Die folgende Arbeit soll einen Einblick in die Welt der Fabelwesen in der Antike und im Mittelalter, insbesondere in der mittelalterlichen Literatur, gewähren und ihre Funktionen erläutern. Der erste Teil beschäftigt sich mit der Terminologie und bietet einen Ausblick auf die Wissenschaft der Zeit. Im zweiten Teil werden, im Rahmen der Primärtexte Wigalois von Wirnt von Grafenberg und Herzog Ernst, die einzelnen Fabelwesen in beiden Texten vorgestellt. Damit verbunden sind die Fragen, welche Funktionen sie im Mittelalter einnehmen und warum sie Teil der mittelalterlichen Literatur sind. Die Erörterung beider Fragen erstreckt sich über die Arbeit und kann somit als roter Faden angesehen werden.
Die Arbeit gliedert sich in vier große Teile. Nach der Einleitung wird sich dem theoretischen und geschichtlichen Teil gewidmet, in dem auf die Rolle und Bedeutung der Fabelwesen in der Antike und im mittelalterlichen Weltbild aufmerksam gemacht wird. Dazu herangezogen wird das Buch Monster im Mittelalter von Rudolf Simek, das sowohl über die Geschichte und Darstellung der Fabelwesen in der Antike und im Mittelalter Auskunft gibt als auch sich auf Theorien von wichtigen antiken Dichtern bezieht. Im Folgenden werden einzeln die Fabelwesen in den beiden Primärtexten vorgestellt und teilweise wird auch auf deren Relationen mit den antiken Dichtungen eingegangen. Dieser praktische Teil umfasst also in erster Linie das Werk Wigalois von Wirnt von Grafenberg, gefolgt vom anonym überlieferten Herzog Ernst.
Der letzte Teil befasst sich mit den Ergebnissen und der Schlussbetrachtung. In diesem Teil soll einerseits geklärt werden, welche Unterschiede und Ähnlichkeiten es zwischen beiden Texten bezüglich der Fabelwesen gibt, und andererseits, welche Funktion und Rolle die Fabelwesen in beiden Texten einnehmen. Im Fazit werden noch einmal die wichtigsten Punkte des theoretischen Teils hervorgehoben und anschließend werden meine Ergebnisse zusammengefasst und interpretiert. Im Gegensatz zu uns tritt der mittelalterliche Mensch, insbesondere der Held und der Ritter, öfters in Kontakt mit Fabelwesen. Zumindest wird dies in der mittelhochdeutschen Literatur sehr gut zum Ausdruck gebracht. Wegen ihres Reichtums an übernatürlichen Wesen fiel die Wahl auf den Artusroman Wigalois, in dem etwas bekanntere Fabelwesen vorkommen, und Herzog Ernst, in dem wir mit kuriosen Geschöpfen konfrontiert werden.
Inhaltsverzeichnis
1. Einleitung
2. Theoretischer Teil
2.1 Fabelwesen: Ausblick auf die Wissenschaft der Zeit
2.2 Darstellung der Fabelwesen im Weltbild des mittelalterlichen Menschen
2.3 Drache, Riese und Zwerg als zentrale Fabelwesen in der mittelalterlichen Literatur
3. Wigalois
3.1 Hintergrundinformationen zum Werk
3.2 Fabelwesen in der Handlung des Wigalois
3.2.1 Der Zwerg
3.2.2 Zwei Riesen
3.2.3 Das wunderbare Tier vor der Burg
3.2.4 Der Drache Pfetan
3.2.5 Das Waldweib Ruel
3.2.6 Marrien
4. Herzog Ernst
4.1 Hintergrundinformationen zum Werk
4.2 Fabelwesen in der Handlung des Herzog Ernst
4.2.1 Die Kranichmenschen
4.2.2 Die Greifen
4.2.3 Die Einsterne/Zyklopen
4.2.4 Die Platthufe
4.2.5 Die Ohren
4.2.6 Die Pygmäen
4.2.7 Die Riesen
5. Ergebnisse und Schlussbetrachtung
5.1 Umgang mit und Funktion von den Fabelwesen in beiden Texten
5.2 Unterschiede und Ähnlichkeiten zwischen beiden Texten
5.3 Fazit
Zielsetzung & Themen
Die Arbeit untersucht die Rolle und Funktion von Fabelwesen in den mittelalterlichen Werken Wigalois und Herzog Ernst, um zu ergründen, warum diese Wesen einen festen Bestandteil der damaligen Literatur bildeten und wie sie im mittelalterlichen Weltbild verankert waren.
