Über die Textfunktion von Memes. Image Macros als polyvalente Text-Bild-Verbindungen


Hausarbeit, 2015

29 Seiten, Note: 1,3


Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

Der Techniker ist informiert

Memes und Image Macros im Speziellen

Funktion von Image Macros
Image Macros mit Informations- und Appellfunktion
Gibt es Image Macros mit Kontakt-, Deklarations- oder Obligationsfunktion?
Die poetische/ästhetische Funktion bei Image Macros

Image Macros als polyvalente Text-Bild-Verbindungen

Literaturverzeichnis:

Anhang

Der Techniker ist informiert

Februar 2015. Eine defekte Tür ist der Auslöser für einen kreativen Meinungsaustausch der Mainzer Studentenschaft, der in wenigen Tagen im Internet zum viralen Phänomen wird. Es ist nicht die Tür selbst, die die Aufmerksamkeit des Internets und später auch der traditionellen Medien auf sich zieht, es ist die Art und Weise, wie die Studenten- schaft sich zu Wort meldet. Die Studenten der Johannes Gutenberg Universität-Mainz bedienen sich nämlich eines relativ neuen Mediums: Der Meme (ausgesprochen: /miːm/).

Doch zurück zum Anfang: Alles begann, wie bereits erwähnt, mit einer defekten Tür mit elektronischem Öffnungsmechanismus und einem Schild mit dem Hinweis: „DE- FEKT - Techniker ist informiert.“[1] Dieser nichtssagende Hinweis der Universitätslei- tung war lange Zeit das Einzige, was von offizieller Seite zur Lösung des Problems un- ternommen wurde. Die Reaktion eines vermutlich frustrierten Passanten löste daraufhin einen Prozess aus, den es so außerhalb des Internets vermutlich noch nicht gegeben hat. Ein ausgedruckter und unter der Mitteilung der Universitätsleitung angebrachter Zettel mit der Aufschrift „TECHNIKER IST AUCH DEFEKT“ war die erste von vielen Ant- worten auf die Informationspolitik der Mainzer Universität. Zunächst wurde der erste Zettel handschriftlich mit der Aussage „Schade. Alle hatten sich schon so gefreut“ er- gänzt, bis daraufhin die erste ausgedruckte Meme folgte (siehe Abb. 1). Damit war aus einem, als Mitteilung der Universitätsleitung gedachten, Schild plötzlich ein Forum für die unzähligen Meinungen und vor allem humorvollen Anmerkungen der Mainzer Stu- dentenschaft geworden (Siehe Abb. 2). Dadurch wurde eine Lawine in Gang gesetzt, der die Administration der Mainzer Universität nicht mehr Herr werden konnte. Selbst das Abhängen der Zettel mit Hinweis auf die Brandschutzverordnung führte letztlich nur zu der Produktion weiterer Zettel (Siehe Abb. Brandschutz-Übersicht)

In dieser Hausarbeit werde ich zunächst feststellen, um was für ein Phänomen es sich bei den, von der Mainzer Studentenschaft produzierten, Bildern handelt und dieses nä- her beschreiben. Anschließend werde ich untersuchen, inwiefern sich Brinkers Katego- rien von Textfunktion auf diese Text-Bild-Verbindungen anwenden lassen und ob diese ausreichen, um die tatsächliche Funktion diese multimedialen Texte zu beschreiben. Am Ende wird sich ein Fazit anschließen. Ohne Zweifel handelt es sich bei diesen Text- Bild-Verbindungen um eine Art Witz, der seinen Ursprung im Internet hat, sodass die in Abb. 4 implizierte Frage sich mit „Ja“ beantworten lässt.

Memes und Image Macros im Speziellen

Bei den von der Mainzer Studentenschaft ausgedruckten Zetteln handelt es sich um ein humoristisches Phänomen, das im Internet grob unter dem Begriff „Meme“ zusammen- gefasst wird. In diesem konkreten Fall sind „Memes“ Bilder von mehr oder weniger be- kannten Persönlichkeiten oder Charakteren, die mit einer oder mehr Textzeilen versehen sind und die Situationen satirisch kommentieren. In diesem Fall die defekte Tür. Doch der Begriff „Meme“ ist recht ambivalent. Das Wort „Meme“ leitet sich ursprünglich von dem griechischen Wort „mimēma” ab und heißt so viel wie: „Ein Teil einer Kultur oder eines Systems, welcher von einem Individuum durch Imitation zum nächsten wei- tergegeben wird oder durch andere nicht genetische Verfahren.“[2] Im Zusammenhang mit Internetphänomenen ist eine Meme ein Hyperonym für verschiedene grafische Wit- ze. Zu den möglichen Formaten gehören dabei Videos, animierte Bildfolgen (GIFs), Text-Bild-Verbindungen (Image Macros) und Bilder.

