Der fotografierte Orient. Die Praxis der Fotoateliers


Hausarbeit (Hauptseminar), 2009
38 Seiten, Note: 2,0

Leseprobe

Inhalt

1. Einführung

2. Der Orient als Schauplatz der Kämpfe der Weltmächte

3. „Orient“ als romantische Erfindung des Abendlandes
3.1 Orient und Fotografie. Eine untrennbare Geschichte
3.2 Fotografie als Beweismittel für die Existenz einer romantischen Illusion
3.3 Die ersten Orient-Reisenden, Touristen und Reiseberichte

4. Die Praxis des Fotoateliers
4.1 Fotostudios in orientalischen Ländern
4.2 Lehnert & Landrock. Geschichte eines Fotoateliers

5. Schlussfolgerung. Pyramiden, unendliche Weite, Beduine und der Tod

1. Einführung

In meiner Hausarbeit werde ich darstellen, welche Rolle die Orientfotografie und deren Hauptproduzenten, die Fotoateliers, bei der Entstehung und Verfestigung des westlichen Orientbildes, gespielt haben.

Das exotische Bild des Orients entsteht zunächst durch die Orientmalerei und mit Hilfe der populären Literatur, wie Geschichten aus 1001 Nacht oder die Abenteuerromane Karl Mays. Demnach sei der Orient eine äußerst fremde, wenn auch „zauberhafte“ Welt: eine Welt der bunten Farben, Gerüche, exotischen Gewürze, des geheimnisvollen Harems. Die grauenvollen Herrscher, verschleierte Frauen, die die Rolle der unterdrückten Opfer dabei zugeteilt bekommen, komplettieren das widersprüchliche Bild, das die Bewunderung und das starke Überlegenheitsgefühl der Europäer gleichzeitig vermittelt (Abb. 1).

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

Abb. 1 J.M, Wittmer, An den süßen Wassern Asiens, Gemälde 1837, Neue Pinakothek München

Als Eugène Delacroix 1832 nach Marokko reiste, schrieb er begeistert über das Straßenbild von Tanger und Meknès. „Auf Schritt und Tritt gibt es fertige Gemälde, die zwanzig Malergenerationen Glück und Rühm bringen würden. An jeder Straßenecke gibt es Bilder zu malen.“[1] „Wie schade, dass ich nicht eine Camera obscura von Daguerre hier habe“, stellte wiederum Helmut von Moltke am 10. Juni 1839 bedauernd fest, bei dem Anblick des „wehrhaften Panoramas“ von 4000 Zelten der türkischen Armee am Ufer des Euphrats, noch vor der offiziellen Bekanntgabe der Erfindung der Fotografie. Das Panorama entsprach seinen militärischen Phantasien und hatte mit der Realität nicht viel gemeinsam. Die osmanische Armee war nämlich von Missverhältnissen und Chaos geprägt.[2] Von oben gesehen, ergab sich aber ein harmonisierendes Bild, das auch auf den Zustand der Armee zu übertragen war. Diese Logik der Verfälschung und Selbsttäuschung ist eine der wichtigsten Konstanten in der romantischen Beobachtung und der wissenschaftlichen Forschung von der Seite der westlichen Orientbesucher.

Die Weigerung, die Realität des Orients zu akzeptieren, sei für den amerikanischen, in Jerusalem geborenen, Literatur- und Kulturtheoretiker Edward Said (1935-2003), ein Ergebnis der kontinuierlichen Verfälschungsarbeit von Wissenschaftlern, Malern, Fotografen und Schriftstellern, denn sie haben gemeinsam erst „den Orient“ hervorgebracht. So sei „Orient“ sowie „Orientalismus“ nicht mehr und nicht weniger als ein Konstrukt.[3]

In seinem 1978 erschienen Buch über den Orientalismus wurde eine bis dahin unvorstellbare Art der Kritik aufgebracht. Das gesamte westliche Konzept des Orients sei pure Erfindung, Jahrhunderte der Orientalistik seien Mittel der Spionage und der Unterwerfung gewesen.

Die von Said erwähnten Wissenschaftler, Schriftsteller, Künstler und Fotografen, sowie Wohlhabende und Abenteurer, versuchten mit ihrer Reise in den Orient von der, den modernen Zeiten unterlegenen, westlichen Zivilisation, zu flüchten. Diese Reisen, die sie nicht selten in Tagebüchern und Reiseberichten beschrieben, hatten für sie nicht nur einen seelischen, sondern auch einen mystischen Aspekt. Der Orient war für sie nicht nur geografisch, sondern auch in metaphysischer Hinsicht das Gegenstück des Abendlandes: wo man den Westen materialistisch, tatbezogen, aktiv, logisch und rational nennen mag, steht der Osten dagegen für Geistigkeit, Weisheit, kontemplative Lebensweise, Metaphysik und Gefühl. Der Orient sollte dem Europäer, sozusagen, eine neue Lebensorientierung schenken.

