Bedingungsloses Grundeinkommen. Eine kritische ökonomische Analyse


Bachelorarbeit, 2016
69 Seiten, Note: 3,0

Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

Abkürzungsverzeichnis

1. Einleitung
1.1. Problemstellung/aktuelle Diskussion
1.2. Zielsetzung und Fragestellung
1.3. Methodik

2. Das bedingungslose Grundeinkommen
2.1. Definition
2.2. Arbeit im Wandel
2.3. Historische Entwicklung des Grundeinkommens
2.4. Grundeinkommensmodelle
2.4.1 Modell der negativen Einkommensteuer von Milton Friedman
2.4.2 Solidarisches Bürgergeld von Dieter Althaus
2.4.3 Ansatz von Götz Werner und Benediktus Hardorp

3. Gründe für ein bedingungsloses Grundeinkommen und aktuelle Beispiele
3.1. Argumente für die Einführung eines bedingungslosen Grundeinkommens
3.2. Länder mit aktuellem Bezug zum bedingungslosem Grundeinkommen
3.2.1 Namibia
3.2.2 Finnland
3.2.3 Schweiz
3.2.4 Ausblick Kenia

4. Finanzierung eines bedingungslosen Grundeinkommens in Deutschland und mögliche nicht gewollte Anreize und Risiken
4.1. DerzeitigeTransferleistungen für die Existenzsicherung in Deutschland
4.2. Wie viel würde das bedingungslose Grundeinkommen Deutschland kosten? - eine Beispielrechnung
4.3. Argumente gegen ein bedingungsloses Grundeinkommen sowie mögliche Risiken

5. Kritische Bewertung

Fazit und Ausblick

Literaturverzeichnis

Abkürzungsverzeichnis

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

1. Einleitung

Das Sprichwort „Erst die Arbeit, dann das Vergnügen“ ist vielen bekannt. Und be­reits in der Bibel steht geschrieben: „Wenn jemand nicht arbeiten will, so soll er auch nicht essen.“(2 Thess 3,10). Doch was ist mit den Menschen die arbeiten wol­len, jedoch keine Arbeit finden? Bestehende Sozialhilfeformen fangen, in einem Sozialstaat wie Deutschland, die Arbeitslosen mit dem Arbeitslosengeld I und dem Arbeitslosengeld II („Hartz IV“) auf. Götz Werner, Gründerund Aufsichtsratsmitglied des Drogeriemarktes dm, ist Befürworter eines bedingungslosen Grundeinkom­mens (BGE) und sagt hierzu: „(...) Sie haben Angst, stigmatisiert zu werden. Nutz­los zu sein. Dieses manische Schauen auf Arbeit macht uns alle krank. Und was ist Hartz IV? Hartz IV ist offener Strafvollzug. Es ist die Beraubung von Freiheitsrech­ten. Hartz IV quält die Menschen, zerstört ihre Kreativität.“[1] Durch die Hartz­Reformen, so vermutet man, sind die Gefühle der Ausgrenzung, Demotivation und Erniedrigung bei den Beziehern des Arbeitslosengelds II (Hartz IV) enorm.[2] Ver­bunden mit den zu befürchtenden negativen Reaktionen des unmittelbaren Um­felds auf die Arbeitslosigkeit, nehmen viele Arbeitslose ihr Recht auf Sozialhilfe nicht in Anspruch.[3]

Wenn in einer zunehmend automatisierten Welt immer mehr Arbeit wegfällt, ist es nicht an der Zeit den Begriff der (Erwerbs-)Arbeit und der Entlohnung voneinander zu trennen? Die Idee eines BGE ist nämlich genau das Gegenteil dessen, was seit jeher propagiert wird. Jeder Bürger eines Landes erhält einen festgelegten Betrag pro Monat, ganz gleich, ob er arbeitet oder nicht.