Image Macros sind Bilder, meist mit amüsierenden Eigenschaften, die mit einer Kopf- zeile und/oder einer Fußzeile bestückt sind. Es handelt sich bei dem Begriff „Image Ma- cro“ um einen weitläufigen Begriff, der verwendet wird, um beschriftete Bilder zu be- schreiben, welche typischerweise aus einem Bild und einer originellen Nachricht oder einem witzigen Spruch besteht.[3] Der Inhalt, die Länge und die Anordnung dieser Be- schriftungen sind durch unausgesprochene Regeln beeinflusst, die es dem Leser/Be- trachter ermöglichen, ein Image Macro als gelungen oder misslungen zu kategorisieren.

Daher ist es Usern, welche die Regeln verinnerlicht haben, anscheinend möglich, unendlich viele Variationen eines Image Macros zu erzeugen, was Image Macros möglicherweise zu einem Forschungsbereich der generativen Linguistik macht. Wie die einzelnen Regeln letztlich aussehen, hängt auch davon ab, welches Image Macro behandelt wird. Denn jedes Image Macro scheint seine eigenen Regeln zu haben, die befolgt werden müssen, um eine wohlgeformte Verbindung zu erzeugen.

Image Macros sind in (-in) meiner Beobachtung nach hochgradig standardisierte Text-Bild-Verbindungen. Im Internet finden sich zahlreiche Plattformen (z.B. quickmeme.- com, memegenerator.net, imgflip.com), die es Nutzern ermöglichen, mit wenigen Klicks Image Macros zu produzieren und zu verbreiten. Die Vorgehensweise ist, nach meiner eigenen Erfahrung, bei all diesen Plattformen die gleiche. Zunächst wählt der Nutzer ein bereits bekanntes Bild aus der Datenbank heraus oder er lädt ein eigenes Bild hoch. Damit versorgt der User die Datenbank außerdem mit neuem Material. Im nächs- ten Schritt verfasst der Nutzer die Beschriftung. Dabei hat er die Möglichkeit, eine Be- schriftung im oberen Bereich (z.B. wie in Abb. 5), im unteren Bereich (z.B. wie in Abb. 6), an beiden Stellen (z.B. wie in Abb.1) oder gar in der Mitte (z.B. wie in Abb. 7) vorzunehmen. Man könnte diese Strukturen mit denen eines klassischen erzählten Witzes vergleichen. So übernimmt die Überschrift eines Image Macros die Funktion der Einleitung, während die Unterschrift die Pointe liefert.

Als Beispiel werden an dieser Stelle zwei Versionen eines Image Macros näher be- schrieben. Dabei bilden Abb. 8 und Abb. 9 zwei Variationen der Meme „Am I the only one 'round here“. Beide Image Macros zeigen das gleiche Motiv, John Goodman in der Rolle des Walter Sobchak in der 1998 veröffentlichten Komödie The Big Lebowski. Auch die erste Zeile der Bilder ist identisch (abgesehen von dem Auslassen des Buch- staben „n“ in dem Wort „AROUND“ in Abb. 9, was wiederum ein Zeugnis der ungefil- terten Produktionsbedingungen darstellt. Interessant sind jedoch besonders die Unter- schiede zwischen den beiden Image Macros, welche die Variationsmöglichkeiten dieser aufzeigt.

Die erste Variation ist die des Bildes. So zeigt Abb. 9 das Standardbild für dieses Image Macro, wie es auch in zahlreichen Variationen im Internet gefunden werden kann. [4] Abb. 8 hingegen benutzt eine andere Einstellung aus dem Film, die aber noch zur selben Szene gehört. Obwohl die Bilder faktisch unterschiedlich sind, können sie dennoch der gleichen Meme zugeordnet werden, da das Motiv und damit auch der Kontext der selbe ist, nämlich John Goodman als Walter Sobchak.

Der wichtige Unterschied findet sich jedoch in der Fußzeile. Beide Zeilen sind Abwand- lungen eines Zitats aus der abgebildeten Szene, welches lautet: „Am I the only one around here who gives a shit about the rules?“[5] (in der deutschen Synchronisation: „Bin ich denn der einzige Idiot, dem Regeln noch irgendwas bedeuten?“). Während beide Variationen den ersten Teil des Zitats, wie bereits erwähnt, unverändert in der Kopfzeile wiedergeben, wird in der Fußzeile sowohl das Verb als auch Objekt des zweiten Satzes verändert.