So stellt sich die Frage ob auf den Fotografien von Fotoateliers ein imaginärer Orient zu sehen sei, oder haben die Fotografen (auch) die Realität der orientalischen Länder fotografiert? Und weiter: Kann man bei diesen Fotos von „Wirklichkeit“ des Orients sprechen oder sei es ratsamer von einer Stereotypisierung und klischeehaften Darstellungen zu sprechen, in der paradoxerweise allein die ästhetischen Kriterien als wichtig galten.

2. Der Orient als Schauplatz der Kämpfe der Weltmächte

Der Begriff Orient (von lat. oriens = „Osten“ bzw. von lat. oriri = „aufgehen, sich erheben“) oder Morgenland bezeichnet kein eindeutig umschriebenes Gebiet. Im Lauf der Geschichte hat das Bedeutungsspektrum dieses Begriffs eine Wandlung erfahren. Orient wird meist weniger in einem politischen oder geographischen, sondern eher in einem religiös-kulturellen Sinne verwendet. Geografisch versteht man als Orient entweder allgemein „Länder des Ostens“ von Nordafrika bis Japan, die islamischen Länder im weitesten Sinne, oder nur die islamischen Kernländer. Oft wurden die Gebiete, die zu Beginn des 19. Jahrhunderts zum Osmanischen Reich gehörten, und Persien, zum Orient gezählt.[4]

Osmanisches Reich bedeutete schon etwa 100 Jahre vor dem Ägyptenfeldzug Napoleons 1798, keine echte Bedrohung für Europa. Die wirtschaftliche Stagnation, die Ausbeutung der Untertanen, die der Finanzierung des Staatapparats diente, trugen zu Auflösungstendenzen im Osmanischen Reich entscheidend bei. Die zunehmende Schwäche des Reiches wirkte mobilisierend für die Europäer, so dass der Konkurrenzkampf zwischen den Briten, Russen und Franzosen um Einfluss im Orient immer offener wurde.

Kurz nach der Französischen Revolution entsteht in Westeuropa ein neues Bürgertum, das mit dem Motto „Freiheit– Gleichheit– Brüderlichkeit“ und dem Aufklärungseifer in die Entdeckung der Welt ging. Darunter waren auch einige herausragende Wissenschaftler wie z.B. Alexander von Humboldt (1769-1859).

Die eigentliche Ägyptenexpedition Napoleons (1798-1801) war als militärische Aktion ein Fehlschlag. Außer 27 000 Soldaten, kamen aber auch fast 170 Wissenschaftler mit nach Ägypten: Mathematiker, Astronomen, Ingenieure, Geologen, Chemiker, Zoologen, Geographen, Mineralogen, Konstrukteure, Drucker, Dolmetscher, Arabisten und Künstler.[5] Somit ging die Zeit der gebildeten Dilettanten zu Ende, es kamen Fachleute derer Aufgabe, die systematische Erfassung der alten Kulturen war. Dazu gehörten z. B. das Landvermessen, das Aufnehmen der antiken Denkmäler und das Bestimmen der Fauna und Flora des Landes.[6]

Die Großpublikation, die daraus entstand, hatte einen enormen Einfluss auf die damalige gebildete Welt.[7]

Erst 1830, 32 Jahre nach Napoleons Feldzug, mit der Besatzung Algiers durch Franzosen, begann schließlich die koloniale Phase. Die imperialistische Politik der Europäer erlebte ihre Krönung Anfang der 1880er Jahren, mit der Besetzung Ägyptens durch Briten und Tunesiens durch Franzosen. Während der Besetzung wurde das westliche Gedankengut mitimportiert, es startete der Prozess der Modernisierung. Der kulturelle Wandel brachte mit sich die Idee der Nation. So wurde plötzlich die Zusammengehörigkeit diverser Gruppen forciert und unter ethnischen, religiösen oder politischen Aspekten untermauert.

