"Wir und Ihr". Fremdenfeindliches Gedankengut in der postmodernen Gesellschaft und Copingstrategien der Sozialen Arbeit


Hausarbeit, 2015

23 Seiten, Note: 1,0


Leseprobe

INHALTSVERZEICHNIS

Einleitung

1 Grundlegendes über Migration
1.1 Definition Migration & geschichtlicher Hintergrund
1.2 Gründe der neuen Migrationsbewegung
1.3 Folgen der Migration und Fremdsein

2 Fremdenfeindlichkeit und Rechtsextremismus
2.1 Sozialpsychologische Hintergründe der Ausländerfeindlichkeit
2.2 Rechtsextremismus und heutige Formen
2.2.1 Neuer Gesellschaftstrend „Pediga“
2.2.2 Hogesa - „Weil Deutsche sich's noch trauen“

3 Rolle der Sozialarbeit und Lösungsangebote
3.1 Hilfen mit und für Zuwanderer
3.1.1 Problem Bildung
3.1.2 Problem Soziale und kulturelle Integration
3.2 Umgang mit Fremdenfeindlichkeit und politische Aufklärung

4 Zentrale Schlussfolgerung, Schlusswort
4.1 Brief an den Fremden
4.2 Brief an den Deutschen

Literaturverzeichnis

Einleitung

Die Migration in Deutschland und damit verbundenen Problemen gewinnt immer mehr, vor allem als Bereich der sozialen Arbeit an Interesse. Mit zunehmender Notwendigkeit basiert die Arbeit von Sozialarbeiter_Innen und Sozialpädagog_Innen mit Zuwanderern und Fremden, nicht nur durch die Hilfsbedürftigkeit bei der Einreise und des Aufenthalts in Deutschland, sondern auch auf deren sozialen Status und dem gesellschaftlichen Umgang mit Migranten_Innen. Immer mehr Menschen kommen aus den verschiedensten Gründen nach Deutschland. Sei es aus Gründen der Zerstörung infolge von Naturkatastrophen, der Flucht vor Kriegen und Bürgerkriegen und daraus resultierender Existenzvernichtung und politischer Verfolgung in ihrem eigenen Land.

Nicht überall sind die Prinzipien der Menschenwürde, Rechtssicherheit und Freiheit so garantiert wie in der Bundesrepublik Deutschland. Auch die Hoffnung auf Selbstverwirklichung, den Zugang zu Berufen und anderen sozialen Aufstiegschancen können Gründe der Zuwanderungsbewegung in die Bundesrepublik sein. Ob Arbeitsmigrant_Innen (auch Gastarbeiter_Innen genannt), Aus - und Übersiedler_Innen, Asylbewerber_Innen oder Flüchtlinge. Eines haben sie gemeinsam, sie sind auf soziale Hilfen in unterschiedlicher Weise als Adressaten Sozialer Arbeit angewiesen. Und genau hier kommen wir zum zentralen und schon lange bestehenden Problem. Sie werden von den Einheimischen als Fremde (nicht nur durch optische Unterschiede wie beispielsweise der anderen Hautfarbe, sondern auch „andersartigen“ Verhaltensweisen), als Eindringlinge angesehen. Im Glaube, die alltägliche Ordnung der Gesellschaft in Frage zu stellen. Es handelt sich auch bei der Ablehnung der Fremden um keine neue Erscheinung und ist überall auf der Welt vertreten (Blahusch,1992, S. 9-10). Diese Arbeit soll einen Einblick über die Anfänge und Entwicklung der Migration, die politischen Absichten und die heutigen Problemlagen geben. Des weiteren möchte ich zu verstehen geben, wieso es immer wieder zu diesen gesellschaftlichen Konflikten kommt und was man mit Hilfe von sozialwissenschaftlichen Ansätzen als Gebiet der sozialen Arbeit verändern kann. Wanderungen verändern das Individuum und deren Gesellschaft und fördern den Wirtschaftsaufschwung. Die nachfolgenden Begriffen beziehen sich, der Verständlichkeit wegen jeweils auf männliche und weibliche Formen, wenn nicht explizit darauf hingewiesen wird.