1.1. Problemstellung / aktuelle Diskussion

Das BGE ist ein Thema, das in den letzten Jahrzehnten kontinuierlich mehr Platz in der öffentlichen Wahrnehmung findet. Ein Auszug aus den Schlagzeilen der nahen Vergangenheit verdeutlicht das:

„dm-Gründer: Darum brauchen wir das bedingungslose Grundeinkommen“[4]

„Das bedingungslose Grundeinkommen wird uns nicht retten“[5]

„Weltrekord fürs Grundeinkommen - die größte Frage der Welt kommt nach Ber­lin“5[6]

Das liegt zum einen daran, dass in Industrieländern immer mehr Themen mit ar- beits- und sozialpolitischen Aspekten in den Mittelpunkt rücken.[7] Zum anderen liegt die Problematik aber auch, wie bereits erwähnt, darin, dass durch steigende Pro­duktivität und Automatisierung der Arbeit immer mehr Menschen arbeitslos werden und diese Arbeit nicht nachbesetzt wird.[8] Bereits Ende 2015 betrug die Anzahl der Arbeitslosen in Deutschland 2,79 Mio. Menschen.[9] Von diesen 2,79 Mio. sind 1,04 Millionen dauerhaft arbeitslos. Das entspricht mehr als einem Drittel.[10] Addiert man hierzu noch die Personen, die in Fördermaßnahmen, kurzfristiger Arbeitsunfähig­keit, Altersteilzeit und Sonderregelung für Ältere tätig sind, steigt diese Zahl auf 3,63 Mio. Menschen an.[11] Weitere 950.000 Erwerbstätige arbeiten in Leiharbeits­verhältnissen oder auf ausschließlich geringfügiger Beschäftigungsbasis.[12] Dieser Wert hat sich innerhalb der letzten 10 Jahre verdoppelt.[13] Abbildung 1 verdeutlicht die Entwicklung der Zeitarbeit in den letzten 35 Jahren.

Abbildung 1[14]

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

Der Wandel der verfügbaren Erwerbsarbeit sowie die negative Betrachtungsweise der bestehenden Sozialhilfeformen könnten dazu beigetragen haben, dass die De­batte bezüglich der Einführung des BGE in den letzten Jahren so viel Aufwind be­kommen hat.[15]

1.2. Zielsetzung und Fragestellung

Zielsetzung dieser Abschlussarbeit ist es, die Begriffe des BGE sowie den Wandel der (Erwerbs-)Arbeit zu erläutern und Gründe für den Ruf nach einem solchen Grundeinkommen aufzuzeigen. Ferner werden die bisherigen Erfahrungen, die in den letzten Jahren mit dem BGE gemacht wurden, betrachtet sowie die Argumen­tation der Befürworter aufgezeigt. Das Kapitel 4 stellt eine Gegenüberstellung der derzeitigen Transferleistungen sowie eine Beispielrechnung für ein BGE in Deutschland dar. Dabei beleuchtet die Bachelorarbeit auch mögliche Risiken und eventuell ungewollte Anreize, die ein BGE mit sich bringen würde.

1.3. Methodik

Die Zielsetzung soll durch eine theoretische Auseinandersetzung mit der Thematik beantwortet werden. Hierfür wird die dafür vorhandene Literatur herangezogen so­wie der aktuelle Stand und aktuelle Diskussionen zum Thema betrachtet werden. In einer kritischen Bewertung werden diese Ergebnisse zusammengefasst. In dieser kritischen Bewertung wird ferner eine vom Autor durchgeführte, nicht repräsentati­ve Umfrage herangezogen, um die Erwartungen und die Reaktionen der Bevölke­rung bezüglich eines BGE zu erfassen.

2. Das bedingungslose Grundeinkommen

2.1. Definition

Der Begriff des BGE ist ein weltweit diskutiertes Thema. Experimente hierfür gab es auf fast jedem Kontinent.[16] Es gibt mehrere Formen der Realisierung sowie Be­zeichnungen wie z.B. Basic Income Guarantee (BIG)[17], Soziale Dividende, das bedingungslose Einkommen als negative Einkommensteuer oder aber auch den Begriff des solidarischen Bürgergelds.

