Was ist normal? Oder: Der Fehler A.1

Die Rolle gesellschaftlicher Konventionen in der Sprechakt-Theorie von John L. Austin


Essay, 2017

5 Seiten, Note: bestanden


Leseprobe

Was ist normal? Oder: Der Fehler A.1

Die Rolle gesellschaftlicher Konventionen in der Sprechakt-Theorie von John L. Austin

Essay von Sandra Lill

Der Anspruch, den Austin zu Beginn der ersten Vorlesung an seine eigene Theorie hat, ist nicht sehr bescheiden: sie sei „nichts Schwieriges und schon gar nichts Anspruchsvolles“ (S. 25)[1]. Nur dass es stimmt, was er zu sagen hat, konstatiert er. Den zweiten Teil dieser Behauptung halte ich nicht für übertrieben, und sein weitreichender Einfluss in verschiedenen Bereichen der Philosophie und der Sprachwissenschaft gibt ihm wohl recht. Dass es sich bei seinen Erläuterungen allerdings um nichts Anspruchsvolles handelt, kann ich so nicht grundsätzlich unterschreiben und ist wohl auch ein wenig kokettierend seinerseits gemeint.

Austin befasst sich mit performatorischen oder auch performativen Äußerungen, durch die also etwas getan wird, das man „natürlich nur unter passenden Umständen“ (S. 29) nicht als „etwas sagen“ bezeichnen würde. Doch worum handelt es sich bei diesen passenden Umständen?

Es ist „immer nötig, daß die Umstände, unter denen die Worte geäußert werden, in bestimmter Hinsicht oder in mehreren Hinsichten passen “ (S. 31). Der deutsche Herausgeber des Werkes, Eike von Savigny, übernimmt die kursive Hervorhebung der Worte „Umstände“ und „passen“ nicht nur zufällig. Die kursive Druckschrift verdeutlicht, dass Umstände nicht objektiv passen oder nicht passen können, sondern dass sich hinter dieser Unterscheidung eine subjektive Einschätzung verbirgt, die gesellschaftlichen Konventionen unterliegt.

In der zweiten Vorlesung untersucht Austin die Fälle, in denen jene Konventionen nicht erfüllt sind, genauer. Er stellt fest, dass eine unter derartigen Umständen getätigte Äußerung nicht „falsch“ genannt werden kann, vielmehr ist sie „verunglückt“. Es folgt die bekannte schematische Darstellung der Unglücksfälle A.1, A.2, B.1, B.2 sowie Γ.1 und Γ.2 (sprich: Gamma 1 und Gamma 2).

Was ist normal? Was macht aus einem bloßen Akt eine gesellschaftlich anerkannte Konvention? Aufgrund der Fragestellung ist für diesen Essay insbesondere die erste Regel interessant. Diese besagt, dass es zum Glücken einer performativen Äußerung „ein übliches konventionales Verfahren mit einem bestimmten konventionalen Ergebnis“ (S. 37) geben muss, welches unter anderem aus dem Äußern bestimmter Wörter durch bestimmte Personen unter bestimmten Umständen besteht.

Der Verstoß gegen eine A- oder B-Regel führt dazu, dass die entsprechende Handlung nicht vollzogen wird. Dadurch kategorisiert Austin die durch einen solchen Fehler entstandenen Unglücksfälle als „Versager“. Der im englischsprachigen Originaltext verwendete Ausdruck Fehlzündung (misfire) veranschaulicht noch bildlicher, wie die Äußerung des Sprechers versagt, da sie nicht unter den korrekten Konventionen getätigt wurde. Weiterhin konkretisiert Austin die beiden A-Unglücksfälle dadurch, dass es entweder kein entsprechendes Verfahren gibt, auf welches sich die Äußerung berufen könnte, oder das Verfahren in der jeweiligen Situation aus bestimmten Gründen so nicht angewendet werden kann. Er nennt die beiden A-Fehler deshalb „Fehlberufungen“ (engl. misinvocations).

Hier hält Austin in seinem Versuch inne, passende Benennungen für die Anteile seines Schemas zu nennen, was den Fall A.1 betrifft. „Für die erste Art habe ich keinen guten Namen finden können“ (S. 39), gibt er in Vorlesung 2 vorläufig zu. Der Herausgeber der englischen Ausgabe, J. O. Urmson, ergänzt in einer Fußnote „für den interessierten Leser“ (S. 40), um den es sich an dieser Stelle selbstverständlich handelt, einen weiteren Namen, den Austin für den Fehler A.1 stellenweise benutzt: Non-play. Der Sprecher spielt das gesellschaftliche Spiel, das aus Handlungen und deren Bedeutungen besteht, in diesem Moment nicht mit. Diesen Namen halte ich für sehr anschaulich und naheliegend, jedoch im Deutschen für schwer wiederzugeben. „Spielverderber“ richtet sich eher an die A.2-Fälle, „Außenseiter“ oder „(Spiel-)Verweigerer“ dagegen könnte man in Betracht ziehen.

