"Der Wanderer zwischen beiden Welten" von Walter Flex. Auswirkungen des Krieges auf das jugendliche Erleben


Hausarbeit, 2017
14 Seiten, Note: 1,7

Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1. Einleitung

2. Historische Einordnung

3. Literaturanalyse

4. Fazit

Literaturverzeichnis

1. Einleitung

Die Entwicklung der Jugend und der damit verbundenen Jugendbewegungen im zeitlichen Wandel der deutschen Geschichte stellen seit jeher ein enorm wichtiges Forschungsfeld der Bildungs- und Erziehungswissenschaften dar. Nicht nur die klassischen Sozialisationskontexte Familie und Schule nahmen Einfluss auf die heranwachsenden Generationen, sondern auch gesellschaftliche und politische Veränderungen spielten eine wichtige Rolle auf der Bühne der jugendlichen Sozialisation und rückten somit mehr und mehr in den Fokus der wissenschaftlichen Betrachtungen.

Anfang des 19. Jahrhunderts wurden Deutschland und Europa durch das Ausmaß und die Folgen des Ersten Weltkrieges erschüttert (vgl. Wehler 2008, S. 3 f.). „Die Hekatomben von Abermillionen Toten, die dieser Weltkrieg verschlang; das namenlose Leid […][und] die barbarischen psychischen und materiellen Verwüstungen“ (Wehler 2008, S. 3), hatten ungeahnte Folgen, die nicht nur die Politik und die Ökonomie Deutschlands nachhaltig verändern sollten, sondern auch das soziale Gefüge stark beeinflussten. Zu einer Hauptgruppe der damals Leidtragenden zählte die Jugend in jener Zeit, die zu Beginn nicht nur einen Großteil der Kriegsfreiwilligen stellte, sondern auch durch die prägenden Kriegsereignisse sozialisiert wurde und nach Ende des Ersten Weltkrieges mit den drastischen Spätfolgen zu kämpfen hatte.

Die vorliegende Arbeit befasst sich mit der Literaturanalyse des Romans „Der Wanderer zwischen beiden Welten“, der zwischen 1915 und 1916 von Walter Flex verfasst wurde und thematisiert den Umgang mit den Auswirkungen des Krieges innerhalb des jugendlichen Erlebens. Im Fokus der Untersuchung stehen hierbei vor allem der Einfluss und die Bedeutung des Romans für die jugendlichen Nachfolgegenerationen und warum dieser im Kontrast zu anderer zeitgenössischer Literatur stand. Dazu soll die Frage nach dem Deutungsangebot des Krieges, das Walter Flex mit seinem Roman macht, kritisch beantwortet werden.

Um eine grobe Orientierung zu ermöglichen, werde ich nachfolgend den gedachten Ablauf der Arbeit skizzieren.

Zunächst wird eine knappe historische Einordnung stattfinden, die sich neben den Eckdaten und dem Verlauf des Ersten Weltkrieges, vor allem mit der Jugendbewegung „Wandervogel“ beschäftigt, um so einen Überblick über die gesellschaftlichen und politischen Rahmenbedingungen zu geben, unter denen die damalige Jugend aufwuchs. Darauf aufbauend findet unter Berücksichtigung der genannten Fragestellung die eigentliche Literaturanalyse des Romans statt, um abschließend die Ergebnisse der Arbeit in einem zusammenfassenden Resümee geschlossen darzulegen.

2. Historische Einordnung

Wie Nipperdey (1995) treffend formuliert, war der Erste Weltkrieg „mehr als das bloß chronologische oder nur dramatische Schlußstück der Geschichte des deutschen Kaiserreichs“ (ebd., S. 758). Die „Urkatastrophe“ zu Beginn des 19. Jahrhunderts baute sich bereits in den Vorjahren auf, um sich anschließend in damals nicht gekanntem und grausamen Ausmaße in Deutschland und Europa zu entladen (vgl. ebd.). Auch die Aussichten auf einen kurz währenden Schlagabtausch wurden Stück für Stück zunichte gemacht, nachdem im Sommer 1914 „die Kriegserklärungen aller Großmächte des europäischen Staatensystems abgegeben wurden“ (Wehler 2008, S. 3). Die anfängliche ungemeine Begeisterung der Bevölkerung (vgl. Schubert-Weller 1998, S. 217 f.) war sicherlich mit dafür verantwortlich, dass sich der Erste Weltkrieg schnell zu einer Materialschlacht entwickelte, die jedoch anschließend in einem zähen Stellungskrieg stagnierte (vgl. Nipperdey 1995, S. 851 ff.; vgl. auch Wehler 2008, S. 13 f.) und 1918 nach unzähligen Opfern schließlich endete.