Einer der ersten Versuche ein BGE zu integrieren war das Speenhemlandgesetz aus dem Jahr 1795. Es war in mehreren Grafschaften in England bis ins Jahr 1834 wirksam gewesen.[18] Es lautete wie folgt:

„[When the gallon loaf of bread of a definite quality] shall cost 1 shilling, then every poor and industrious person shall have for his support 3 shillings weekly, either procured by his own or his family's labour, or an allowance from the poor rates, and for the support of his wife and every other of his family, 1 shilling 6 pence; when the gallon loaf shall cost 1/6, then 4 shillings weekly, plus 1/10; on every pence which the bread price raises above 1 shilling he shall have 3 pence for himself and 1 pen­ce for the others.“[19]

Somit wurde in den betroffenen Grafschaften die Höhe eines Grundeinkommens an den jeweils geltenden Brotpreis gekoppelt um sicherzustellen, dass die Bevölke­rung zumindest nicht verhungert. Dafür zu sorgen, dass das Volk nicht verhungern muss, ist bis heute in den meisten europäischen Ländern durch Existenzsiche­rungsmaßnahmen größtenteils so geblieben.[20] Auch in unseren Breitengraden fal­len jedoch Menschen durch das soziale Netz, weil Pensionen oder Arbeitslosenge-

Ider nicht ausreichen, um über die essenziellen Bedürfnisse hinaus zu befriedi­gen.[21] Eines der Kernkriterien, die viele der neuen Definitionen zum Grundeinkom­men gemeinsam haben, ist folglich, dass ein BGE so hoch gewählt sein muss, dass es „der ganzen Bevölkerung ein menschenwürdiges Dasein und die Teilnah­me am öffentlichen Leben ermöglicht“.[22] Viele Befürworter des modernen BGE be­stehen darauf, dass es existenzsichernd sein muss.[23] Demnach kann erst von ei­nem Grundeinkommen die Rede sein, wenn mit dem zur Verfügung gestellten Ein­kommen, ein bescheidenes, aber dennoch ein am Standard der Gesellschaft orien­tiertes Leben mit allen Aktivitäten und Vorzügen, möglich ist.[24] Ist die existenzsi­chernde Höhe des BGE nicht gegeben, spricht man von einem partiellen Grundein­kommen.[25] Das BGE ist folglich so definiert, dass allen Menschen einer festgeleg­ten Gemeinschaft, ein festgelegter monetärer Betrag gezahlt wird, ohne Anforde­rungen an eine Rückzahlung und ohne Gegenleistung.[26] Als festgelegte Gemein­schaft gehen wir in dieser Abschlussarbeit von einem Staat aus. Diese Definition des Wirtschaftslexikons spiegelt wieder, dass die Bedingungslosigkeit dieses Grundeinkommens in einem Aspekt jedoch nicht gegeben ist. Es bedarf der Zuge­hörigkeit dieser festgelegten Gemeinschaft, hier die der Staatszugehörigkeit oder zumindest einer bestimmten Dauer des Aufenthaltes in dem Land.[27] In verschiede­nen Literaturen wird die Definition des Wirtschaftslexikons weiter ergänzt und erläu­tert. So werden die Kriterien erweitert um die Begriffe „lebenslang“ und „gesetzlich garantiert“.[28] [29] [30] Der Begriff „lebenslang“ bezeichnet somit, dass auch Neugeborenen oder Minderjährigen ein BGE zustehen muss. Fast alle Berechnungen und Überle­gungen zum BGE basieren darauf, dass Menschen, die noch nicht volljährig sind, ein geringeres Grundeinkommen erhalten.2930 Die Überlegung zum BGE von Götz Werner beinhaltet beispielsweise auch eine Strukturierung des Grundeinkommens nach dem Alter.[31] So soll ein Scheitelpunkt der Höhe des Grundeinkommens zwi­schen dem 35. und 50. Lebensjahr liegen und davor und danach vom Betrag ge- ringer ausfallen.[32] Das Kriterium „gesetzlich garantiert“ geht einher mit den Kriterien „ohne Bedürftigkeitsprüfung“ sowie „ohne Tätigkeitsverpflichtung“.[33] Diese Forde­rungen bedeuten, dass unabhängig davon ob ein Individuum einer Erwerbstätigkeit nachgeht oder nicht, die grundlegenden Lebensbedürfnisse gedeckt sein müssen und das BGE gezahlt wird.[34] Ferner würde eine Prüfung, ob eine Person berechtigt ist das Grundeinkommen zu beziehen, wegfallen. Dies ist, verglichen mit den heu­tigen Sozialsicherungssystemen, eines der wesentlichen Merkmale des BGE. Eine weitere Eigenschaft des BGE ist, dass die Auszahlung personenbezogen zu erfol­gen hat.[35] Das bedeutet, dass eine Auszahlung an einen Lebenspartner oder ein Familienoberhaupt grundsätzlich nicht erfolgt.[36] Eine Ausnahme hierzu könnte je­doch die Auszahlung des Grundeinkommens an Minderjährige bilden, bei der die Auszahlung beispielsweise an ein Elternteil gezahlt wird.[37] Im Gegenzug zum Grundeinkommen würden viele Transferleistungen wie z.B. Arbeitslosengeld und Kindergeld wegfallen.[38]