Die Veränderung des Verbs zieht in beiden Fällen keine fundamentale Bedeutungsände- rung nach sich, in beiden Fällen geht es darum, dass dem Sprecher etwas anderes (das jeweilige Objekt) wichtig ist. Bei den Veränderungen handelt es sich um eine Abschwä- chung (Abb. 9, „takes care“ statt dem vulgären und emotionsgeladenen „gives a shit“) bzw. eine Variation durch Verwenden eines Synonyms (Abb. 8 benutzt „gives a fuck“ was letztlich das Gleiche bedeutet wie das „gives a shit“ im Original). Beide Variatio- nen könnten auf mangelnde Textsicherheit zurückzuführen sein und somit für ein un- sauberes Zitieren sprechen. Für die Pointe sind diese Unterschiede unerheblich. Durch diese Abweichungen von der Vorlagen, sind die beiden Realisierungen dennoch nicht gänzlich misslungen, sondern sind eher Zeugnisse des unmittelbaren Produktionspro- zesses von Image Macros im Allgemeinen. Der jeweilige Ersteller denkt nicht viel über das von ihm produzierte Image Macro nach, sondern gibt seiner Idee ungefiltert freien Lauf, wie es in einer Gesprächssituation von Angesicht zu Angesicht auch der Fall wäre. Image Macros verfügen demnach also über Attribute mündlicher Kommunikati- on.

Der wohl wichtigste Unterschied zwischen den beiden Image Macros ist der Fußzeile. Diese zeugen nämlich von den unterschiedlichen Bezugspunkten in der realen Welt der Universität in Mainz. Während Abb. 8 noch zu der ersten Welle von Bildern zählt, die als Reaktion der Studentenschaft auf die ausbleibende Reparatur der automatischen Schiebetür zu sehen ist, ist Abb. 9 hingegen als Reaktion auf das Abhängen aller Bilder aus Gründen des Brandschutzes entstanden.

Bevor im nächsten Kapitel auf die kommunikativen Funktionen von Image Macros ein- gegangen wird, bietet es sich an, den kommunikativen Rahmen von Image Macros nä- her zu betrachten. Zu diesem Zweck eignet sich das Analyseschema für Kommunikati- onsformen von Dürscheid. Dieses beschreibt die Rahmenbedingungen einer sprachli- chen Handlung.[6] Bei der Kommunikationsform Image Macro werden sowohl geschrie- bene Sprache, als auch Bilder als Zeichen verwendet. Die Kommunikationsrichtung va- riiert dabei. In der Regel wird ein Image Macro von einer Person erstellt und durch eine der zahlreichen Möglichkeiten des Internets (beispielsweise besagte Plattformen, soziale Netzwerke, E-Mail oder Online-Foren) geteilt. Der Normalfall ist also eine Kommuni- kation von einer Person zu vielen, die Anzahl der Partner ist dabei variabel. Dabei wird sowohl eine räumliche Distanz überbrückt, als auch eine zeitliche, denn das Produzieren eines Image Macros durch den Produzenten und der Konsum durch den Rezipienten er- folgen asynchron zueinander. Das Kommunikationsmedium ist dabei normalerweise der Computer, wobei eine Reduzierung auf diesen nicht mehr zeitgemäß wäre. Zum einen sind Smartphones nichts anderes als voll funktionstüchtige Computer im Hosenta- schenformat, für die auch spezielle Applikationen (z.B. die 9gag-App) angeboten wer- den, die hauptsächlich Memes verbreiten sollen. Zum anderen werden immer mehr Haushaltsgeräte internetfähig gemacht, sodass sich alle denkbaren Elektrogeräte mit Bildschirmen zum Betrachten von Memes verwenden lassen, beispielsweise Spielekon- solen und Fernsehgeräte. Hinzu kommt die Tatsache, dass die Verwendung von Image Macros im Zusammenhang mit der defekten automatischen Tür an der Mainzer Univer- sität eine Analogisierung dieses normalerweise digitalen Inhaltes darstellt. Am Compu- ter erstellte und für gewöhnlich auch über diesen verbreitete und konsumierte Inhalte wurden ausgedruckt und so wiederum analog zugänglich gemacht, indem sie an die be- sagte Tür geheftet wurden. Diese analogisierten Image Macros wurden dann wiederum abfotografiert und so auf digitalen Nachrichtenseiten für die gesamte Netzgemeinde zu- gänglich gemacht.