An dieser Stelle darf nicht vergessen werden, dass in jener Zeit die täglichen Grenzerfahrungen des Todes und die Angst vor dem Sterben zur Normalität der Soldaten, aber auch der Hinterbliebenen in der Heimat wurde (vgl. Nipperdey 1995, S. 850). Die Konfrontation mit dem Tod und den gefallenen Freunden und Kameraden hatte häufig nicht nur die Frage nach dem Sinn zur Folge, sondern somit natürlich auch Einfluss auf die Entwicklung und Sozialisation der jugendlichen Generationen. „Leid und Trauer blieben ungemessen – sie waren die elementare Grunderfahrung des Krieges“ (ebd.)

Die Jugendbewegung „Wandervogel“, die auch in Walter Flexs Roman „Der Wanderer zwischen beiden Welten“ eine zentrale Rolle einnimmt, gründete sich bereits Jahre vor Beginn des Ersten Weltkrieges. Ab der Jahrhundertwende entdeckte sich die Jugend selbst und erhob den Anspruch auf Eigenständigkeit und eine freie Lebensführung fernab der offiziellen „aufgezwängten“ Werte (vgl. Koebner, Janz & Trommler 1985, S. 9 f.). Einige von ihnen schlossen sich daraufhin in einer Jugendbewegung zusammen, die sich ab 1901 „Wandervogel“ nannte (vgl. Nipperdey 1990, S. 118). Sinn und Zweck waren vor allem das Wandern und das emotionale Erleben der Natur, aber auch die Flucht aus elterlichen und gesellschaftlichen Zwängen, sodass diese Jugendszene ebenso durch „romantische Vorstellungen vom mittelalterlichen Scholarentum“ geprägt war (Mogge 1985, S. 175 f.). Dem Wunsch folgend der Bevormundung zu entkommen (vgl. Schubert-Weller 1998, S. 205 f.) und „sich wenigstens zeitweise und räumlich von Familie und Schule, also von den ‚offiziellen‘ Institutionen der Sozialisation zu distanzieren“ (Mogge 1985, S. 176), versuchte man durch das neuentdeckte Wandern, alternative Formen des gesellschaftlichen Lebens zu entwickeln und zu erproben.

Schubert-Weller (1998) konstatiert, dass sich die Jugendbewegung „Wandervogel“ zwar nicht um Politik scherte und sie „als schmutziges Geschäft links liegen ließ“, unbewusst aber dennoch die „Werte der offiziellen Ideologie, der etablierten wilhelminischen Gesellschaft“ integrierte (ebd., S. 206). Ergo ist es nicht verwunderlich, dass die Wandervögel zu den begeistertsten Patrioten im Ersten Weltkrieg gehörten und sich zahlreich für das Vaterland opferten (vgl. Schubert-Weller 1998, S. 207). Wie die folgende Literaturanalyse zeigen wird, lassen sich dieser „Heldenmut und Opfersinn“ auch bei dem Protagonisten des Werkes „Der Wanderer zwischen beiden Welten“ wiederfinden. Somit hinterließen die schrecklichen Tücken des Krieges letztendlich auch ihre Spuren in der Jugendbewegung „Wandervogel“ und sorgten dafür, dass die Überlebenden nach dem Ersten Weltkrieg nach „neuen Sinngebungen“ suchen mussten (vgl. Mogge 1985, S. 184 f.).

3. Literaturanalyse

Während zu Beginn des ersten Weltkrieges noch „die Feuer-Sprache des Kriegs über die kriegsberauschte Jugend hinweg [stürmte]“ (Sautermeister 1985, S. 461), sorgten die Ereignisse und das Massensterben der Katastrophe für Ernüchterung bei der Jugend. Der Kriegsroman „Der Wanderer zwischen beiden Welten“, der ab 1915 von Walter Flex verfasst wurde, macht genau diese Thematik zum Gegenstand der Erzählung und versucht das „Elend des Kriegs zu überblenden“ (ebd.). Diese Glorifizierung des Krieges in Kombination mit der „metaphysischen Obdachlosigkeit“ der jugendlichen Kriegsgenerationen machte den Roman zum populärsten und „wohl auch meistgelesenen Kriegsbuch der Zeit“ (vgl. Sautermeister 1985, S. 438 ff.).

