Der "Lazarillo de Tormes" zwischen Sein und Schein. Geschichtliche Hintergründe, Analyse und Bezugnahme auf Erasmus von Rotterdam und Niccolò Machiavelli


Bachelorarbeit, 2016
35 Seiten, Note: 2,1

Leseprobe

Inhalt

1. Einleitung

2. Gesellschaftliche Hintergründe im Siglo de Oro

3. Charakteristika des pikaresken Romans im Lazarillo de Tormes

4. Lazarillo im Spannungsfeld von Sein und Schein
4.1 Das barocke Motiv engaño vs. desengaño
4.2 Erasmistische Einflüsse
4.3 Machiavellistische Einflüsse

5. Auf dem Gipfel des Glücks: Mehr Schein als Sein?

6. Fazit

Literaturverzeichnis

1. Einleitung

Der Lazarillo de Tormes zählt noch heute zu den Meisterwerken der spanischen Literatur und übt seit Jahrhunderten eine Faszination auf seine Leser aus[1]. Mit dem schmalen Büchlein, das von einem anonymen Autor verfasst wurde, über dessen Identität noch immer gerätselt wird[2], erwachte das Genre des pikaresken Romans mit der Veröffentlichung des Lazarillo de Tormes im Jahre 1554 zum Leben.

Als Erstes werden die gesellschaftlichen Hintergründe geschildert, welche das Siglo de Oro bestimmten (vgl. 2, S. 4). Aufgrund des Erscheinungsdatums des Werks liegt der Fokus dabei auf der Renaissance (16. Jahrhundert), auch wenn das Zeitalter des Barock (17. Jh.) ebenso zum Goldenen Zeitalter gehört[3]. Danach werden die Charakteristika des pikaresken Romans in Bezug auf das Opus, das den vollen Titel Lazarillo de Tormes: y de sus fortunas y desadversidades trägt, vorgestellt (vgl. 3, S. 5). Der Roman ist in Briefform geschrieben[4]. Lazarillo, der Protagonist und Ich-Erzähler der Geschehnisse, schildert einer anderen Person, die im Prolog mit „Vuestra Merced“[5] angesprochen wird und vermutlich einen hohen sozialen Rang hat[6], seine Lebensgeschichte, in der er verschiedenen Herren dient und lernt, sich in der Welt zu behaupten.

Im 4. Kapitel geht es um die Frage, inwiefern Lazarillo sich im Laufe seiner Entwicklung im Spannungsverhältnis von Sein und Schein bewegt und verhält. Außerdem wird thematisiert, welche literarischen Einflüsse und Motive in Lazarillos Handeln bzw. dem Handeln seiner Herren zu finden sind. Dazu wird zunächst das barocke Motiv engaño vs. desengaño näher beleuchtet (vgl. 4.1, S. 11). Im Anschluss daran folgen Einflüsse, die auf die Ideenlehre des Erasmus von Rotterdam zurückzuführen sind (vgl. 4.2, S. 16), sowie machiavellistische Einflüsse, die von Niccolò Machiavelli geprägt sind (vgl. 4.3, S. 19). Zum Schluss wird sich die Frage gestellt, ob Lazarillo sich am Ende der 7. Abhandlung (tractado VII) wirklich auf dem „Gipfel des Glücks“, der sogenannten „cumbre de toda buena fortuna“[7], befindet oder ob nach der jahrelangen Entwicklung des Protagonisten die Redewendung „Mehr Schein als Sein“ greift (vgl. 5, S. 27). Im abschließenden Fazit werden die wichtigsten Ergebnisse zusammengefasst (vgl. 6, S. 30).

2. Gesellschaftliche Hintergründe im Siglo de Oro

Da der Lazarillo de Tormes 1554 veröffentlicht und voraussichtlich zwischen 1520 und 1540 geschrieben wurde[8], wird im Folgenden das Zeitalter der Renaissance näher beleuchtet. Mit dem Begriff Renaissance ist eine Rückbesinnung auf die Antike gemeint, welcher Bezug zu literarischen Werken antiker Gelehrter nimmt[9]. Auch im Lazarillo lässt sich dieser antike Einfluss feststellen, da bereits im Prolog Plinius und Cicero zitiert werden[10].