Emanzipationsbewegungen, die sich aus diesem Wandel entwickelten, resultierten zwischen 1905 und 1918 mit Aufständen und Rebellionen. Die europäische Hegemonie wackelte immer mehr. Die Angst vor Panislamismus wuchs, während sich die Überzeugung, dass allein die Europäer in der Lage seien im Orient stabile Verhältnisse zu schaffen, als Illusion erwies. Schließlich sollten die orientalischen Länder, durch das Mandatssystem, unter der Aufsicht der Europäer, zur Unabhängigkeit geführt werden.[8]

3. „Orient“ als romantische Erfindung des Abendlandes

3.1 Orient und Fotografie. Eine untrennbare Geschichte

Die Fotografie wurde 1838 von Louis Jacques Mandé Daguerre erfunden (1787-1851). Schon zwei Monate nach seiner Erfindung, fuhr der Maler Horace Vernet gemeinsam mit dem Daguerreotypist Fredéric Goupil-Fesquet nach Ägypten und in das „Heilige Land“, um dort zu fotografieren. Dieses Unternehmen hatte durchaus eine symbolische Bedeutung, es wies auf die untrennbare Beziehung zwischen dem Orient und der Erfindung und der Geschichte der Fotografie hin.[9] Der Erfinder Daguerre war nicht derjenige, der die neue fotografische Technik breiteren Kreisen bekannt gemacht hat, dies gelang dem Physiker und Politiker Dominique Francois Arago (1786-1853), der in einer Rede im Jahr 1839 die Öffentlichkeit von den Möglichkeiten der Fotografie mit diesen Worten überzeugte:

„Um die Millionen und Aber-Millionen Hieroglyphen zu kopieren, die die Außenseiten der Denkmäler von Theben, Memphis, Kamak usw. bedecken, bedarf es Dutzende von Jahren und einer Legion von Zeichnern. Mit dem Daguerreotyp könnte ein Mann diese Aufgabe bewältigen.“[10]

Außerdem benannte Arago die vier Punkte, die Fotografie für die Wissenschaft vordergründlich so wichtig machen: „Aktualität, Nützlichkeit für die Künste, Schnelligkeit und Nutzen für die Wissenschaften.“[11] Dieses hat sich wohl bis heute nicht geändert.

Das Großformat aus den Anfängen der Ägyptenfotografie, das sich an die Blätter der Maler und Zeichner anlehnt, lässt erkennen, dass sich die Fotografie an der Kunst orientierte. Sie übernimmt aus der Malerei die Schemata für ihre Bildkomposition. Vereinfacht bedeutete das, dass der Bildgegenstand in der Mitte des Bildes steht und sich in einem helleren Licht als die Umgebung, z. B. Palmen, befindet (Abb. 2).

Die Fotografie bedrohte den Berufsmaler, so verschwanden z.B. die Miniaturmaler sehr schnell. Dass „nur schlechte Maler Fotografen werden“, behauptete in einem 1859 verfassten Pamphlet der damals noch unbekannte Dichter Charles Baudelaire (1821-1867). In derselben Schrift schrieb er auch folgendes: „Dadurch, dass die fotografische Industrie die Zuflucht aller gescheiterten Maler wurde, der Unbegabten und der Faulen, hatte diese allgemeine Überfütterung nicht nur Verblendung und Verdummung zur Folge, sondern wirkte wie eine Rache.“[12]

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

Abb. 2 Die Chephrenpyramide von Gizeh nach der Überschwemmung; Foto: Pascal Sebah, Gizeh, Ägypten, um 1874

3.2 Fotografie als Beweismittel für die Existenz einer romantischen Illusion

Für das wachsende Interesse an Sitten und Gebräuchen fremder Völker in der zweiten Hälfte des 18. Jahrhunderts waren die Aufklärung und das Zeitalter der Entdeckungen maßgeblich verantwortlich. Da der Orient doch nicht so unbekannt wie manche andere neuentdeckte Erdteile war, spielten die Vorurteile dabei eine vergleichsweise größere Rolle. Der Orient wurde je nachdem, entweder als exemplarisch barbarisch und rückständig, oder als Vorbild für religiöse Toleranz und verwirklichte Ratio, gesehen.[13] Genauso kontrovers sind parallel existierende Vorstellungen vom Orient als Bedrohung für die christliche Kultur einerseits, und andererseits als malerisch-anziehende exotische Welt.

Bertram Turner benennt drei Züge, die für das westliche Orientverständnis des 19. Jahrhunderts maßgebend waren:[14]

- realpolitisch bestimmter Imperialismus und Kolonialismus, bekräftigt mit einem europäischen Überheblichkeitsgefühl, das europäische Verhalten dem Orient gegenüber;
- Bestehen einer wissenschaftlichen Beschäftigung mit dem Orient. Dazu zählt man außer Sprache und Geschichte auch die Religionswissenschaften, Bibelforschung und Islamkunde;
- „romantisches“ Bild einer exotisch- bezaubernden Welt. Der Orientale verkörpert den Fremden in der Auffassung der Romantik.