Fasst man die Erkenntnisse zusammen, so lauten die Anforderungen an ein BGE wie folgt:

1. Auszahlung an einen definierten Bezugskreis (bspw. an alle Staatsangehö­rigen)
2. Ein festgelegter, idealerweise existenzsichernder Betrag in gleicher Höhe für jeden Bürger (bei Minderjährigen ein eventuell geringerer Betrag)
3. Lebenslange Zahlung
4. Gesetzlich garantiert
5. Ohne Bedürftigkeitsprüfung und Tätigkeitsverpflichtung
6. Personenbezogene Auszahlung

2.2. Arbeit im Wandel

Arbeit bezeichnet eine „zielgerichtete, soziale, planmäßige und bewusste, körperli- che und geistige Tätigkeit. Zu Beginn war Arbeit eine Interaktion des Menschen mit der Natur um die unmittelbare Sicherung der Existenz zu gewährleisten.[39] [40] Durch Arbeitsteilung und Tausch- bzw. Geldwirtschaft wurde die Auswirkung auf die Sicherung der Existenz mittelbar.[41] Karl Marx definiert die Arbeit folgenderma­ßen:

„Die Arbeit ist zunächst ein Prozeß (sic!) zwischen Mensch und Natur, ein Prozeß, worin er seinen Stoffwechsel mit der Natur durch seine eigne Tat vermittelt, regelt und kontrolliert. Der Mensch tritt dem Naturstoff selbst als eine Naturmacht gege­nüber. Die seiner Leiblichkeit angehörigen Naturkräfte, Arme und Beine, Kopf und Hand, setzt er in Bewegung, um sich den Naturstoff in einer für sein eignes Leben brauchbaren Form anzueignen. Indem er durch diese Bewegung auf die Natur au­ßer ihm wirkt und sie verändert, verändert erzugleich seine eigene Natur“.[42]

Im Laufe der vergangenen 250 Jahre gab es seit der Industrialisierung immer wie­der Versuche Arbeitsweisen und die Produktivität der Arbeit zu revolutionieren.[43] Einen großen Einfluss auf die Arbeitswelt Anfang des 20. Jahrhundert hatte der Scientific Management Ansatz von Frederick Taylor.[44] Im Taylorismus, so wurde die Arbeitsweise aus dem Scientific Management Ansatz später genannt, wurde der arbeitende Mensch als Ressource betrachtet, die im Einklang mit weiteren Ressourcen, beispielsweise Maschinen, einen optimalen Output erwirtschaften sollte.[45] Die Bezahlung erfolgte mittels eines Akkordlohns, um die Anreize der Mi­tarbeiter auf höhere Leistungen zu setzen.[46] Ferner gab es im Taylorismus eine strikte Trennung von Hand- und Kopfarbeit.[47] [48] Dies führte bei den Handarbeitern zu repetitiven Prozessen ohne Anspruch und hoher möglicher Austauschbarkeit der Mitarbeiter. Demgegenüber stand der Human Relations Ansatz, der Ende der 1920er entwickelt wurde.[49] Dieser Ansatz, der mit empirischen Untersuchungen belegt wurde, nahm, anstatt dem Output der Arbeitsleistung, den Mensch wieder in den Mittelpunkt.[50] Zwischenmenschliche Beziehungen und Arbeitsbedingungen hatten einen großen Einfluss auf die Zufriedenheit der Mitarbeiter.[51] So stellte sich heraus, dass Mitarbeiter, die zufrieden sind, motivierter und besser arbeiten.[52]