Vor dem Entstehungszeitraum Lazarillos, bis zum Beginn des 16. Jahrhunderts, herrschten die Katholischen Könige Ferdinand II. von Aragón (1452 – 1516) und Isabella I. von Kastilien (1451 – 1504) in Spanien, für die der katholische Glaube von wesentlicher Bedeutung war, da er ihnen „als ideologisches Herrschaftsinstrument zum Erlangen und zum Erhalt von Einheit und Macht“[11] dienlich war. Nach Karl I. regierte sein Sohn Philipp II. den monarchischen Staat ab 1556 bis zu seinem Tod 1598[12].

Im Zeitalter der Glaubenskämpfe kam es zu verschiedenen innerkatholischen Reformen in den spanischen Kirchen und Klöstern, denen die Gegenreformation als konservative, katholische Reformbewegung entgegen trat. Allerdings waren die Befürworter der Gegenreformation, allen voran Philipp II., gegen jegliche Neuerungen, die den Katholizismus hätten schwächen oder verändern wollen[13]. Nachdem die protestantische Reformbewegung in Europa institutionalisiert worden war, sah sich die katholische Kirche gezwungen, unter Mithilfe der Inquisition[14], die Kontrolle der Gläubigen zu verschärfen[15]. Die 1478 von den Katholischen Königen eingeführte Inquisition war unter anderem mit der Ausübung der Zensur beauftragt und erstellte Verzeichnisse mit verbotenen Werken[16]. Auf diesem Index landete Lazarillo de Tormes im Jahre 1559[17], so dass der Roman zur damaligen Zeit nur noch heimlich gedruckt und gelesen werden konnte[18]. Der Gesellschaft jagte die Inquisition Angst ein, vor allem nachdem ab 1540 die „systematische Verfolgung der Anhänger des erasmianischen Humanismus“[19] begann. Auch herrschte häufig Misstrauen untereinander, weil die Nachbarn befürchteten, dass sie von jemandem bei den Inquisitoren angeklagt werden würden[20].

Was die Bevölkerung anging, bestand das Bürgertum zum damaligen Zeitpunkt hauptsächlich aus kleinen Gewerbetreibenden und Handwerkern und war nur spärlich vertreten. Die Mehrheit der Bauern war von Lehnsherren abhängig und die meisten auf dem Land lebenden Bauern verbrachten ihr Dasein in Armut und Misere. Doch auch das Bürgertum und der niedere Adel kämpften gegen die Verarmung an[21]. Es kam zu einer „massiven Abwanderung der Landbevölkerung und […] zu einer merklichen Erhöhung der in den Städten lebenden Unterprivilegierten“[22], zu welchen die Bettler, Kleinkriminellen, Pikaros und Prostituierten zählten[23], von denen einige der Genannten im Lazarillo de Tormes ebenfalls eine Rolle spielen.

Obwohl Spanien während des 16. Jahrhunderts der Aufstieg „von einem Randstaat zur führenden Weltmacht“[24] gelang, spürte das Volk davon wenig. Es bestand ein großer Unterschied zwischen dem Reichtum der dünn besiedelten Oberschicht und der Armut der restlichen Bevölkerung[25].