Romantik entstand als Reaktion auf die Vernunft gerichtete Philosophie der Aufklärung und auf die Strenge des durch die Antike inspirierten Klassizismus Im Vordergrund stehen Gefühle wie Sehnsucht, Mysterium und Geheimnis. Dem fortschrittlichen Optimismus der Aufklärung wurde eine verzweifelte Hilflosigkeit gegenüber gestellt. Gegenstand der romantischen Sehnsucht ist das Absolute. Die Sehnsucht nach Absolutem machte exemplarisch den Held Goethes in Die Leiden des jungen Werthers zum Vorbild vieler Jugendlichen am Ende des 18. Jahrhunderts. Manche von ihnen folgten dem jungen Werther sogar in den Tod, sie begingen Selbstmord. Die Romantiker entwickelten ein mystisch- esoterisch verzerrtes Bild, das zwar reale Grundlagen hatte, gleichzeitig aber weit davon entfernt war, um auch nur annährend realistische Vorstellungen des Orients wieder zu geben. Der Literaturtheoretiker und Vordenker der deutschen Romantik Friedrich Schlegel (1772-1829) setzte die Ziele der Orientreisenden entsprechend „hoch“: „Im Orient müssen wir das höchst Romantische suchen.“[15]

Dieses aus selektivem Interesse entstandene Bild existiert großenteils auch heute noch. Der Orient wird so für eine exotisch- idyllische Welt der Ungezügelten gehalten, eine Welt der unglaublich anziehenden Sinnlichkeit und Lebensfreude, aber auch der barbarischen Wildheit, Grausamkeit – und schließlich, der fatalistischen Gelassenheit. Alle diese Eigenschaften sahen die Romantiker in einer engen Beziehung zum Islam, als Totalitärem und statischer Religion. Die Exotik bekam die Aufgabe, die Furcht vor dem Islam in die Faszination umzuwandeln.[16]

In den Augen der Romantiker wurde der Orient zum Abglanz einer vergangenen, imaginären Welt, nach deren Ursprüngen man forschen müsste. Obwohl die Modernisierung und der kulturelle Wandel dabei völlig ignoriert und übersehen wurden, war man paradoxerweise der Meinung, dass die Ausrichtung der westlichen Kultur der einzig mögliche Weg für eine positive Entwicklung des Orients sei. Diese Entwicklung sei wiederum, aufgrund der seit Jahrhunderten unveränderten Zuständen und damit verbundenen Rückständigkeit absolut unmöglich – im Gegensatz zu der Kultur und Religion des dynamischen Westens. Das alles war ein Grund, das Orientale an sich im evolutionistischen Sinne, als unreif zu bezeichnen.[17]

Die Orientalisten beschäftigen sich selten mit dem realen Leben, das überlassen sie den Kaufleuten, Reisenden und Politikern. Manchmal versuchten sie verbreitete Vorurteile historisch zu begründen.[18]

Diejenigen, die es sich leisteten an der europäischen Überlegenheit auch im Ansatz zu zweifeln, wurden „semitischen Volkscharakters“ beschuldigt. Die in der Zeit neuentstandene, dem biologischen Evolutionismus verbundene Wissenschaft, Anthropologie sowie Rassenlehre spielten dabei eine wesentliche Rolle. Das machte sich auch in dem fotografierten Orient sichtbar.

3.3 Die ersten Orient-Reisenden, Touristen und Reiseberichte

Es waren Wünsche, Illusionen und Fantasien, deren Erfüllung die Touristen, und nicht nur sie, im Orient suchten. Jeder Mensch, heißt es beim Sartre, schafft durch seine eigene Wahrnehmung der Welt eine eigene Welt und somit ist für jeden Einzelnen die Vorstellung von der Wirklichkeit eine andere, eine eigene. Die Orient-Fotografen haben mit ihren Fotos einen Orient geschaffen, der nach den allgemeinen Vorstellungen der Europäer geschaffen werden sollte.

Die Produktion von Orientfotografien setzte zumindest zweierlei voraus: man musste eine Kamera besitzen und in den Orient reisen, bzw. innerhalb des Orients reisen. Die Wissenschaftler fotografierten das, was gerade modern war, die Dinge, die es noch zu untersuchen galt. So waren z.B., eine zeitlang die anthropometrischen Aufnahmen, in denen die Angehörigen anderer Kulturen „vermessen“ wurden, im Mittelpunkt des Interesses.

