Intersektionalität im deutschsprachigen und anglo-amerikanischen Raum

Eine vergleichende Analyse der internationalen Debatte


Hausarbeit, 2015
15 Seiten, Note: 1,0

Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

Einleitung

Intersektionalität im deutschsprachigen und anglo-amerikanischen Raum

Fazit und Schlussbemerkungen

Literaturverzeichnis

Einleitung

Das Konzept der intersektionalen Ungleichheitsanalyse etablierte sich seit Mitte der 1990er Jahre im internationalen und deutschsprachigen Raum zu einem Buzz­word (vgl. Davis 2010), wo es seitdem zu einem der wichtigsten Paradigmen in den Sozialwissenschaften avancierte. Gegenstand der Analyse sind die Wechselwirkung miteinander verschränkter Differenzkategorien sowie unterschiedliche Ungleichheitslagen in der Gesellschaft. Gerade in der Frauen- und Geschlechterforschung gilt die Intersektionalitätsanalyse als the most important theoretical contribution that women's studies, in conjunction with related fields, has made so far" (McCall 2005: S. 1171). Als zentrale zu analysierende Ungleichheitskategorien kristallisierten sich hierbei im Laufe der Zeit race, class und gender heraus. Hierbei stellt sich jedoch die Frage, warum gerade diese drei Formen der Diskriminierung als Masterkategorien zur Analyse sozialer Ungleichheit gelten. So formulierte bereits Judith Butler 1991 in ihrem Werk „Gender Trouble" (dt.: „Das Unbehagen der Geschlechter") die Unmöglichkeit der Analyse eines Subjektes, in der alle denkbaren Kategorien berücksichtigt werden. Dies ließe sich darauf zurückführen, dass ein Subjekt niemals vollständig erfasst werden könne (vgl. Butler, 1991: S. 210). Des Weiteren wird eine Zwangsidentifizierung durch mehr oder weniger willkürlich festgelegte und definierte Kategorien kritisiert.

Dennoch stehen nicht nur divergierende Meinungen der zu analysierenden Ungleichheitskategorien im Blickfeld der internationalen Debatte. Auch die verschiedenen Untersuchungsebenen, mit denen sich die Intersektionalitätsana­lyse beschäftigt, unterliegen diversen Strömungen. Während im heutigen anglo- amerikanischen Diskurs der Fokus der feministischen Theoriebildung auf identity politics liegt, und damit eine eher identitätsstiftende Konnotation im Bereich des mikrotheoretischen Ansatzes hervorgerufen wird, wird im europäischen Raum versucht, ungleichheitsgenerierende Kategorien wie Geschlecht zu dezentrieren und zu dekonstruieren (vgl. Degele/Winker 2007: S. 15, dies. 2009: S. 14). So ent­steht die Frage nach der Bedeutung und dem miteinander in Beziehung setzen verschiedener Untersuchungsebenen, welche noch undurchsichtiger erscheint als die Wahl geeigneter Kategorien.

Der folgende Essay wird sich kritisch mit der international geführten Debatte über die Intersektionalitätsanalyse befassen. Diskutiert werden die Bildung und Aus­wahl der zu untersuchenden Kategorien sowie die Verwendung verschiedener Untersuchungsebenen. Das theoretische Fundament liefern mir dabei hauptsäch­lich Arbeiten von Kimberlé Crenshaw (1989), Leslie McCall (2005) sowie von Nina Degele und Gabriele Winker (2007, 2009). Dabei werde ich mich nach einer kurzen historischen Einbettung des Begriffs mit den theoretischen und methodologischen Ausdifferenzierungen befassen und die Ergebnisse anglo-amerikanischer Tenden­zen mit Beiträgen aus dem deutschsprachigen Raum vergleichen.

Der begrenzte Umfang des Essays lässt lediglich einen groben Überblick auf die umfassende internationale Diskussion zu, dennoch können die herausgearbeiteten Aspekte der verschiedenen Ansätze eine Perspektive auf das geben, was mit der Intersektionalitätsanalyse erreicht werden kann und wo momentan noch ihre Grenzen liegen.