3. Charakteristika des pikaresken Romans im Lazarillo de Tormes

Mit dem Lazarillo de Tormes wurde der Grundstein für das Genre des pikaresken Romans gelegt, welcher sich im 17. und 18. Jahrhundert in ganz Europa ausbreitete[26], wenn auch die Bezeichnung „pikaresker Roma“ zu diesem Zeitpunkt noch nicht existierte[27]. Es handelt sich bei dieser Untergattung des Romans um eine nicht idealisierende, sondern realistische Darstellung der alltäglichen Wirklichkeit, die aus der Sicht eines Mitglieds der unteren Bevölkerungsschicht geschildert wird. Dadurch grenzt sich die novela picaresca von den die Realität beschönigenden Ritter- und Schäferromanzen ab[28]. Im Deutschen werden die pikaresken Romane als Schelmenromane bezeichnet[29], wobei der Pikaro kein Schelm im Sinne eines Witzboldes ist. Dennoch enthält eine novela picaresca viele parodierende und ironische Elemente, die es für den Leser aufzudecken gilt[30]. Der Protagonist Lazarillo de Tormes ist ein Anti-Held. Das Werk bildet einen Gegenpol zu dem ein paar Jahre zuvor erschienen Ritterroman Amadís de Gaula, dessen Hauptfigur einen prototypischen Helden verkörpert. Der anonyme Autor entwirft seinen Anti-Helden genau gegenteilig zu dem Ritter[31]. Lazarillo ist ein „anti-héroe, anti-noble y sin duda anti-caballero“[32].

Claudio Guillén erklärte, dass es typisch für den pikaresken Roman sei, dass er „das problematische Verhältnis zwischen individueller Wirklichkeitserfahrung und sozialen Konventionen“[33] aufdecke, was auf das Schicksal Lazarillos zutrifft. Guillén erarbeitete im Jahre 1962 einen Merkmalskatalog, welchem noch heute von Literaturwissenschaftlern, die sich mit dem Genre auseinander setzen, Beachtung geschenkt wird[34]. Im Folgenden werden diese Merkmale der novela picaresca vorgestellt und in Beziehung zum Roman Lazarillo de Tormes gesetzt, der in sieben Abhandlungen (tractado I bis tractado VII) eingeteilt ist, in welchen Lazarillo den „drei im 16. Jahrhundert sozial-politisch gesehen bedeutsame[n] Bevölkerungsgruppen“[35] begegnet. Mit diesen drei Gruppen sind die Unterschicht, verkörpert durch den Blinden, die Kirche, die von verschiedenen Klerikern repräsentiert wird, und der Adel, der durch den verarmten Hidalgo portraitiert wird, gemeint[36].

Das erste Merkmal eines pikaresken Romans bezieht sich auf den Pikaro selbst, der sich in einer Außenseiterposition am unteren Rand der Bevölkerung befindet und dessen Ziel die soziale Integration in die Gesellschaft ist[37].

Im ersten tractado des Lazarillo de Tormes wird berichtet, aus welchen Verhältnissen Lazarillo, der Protagonist und Pikaro der novela picaresca, stammt. Seine Eltern Tomé González und Antona Pérez gehören der niedrigsten gesellschaftlichen Klasse, die als „Vorläuferin des Proletariats“[38] bezeichnet werden kann, an. Während Lazarillos Vater als Müller arbeitet und hin und wieder seine Kunden bestiehlt, verdient Antona Pérez ihr Geld als Prostituierte. Seinen Nachnamen de Tormes gibt sich Lazarillo selbst, da er in der Mühle des Vaters auf dem Fluß Tormes geboren wurde[39]. Letztendlich kommt Lazarillos Vater in einem der Feldzüge gegen die Mauren ums Leben, so dass Antona Pérez als Witwe mit ihrem damals 8-jährigen Sohn in die Stadt zieht, um sich ein Häuschen zu mieten und Geld zu erwirtschaften, indem sie für einige Studenten Essen kocht und den Stalljungen des Magdalenen-Ordens ihre Wäsche wäscht[40]. Das Ziel von Lazarillos Mutter lautet, sich an den guten Menschen zu orientieren und wie sie zu werden, was im tractado I wie folgt formuliert wird:

Mi viuda madre, como sin marido y sin abrigo se viese, determinó arrimarse a los buenos, por ser uno dellos, y vínose a vivir a la ciudad y alquiló una casilla [...][41].

Die Formulierung “arrimarse a los buenos” ist als geplante soziale Integration in die Gesellschaft zu sehen[42]. Sie wird im Laufe der Geschichte erneut aufgegriffen und auch für Lazarillo zur erklärten Absicht, als dieser auf sich selbst gestellt ist und sich auf die Suche nach seinem Glück macht.