Es stellt sich angesichts einer politischen und ökonomischen Integration immer wieder aufs neue die illusionistische Frage ob wir innerlich, subjektiv überhaupt mit anderen können? Die sich gegenwärtig durchsetzende Veränderung mit Fremden nötigt uns neue Formen der Fremdheit, in wie weit wir überhaupt dazu fähig sind, zu akzeptieren und zu tolerieren. Aber sind wir in der Lage, aufgrund unserer genetische überlebenswichtigen Verankerung (jeden Fremden, jeden „Feind“ den es bereits in frühester Menschengeschichte umzubringen galt), die anderen zu (er)leben? Vielleicht aber ist gerade diese moderne Individualisierung, die Tatsache dass der Staatsbürger als Individuum aufhört sich und seine Rasse als einheitliches Element zu betrachten und beginnt ein Zusammenleben und die Aufnahme dieser Fremden, dieser andersartigen Menschen in sein System zu fördern und von dieser neuen Zusammenarbeit zu profitieren. (Kristeva, 1990, S.11-12).

1 Grundlegendes über Migration

1.1 Definition Migration & geschichtlicher Hintergrund

Migrationen werden als Teilaspekte in der Geschichte der Menschheit verstanden, es handelt sich schließlich um kein neues Phänomen [Hervorhebung d. Verf.]. Dennoch differenzieren sie sich im ausgehenden 20. Jahrhundert und nehmen neue Dimensionen und charakteristische Eigenschaften an. Angefangen mit dem biblischen Auszug der Kolonisationen, die Wanderbewegung in die „Neue Welt“, sowie der Aufnahme von verfolgten Minoritäten (zahlenmäßig unterlegene Gruppe) in den Kriegen Europas, nicht zu vergessen die Vertreibung als Auswirkung des Zweiten Weltkrieges, bis hin zu den derzeitig weltweit stattfindenden Flüchtlingsbewegungen aufgrund verschiedenster Ursachen (Treibel, 1990, S. 19). Zur nachfolgenden Definition ist zu bemerken, dass mit dem hier aufgeführtem Begriff der Migration auch das unfreiwillige Verlassen der Heimat verstanden wird. „Unter Migration [Hervorhebung d. Verf.] soll die Bewegung von Individuen und Gruppen – zuweilen geschlossener Volksgruppen – im geografischen Raum mit einem ständigen oder vorübergehenden Wechsel des Wohnsitzes und des Lebensmittelpunktes verstanden werden, gleichgültig auf welche Verursachung dies zurückzuführen ist“ (Blahusch, zit. nach Treibel, 1992, S. 37). Laut statistischem Bundesamt werden Personen mit Migrationshintergrund „alle zugewanderten und nicht zugewanderten Ausländer/-innen sowie alle nach 1955 auf das heutige Gebiet der Bundesrepublik Deutschland zugewanderten Deutschen und alle Deutschen mit zumindest einem nach 1955 auf das heutige Gebiet der Bundesrepublik Deutschland zugewanderten Elternteil definiert“ (Statistisches Bundesamt, 2013, S.26). Oder kurz gefasst, Migration als Prozess der Ein,- und Auswanderung über nationalstaatliche Grenzen hinweg, mit vielen sozialen, ökonomischen, politischen und kulturellen Facetten, die von Integration und Abschiebung bis zu unbegleiteten Flüchtlingskindern reichen. (Butterwegge, 2007)