Die Armen und Bettler fügten sich, in der Frühphase des Industriekapitalismus, den Anforderungen an die neue Lohnarbeit jedoch nicht problemlos.[53] Zu dieser Zeit war es nicht selbstverständlich, Lohnarbeit als einzige Quelle gegen den Hunger und als einzigen Weg aus der Armut heraus anzusehen.[54] Dies wurde mittels politi­schen Eingriffs durch den Staat, mittels Einsatz der Polizei zur Säuberung der Straßen und Errichtung von Arbeitshäusern bewältigt.[55] Ein Grund für die ableh­nende Haltung gegenüber der Erwerbsarbeit, kann in der Betrachtung der Arbeit als Ware liegen. „Der Arbeitnehmer kann die Arbeitsenergie nicht in einen Behälter verpacken und diesen Behälter, gefüllt mit Arbeitsenergie, dem Arbeitgeber als Bestandsgröße überreichen.“[56] Die Armen und Bettler mussten sich folglich fremd­bestimmt und des Hungers wegen der Arbeitsmoral unterwerfen und eine bestimm­te Stundenzahl des Tages separieren, um in Fabriken für ihr Geld zu arbeiten. Und der Staat wusste, dass keine „Magistrate nötig sind um das durchzusetzen, da der Hunger an sich der bessere Zuchtmeister ist.“[57] „In der absolut unlösbaren Verbin­dung der Arbeit mit der Person ihres Verkäufers also besteht das wesentliche Merkmal, wodurch sich die Arbeit von allen anderen Waren unterscheidet.“[58] Ar­beitskraft wurde als Ware angesehen, deren Preis, wie alle anderen Waren, sich am Markt bildet.[59] Problematisch bei der Betrachtungsweise ist, dass ein Anbieter von anderen Waren beim Sinken des Preises seines Produkts, das Angebot dros­seln kann, um den Preis wieder zu erhöhen. Bei der Ware Arbeit führt die Drosse- lung der Nachfrage des Käufers zu steigendem Angebot und somit zu niedrigeren Löhnen.[60]

Ein weiteres Problem der Arbeit besteht darin, dass die Begriffe Arbeit und Er­werbsarbeit meist synonym verwendet werden.[61] Wohlgenannt beschreibt, dass Tätigkeiten, wie z.B. das Führen eines Haushaltes, oder die Erziehung der Kinder ebenso wenig in der Wahrnehmung der Allgemeinheit als Arbeit zählen, wie z.B. ein Studium oder gesellschaftliches Engagement.[62] Dass die Trennung der Begriffe Arbeit und Tätigkeit sowie die Trennung von Lohn und Arbeit in Zukunft nötig sein wird, zeigt das Beispiel der U-Bahn in Nürnberg. In Nürnberg fährt seit 2009 die U- Bahn größtenteils vollautomatisch und ohne Fahrer.[63] Laut einer wissenschaftli­chen Studie der Ökonomen Carl Benedikt Frey und Michael Osborne werden knapp 59 % der heute von Menschen getätigten Arbeit bis zum Jahr 2030 wegfal­len.[64] In Zahlen sind das 18,3 Millionen Arbeitsplätze.[65]

Abbildung 2[66]

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

Für den amerikanischen Markt sieht die Prognose ähnlich aus. Dort werden den Berechnungen zufolge knapp 47 % der Arbeit der Automatisierung weichen.[67]

Ein weiterer Aspekt der fortschreitenden Automatisierung und Produktivitätssteige­rung zeigt die Landwirtschaft.

Abbildung 3[68]

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

1949 ernährte ein Landwirt noch 10 Menschen. 2013 wurden 145 Menschen von einem Landwirt ernährt. Herbeigeführt ist dieser Fortschritt größtenteils durch die technologischen Errungenschaften, die die Tätigkeiten eines Landbetriebes effi­zienter machen.[69] Als alternatives Beispiel kann man aufzeigen, dass 1960 mit ei­ner Arbeitsstundenanzahl von 56,1 Mrd. D-Mark eine Billion D-Mark als Bruttoin­landsprodukt (BIP) erwirtschaftet wurde.[70] 1996 wurde mit 44 Mrd. Arbeitsstunden ein BIP in Höhe von 2 Billionen D-Mark erreicht.[71] Abbildung 4 zeigt, dass seit 1991 das BIP sich bis zum Jahr 2015 real um 35,1 % gesteigert hat und die Produktivität je Erwerbstätigenstunde um 37,5 %. Demgegenüber steht ein Zuwachs an Er­werbstätigen in Höhe von 11,2 % im Zeitraum zwischen 1991 und 2015 bei gleich­zeitigem Rückgang der Arbeitszeit je Erwerbstätigen um 11,6 %. Lässt man das Jahr 2008 außer Acht, bedeutet das, dass mehr Menschen immer weniger arbeiten müssen, um ein Wirtschaftswachstum zu produzieren.