Das zweite Merkmal besteht darin, dass pikareske Texte in der Regel aus der subjektiven Perspektive eines Ich-Erzählers geschrieben sind und es um die Lebensgeschichte des Pikaros geht. Es bleibt jedoch für den Leser zweifelhaft, ob es sich um die gesamte Wahrheit des Geschehens handelt, da der Pikaro sich häufig in Widersprüche verwickelt oder konkrete Erlebnisse nur andeutet, nicht aber ausführt, so dass Auslassungen vorhanden sind[43]. Die beschriebenen Eigenschaften passen exakt zum Lazarillo der Tormes, welcher in der Ich-Perspektive verfasst wurde, so dass Lazarillo seine eigene Geschichte erzählt und, wie schon der Titel des Romans ankündigt, von seinen fortunas und adversidades erzählt[44]. Beim Lazarillo handelt es sich sogar um die erste „novela española del yo“[45], mit welcher der moderne Roman in die spanische Literatur eingeführt wird[46]. Was die Auslassungen angeht, ist festzustellen, dass die tractados I bis III ausführlich und detailliert geschrieben sind, während sich der Ich-Erzähler ab dem tractado IV eher kurz fasst[47] und dem Leser einige seiner Erlebnisse verschweigt, indem er sie nur andeutet und am Ende des tractados IV Folgendes berichtet:

Éste [su amo] me dio los primeros zapatos que rompí en mi vida; mas no me duraron ocho días, ni yo pude con su trote durar más. Y por esto y por otras cosillas que no digo, salí dél[48].

Mit seinen Andeutungen in Bezug auf “otras cosillas”[49] macht der Protagonist deutlich, dass er bestimmte Erlebnisse auslässt und sie dem Leser vorenthält, der in diesem Fall nur spekulieren kann, was dem jungen Pikaro beim Mönch vom Orden der Barmherzigen Brüder widerfahren ist[50].

Widersprüchlichkeiten finden sich beispielsweise in der zweiten Abhandlung, als der schlafende Lazarillo den Schlüssel zum Tabernakel in seinem Mund aufbewahrt, der offen steht, so dass ein Pfeifton entsteht, den der Geistliche für das Pfeifen einer Natter hält und sich, mit einem Knüppel bewaffnet, auf die Suche nach ihr macht. In besagtem tractado II wird detailliert beschrieben, wie der Geistliche sich leise aufmacht und schließlich auf den schlafenden Lazarillo mit dem Schlüssel im Mund stößt[51]. Fraglich ist an dieser Stelle, woher der Ich-Erzähler die beschriebenen Details weiß, da er zu dem Zeitpunkt schläft und nicht beobachtet haben kann, wie sein Herr sich auf die Suche nach dem nächtlichen Brot-Dieb machte[52]. Die beschriebene Szene klingt eher nach einer auktorialen Erzählsituation als nach einem personalem Ich-Erzähler, da die Erzählinstanz über Informationen verfügt, die der Protagonist nicht miterlebt haben kann. Es liegt demnach eine Mischform beider Erzählperspektiven vor, so dass man von einem auktorialen Ich-Erzähler sprechen kann.