Der Held der Erzählung ist dem Kameraden und Freund des Autors, Ernst Wurche nachempfunden und verkörpert einen heroisierten Wandervogel-Soldaten, der zu einer Kultfigur der Jugendbewegung werden sollte (vgl. Mogge 1985, S. 184). Walter Flex beschreibt als Ich-Erzähler im Anfangsteil seines Romans, wie er zusammen mit zwanzig anderen Kriegsfreiwilligen von der Westfront abkommandiert wird, um in Posen „eine Offiziersausbildung durchzumachen“ (vgl. Flex 1917, S. 2). Auf dem Weg dorthin wird er zum ersten Mal auf den Kameraden Ernst Wurche aufmerksam, weil er „zufällig in ein paar auffallend schöne lichtgraue Menschenaugen [sieht].[…] Was für reine Augen hat der junge Mensch!“ (ebd.). Der Erzähler findet es „hübsch“, dass sie beide denselben Weg vor sich haben und beschreibt anschließend die Person Ernst Wurche eingehender. Zunächst spricht er von der reinen Stimme des Jünglings, die genauso rein wie seine Augen ist. Anschließend spricht der Erzähler davon, dass er die Natur um sich herum auf einmal mit ganz anderen Augen wahrnimmt und dass dies möglicherweise an der Anwesenheit des zwanzigjährigen Ernst Wurche liegt: „Trotz und Demut, die Anmut des Jünglings, lagen wie ein Glanz über der Haltung des straffen Körpers, dem schlanken Kraftwuchs der Glieder, dem stolzen Nacken und der eigenwilligen Schönheit von Mund und Kinn.“ (Flex 1917, S. 3). An dieser Stelle erfährt der Leser die ersten homoerotischen Aspekte des Kriegsromans, die im Folgenden jedoch noch vermehrt auftreten sollen.

Der Ich-Erzähler vergleicht Wurche mit Zarathustra und ordnet ihm im Folgenden sowohl Attribute der Poesie, als auch des Heldentums und der Religion zu: „Wie der schlanke, schöne Mensch in dem abgetragenen grauen Rock wie ein Pilger den Berg hinabzog, die lichten grauen Augen ganz voll Glanz und zielsicherer Sehnsucht, war er wie Zarathustra, der von den Höhen kommt, oder der Goethesche Wandrer“ (ebd.). Somit wird Wurche vom Autor bereits zu Beginn des Romans als erstrebenswertes Ideal emporgehoben.

Im nächsten Abschnitt wird die regelrechte Entwicklung des Helden, vom einfachen Kriegsfreiwilligen zum jungen Offizier beschrieben. „Sein Gang war Wille und Freude. Er ging aus Vergangenheit in Zukunft, aus den Lehrjahren ging er in seine Meisterjahre hinüber.[…] Nun schritt er von den Bergen herab, um Führer zu werden“ (Flex 1917, S. 3) Der Erzähler hebt an dieser Stelle hervor, dass Wurche die Erfahrungen, die er als einfacher „Landser“ sammelte, mit in seine neue Verwendung als Offizier nimmt und bei der Menschenführung mitberücksichtigt. „Aber er warf die Vergangenheit nicht von sich wie einen abgetragenen Rock, sondern nahm sie mit sich wie einen heimlichen Schatz.“ (ebd.). Aus diesem Grund war Ernst Wurche auch dazu „berufen, unter die Führer des Volkes zu treten“ (Flex 1917, S. 3).

[...]

Ende der Leseprobe aus 14 Seiten

Details

Titel
"Der Wanderer zwischen beiden Welten" von Walter Flex. Auswirkungen des Krieges auf das jugendliche Erleben
Hochschule
Helmut-Schmidt-Universität - Universität der Bundeswehr Hamburg
Note
1,7
Autor
Jahr
2017
Seiten
14
Katalognummer
V355669
ISBN (eBook)
9783668421240
ISBN (Buch)
9783668421257
Dateigröße
743 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
wanderer, welten, walter, flex, auswirkungen, krieges, erleben
Arbeit zitieren
Dominik Hey (Autor), 2017, "Der Wanderer zwischen beiden Welten" von Walter Flex. Auswirkungen des Krieges auf das jugendliche Erleben, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/355669

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