- Analyse der Terminologie und wissenschaftlichen Sicht auf Fabelwesen im Mittelalter.
- Untersuchung der Fabelwesen in den Primärtexten Wigalois und Herzog Ernst.
- Vergleich der Funktionen von Fabelwesen (religiös, gesellschaftlich, magisch, ritterlich).
- Betrachtung der Darstellung der Fabelwesen als Fremdes versus reale Geschöpfe.
Auszug aus dem Buch
Der Riese
Im Mittelhochdeutschen gibt es mehrere Bezeichnungen für das Wort Riese. Im Deutschen werden sie allerdings immer mit ′Riese′ übersetzt. Als Riesen gelten hier „jene Figuren[...], die menschengestaltig, übermächtig und von wesentlich anderer Art als die Menschen oder Götter sind“.45 Jacob Grimm nennt sie „[e]ine grosse, menschliches mass weit überragende gestalt [...][,] gleich bergen und hohen Bäumen, starr und unbeholfen“.46
Ursprünglich kommt der Riese aus der griechischen Mythologie, denn hier ist von Zyklopen, Giganten und Titanen die Rede, die Teil der Götterwelt sind. Auch im Alten Testament werden Riesen erwähnt, darunter auch den wohl berühmtesten namens Goliath.47 Um die tatsächliche Existenz von Riesen zu beweisen, hat man auf gefundene Mammutknochen zurückgegriffen. Der Glaube daran war also durchaus lebendig.48
Für die Charakterisierung von Riesen werden oft Beispiele aus der Edda genommen, die für eine Vielfalt an Riesenarten bekannt ist. Erstens werden die Riesen in den meisten Dichtungen als „mächtig“ und „feindselig“ bezeichnet, insbesondere, wenn sie den Göttern gegenüberstehen. Zweitens erreichen die Riesen oft ein sehr hohes Alter. Diese Vorstellung ist auf den Ymir-Mythos zurückzuführen, der den Riesen als Anfang aller Materien, also als erstes Lebewesen darstellt. Drittens ist damit natürlich auch deren Weisheit verbunden, sodass es in den eddischen Liedern oft vorkommt, dass Mitglieder der Götter Riesen aufsuchen und sie nach deren Rat und Wissen fragen. Des Weiteren ist die physische Größe das typische Merkmal eines Riesen, insbesondere in der mittelhochdeutschen Dichtung, und dient dazu, dem Gegner Angst einzuflößen. Damit verbunden ist die Eigenschaft des „Furchterregenden“. Auch die Hässlichkeit der Riesen ist mit ihrem inneren schlechten Verhalten verbunden, denn der mittelalterlichen Vorstellung nach deutet Hässlichkeit auch auf ein inneres, negatives und sündhaftes Benehmen hin.49
Zusammenfassung der Kapitel
1. Einleitung: Die Einleitung führt in das Thema der Fabelwesen in der Antike und im Mittelalter ein und skizziert das methodische Vorgehen der Arbeit anhand der Primärtexte Wigalois und Herzog Ernst.
2. Theoretischer Teil: Dieses Kapitel erläutert die Terminologie und die Einordnung der Fabelwesen in das mittelalterliche Weltbild, inklusive deren Rolle in antiken Quellen und auf mittelalterlichen Weltkarten.