Das dritte Merkmal der novela picaresca ist die Tatsache, dass die Welt, in der der Pikaro lebt, von materiellen Werten dominiert wird. Das Geschehen dreht sich oft „um ,niedrige‘, elementare Dinge: um Körper, Essen, Geld, um das nackte Überleben, um Hunger, Durst und Lust“[53] sowie um die gesellschaftlichen und moralischen Fragen, die mit diesen Themen verbunden sind[54]. Dass Essen, Hunger und Überleben zentrale Themen im Lazarillo sind, wird deutlich, wenn Lazarillo seinen verschiedenen Herren dient. Im tractado I hat der kleine Junge vom Fluss noch den Vorteil, dass er einen Blinden unterstützt, so dass es ihm durch kleine Streiche hin und wieder gelingt, sich etwas Essbares zu stibitzen, wenn er auch häufig mit Prügelstrafen dafür bezahlen muss, wie beispielsweise bei der Anekdote mit der Schlackwurst, welche in 4.1 (S. 15) näher erläutert wird[55]. Bei seinem zweiten Herrn muss Lazarillo noch mehr Hunger leiden, da dieser ihn mit Argusaugen beobachtet, so dass es dem Kind nicht gelingt, sich Geld für Lebensmittel aus der Opfer-Schale zu beschaffen. Stattdessen muss der kleine Pikaro tagelang hungern und darf sich alle vier Tage eine Zwiebel als Essensration aus der Kammer holen[56], während der Geistliche selbst sogar regelmäßig Fleisch isst[57]. Dennoch hat Lazarillo bei dem geizigen Priester das Glück, dass er sich beispielsweise beim Leichenschmaus auf Beerdigungen satt essen kann[58], während er bei seinem dritten Herrn, dem Junker, tatsächlich um das oben zitierte nackte Überleben kämpfen muss, weil dieser so arm ist, dass er weder sich selbst noch seinen Diener ernähren kann[59]. Was die gesellschaftlichen und moralischen Fragen angeht, die die Themen Hunger, Geld und Überleben mit sich bringen, werden diese in Kapitel 4 aufgegriffen.

An vierter Stelle wird Guilléns Merkmal genannt, welches besagt, dass der Pikaro als Beobachter fungiert, der „sich durch verschiedene gesellschaftliche Schichten und durch einen heterogenen geographischen Raum bewegt“[60]. Außerdem wird in dem pikaresken Text stets ein Gegenwartsbezug hergestellt[61], was auf den Lazarillo zutrifft, da in ihm beschrieben wird, wie die spanische Gesellschaft im 16. Jahrhundert gelebt hat. Zur damaligen Zeit wirkten die pikaresken Romane als „fiel reflejo de la sociedad europea“[62] und beschrieben die harte und häufig brutale Realität, welcher sich die Pikaros beugen mussten[63]. Im Laufe seiner Entwicklung vom kleinen Jungen zum jungen Erwachsenen dient Lazarillo den unterschiedlichsten Herren, von einem Bettler über einen Mönch und einen Maler bis hin zu einem Erzpriester, so dass die verschiedenen Gesellschaftsklassen abgedeckt werden. Der junge Pikaro wechselt nicht nur seine Herren, sondern auch die Städte, in denen er ihnen zu Diensten steht, „pues lo esencial es la movilidad del personaje“[64] dieses Genres. So startet Lazarillo sein Abenteuer in Salamanca und verbringt im Laufe der Jahre seine Zeit auch in anderen Städten wie Escalona, Toledo und zahlreichen umliegenden Dörfern, beispielsweise, als er mit dem Ablasskrämer durch die Ortschaften zieht, um die Ablasszettel zu verkaufen[65]. Die Beobachterrolle des Jungen wird durch die Ich-Perspektive dargestellt, da er seine Erlebnisse von einer subjektiven Sichtweise von der untersten Gesellschaftsschicht mit nach oben gerichtetem Blick schildert[66].

Das letzte Merkmal beschreibt die Episodenhaftigkeit der novela picaresca, welche zur Folge hat, dass sich die pikaresken Geschichten in der Regel beliebig fortsetzen lassen. So kann an die letzte Episode problemlos eine oder mehrere neue Episoden angeknüpft werden[67]. Der Lazarillo de Tormes besteht aus sieben Abhandlungen oder tractados, welche als einzelne Episoden zu bezeichnen sind, so dass auch das fünfte Merkmal der pikaresken Romane auf das hier thematisierte Werk zutrifft. Außerdem existieren sowohl eine anonyme Fortsetzung des Lazarillo namens Segunda parte de la vida de Lazarillo de Tormes, y de sus fortunas y adversidades (1555)[68] sowie eine Segunda parte de la vida de Lazarillo de Tormes von Juan de Luna aus dem Jahre 1620[69], so dass auch die Möglichkeit der Fortsetzung der Episoden des Protagonisten gegeben ist.