Im Folgenden werde ich einen Einblick in den Ursprung vorzüglich der deutschen Geschichte über die Wanderbewegungen näher erläutern. Die Migration ist seit je her, in fast allen Humanwissenschaften, ein Bestandteil des Menschseins (des sogenannten „Conditio humana“) wie die Geburt, Krankheit, Fortpflanzung und Tod. Denn bereits zu Beginn der Menschheitsgeschichte existiert auch die Geschichte der Wanderbewegung, denn schon der Homo sapiens hat sich als Homo migrans über die Welt ausgebreitet (Bade, 2002, S.4). Mit der Gründung des deutschen Reichs im Jahre 1871 und damit verbundenen Anstieg der Industrialisierung wuchs der Bedarf an Arbeitskräften, welcher durch die natürliche Bevölkerung nicht gedeckt werden konnte. Man zog somit polnische Wanderarbeiter zur Unterstützung hinzu, die dann auf eine Zahl von über 1,2 Millionen Arbeitern anstieg. Jedoch war eine dauerhafte Einwanderung oder gar Integration dieser Menschen von der damalig preußischen Regierung nicht erwünscht. Sie unterlagen strengen Kontrollen und wurden bis hin zum ersten Weltkrieg von den Behörden zur Zwangsarbeit rekrutiert (Prof. Dr. Oltmer, J. 2005). Aus den ausländischen Arbeitern wurden während des Ersten Weltkrieges meistens eine Art Saison-Zwangsarbeiter, die dann jedoch auch nicht mehr in ihre Heimat zurückkehren durften. Dieser Strom der Arbeitsmigranten ließ jedoch 1929 nach und man bevorzugte mehr die eigene Bevölkerung (Blahusch, 1992, S.47-48). Der eigentliche Migrationsboom im 20. Jahrhundert begann jedoch mit der NS-Diktatur unter der Macht Adolf Hitlers zwischen 1933 – 1945. Viele Menschen, darunter Juden und anderen politisch Verfolgten gelang die Flucht vor dem bevorstehendem Zweiten Weltkrieg. In der Zeit zwischen 1933 – 1945 wurde Deutschland mit schätzungsweise bis zu 12 Millionen ausländischen Zwangsarbeitern zum Zentrum europaweiter Zuwanderung (Oltmer, 2005). Man bedenke nur die große Diskrepanz der rassistischen Auffassung des Nationalsozialismus und der Tatsache „Nichtdeutsche“ im eigenen Land zu benötigen um auch die Machtpläne umzusetzen. Als der Krieg vorbei war hatten um die 12 Mio. deutsche Flüchtlinge und Vertriebene und ungefähr ebenso viele „Displaced Persons“ (ehemals ausländische Zwangsarbeiter und KZ-Insassen) zu tun eine neue Heimat zu finden. Diese Reparatur zog sich bis in die 1950er Jahre hin (Oltmer, 2005). Die geflohenen und vertriebenen Überlebenden mussten aufgrund des „Potsdamer Abkommens“, in dem es um eine Überfüllung der deutschen Bevölkerung ging, durch die Sowjetunion und den Alliierten wieder in Deutschland aufgenommen werden. Dies gestaltete sich aufgrund der wirtschaftlichen und sozialen Lage (Wohnungsnot, Mangel an Arbeitsplätzen und die Ablehnung durch die Einheimischen) vor allem in kleineren Dörfern und Städten zunehmend schwierig. Dieser Prozess der Wiedereingliederung galt bereits in den 60 Jahren als abgeschlossen (Blahusch, 1992, S. 48). Mit dem erneuten Arbeitskräftemangel (durch die Abwanderung der Bevölkerung von ungefähr 2,7 Mio. in den Westen Deutschlands) nach dem Bau der Mauer 1961 in der Deutschen Demokratischen Republik sah man eine, durch ausländische Arbeitskräfte, erneut notwendige Anwerbung des Migrationsgeschehens. Zwischen 1966 und der Wiedervereinigung Deutschlands wurden um die 500.000 Arbeiter aus Ländern wie Polen, Mosambik, Vietnam u.a. Staaten durch die DDR abgeworben. Bis 1973 wurden von Unternehmen und Behörden Millionen sogenannte Gastarbeiter aus verschiedenen Mittelmeerländern angeworben. Sie gehören zu den am längsten lebenden Menschen in Deutschland mit Migrationshintergrund. Mit der Wiedervereinigung und dem damit verbundenen Ende des kalten Krieges entstanden auch weitere Formen der Zuwanderung, unter anderem Ausländer aus der ehemaligen Sowjetunion sowie Ost- Mittel- und Südeuropa sowie Flüchtlinge und Asylbewerber. Es war nun die Aufgabe der Politik mit diesen Formen der Migrationsbewegung umzugehen, sie unter Kontrolle zu bringen und die Integration derer zu gestalten (Butterwegge, 2005).

Die 80er und 90er Jahre, die als vorerst letzte Phase in der grundlegende Veränderungen der Zuwandererbewegung angesehen werden müssen, erfolgten eine starke Zuwanderung von Flüchtlingen. Diese kamen aus osteuropäischen und aus Ländern der „Dritten Welt“ als „Asylsuchende“ (Blahusch, 1992, S. 49). Seither gilt Deutschland als Einwanderungsland, dass durch die neue Migrations- und Integrationspolitik 2005 durch die damalig rot – grüne Bundesregierung in Form eines Zuwanderungsgesetzes in Kraft trat. Unter anderem wurde durch den Regierungswechsel im November 2005 die Gestaltung von Integration mit dem Motto „Fördern und Fordern“ zum zentralen Punkt der Migrationspolitik. Laut Migrationsbeauftragte, Maria Böhme werden die 15 Millionen Menschen aus Zuwandererfamilien als „große Zukunft für unser Land“ angesehen. (Butterwegge, 2007).