Nachdem die kommunikativen Rahmenbedingungen von Image Macros nun klar sind, stellt sich die Frage, ob sich die Funktion von ihnen überhaupt mit Begriffen der Text- linguistik beschreiben lassen. Laut Stöckl sind Bilder „der Sprache gleichwertige Text- teile und stilistisch gestaltbare Zeichenobjekte“[7], die beispielsweise in der Werbung „als vollwertige Teile von Texten [fungieren]“[8]. Und auch Fix hat einen weiter gefassten Textbegriff und sagt: „Texte müssen als Komplexe von Zeichen verschiedener Zeichen- vorräte betrachtet werden.“[9] Demnach sind auch die Text-Bild-Verbindungen „Image Macros“ als Forschungsobjekte der Textlinguistik geeignet und können somit auch auf Brinkers Textfunktionen hin untersucht werden.

Funktion von Image Macros

Die Frage nach der Funktion eines Textes ist ein wesentlicher Aspekt der Textlinguistik. Die Produktion und das Konsumieren von Texten ist, wie alle sprachlichen Handlungen, konventionalisiert.[10] Sowohl der Autor, als auch der Leser, haben im Laufe ihres Lebens Regeln und Bedingungen erlernt, mit denen ein Text gelesen bzw. geschrieben wird.[11] Eine dieser Regeln lautet, dass der Text eine pragmatische Nützlichkeit für den Leser innehält.[12] Brinker definiert diese Textfunktion als den „Sinn, den ein Text in einem Kommunikationsprozeß erhält, bzw. als der Zweck den ein Text im Rahmen einer Kom- munikationssituation erfüllt“.[13] Dabei beschreibt Brinker fünf verschiedene Typen von Funktionen, die ein Text haben kann, welche auf Searles Illokutionstypen der Sprech- akttheorie fußen. In diesem Abschnitt meiner Arbeit, werde ich diese Textfunktionen vorstellen und zeigen, inwiefern sie ausreichen, um die Funktionen zu beschreiben, wel- che die Image Macros in der Kommunikationssituation rund um die defekte Tür einneh- men.

Image Macros mit Informations- und Appellfunktion

Die erste von Brinkers Textfunktionen ist die Informationsfunktion. Bei dieser gibt der Emittent „dem Rezipienten zu verstehen, dass er ihm ein Wissen vermitteln, ihn über et- was informieren will.“[14] Ein Mittel, um die die Textfunktion eines Satzes darzustellen, ist die explizit performative Formel. Dabei wird der zu untersuchende Satz mit einem sprechaktindiziereden Verb in der ersten Person eingeleitet.[15] In diesem Fall also mit „Ich informiere...“. Diese explizit performative Formel lässt sich auch auf die Textele- mente von Image Macros anwenden, welche dadurch eine Realisierung der informati- ven Textfunktion sind. Wendet man dieses Verfahren nun an, ist dementsprechend die explizit performative Formel für das Image Macro in Abbildung 10: „Ich informiere

[...]


[1] Vgl. Buzzfeed.com, 2015, „Techniker ist informiert“.

[2] Oxforddictionareis.com, 2014, „Image Macro“.

[3] Vgl. Knowyourmeme.com, 2012, „Image Macros“.

[4] Knowyourmeme.com, 2012, „Am I the only one around here“.

[5] Knowyourmeme.com, 2012, „Am I the only one around here“.

[6] Vgl. Dürscheid, Medien, Kommunikationsformen, kommunikative Gattungen, 2005.

[7] Stöckl, Bilder - Konstitutive Teile sprachlicher Texte und Bausteine zum Textstil, 2004, S.116.

[8] Ebd. S.108.

[9] Fix, Zugänge zu Stil als semiotische komplexer Einheit. Thesen, Erläuterungen und Beispiele, 2001, S.118.

[10] Vgl. Brinker, Linguistische Textanalyse, Berlin 1985, S.80.

[11] Vgl. ebd.

[12] Vgl. Hausendorf, Kesselheim, Textlinguistik fürs Examen, 2008, S.139.

[13] Brinker, Linguistische Textanalyse, 1985, S. 77.

[14] Ebd. S.98.

[15] Vgl. ebd. S.82.

Ende der Leseprobe aus 29 Seiten

Details

Titel
Über die Textfunktion von Memes. Image Macros als polyvalente Text-Bild-Verbindungen
Hochschule
Universität Duisburg-Essen
Note
1,3
Autor
Jahr
2015
Seiten
29
Katalognummer
V355566
ISBN (eBook)
9783668446588
ISBN (Buch)
9783668446595
Dateigröße
5648 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
Mainzer Tür, Brinker, Textfunktionen, Memes
Arbeit zitieren
Niels Brause (Autor), 2015, Über die Textfunktion von Memes. Image Macros als polyvalente Text-Bild-Verbindungen, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/355566

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