Abbildung 4[72]

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

Die Problematik bei dieser Rechnung besteht darin, dass mit steigender Produktivi­tät folglich immer weniger Arbeitskräfte benötigt werden. Wenn es in der Zukunft in allen Branchen einen derartigen Anstieg des technologischen Fortschrittes geben wird, wie in der Landwirtschaft, werden viele Menschen, wie von Frey und Osborne ermittelt, innerhalb der nächsten Jahrzehnte arbeitslos werden. Dies führt dazu, dass sie weniger Geld zum Ausgeben haben und die Produktion durch Maschinen zwar effizient ist, aber letztlich in einer Überproduktion ausartet, die weitere Jobs gefährdet.[73] Befürworter eines BGE sehen diesem Aspekt aber wohlgesonnen ent­gegen. So sagt Götz Werner, dass es nicht die Aufgabe eines Unternehmers sei, Arbeitsplätze zu schaffen, sondern zu überlegen, wie er am effizientesten wirt­schafte und an welchem Punkt er Arbeitsschritte einsparen könnte.[74] Dass durch die Automatisierung von Arbeitsplätzen ein Zustand von hoher Arbeitslosigkeit ent­stehen könnte, zeige die „Stärke und die Effizienz unserer Wirtschaft“.[75] Keynes sprach bereits 1930 vom Begriff der „technologischen Arbeitslosigkeit“.[76] Dieser Begriff definiert den Zustand, wenn durch technologischen Fortschritt mehr men­schliche Arbeit rationalisiert wird, als die Fähigkeit der Menschen neue Arbeitsfel­der zu generieren und zu entdecken.[77] Keynes prophezeite 1930, dass die Menschheit bis zum Jahr 2030 ihr wirtschaftliches Problem gelöst haben wird.[78] Er stellte die Hypothese auf, dass die Menschen viel zu lange darauf geschult wurden zu leisten und zu arbeiten, anstatt sich mit sich selbst und ihren Interessen zu be­schäftigen und das Leben zu genießen.[79] Er bezeichnete diesen Arbeitstrieb in den Menschen als „alten Adam“.[80] Dieser ist nur zufrieden, wenn er sich irgendeiner Arbeit hingeben kann.[81] Dabei beschrieb Keynes bereits 1930, dass eine 15- Stunden-Arbeitswoche genug wäre, um diesen „alten Adam“ zu befriedigen.[82] Der Drang nach Arbeit ist bis heute aufrecht geblieben. Dies bestätigt auch eine reprä­sentative Umfrage der Bertelsmann-Stiftung in Zusammenarbeit mit der Gesell­schaft für Konsum-, Markt- und Absatzforschung aus dem Jahr 2015.

Abbildung 5[83]

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

55 % der Befragten stimmten dem Punkt zu, dass sie nach einem Gewinn einer hohen Summe aus einer Verlosung, bspw. einem Lottogewinn, weiterhin arbeiten gehen würden. Dies kann als Anhaltspunkt betrachtet werden, dass nicht nur die monetären Anreize die Menschen zum Arbeiten bewegt, sondern hauptsächlich die Tätigkeit an sich, respektive die Beschäftigung und Abwechslung vom Alltag.[84] [85] 37 % der Befragten gaben an, bei einem entsprechenden Gewinn den Arbeitsplatz zu wechseln.[86] Menschen mit finanzieller Absicherung, suchen sich demnach höchstwahrscheinlich nach anderen Kriterien ihren Arbeitsplatz aus, als Menschen ohne einen finanziellen Puffer oder finanzieller Absicherung.

