Dieser Aufsatz analysiert die Ansichten von Cortesius und Politianus nach einer Argumentation für und wider Cicero als exklusives Nachahmungsvorbild und wie sich diese Punkte durch ihre zwei bekanntesten Briefe ergeben. Dazu werden mögliche Fakten vorgestellt, die einen sozialen Eindruck, Ciceros Wichtigkeit und manche sprachbezogenen humanistischen Ziele in der Italienischen Gesellschaft des 15. Jahrhunderts skizzieren.
Während des 14.-16. Jahrhunderts in Florenz in der Zeit des Renaissance-Humanismus, dessen Beginn dem gesamten bildungsinhaltlichen Erneuerungsplan von Humanisten wie Francesco Petrarca zugeschrieben werden kann, blühte innerhalb des Gelehrtenkreises eine Bewunderung und Hingabe an die klassische Antike auf. Ihr Programm zielte darauf ab, die ganze Gesellschaft durch eine Sprach- und Bildungsreform wie auch durch frische philosophische und theologische Ideen zur Erneuerung zu bewegen. Gleichzeitig setzte die immer noch existente, traditionelle Verbindung mit der ruhmvollen Vergangenheit des Römischen Reichs und generell den Tugenden der inspirierenden klassischen Antike eine bewusstere qualitative Suche nach den berühmtesten und geeignetsten Geistern ein. Diese sollten als Vorbilder und Ideale dienen können, um die humanistische Krise, die das Mittelalter gebracht hatte, zu überholen. Der Rückblick darauf brachte außer der kulturellen Bedeutung des antiken Roms und Griechenlands auch Cicero, den redegewandtesten Menschen, der je gelebt hatte, zurück. Zudem förderte er die Idee einer literarischen Bildung, die zuversichtlich durch die Nachahmung („imitatio“) seines Stils realisiert werden würde.
Inhaltsverzeichnis
1. Einführung
2. Wider Cicero: Politianus der Eklektiker
2.1 Hintergrund
2.2 Der Brief an Cortesius
3. Für Cicero: Cortesius der Ciceronianer
3.1 Hintergrund
3.2 Der Brief an Politianus
4. Überlegungen über die zwei Ansichten
5. Fazit
Zielsetzung und thematische Schwerpunkte
Die vorliegende Arbeit analysiert die Debatte zwischen Angelus Politianus und Paulus Cortesius über die Nachahmung Ciceros. Ziel ist es, die philosophischen Differenzen zwischen dem eklektischen Ansatz des Politianus und dem strengen Ciceronianismus des Cortesius zu untersuchen und deren Bedeutung für das humanistische Bildungsverständnis im Italien des 15. Jahrhunderts zu beleuchten.
- Die Kontroverse um das literarische Vorbild Cicero.
- Die theoretische Abgrenzung zwischen Eklektizismus und Ciceronianismus.
- Die Rolle der imitatio und aemulatio im humanistischen Kontext.
- Soziale und bildungsrelevante Aspekte der Sprachwahl in der Renaissance.
- Die Verbindung zwischen individueller Denkfreiheit und Ausdrucksstil.
Auszug aus dem Buch
2.2 Der Brief an Cortesius
Der Brief von Politianus an seinen Freund – und ab diesem Punkt Kontrahent – Cortesius teilt uns kurz, argumentativ und kategorisch manche humanistischen Ziele und Erwartungen, für die er sich auch einsetzte, mit. Wir können diesen folgendermaßen aufteilen: 1. Konfliktsgründe (Erläuterung seiner Ansichten), 2. Beispiele aus seiner enttäuschenden Erfahrung über die Anwendung der imitatio als literarisches Prinzip und 3. Vorschläge und Ratschläge an seinen Gegner für ein konstruktives und beachtenswertes literarisches Verfassen. 6 Cicero als sprachliches Vorbild scheint auf den ersten Blick nicht genügend zu sein, um eins etwaiges Bildungsprogramm zu unterstützen oder Sprachtalente, die sklavisch nur ein einziges Vorbild – und zwar das allerbeste – nachahmen müssen, zu produzieren und auszuzeichnen (1.7-9, Non enim probare soles – ut accepi – nisi qui liniamenta Ciceronis effingat). Seines Erachtens sei jeder Mensch einzigartig und er solle keinesfalls mit dem Sonderfall Cicero identifiziert werden. Denn was die Menschen voneinander unterscheide und sie zu besonderen Menschen mache, solle irgendwie von sich selbst als eine angeborene und bewusst anleitende Kraft eigenen Tons oder eigenen Geschickes anfangen; nicht aber als eine billige Kopie, die der Originalität, des Gefühles und der Lebendigkeit entbehre (1.16-19, Carent enim quae scribunt isti viribus et vita; carent actu, carent affectu, carent indole; iacent, dormiunt, stertunt. Nihil ibi verum, nihil solidum, nihil efficax.). Diese Gedanken enthalten vielleicht auch Elemente der Selbstmotivation und des Selbstvertrauens, die jemand besitzen muss – sei er z.B. Literat oder Maler – um seine charismatischen Fähigkeiten zu bekunden und zu pflegen, wie auch um etwas wirklich Eigenes zu schaffen.