Kommen wir nun in kurzer Zusammenfassung - abgesehen von den früheren Zwangsmigrationen in Deutschland - zu den heutigen Anliegen der neuen Migrationsbewegung.

1.2 Gründe der neuen Migrationsbewegung

Die Bereits im Punkt 1.1 dargestellten, weltweiten Migrationsbewegungen haben ein unglaubliches Ausmaß angenommen. Man spricht auch von einer „neuen Epoche der Völkerwanderung“. Dieser neue Typus [Hervorhebung d. Verf.] der modernen Migration charakterisiert sich in: (a) die „Massenwanderungen“, die großräumig über Kontinente hinweg erfolgen, (b) die eindeutige Wanderungsrichtung hin zu den hochindustrialisierten Ländern mit hohem Lebensstandard, (c) ein Verursachungsgeflecht, in dem sich selten ein einzelner Auslösefaktor (wirtschaftliche Situation, politische Verfolgung usw.) angeben lässt“ (Blahusch, 1992, S.38-39). Man spricht von einer Zahl um die 200 Millionen Menschen, die meisten unter ihnen Flüchtlinge, die im vergangenen Jahrhundert ihre angestammte Heimat verlassen mussten. Diese Zahl ist wesentlich höher, als im Gegenzug zu den Migrationssituationen vor 150 Jahren, nachdem die Europäer den Kontinent wegen der schlechten Industrialisierung verlassen mussten. Jedoch erhofften sie sich nicht nur Schutz, sondern auch die Möglichkeit eines Neuanfangs. Heute hingegen sind es die Fluchtsuchenden, die nach West- und Nordeuropa, aufgrund der bürgerkriegsbedingten Auseinandersetzungen als Folge der u.a. Auflösung der Sowjetunion in Südosteuropa und anderen Ländern der „Dritten Welt“. Aber nicht nur aus wirtschaftlichen und politischen Gründen verlassen sie ihre Heimat, auch aus sozialen und kulturellen Entwicklungen. Westeuropa erscheint wegen der politischen Stabilität, wirtschaftlichen Prosperität und neuen Perspektiven attraktiver. Differenzierter erscheinen auch gute Aussichten auf Bildung, Rechtssicherheit und besseren Lebensstandards. Als Leitbild der Migration für die moderne Wanderbewegung gilt nach wie vor die Aussicht auf Arbeit. Wie bereits erwähnt, besteht die Anwerbung von Arbeitskräften aus dem Ausland in Deutschland seit 100 Jahren. Bereits zu dieser Zeit schätzt das Internationale Labor Office (ILO) die internationale Arbeitsmigration auf 23 Mio. Arbeitsmigranten. Vorzüglich sah man eine Arbeitsmigration als Saison und Kontaktarbeit an. Jedoch gestaltete sich die Umsetzung eher schwierig, da für die meisten aufgrund von Familiennachzug - oder Neugründung oder anderen sich ändernden Bedingungen zur Einwanderung und dauerhaften Niederlassung führt (Blahusch, 1992, S.39-40).

Ein weiterer Anlass der Migration von Personen, die nicht vordergründig wegen der Suche nach Arbeit übersiedeln, ist die Flucht. Bereits im Jahre 1991 nach Angaben des UN- Flüchtlingskommissars befanden sich 17,5 Mio. Menschen aus Flucht vor politischer Verfolgung, religiösen, ethnischen und nationalen Gründen oder aus Angst vor Existenzvernichtung durch Naturkatastrophen und Umweltzerstörungen auf der Flucht. Die Verfolgten flüchteten zunächst in die Nachbarländer (Somalia und Pakistan). Von hier aus erreichten nur 5 – 10% Westeuropa, und nur 1 – 1,5% überhaupt Deutschland (Blahusch, 1992, S. 41). Nach der Wiedervereinigung in Deutschland stieg die Zahl der europäischen Flüchtlinge deutlich an. Aufgrund des liberalen Asylrechts überschwemmte eine Flut von Anträgen der Migranten die überwiegend aus wirtschaftlichen Gründen in die Bundesrepublik kamen, die deutschen Behörden. Die Politik musste auf dieses Problem reagieren, indem sie das Asylrecht im Grundgesetz verschärfte. Seit 1993 heißt es nun, dass nur noch derjenige einen Antrag auf Asyl stellen darf, der auf direktem Wege nach

