweise die Situation durch eigene Fehl­handlungen verursacht zu haben, glich der vergangenen Traumasituation. Mir ist bei der Schil­derung der vergangenen Traumata aufgefallen, dass die Klientin nicht mehr aufgeregt, sondern wie „weggerückt“, ruhig und plakativ wirkte. Sie hat das Geschehen klar und kohärent schil­dern können, ihre Emotionen waren allerdings wie weggeblasen.

Erstaunlicherweise hatte keiner der zuvor behandelnden Therapeuten die Klientin nach frühen Belastungen bzw. traumatischen Erlebnissen befragt. Die Verbindung zu der Situation in der Kindheit überraschte die Klientin und sie konnte schließlich noch weitere aktuell manifeste Komponenten auch in der vergangenen Traumasituation erkennen. Ich habe mit Marie dann für einen der folgenden Tage ein Termin vereinbart.

[...]

Ende der Leseprobe aus 20 Seiten

Details

Titel
Kreativität und Struktur. Gestaltungstherapie in der Behandlung posttraumatischer Belastungsstörungen
Hochschule
Katholische Hochschule für Sozialwesen Berlin
Veranstaltung
Bachelorstudiengang Gestaltungstherapie/Klinische Kunsttherapie
Note
1,3
Autor
Jahr
2017
Seiten
20
Katalognummer
V355464
ISBN (eBook)
9783668418301
ISBN (Buch)
9783668418318
Dateigröße
458 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
kreativität, struktur, gestaltungstherapie, behandlung, belastungsstörungen
Arbeit zitieren
Ewa Budna (Autor), 2017, Kreativität und Struktur. Gestaltungstherapie in der Behandlung posttraumatischer Belastungsstörungen, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/355464

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