Abschließend ist festzustellen, dass alle fünf Merkmale des pikaresken Romans, auf das Werk Lazarillo de Tormes zutreffen, so dass es sich, wenn man Guilléns Merkmalskatalog als Maßstab nimmt, zweifelsohne um eine novela picaresca handelt. Dennoch wurde genau diese Frage, ob der Lazarillo nun wirklich der erste pikareske Roman war oder nur als Vorläufer des pikaresken Romans bezeichnet werden kann, in der Literaturwissenschaft ausführlich diskutiert[70].

4.Lazarillo im Spannungsfeld von Sein und Schein

In den folgenden Unterkapiteln wird untersucht, inwiefern sich Lazarillo de Tormes auf seinem Lebensweg im Spannungsfeld zwischen Sein und Schein unter der Berücksichtigung verschiedener literarischer Einflüsse bewegt und verhält.

Auch wenn der jungen Pikaro aus einer armen, sich im Zwielicht bewegenden Familie stammt, ist er dennoch ein Junge, der unter der Obhut einer ihren Sohn liebenden Mutter aufgewachsen ist[71]. Dass es sich bei den Eltern Lazarillos tatsächlich um Persönlichkeiten und nicht bloß um beliebig austauschbare Typen eines gesellschaftlichen Standes handelt, wird dadurch unterstrichen, dass die Erzeuger Lazarillos Namen tragen[72], im Gegensatz zu den Herren des Pikaros, die alle nur über bestimmte Typen, nicht aber über eigene Namen, definiert werden. Zu Anfang der Geschichte befindet sich Lazarillo demnach auf der Seite des Seins, da er von seiner Familie geliebt wird, Menschlichkeit und Zuneigung erfährt[73]. Lazarillo weiß zu diesem Zeitpunkt noch nicht viel über die Scheinheiligkeit der Menschen in der Welt.

4.1 Das barocke Motiv engaño vs. desengaño

Das spanische Wort enga ño, das auf Deutsch mit Betrug, Hinterhältigkeit, List oder Täuschung zu übersetzen ist[74], wird von der Real Academia Española folgendermaßen umschrieben: „Falta de verdad en lo que se dice, hace, cree, piensa o discurre“[75]. Diesen fehlenden Hang zur Wahrheit bekommt Lazarillo bereits im ersten tractado zu spüren, worauf an späterer Stelle in diesem Kapitel eingegangen wird. Schulte erklärt die Bedeutung von des-engañar wie folgt:

ent-täuschen, das heißt einen Betrug, eine Täuschung zunichte machen [sic!], aufdecken. Die substantivische Form des-engaño bezeichnet zunächst den Vorgang, der die Täuschung aufhebt und zur Einsicht führt[76].

[...]


[1] Vgl. Nerlich (1968: 382).

[2] Vgl. Alberca (2007: 85).

[3] Vgl. Stenzel (32010: 156).

[4] Vgl. Rico (1984: 2).

[5] Rico (71992: 9).

[6] Vgl. Meyer-Minnemann/Schlickers (2008: 41)

[7] Rico (71992: 135).

[8] Vgl. Alberca (2007: 83).

[9] Vgl. Stenzel (32010: 159).

[10] Vgl. Rico (71992: 4-6).

[11] Simson (2001: 20).

[12] Vgl. Strosetzki (21996: 84-87).

[13] Vgl. Simson (2001: 20).

[14] Bei der Inquisition handelte es sich um eine geheime, staatliche Polizei- und Gerichtsbehörde, die auch Todesurteile verstreckte. Die Zahl der Todesurteile wird bis zur Mitte des 17. Jahrhunderts auf 10.000 bis 15.000 geschätzt [vgl. Lutz (2002: 68)].

[15] Vgl. Ebd. (21).

[16] Vgl. Ebd. (27).

[17] Vgl. Bataillon (1971: 497).

[18] Vgl. Fries (1985: 95).

[19] Lutz (52002: 68).

[20] Vgl. Simson (2001: 26).