Zusammenfassung der Kapitel
1. Einführung: Das Kapitel erläutert den humanistischen Kontext des Renaissance-Humanismus und führt in die Debatte um Cicero als exklusives Stilmodell ein.
2. Wider Cicero: Politianus der Eklektiker: Hier wird die eklektische Position von Politianus analysiert, der für individuelle Ausdrucksfreiheit statt sklavischer Nachahmung plädiert.
2.1 Hintergrund: Dieser Abschnitt beleuchtet die intellektuelle Herkunft und die Rolle von Politianus innerhalb der Gelehrtenkreise von Florenz.
2.2 Der Brief an Cortesius: Das Kapitel analysiert die Argumente von Politianus gegen eine zu enge Imitation und für eine eigenständige literarische Schöpfung.
3. Für Cicero: Cortesius der Ciceronianer: Dieses Kapitel widmet sich der Perspektive von Cortesius, der Cicero als oberstes und notwendiges Vorbild verteidigt.
3.1 Hintergrund: Es wird der religiöse und bildungsmäßige Werdegang von Cortesius aufgezeigt, der seinen Hang zum Ciceronianismus begründet.
3.2 Der Brief an Politianus: Die Analyse des Gegenbriefes verdeutlicht die methodischen und pädagogischen Ziele des Cortesius sowie seine Verteidigung eines hohen Sprachniveaus.
4. Überlegungen über die zwei Ansichten: Dieses Kapitel synthetisiert die gegensätzlichen Strömungen und setzt sie in Bezug zum allgemeinen kulturellen Wandel in der Renaissance.
5. Fazit: Die Arbeit schließt mit der Erkenntnis, dass sich die eklektische Strömung letztlich durchsetzte und die Entwicklung hin zu modernen Sprachformen begünstigte.
Schlüsselwörter
Humanismus, Renaissance, Cicero, Ciceronianismus, Eklektizismus, Imitatio, Aemulatio, Politianus, Cortesius, Sprachphilosophie, Stilistik, Klassische Antike, Individuum, Beredsamkeit, Literaturtheorie.
Häufig gestellte Fragen
Worum geht es in der vorliegenden Hausarbeit im Kern?
Die Arbeit untersucht die philosophische und stilistische Debatte im 15. Jahrhundert zwischen den Anhängern des strikten Ciceronianismus und den Eklektikern, exemplarisch verdeutlicht durch den Briefwechsel zwischen Politianus und Cortesius.
Welche zentralen Themenfelder behandelt der Autor?
Zentrale Themen sind die humanistische Bildungskrise, die Methoden der Nachahmung antiker Vorbilder (Imitatio) sowie der Einfluss des individuellen Talents auf den literarischen Stil.
Was ist das primäre Ziel der Forschungsarbeit?
Das Ziel ist es, die Beweggründe der beiden Kontrahenten für ihre jeweiligen stilistischen Überzeugungen aufzuzeigen und deren Bedeutung für die Entwicklung der italienischen Sprache und Denkweise einzuordnen.
Welche wissenschaftliche Methode wird in der Arbeit angewandt?
Der Autor nutzt die philologische Analyse von Brieftexten und Quellen, um die theoretischen Positionen der Humanisten detailliert nachzuzeichnen und interpretativ gegenüberzustellen.
Welche Schwerpunkte bilden den Hauptteil?
Der Hauptteil gliedert sich in die Untersuchung des Briefwechsels, die Gegenüberstellung der Argumente für und gegen Cicero sowie die Einordnung dieser Debatte in den größeren Kontext der europäischen Geistesgeschichte.
Welche Schlüsselwörter charakterisieren die Untersuchung?
Die Arbeit ist durch Begriffe wie Humanismus, Ciceronianismus, Eklektizismus, Imitatio, Stilistik und Sprachreform geprägt.
Warum lehnte Politianus eine rein ciceronianische Nachahmung ab?
Politianus empfand eine starre Nachahmung als eine Einengung des individuellen Talents; für ihn sollte ein Autor eine persönliche Stimme entwickeln, anstatt als bloßer Nachahmer ("Affe") zu fungieren.
Wie begründete Cortesius seine Treue zu Ciceros Stil?
Cortesius sah in Cicero das notwendige Vorbild für eine wiederzubelebende, würdevolle Beredsamkeit, die besonders für kirchliche und pädagogische Zwecke essenziell war.
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- Michael Barkas (Autor), 2014, Politianus und Cortesius. Ihre Ansichten pro und contra Cicero als exklusives Nachahmungsvorbild, Múnich, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/356151