Deutschland einreist ohne einen Nachbarstaat zu durchqueren (Art 16a GG). Seitdem ist die Zahl der Asylanträge deutlich zurückgegangen und beträgt nur noch ein Zehntel der im Jahr 1993 eingegangenen Anträge. 2007 stellten knapp 20.000 Menschen einen Erstantrag auf Asyl, wovon gerade einmal 300 Anträge anerkannt wurden (Sippel; Klingholz, 2009; zit. nach Asylverfahrensgesetz, 1993). Migrationen bedeuten gravierende Einschnitte [Hervorhebung d. Verf.] in die politischen, wirtschaftlichen, kulturellen und sozialen Strukturen sowohl des Landes, aus dem sie kamen als auch für das Land wohin sie gehen. (Blahusch, 1992, S. 45) Im nächsten Punkt werden die Folgen der Migration erklärt.

1.3 Folgen der Migration und Fremdsein

Nicht nur wirtschaftliche, sondern auch soziale Wandlungen beinhalten die Zuwanderungen der Migranten durch die einheimische Gesellschaft der Aufnahmeländern [Hervorhebung d. Verf.]. Für die Zuwanderer besteht in erster Linie die Herausforderung der „kulturellen Angleichung“. Zunächst ist zu beobachten, dass sich die Einheimischen aufgrund der Fremdheit gegenüber den Zuwanderungsgruppen [Hervorhebung d. Verf.] abschotten. Auch unter den Zuwanderer - Gruppierungen selbst herrschen solche Hierarchien, was mitunter nichts mit der Dauer des Aufenthaltes zu tun haben muss, sondern eher mit einer Rangskala der Fluchtländer einhergeht. Mit zunehmender Eingewöhnung der Migranten, orientieren sie sich an Wert- und Normvorstellungen und den Ansprüchen der jeweiligen Gesellschaft. Dies jedoch bedarf einer Akzeptanz und Toleranz gegenüber ethnischen Werten. Diese können zwar mit laufe der Aufenthaltsdauer angepasst werden, jedoch verlieren sie nicht ihren kompletten Charakter, da sie der individuellen Identität dienen. So hat u.a. das Kopftuch der Muslime eine symbolische Identifikation mit dem Herkunftsland. Die Bereitschaft zur „Anpassung“ an das Aufnahmeland oder gar die komplette Aufgabe dieser Herkunftskultur hänge stark vom eigentlichen Beweggrund und der Dauer (soweit sich dieser kalkulieren lässt) des Aufenthaltes ab. Die Arbeitsmigranten sind weitaus am meisten dieses „Modernisierungsdrucks“ ausgesetzt, da die Einbürgerung das Ausländergesetz von deren erbrachte „Integrationsleistung“ abhängig ist.

Auch für das Aufnahmeland und deren Einheimische [Hervorhebung d. Verf.] zeigen wegen des sozialen Wandels diverse Veränderungen. Zunächst werden die Migranten unter Statuspositionen im Arbeitsgeschehen einer gesellschaftlichen Unterschichtung zugewiesen. Sei es unter den Arbeitsmigranten selbst, oder der Unterschichtung der „Gastarbeiter“ durch Asylsuchende oder Aussiedler. Wenn das Selbstbild der Aufnahmegesellschaft oder gar eine Gleichstellung in Frage gestellt wird, reagiert die Aufnahmegesellschaft mit Abwehr. Wenn die kulturelle Andersartigkeit als störend empfunden wird, spielt auch die Notwendigkeit einer Aufnahme der Arbeitsmigranten keine Rolle mehr (Blahusch, 1992, S. 45-46). Die Mitglieder von sozialen Gruppen entwickeln eine besondere Identitätsfunktion, einhergehend mit einem starken Zugehörigkeitsgefühl [Hervorhebung d. Verf.] durch welches sich die Gruppe zu definieren vermag. Die geltenden Normen der Gruppe bilden die Grundlage an denen man auch die Nicht-Mitglieder erkennen kann. Diese gruppeninternen Normen werden zu nicht weiter hinterfragten Selbstverständlichkeiten, Lebensweisen oder auch Kulturen, denen man sich zugehörig fühlt. Personen, die sich dieser Normen nicht zugehörig fühlen oder die außerhalb deren Lebenserfahrungen liegen, bilden die Fremdgruppe. Das Fremdsein oder auch „kulturelle Distanz“ dieser Menschen oder Gruppen kann sich auf der Art der anderen genetischen „Abstammung“ beziehen, auf „geografischer Distanz“ (auch Kulturgrenzen), natürlich auch die unterschiedlichen Religion,- Kultur- und Sprachzugehörigkeiten und aber auch auf sozialen Lebensweisen und Lebenslagen (u.a. aufgrund anormalen Verhaltensweisen) beziehen (Blahusch, 1992, S. 17-18).