[21] Vgl. Ebd. (33).

[22] Vgl. Ebd. (33).

[23] Vgl. Ebd. (34).

[24] Jacobs (2015: 40).

[25] Vgl. Lutz (52002: 67).

[26] Vgl. Ehland/Fajen (2007: 11).

[27] Vgl. Eisenberg (1979: 207).

[28] Vgl. Roskothen (1992: 19).

[29] Vgl. Ebd. (19).

[30] Vgl. Ebd. (32).

[31] Vgl. Ricapito (121984: 28).

[32] Ebd. (28).

[33] Vgl. Ehland/Fajen (2007: 12).

[34] Vgl. Ebd. (12).

[35] Lindau (2001: 21).

[36] Vgl. Ebd. (21).

[37] Vgl. Ehland/Fajen (2007: 12).

[38] Fries (1985: 124)

[39] Vgl. Ebd. (90).

[40] Vgl. Rico (71992: 15).

[41] Ebd. (15).

[42] Vgl. Ehland/Fajen (2007: 12).

[43] Vgl. Ebd. (12-13).

[44] Vgl. Rico (71992: 3).

[45] Alberca (2007: 82).

[46] Vgl. Ebd. (82).

[47] Vgl. Meyer-Minnemann/Schlickers (2008: 47).

[48] Rico (71992: 111).

[49] Die Verwendung des Diminutivs könnte auf einen sexuellen Hintergrund hinweisen. Möglicherweise ist Lazarillo von dem Mönch missbraucht worden, doch will dies lieber verschweigen. Der abrupte Abbruch des Kapitels könnte aber auf sexuelle Missbrauchserfahrungen hinweisen. Dies sind allerdings nur Vermutungen [Vgl. Ricapito (121984: 184)].

[50] Vgl. Zimic (2000: 70).

[51] Vgl. Rico (71992: 68–69).

[52] Vgl. Zimic (2000: 47).

[53] Ehland/Fajen (2007: 13).

[54] Vgl. Ebd. (13).

[55] Vgl. Rico (71992: 39–40).

[56] Vgl. Ebd. (48).

[57] Vgl. Ebd. (50).

[58] Vgl. Ebd. (52).

[59] Vgl. Ebd. (81).

[60] Ehland/Fajen (2007: 13).

[61] Vgl. Ebd. (13).

[62] Roncero López (2010: 59).

[63] Vgl. Ebd. (59).

[64] Carrasco (2001: 222).

[65] Vgl. Rico (71992: 112).

[66] Vgl. Ricapito (121984: 36).

[67] Vgl. Ehland/Fajen (2007: 13).

[68] Vgl. Carrasco (1997: c).

[69] Vgl. Meyer-Minnemann/Schlickers (2008: 331).

[70] Vgl. Ebd. (46).

[71] Vgl. Zimic (2000: 33).

[72] Vgl. Ebd. (83).

[73] Vgl. Ebd. (84).

[74] Vgl. PONS (2007: 448).

[75] RAE (2016).

[76] Schulte (1969: 15).

Ende der Leseprobe aus 35 Seiten

Details

Titel
Der "Lazarillo de Tormes" zwischen Sein und Schein. Geschichtliche Hintergründe, Analyse und Bezugnahme auf Erasmus von Rotterdam und Niccolò Machiavelli
Hochschule
Universität Duisburg-Essen
Note
2,1
Autor
Jahr
2016
Seiten
35
Katalognummer
V356361
ISBN (eBook)
9783668420298
ISBN (Buch)
9783668420304
Dateigröße
885 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
Lazarillo de Tormes, Erasmismus, Machiavellismus, Machiavelli, Erasmus von Rotterdam, Renaissance, Barock, Pittoresker Roman, Opus
Arbeit zitieren
Katharina Back (Autor), 2016, Der "Lazarillo de Tormes" zwischen Sein und Schein. Geschichtliche Hintergründe, Analyse und Bezugnahme auf Erasmus von Rotterdam und Niccolò Machiavelli, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/356361

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