Intersektionalität im deutschsprachigen und anglo- amerikanischen Raum

Die Intersektionalitätsforschung findet ihre Ursprünge im black feminist movement der USA in den späten 70er und frühen 80er Jahren. Bezeichnend für diese Bewe­gung war die Forderung nach einer radikalen Gesellschaftskritik unter der Be­rücksichtigung von Diskriminierungserfahrungen jenseits der weißen Mittel­schicht (vgl. Knapp 2006: S. 1730). Das black feminist movement weist eine relatio­nale Entwicklung auf, da kein konkretes Datum für einen Ursprung genannt wer­den kann. Vielmehr entwickelte es sich im Zusammenhang der weißen feministi­schen Bewegungen, die im späten 19. Jahrhundert populär wurden (vgl. Rupp, 2011: 1-4).

Bereits 1851 machte Sojourner Truth, eine Frauenrechtlerin und Aktivistin im Abolitionismus, auf den vernachlässigten Einfluss von race in Bezug auf die damaligen feministischen Ansätze aufmerksam. In ihrer berühmten Rede auf der „Women’s Convention" in Akro, Ohio, stellte sie diverse rhetorische Fragen bezüg­lich ihrer gesellschaftlich zugeschriebenen Rolle, welche sie ausschließlich als Sklave, nie aber als Frau darstellte (vgl. Truth, 28-29 May 1851). Die Problematik der Verschränkung bestimmter Unterdrückungsverhältnisse, in diesem Falle race und gender, wurde demnach schon Mitte des 19. Jahrhunderts angesprochen. Diese Verflechtung übte im black feminism schließlich einen großen Einfluss aus. Feministische Bewegungen aus den USA plädierten in den 1970er und 1980er Jah­ren auf eine Analyse, welche mehrere Ungleichheitskategorien gleichzeitig fokussieren sollten. Beispielhaft ist hierbei das Combahee River Collective zu nen­nen, ein Zusammenschluss homosexueller, schwarzer Feministinnen, der aufgrund eigener Diskriminierungserfahrungen neben der, bis damals üblichen, Kategorien race und gender, auch eine Berücksichtigung von dass und sexuality in der Ungleichheitsanalyse forderte[1].

Der Begriff Jntersektionalität" wurde von Kimberlé Crenshaw, einer US- amerikanischen Rechtswissenschaftlerin und Frauenrechtlerin, in den späten 1980er Jahren entwickelt. Sie machte die Erfahrung, dass schwarze Frauen vor Gericht lediglich bezüglich einer Diskriminierungsform verhandelt wurden, d.h. entweder unter dem Aspekt „Frau sein" oder aber unter dem Aspekt „schwarz sein". Da diese Frauen jedoch andere Diskriminierungserfahrungen machten als weiße Frauen oder schwarze Menschen im Allgemeinen, forderten sie eine Ver­handlung unter der Berücksichtigung einer Kombination von rassistischer und ge­schlechtlicher Diskriminierung (vgl. Crenshaw, 1989: S.37ff.). Crenshaw bemerkte, dass die Unterdrückungsmechanismen, denen schwarze Frauen ausgesetzt waren, weder in der feministischen Bewegung noch in der antirassistischen Bürgerrechtsbewegung angesprochen wurden, weshalb die Belange der schwar­zen Frauen wenig Gehör fanden. Daraufhin entwickelte sie die Metapher einer Straßenkreuzung (engl.: intersection), an der viel Verkehr aus mehreren Richtun­gen herrsche und wo ein Unfall nicht zwingend aus einer Richtung verursacht sein müsse, sondern alle Richtungen gleichzeitig, in Wechselwirkung miteinander, ursächlich sein könnten. Ebenso verhalte es sich mit schwarzen Frauen, welche nicht aufgrund eines einzelnen Aspektes diskriminiert werden, sondern die verschränkten Auswirkungen verschiedener Unterdrückungsmechanismen erfah­ren würden. Durch diese Verwobenheit seien demnach Diskriminierungserfahrun- !Das komplette Manifest lässt sich hier nachlesen: Combahee River Collective (1977): A Black Feminist Statement. In Wendy к. Kolmar, Frances Bartkowski (Hg.) Feminist Theory. A Reader. Mountain View: Mayfield, 272-277 gen möglich, welche über die reine Addition der Diskriminierung durch race und gender hinausgingen (vlg. ebd. S. 40f.).