Fasst man die Ergebnisse zusammen, stellt man fest, dass es zum einen in den nächsten Jahrzehnten eine massive Verschiebung von menschlicher Arbeit zur automatisierten Arbeit geben wird, und zum anderen Menschen, die den Wunsch haben weiterhin zu arbeiten. Prinzipiell sind diese Wünsche vereinbar, denn bereits heute gibt es knapp 14,36 Mio. Menschen in Deutschland, die ehrenamtlichen Tä­tigkeiten nachgehen.[87] Die Problematik liegt vielmehr darin, dass die sozialen Si­cherungsmodelle, wie beispielsweise die Rentenversicherung und die Arbeitslo­senversicherung, stetig ineffektiv werden, wenn sie die Beitragshöhen weiterhin an Lohneinkünfte knüpft.[88] Kommt es zu dem von Frey und Osborne vorhergesagten Wegfall der 18,3 Millionen Arbeitsplätze und der damit verbundenen unfreiwilligen Massenarbeitslosigkeit, würden die heutigen Sozialversicherungssysteme unwirk­sam werden.

„Die Krise der Arbeit jedenfalls ist auch eine Chance zu ihrer demokratischen Neugestaltung.“[89] Könnte hierfür das BGE geeignet sein?

2.3. Historische Entwicklung des Grundeinkommens

Es gab in der Geschichte der Menschheit viele Akteure, die für die Idee eines Le­bens, dessen Existenz gesichert ist, eingetreten sind.[90] Den ersten Begründern der Idee eines Grundeinkommens ging es dabei nicht darum Geldleistungen an Arme zu verteilen, sondern um die unterdrückende und stigmatisierende Existenzsiche­rung zu verbessern.[91] Ein weiteres Ziel dieser Vordenker war es, mit geeigneten Maßnahmen den Armen Anreize zu geben sich selbst versorgen zu können.[92] [93]

Wie in Punkt 2.1 dieser Abschlussarbeit aufgeführt, war das Speenhamlandgesetz zwischen 1795 und 1834 ein erster Versuch des Staates, mittels eines Zuschus­ses, arme Familien zu unterstützen und so deren Existenz zu sichern.

[...]


[1] Vgl. Luik, A. (2006), S.37.

[2] Vgl. Adamaschek, H. in Jacobi, D. (2007), S. 4.

[3] Vgl. Wohlgenannt, L. (1990), S. 17.

[4] Grimm, K. (2016).

[5] Spät, P. (2016).

[6] Sierpinski, D. (2016).

[7] Vgl. Patry, E. (2010), S. 1.

[8] Vgl. Werner, G. (2006), S.17.

[9] Vgl. Bundesagentur fürArbeit (2016), S.23.

[10] Vgl. ebd., S. 26.

[11] Vgl. ebd.

[12] Vgl. Bundesagentur fürArbeit-Zeitarbeit (2016), S.4.

[13] Vgl. Bundesagentur für Arbeit (2016), S. 7.

[14] Bundesagentur für Arbeit - Zeitarbeit (2016).

[15] Hohenleitner/Straubhaar (2008), S. 2O.

[16] Vgl. Wikipedia (2016).

[17] Vgl. The USBIG Network (2016).

[18] Blaschke, R., (2015a).

[19] Polanyi, K. (1944), S. 82, Übersetzung: [Wenn ein Vierkilolaib Brot von bestimmter Qualität] ,1 Shilling kostet, dann soll jeder arme und arbeitsame Mann zu seiner Unterstützung 3 Shilling wö­chentlich bekommen, die er sich entweder durch eigene Arbeit oder die seiner Familie erwirbt, oder einen Zuschuss aus dem Armenfonds, und für den Unterhalt seiner Frau und jedes weiteren Fami­lienmitglieds 1 Shilling und 6 Pence; wenn der Brotlaib 1 Shilling und 6 Pence kostet, dann 4 Shilling wöchentlich, plus 1 Shilling und 10 Pence; für jeden Pence, den der Brotpreis über 1 Shilling steigt, soll er drei Pence für sich und 1 Pence für die anderen erhalten.“.

[20] Wohlgenannt, L. (1990), S. 17.

[21] Vgl. ebd.