3. Wigalois: Der Abschnitt bietet Hintergrundinformationen zum Werk von Wirnt von Grafenberg und analysiert detailliert die verschiedenen Fabelwesen, denen der Protagonist in seiner Handlung begegnet.
4. Herzog Ernst: Dieses Kapitel widmet sich dem Werk Herzog Ernst, erläutert dessen Hintergrund und untersucht die Vielzahl der dort auftretenden Fabelvölker und deren Begegnung mit dem Herzog.
5. Ergebnisse und Schlussbetrachtung: Der abschließende Teil synthetisiert die Erkenntnisse über die Funktionen der Fabelwesen, vergleicht beide Texte hinsichtlich ihrer Unterschiede und Gemeinsamkeiten und zieht ein Fazit.
Schlüsselwörter
Fabelwesen, Mittelalter, Wigalois, Herzog Ernst, Wundervölker, Monster, Übernatürliches, Artusroman, Literaturanalyse, Mittelalterliches Weltbild, Drache, Riese, Zwerg, Fiktion, Realität.
Häufig gestellte Fragen
Worum geht es in dieser Bachelorarbeit grundsätzlich?
Die Arbeit befasst sich mit der Rolle und Bedeutung von Fabelwesen in der mittelhochdeutschen Literatur, spezifisch in den Werken Wigalois und Herzog Ernst.
Welche zentralen Themenfelder werden bearbeitet?
Die zentralen Felder umfassen die Definition und Einordnung von Fabelwesen in den historischen Kontext, deren Funktionen in der Literatur sowie ihre Darstellung im Weltbild der mittelalterlichen Gesellschaft.
Was ist das primäre Ziel oder die Forschungsfrage der Arbeit?
Das Ziel ist es, zu klären, welche Funktionen Fabelwesen in der mittelalterlichen Literatur einnehmen und warum sie trotz ihrer Übernatürlichkeit als realer Bestandteil des mittelalterlichen Weltbildes betrachtet wurden.
Welche wissenschaftliche Methode verwendet die Autorin?
Die Autorin nutzt eine literaturwissenschaftliche Analyse, die den Rückgriff auf zeitgenössische Quellen (wie das Werk von Rudolf Simek) mit einer detaillierten Textanalyse der Primärquellen Wigalois und Herzog Ernst verbindet.
Was wird im Hauptteil der Arbeit behandelt?
Der Hauptteil gliedert sich in eine theoretische Einführung und zwei praktische Analysekapitel, in denen die spezifischen Fabelwesen in den jeweiligen Romanen detailliert vorgestellt und funktional interpretiert werden.
Welche Schlüsselbegriffe charakterisieren die Arbeit?
Wichtige Begriffe sind unter anderem Fabelwesen, Wundervölker, mittelalterliches Weltbild, religiöse sowie magische Funktion und der Vergleich zwischen höfischer Dichtung und Volksbuch.
Wie unterscheidet sich die Behandlung der Fabelwesen in Wigalois und Herzog Ernst?
Während die Fabelwesen im Wigalois stark in einen christlich-religiösen Kontext eingebettet sind, stehen sie im Herzog Ernst eher für ein magisches, exotisches Weltbild, wobei der Herzog oft gegen ganze Völker statt nur gegen Einzelwesen kämpft.
Welche Rolle spielt die "Glaubhaftmachung" in den Texten?
Die Autoren bemühen sich, das Geschehen für den Leser als wahr erscheinen zu lassen, indem sie reale geografische Bezüge herstellen, detaillierte Beschreibungen liefern oder direkte Appelle an das Publikum richten.
Wie wird das Phänomen der "Fremdheit" im Kontext der Fabelwesen interpretiert?
Fremdheit wird nicht als objektive Eigenschaft der Wesen gesehen, sondern als Konstruktion, die auf dem egozentrischen Weltbild der Menschen basiert und zur sozialen Hierarchisierung genutzt wird.
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- Martine Hansen (Author), 2016, Fabelwesen in den mittelalterlichen Werken "Wigalois" und "Herzog Ernst", Munich, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/355982