Wenn auch wegweisend in der feministischen Frauen- und Geschlechterfor­schung, stießen Crenshaws Überlegungen mit der Zeit auf Kritik. Bemängelt wurde grundsätzlich die Tatsache, dass sie sich lediglich einer weiteren Kategorisierung bediene und ทนท „schwarze Frauen" als homogene, diskriminierte Gruppe im Zent­rum stehen würden (vgl. Yuval-Davis 2006: S. 201). Diesbezüglich ließe sich in­frage stellen, ob (naturalisierte) Kategorisierungen von Menschen mit bestimmten Merkmalen überhaupt den Anspruch haben können, eine soziale Gruppe als homo­gen zu bezeichnen (vgl. ebd.: S. 199/203ff.). Man laufe durch die durch Kategorisierungen notwendige Grenzziehung und dem damit einhergehenden Aus­schluss von Menschen mit abweichenden Attributen, wieder Gefahr, Ungleichheitslagen an anderer Stelle zu generieren (vgl. Soiland 2011: S. 2). Zusätzlich würde so die Wirklichkeit reduktionistisch und unvollständig abgebil­det werden und damit der komplexen Gesellschaft nicht gerecht werden (vgl. ebd.: S. 1). Zugeschriebene Wesenszüge und die vermeintliche Homogenität einer bestimmten, kategorisierten Gruppe wie beispielsweise der Arbeiterklasse oder schwarzer Frauen seien demnach fragwürdig. Dies ist zugleich ein Kritikpunkt an den in den USA weiterhin dominanten identity politics in der feministischen Theoriebildung, die weiterhin einen Fokus auf Identifizierungen mit Gruppen und deren Bekräftigung fordern (vgl. dazu: Soiland 2011: s.lf, 4., McCall 2005: S. 1777, 1783). Obgleich Differenzkategorien auf der Ebene der Identitätsbildung zu einer Analyse verschiedener Diskriminierungserfahrungen verhelfen, so seien sie dennoch keine Kategorien auf sozialstruktureller, gesellschaftstheoretischer Ebene (vgl. Soiland 2011: S. 2).

Auch im deutschsprachigen Raum wurde in den letzten Jahren die Vernachlässigung der strukturellen, makrotheoretischen Analyseebene kritisiert (vgl. Klinger/Knapp 2007: S. 36) und eine Umstrukturierung der methodologi­schen Vorgehensweise gefordert (vgl. Klinger 2003: S. 35, Knapp 2006: S. 1733f.). Hierbei gerät die US-amerikanische Soziologin Leslie McCall ins Blickfeld, welche sich dem Problem der Kategorienbildung in ihrem Aufsatz „The Complexity of Intersectionality" aus dem Jahre 2005 stellte.

[...]

Ende der Leseprobe aus 15 Seiten

Details

Titel
Intersektionalität im deutschsprachigen und anglo-amerikanischen Raum
Untertitel
Eine vergleichende Analyse der internationalen Debatte
Hochschule
Gottfried Wilhelm Leibniz Universität Hannover  (Soziologie)
Note
1,0
Autor
Jahr
2015
Seiten
15
Katalognummer
V356384
ISBN (eBook)
9783668421769
ISBN (Buch)
9783668421776
Dateigröße
463 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
Intersektionalität, Gender Studies, Soziologie, Sozialpsychologie, Philosophie, Race, Class, Gender
Arbeit zitieren
Christian Kautz (Autor), 2015, Intersektionalität im deutschsprachigen und anglo-amerikanischen Raum, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/356384

Kommentare

  • Noch keine Kommentare.
Im eBook lesen
Titel: Intersektionalität im deutschsprachigen und anglo-amerikanischen Raum


Ihre Arbeit hochladen

Ihre Hausarbeit / Abschlussarbeit:

- Publikation als eBook und Buch
- Hohes Honorar auf die Verkäufe
- Für Sie komplett kostenlos – mit ISBN
- Es dauert nur 5 Minuten
- Jede Arbeit findet Leser

Kostenlos Autor werden