Unter Fremdheit [Hervorhebung d. Verf.] versteht man stets unerfahrene, nicht vertraute, für falsch gehaltene und nicht mit anderen geteilte Lebenskulturen - und Formen. Erste diese Ordnungen verleihen dem Denken und Handeln in sozialen Gruppen einen Sinn. Diese Ordnungen sind jedoch keine „natürlichen“, sondern sozial geschaffene, also menschliche Konstrukte [Hervorhebung d. Verf.]. Sie bilden die Standards und Verhaltensregeln der Gruppe. Der Eigengruppe werden immer besonders positive Eigenschaften [Hervorhebung d. Verf.] zugeschrieben. So gehen diese Gruppen davon aus, dass deren Normen und Werte richtig und angemessen, vergessen jedoch, dass diese zeit -und situationsabhängig sind (Blahusch, 1992, S. 18-19). Diese Ablehnung der Fremdgruppe und die Zuschreibung der (meist gegensätzlichen) Merkmalen führt dazu, dass die Fremdgruppe negativ bewertet wird. Die Mitglieder der Fremdgruppen gelten meist als „minderwertig“ oder gar die „bösen“, während sich die Eigengruppe als „die besseren Menschen“, als wertvoller und wesentlicher ansehen. Solche Äußerungen (mit sehr emotionalen Charakter), meist im negativen Sinne und ohne deren Richtigkeit zu überprüfen, bezeichnet man als Vorurteil. Diese Vorurteile bilden sich meistens auf nicht überprüfbare, subjektive oder lückenhafte Erfahrungen der Eigenmitglieder, die auf die ganze Gruppe generalisiert werden. (Bsp.: „Die Ossi's sind ungebildet und die Westdeutschen sind schlau“.) Diese Vorurteile bestärken jedoch den Zusammenhalt der Eigengruppe und steigern das Selbstwertgefühl (Blahusch, 1992, S. 20-21).

Auf dieser Grundlage finde ich einen Einblick in die psychologischen Ursachen der Ausländerfeindlichkeit für die Soziale Arbeit naheliegend.

2 Fremdenfeindlichkeit und Rechtsextremismus

2.1 Sozialpsychologische Hintergründe der Ausländerfeindlichkeit

In diesem Abschnitt werden (sozial-) psychologische und soziologische Ansätze zur Erklärung der ablehnenden Haltung gegen die in Deutschland lebenden Ausländer („Gastarbeiter“) oder anderer Zuwanderer, die Einstellung rechtsradikaler Kreise und auch das Zustandekommen von gewalttätigen Übergriffen auf Asylbewerber gegeben. Nach Werner Bergmann gibt die Theorie der sozialen Identität [Hervorhebung d. Verf.] (1 zit. nach Taifel und Turner) in der drei Stränge der in 1994 erwähnten Sozialpsychologie miteinander verknüpft sind. Er spricht von der „Theorie der sozialen Kategorisierung, wonach jedes Individuum der Welt mittels gelernter Kategorien ordnet“ (Böhme et al, 1994, S.121). Dies beschreibt in erster Linie die komplexe Welt mittels – soziale Wahrnehmung bedient sich bestimmter Kategorien (u.a. Hautfarbe). Auch von Zugehörigkeitskategorisierungen ist hier die Rede, wie bspw. Deutscher und „Nicht-Deutscher“. Diese haben meistens emotionale Komponenten. Es wurden ganze Wahrnehmungsmuster entdeckt, die zur tendenziellen Abwertung der Fremdgruppe („Out-Groups“) und zugunsten der Eigengruppe („Ingroup-Favorisierung“) auch bei Abwesenheit von Konkurrenz wirken (siehe Abschnitt 1.3). Sucht man nun nach den Gründen für das Handeln bei der Beobachtung dieser Personen und Gruppen, so kann man entweder das Verhalten auf die Eigenschaften der Gruppe selbst oder auf externe Faktoren (bspw., dass Afroamerikaner früher keine Kneipen besuchen durften) beziehen.