Als konventionale Handlungen, die aufgrund dieser Eigenschaft verunglücken können, fasst Austin alle diejenigen auf, „die in allgemein üblichen Formen oder zeremoniell ablaufen müssen“ (S. 41). Mit diesen beschäftigt Austin sich intensiv in Vorlesung 3, in der er zunächst die Formulierungen „es muss geben“ und „üblich“ unter die Lupe nimmt, die er in seiner aufgestellten Regel (s.o.) verwendet.

Wird bei einem Spiel zur Bildung zweier Mannschaften ein Junge namens Georg gewählt, und dieser antwortet, dass er nicht mitspiele (vgl. S. 48), so nimmt Georg in unserem Beispiel ebenso die Rolle des Spielverweigerers ein, wie die Äußerung „Ich wähle Georg“ die Teilnahme am Spiel der Konvention des Wählens verweigert und damit verunglückt ist. Austin argumentiert, dass hierbei der Fehler A.1 oder der Fehler A.2 erkannt werden kann, je nachdem, ob es sich um ein gänzlich inexistentes Verfahren handelt oder ob Georg in dieser Situation nur der Falsche für eine grundsätzlich anerkannte Konvention ist.

Austin unterscheidet, um den Verstoß gegen die Regel A.1 weiter zu veranschaulichen, Verfahren, die entweder nicht mehr oder noch nicht existieren. Beide folgen keiner gegenwärtig anerkannten Konvention. Als Exempel für den ersten Fall wird die Forderung zum Duell in vergangenen Jahrhunderten durch die Äußerung „Ich erwarte Ihre Sekundanten“ (S. 48) angeführt. Welche Verfahren zukünftig als gesellschaftlich anerkannt gelten werden, lässt sich dagegen sehr viel schwieriger bzw. überhaupt nicht ausmachen. An dieser Stelle plädiert Austin daher lediglich dafür, dass gewisse Äußerungen, wie etwa „Ich beleidige Sie“ (S. 51) nicht akzeptiert werden können. Er erkennt eine Schranke, die sich der Interpretation einer solchen Äußerung als Beleidigung in den Weg stellt, ohne diese genauer beschreiben zu können. Die Konvention des Beleidigens glückt nicht durch die explizite Verwendung des Verbums, sondern durch entsprechende Maledicta wie „Idiot!“ oder „Dummkopf!“.

In der Unterscheidung zwischen expliziten und impliziten performativen Äußerungen spielen die Umstände eine große Rolle, unter denen die Äußerung getätigt wird, und ob diese gesellschaftlichen Konventionen entsprechen oder nicht. Während eine explizit performative Äußerung wie etwa „Ich befehle Ihnen zu gehen“ unabhängig von der situativen Gegebenheit ist, kann ihre implizite Schwester „Gehen Sie!“ unter verschiedenen Umständen unterschiedlich interpretiert werden (vgl. S. 52). Ohne den Zusammenhang zu kennen, kann dieser Imperativ als Warnung, Drohung, Rat oder anderweitig dienen. Austin nennt derartige Äußerungen „primitiv performativ“ (S. 53), dann auch „primär“ (S. 89).

Diese Untergruppe von Äußerungen ist besonders interessant, da an ihnen die Frage danach, was normal ist, weiter untersucht werden kann. Bleiben wir zunächst bei oben genanntem Beispiel, dem Imperativ „Gehen Sie!“. Stellen wir uns vor, wie ein guter Freund von uns lächelnd seine Wohnungstüre öffnet und diesen Satz dabei ausspricht. In diesem Fall widersetzt er sich der gesellschaftlichen Konvention, Bekannte willkommen zu heißen, und mit dem Öffnen einer Türe zum Eintreten einzuladen. Die Äußerung „Gehen Sie!“ wird dadurch als fehl am Platz und missglückt empfunden. Es handelt sich um den Regelverstoß des Nicht-Mitspielens, A.1. Unser Freund nimmt an dem allgemein gültigen Spiel, Freunde in die eigene Wohnung zu bitten und dabei zu duzen, anscheinend nicht teil. Er hätte mit seinen Worten beispielsweise eine Warnung vermitteln wollen, (die explizit performative Äußerung würde „Ich warne Sie, gehen Sie“ lauten), doch durch die unüblichen Gesten des Lächelns und Türöffnens bei Warnungen missglückt diese. Es ist also NICHT normal, während einer derartigen Warnung zu lächeln. Das begleitende Verhalten des Sprechers und die Umstände der Ausgangssituation widersprechen dem Inhalt der Äußerung (vgl. Nummer 5 und 6 auf S. 95f).