[22] Schweizerische Bundeskanzlei (2016).

[23] Vgl. Wohlgenannt, L. (1990), S. 29 sowie Blaschke, R. (2010), S. 306.

[24] Vgl. ebd.

[25] Vgl. Opielka, M. (2008), S. 156.

[26] Vgl. Bendel, O. (2015).

[27] Vgl. Jacobi, D. (2007), S. 9.

[28] Vgl. Hoffmann, J. (2013), S. 9.

[29] Vgl. Werner, G. (2006), S. 41.

[30] Vgl. Reuter, T. (2016), S. 10.

[31] Vgl. Werner, G. (2006), S. 51.

[32] Vgl. ebd.

[33] Vgl. Mitschke, J. (2000), S. 48.

[34] Vgl. Wohlgenannt, L. (1990), S. 30.

[35] Vgl. ebd.

[36] Vgl. Hoffmann, J. (2013), S.9.

[37] Vgl. ebd.

[38] Vgl. Hohenleitner, I./Straubhaar, T. (2008), S. 20.

[39] Voigt, K./Wohltmann H. (2016).

[40] Vgl. ebd.

[41] Vgl. ebd.

[42] Marx, K. (1872), S. 179.

[43] Wirtschaftslexikon24 (2015a).

[44] Vgl. ebd.

[45] Vgl. ebd.

[46] Vgl. ebd.

[47] Vgl. ebd.

[48] Vgl. ebd.

[49] Vgl. Wirtschaftslexikon24 (2015b).

[50] Vgl. ebd.

[51] Vgl. ebd.

[52] Vgl. ebd.

[53] Vgl. Vobruba, G. (2007), S. 31.

[54] Vgl. ebd.

[55] Vgl. ebd., S. 32.

[56] Brockhaus, C., S. 12.

[57] Vgl. Polanyi, K., S. 120.

[58] Brentano, L. (1877), S. 185f.

[59] Vgl. Polanyi, K. (1944), S. 122.

[60] Vgl. Vobruba, G. (2007), S. 97.

[61] Vgl. Wohlgenannt, L. (1990), S. 30.

[62] Vgl. ebd.

[63] Vgl. Spät, P. (2016).

[64] Vgl. Brzeski, C./Burk, I. (2015), S. 1.

[65] Vgl. ebd.

[66]

[67] Vgl. ebd., S. 2.

[68] Statista (2016a).

[69] Vgl. Agrarheute (2009).

[70] Vgl. Senghaas-Knoblauch (1998), S. 72.

[71] Vgl. ebd.

[72] Sozial-Politik-aktuell (2016).

[73] Vgl. Spät, P. (2016).

[74] Vgl. Luik, A. (2006), S. 37.

[75] Vgl. ebd., S. 38.

[76] Vgl. Keynes, J. (1930), S. 364.

[77] Vgl. ebd.

[78] Vgl. ebd., S. 365/366.

[79] Vgl. ebd., S. 366.

[80] Vgl. ebd., S. 368.

[81] Vgl. ebd., S. 368/369.

[82] Vgl. ebd., S. 369.

[83] Gaspar/Hollmann, S. 5.

[84] Vgl. ebd.

[85] Vgl. ebd.

[86] Vgl. ebd.

[87] Vgl. Statista (2016b).

[88] Vgl. Vobruba, G. (2007), S. 61.

[89] Jansen, M. (1998), S. 34.

[90] Vgl. Blaschke, R. (2016).

[91] Vgl. ebd.

[92] Vgl. ebb.

[93] Vgl. ebd.

Ende der Leseprobe aus 69 Seiten

Details

Titel
Bedingungsloses Grundeinkommen. Eine kritische ökonomische Analyse
Hochschule
FOM Hochschule für Oekonomie & Management gemeinnützige GmbH, Berlin früher Fachhochschule
Note
3,0
Autor
Jahr
2016
Seiten
69
Katalognummer
V355543
ISBN (eBook)
9783668411012
ISBN (Buch)
9783668411029
Dateigröße
1917 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
Bedingungsloses Grundeinkommen
Arbeit zitieren
Caglayan Erdogan (Autor), 2016, Bedingungsloses Grundeinkommen. Eine kritische ökonomische Analyse, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/355543

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