Interessant ist auch, dass Verhalten inneren Veranlagungen zugeschrieben wird. Bspw. Begründe man die besondere Konzentration der Juden im Handel mit dem angeborenen „jüdischen Krämergeist“. Ein weiterer Punkt ist „die Überlegung zur emotionalen Bedeutung von Vergleichsprozessen zwischen Gruppen“ (Böhme et al, zit. nach Bergmann 1994, S.121). Hierfür sind das kollektive und persönliche Selbstwertgefühl von zentraler Bedeutung. So ist u.a. das Erleben von Frustration nicht wirklich mit einem Mangel wie Armut oder Hunger verbunden, sondern der Glaube einer anderen Gruppe gegenüber sozial benachteiligt zu sein (Böhme et al, 1994, S.124). Das primitivste Beispiel hierfür ist nach wie vor die Annahme die „Ausländer nehmen uns die Arbeit weg“. Auch die Annahmen, Ausländer missbrauchen das System der sozialen Sicherung, nämlich den Aspekt der Konkurrenz um knappe Ressourcen, was jedoch in Abschnitt 1.2 (wovon gerade einmal 300 von 20.000 Asyl- Erstanträge überhaupt anerkannt wurden) deutlich widerlegt wurde. Des Weiteren geht man davon aus, sich bspw. seit der Wende ökonomisch übernommen zu haben und nun drastische Kürzungen und Umweltverteilungen hinnehmen zu müssen. Es besteht laut den Forschungen der Aggressionstheorien ein Zusammenhang von aggressivem Verhalten und Frustration bzw. feindseligen Einstellungen. Dies ist jedoch bei schwächeren Gruppen leichter möglich. Man kann ihnen leichter die Rolle des Sündenbocks zuschieben, welche oft auf die Ausländer übertragen wird. Der letzte Aspekt bezieht sich auf die Theorie der sozialen Identität an sich, wonach sich „ein Teil des Selbstkonzeptes einer Person durch die Zugehörigkeit zu sozialen Gruppen definiert“ (Böhme et al, zit. nach Bergmann 1994, S.121). So sind es überwiegend Personen, vor allem junge Heranwachsende, mit einer schwachen Persönlichkeit die sich dadurch bekräftigen die Fremdgruppe abzuwerten und hingegen die eigene Gruppe als höherwertig anzusehen. Dieses Symptom, diese wie Freud sagen würde „Ich-Schwäche“ findet sich vorwiegend bei sozial schwachen Milieus, ständig wechselnden Wohn- und Arbeitssituationen, die Auflösung der Zwischeninstanzen bspw. Trennung der Eltern oder der zunehmende Druck der Individualisierung (Böhme et al, zit. nach Bergmann, 1994, S.121-128).

Dies psychologisch fundierte Erklärungen der Ursachen für Ausländerfeindlichkeit war jedoch nur in kleiner Bruchteil für manch abnorme Verhaltensweisen. Wie Helmut Dahmler so schön sagt: “Verfremdung [Hervorhebung d. Verf.] ist ein primitiver Modus von Selbsterhaltung“ (Böhme et al, zit. nach Dahmler, 1994, S.140) Mit jeder Krisensituation schrumpft die Toleranz gegenüber den Menschen, die wir als anders bezeichnen. Der Fremde gilt nahezu als „Symptomträger“ einer Mehrheit (Böhme et al, zit. nach Dahmler, S. 140-141). Dieser Symptomatik reicht sehr lange zurück und bildete die Grundlage der sehr verhängnisvollen Ideologie des Antisemitismus (worauf ich jedoch nicht weiter eingehen möchte, denn die sprengt den Rahmen dieser Arbeit). Eine - wenn auch nur sehr primitive - Variante des Ethnozentrismus ist der Rassismus. Man versucht die angeblich überlegene „weiße Rasse“ durch Ausrottung der australischen und amerikanischen Urbevölkerung, die burische Herrschaft in Südafrika und den jahrhundertelangen Sklavenhandel zu legitimieren. Macht schien ein untrüglicher Beweis der Höherwertigkeit zu sein und reicht weit bis ins 15. Jahrhundert zurück. Der Rassismus bietet die Option, andere Völker in eine Hierarchie zu kategorisieren und sie als mehr oder weniger gewichtete „Minderwertigkeiten“ einzustufen (Böhme et al, zit. nach H. Böhme S. 110). Die Vorherrschaft der weißen Rasse wird in einer weit verbreiteten subkulturellen Szene weiterhin propagiert mit verheerenden Folgen.