Eine weitere Situation soll nun untersucht werden, in der die gesellschaftliche Konvention eine Rolle spielt. Es handelt sich um die sogenannten Höflichkeitsfloskeln, die laut Austin leider manchmal fälschlicherweise ein Gefühl oder eine innere Einstellung beschreiben, die in Wahrheit so nicht existiert. Der eigentlich performative Akt des Entschuldigens durch die Worte „Es tut mir leid“ wird dann ausgehöhlt, wenn sie nur zur gesellschaftlichen Akzeptanz anstatt aufrichtig geäußert werden. Somit ist hier „ein konventioneller Ausdruck von Gefühlen oder Einstellungen nicht allein damit schon eine performative Äußerung“ (S. 100). Es gilt in manchen Situationen also als normal, um die Titelfrage wieder aufzugreifen, dass über Gefühle nicht wahrheitsgemäß gesprochen wird. „Leider“, in der Tat.

Wann können, neben ihrem Gebrauch in Floskeln, scheinbar performative Äußerungen noch keinen performativen Charakter haben? Die verdiktiven, bestimmten Worte „Ich urteile, dass der Ball im Aus war“, benötigen für ihre performative Wirkung bestimmte Umstände. Geäußert von dem das jeweilige Fußballspiel leitenden Schiedsrichter als bestimmter Person besitzen sie diese Wirkung, von einem es besser wissen wollenden Zuschauer vor dem Fernseher dagegen nicht (vgl. S. 107). Dennoch ist derartiges Verhalten jedoch ebenfalls unter Fußballfans eindeutig normal.

Nach Austin sind performative Äußerungen vor dem Fehler A.1 geschützt, wenn ein konventionales Verfahren (bestimmte Person, bestimmte Umstände, bestimmte Wörter) zu einem konventionalen Ergebnis führt. Das Verfahren des Warnens – eine exzeritive Äußerung, wie Austin sie in der zwölften Vorlesung nennt (vgl. S. 173f.) – durch das Wort „Vorsicht!“ glückt also, wenn es beispielsweise von einem Bauarbeiter auf einem Baugerüst einem nahenden Spaziergänger gegenüber geäußert wird und hat dann voraussichtlich das Ergebnis, dass der Läufer anhält, bevor ihm der Ziegelstein auf den Kopf fällt.

Welches Kriterium ist bei dieser Äußerung nun ausschlaggebend dafür, dass der Akt der Warnung vollzogen wird? Ist es die bestimmte Person? Stellen wir uns vor, ein junges Mädchen stünde auf eben jenem Baugerüst und schreie „Vorsicht!“ herab. Der Spazierende würde wohl ebenfalls anhalten. Sind es also die Umstände? Sollte der selbe Bauarbeiter am Abend in einem Restaurant „Vorsicht!“ rufen, so würden seine Zuhörer zwar wohl nicht befürchten, von einem herabfallenden Ziegelstein getroffen zu werden, sondern eher von einem Teller Tomatensuppe, die der Kellner balanciert. Der Akt des Warnens wäre jedoch ebenfalls gelungen. Es müssen also die bestimmten Wörter sein, die eine performative Äußerung endgültig glücken lassen. Ruft nämlich der selbst Bauarbeiter vom selben Baugerüst dem nichtsahnenden Passanten „Hallo!“ zu, so misslingt die Warnung, der Spaziergänger wird getroffen und hat nicht mehr allzu viel von der Tatsache, dass der Akt des Warnens durch den Fehler A.1 zwar fehlgeschlagen, der des Begrüßens aber vollzogen ist. Es ist normal und entspricht den Konventionen, das Wort „Vorsicht“ in derartigen Situationen zu verwenden.

[...]


[1] Alle Zitate stammen, soweit nicht anders angegeben, aus: Austin, J. L. (1972, 1979). Zur Theorie der Sprechakte (How to do things with words). Stuttgart: Philipp Reclam jun. GmbH & Co. KG. Nr. 9396

Ende der Leseprobe aus 5 Seiten

Details

Titel
Was ist normal? Oder: Der Fehler A.1
Untertitel
Die Rolle gesellschaftlicher Konventionen in der Sprechakt-Theorie von John L. Austin
Hochschule
Ludwig-Maximilians-Universität München
Note
bestanden
Autor
Jahr
2017
Seiten
5
Katalognummer
V356360
ISBN (eBook)
9783668427013
Dateigröße
510 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
John Austin, Sprechakte, Gesellschaft, Konventionen, Philosophie, Sprachphilosophie, Sprache, Austin, Sprechakttheorie
Arbeit zitieren
Sandra Lill (Autor:in), 2017, Was ist normal? Oder: Der Fehler A.1, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/356360

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