2.2 Rechtsextremismus und heutige Formen

Der Rechtsextremismus tritt laut Bundesamt für Verfassungsschutz in verschiedenen Formen rassistischer, nationalistischer und antisemitischer Ideologieanschauungen, mit unterschiedlichen, sich daraus herleitenden Zielsetzungen. Man geht davon aus, dass der Wert eines Menschen von der Zugehörigkeit bestimmter Ethnien, Rassen oder Nationen anhängt. Diese Annahmen sind jedoch gesetzeswidrig, denn die Würde des Menschen steht in Deutschland an erster Stelle. Das Gift des Rechtsextremismus verteilt sich jedoch in moderner Auffassung nicht nur noch unter naiven Jugendlichen und Heranwachsenden, sondern legalisiert sich auch in agierenden und engagierten Parteien, u.a. der vor allem im Osten Deutschlands weit verbreiteten NPD („Nationaldemokratische Partei Deutschlands“), die Partei „DIE RECHTEN“ [Hervorhebung d. Verf.] oder die „Bürgerbewegung pro NRW“.

In den vergangenen Jahren hat, als eine neue Form der Fremdenfeindlichkeit, das religiös verachtende Feld der Islamfeindlichkeit für die Rechtsextremisten in Deutschland an Bedeutung gewonnen. Man versucht durch Vorurteile gegenüber den Fremden eine Angst vor „Überfremdung“ gegenüber dem Islam bzw. der Muslime zu erzeugen. Des Weiteren wird sich auch bemüht, die bereits vorhandenen feindlichen Abneigungen anzuheizen um in ihrem Sinne die öffentliche Meinung zu beeinflussen. Die rechtsextremistische Szene verfolgt die Idee der „Volksgemeinschaft“ mit ihrer fremden- und islamfeindlichen Propaganda, die gegenteilig zur offenen pluralistischen Demokratie präsentiert wird. Sie agitieren das drohende Aussterben des deutschen Volkes (oder auch „Volks Tod“ genannt). Man befürchte die Abwanderung der Einheimischen ins Ausland, den Geburtenrückgang und die Zuwanderung und damit drohende „Überfremdung“. Andere Elemente dieser Anschauung versinnbildlichen deren autoritäres Staatsverständnis - in dem das nach ihrer Auffassung eines ethnisch homogenen Volkes als angeblich natürliche Ordnung - und der Staat vereinheitlicht werden. Im Sinne dieser Volksgemeinschaft sollen „die staatlichen Führer intuitiv nach dem vermeintlich einheitlichen Willen des Volkes handeln“ (Bundesamt für Verfassungsschutz 2015). Wesentliche Kontrollelemente der freiheitlich, demokratischen Grundordnung würden somit die Staatsgewalt in Wahlen ausüben. Auch das Recht auf Ausübung einer parlamentarischen Opposition oder das Recht auf Bildung würden fehlen (Bundesamt für Verfassungsschutz 2015). An dieser Stelle möchte ich es bei den Definitionen und Begrifflichkeiten belassen, da es wie bereits erwähnt kein neues Thema ist.

Vielmehr möchte ich auf die derzeit aktuellen Themen hinweisen. Denn die Rechtsextremisten - Szene differenziert sich immer weiter und ist auch nicht mehr so klar ersichtlich.

[...]


1 Taifel und Turner im im Buch: Migration und Ausländerfeindlichkeit nicht aufgeführt

Ende der Leseprobe aus 23 Seiten

Details

Titel
"Wir und Ihr". Fremdenfeindliches Gedankengut in der postmodernen Gesellschaft und Copingstrategien der Sozialen Arbeit
Hochschule
Ernst-Abbe-Hochschule Jena, ehem. Fachhochschule Jena
Note
1,0
Autor
Jahr
2015
Seiten
23
Katalognummer
V355924
ISBN (eBook)
9783668416628
ISBN (Buch)
9783668416635
Dateigröße
536 KB
Sprache
Deutsch
Anmerkungen
Der Autor der vorliegenden Arbeit ist kein Deutsch-Muttersprachler. Bitte haben Sie Verständnis für grammatikalische Fehler und Uneinheitlichkeiten im Ausdruck.
Schlagworte
Migration, Rechtsextremismus, Fremdenfeindlichkeit, Pegida, Bewältigung, Einwanderung, Hogesa, Lösungen, Wanderbewegungen, Coping, Ausländerfeindlichkeit, Sozialpsychologie, Integration, Hilfen für Zuwanderer
Arbeit zitieren
Belinda Peter (Autor), 2015, "Wir und Ihr". Fremdenfeindliches Gedankengut in der postmodernen Gesellschaft und Copingstrategien der Sozialen Arbeit, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/355924

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