Gebildete Touristen (die eine Kamera besaßen), waren oft enttäuscht, vor allem von den Monumenten, weil diese schon viele vor ihnen gesehen hatten, und schon 100 Mal zuvor beschrieben worden sind. Die Touristen wollten etwas „wirklich“ Neues entdecken. Für Enttäuschungen wurden die Monumente selbst verantwortlich gemacht und nicht die eigenen Vorstellungen.[19] Mit anderen Worten, statt zu erkennen, dass sie die falschen Vorstellungen hatten, entschieden sich die Orientbesucher meistens lieber doch für das Festhalten an einer Lüge. So äußerte sich z.B. der preußische Kronprinz in seinem Tagebuch, zunächst in Konstantinopel, über die Tatsache empört, dass die Hagia Sophia eigentlich den Christen gehört, um dann nach der Besichtigung der Grabeskirche auch Folgendes zu bemerken: „Ich fühlte mich durch alles dies bitter enttäuscht, wurde aber außerdem durch das Konglomerat von Kapellen, Altären, Treppen und Gängen so verwirrt, dass mir schließlich ganz schwindlich zu Muth wurde.“[20] Er finde die Nähe zum Straßenleben „unerträglich“, das Besteigen von Türmen, Bergen oder Anhöhen dagegen, stelle ihn eher zufrieden. Damit bleibt er in der Tradition der besonderen Zuneigung der Deutschen, Anblicke von erreichten Höhen mit poetischen Worten zu umschreiben. Einer der wichtigsten Wegbereiter der Touristen, Helmut von Moltke, beschrieb 1836 für seine Mutter die Aussicht vom Galaturm in Konstantinopel, während Werner von Siemens schwärmte, als er aus der Ferne auf die Stadt blickte. Aus der Nähe sah alles dementsprechend anders aus: „Die Lage Konstantinopels ist himmlisch, die Sophia göttlich, die Stadt selbst und ihr Inhalt scheußlich-voila tout!“[21]

Archäologische Forschung und die Popularität früher Reiseberichte in der ersten Hälfte des 19. Jh. förderten Tourismus. Mit der Eröffnung des Suezkanals 1869 begann das neue Zeitalter des Reisens in den Orient. Die erste Gruppenreise nach Ägypten wurde von einem deutschen Geschäftsmann, Carl Stangen, organisiert. Das Reisetagebuch des preußischen Kronprinzen Friedrich Wilhelm entstand in demselben Jahr und wurde sehr populär, genauso wie die Reise Kaiser Wilhelms II 1898 ins „Heilige Land“. Eine klassische Verarbeitung der traditionellen Orientreise sind die „Orientalische Briefe“ von Ida Gräfin Hahn-Hahn:

„Aus der Ferne gesehen hat der Orient für uns jenen majestätischen Zauber, jene imponierende Anziehungskraft, welche die unerschütterliche Ruhe über die bewegliche Unruhe hat. Nichts wünschen, verlangen, erstreben; bei jedem Glücksfall sich fassen durch „Allah Kerim!“(Gott ist groß), in jedem Unglücksfall sich trösten durch „Kismeth!“ (Schicksal), das sieht wie wundervolle geistige Überlegenheit, wie Herrschaft über alle Affekte und Leidenschaften aus, und man staunt über diese erhabenen Naturen.“

Das sei aber leider nicht so, schreibt weiter die Gräfin Hahn-Hahn, denn die äußere „Rühe der Mohammedaner“ gehe „gern Hand in Hand mit einem gewissen Mangel an innerer Entwicklung“ und leider sei alles eher verlogen.

Auch Einzelreisende waren schon von Anfang an dabei: Künstler, Schriftsteller, Abenteurer, Händler, Wissenschaftler und Hobby-Wissenschaftler, Archäologen, Zoologen, Geographen, Sprachforscher, Botaniker etc. Die wollten alle das Unbekannte und Faszinierende sehen, erkunden und davon möglichst „realistisch“ berichten. Manchen wollten gleich wie Orientale unter den Orientalen sein, nicht europäisch wirken. Sie kleideten sich in der Landestracht und gaben sich oft als Armenier oder Muslime aus und glaubten so mehr erfahren zu können.[22] Das Interesse an Sitten und Gebräuchen und religiösen Verhältnissen unterscheidet diese Reisenden, wie z.B. Johann Ludwig Burckhard, Max Freiherr von Oppenheim oder Alois Musil, von einfachen Touristen.[23] Sie suchten aber alle im Orient und bei den Arabern das, was in Europa angeblich verloren gegangen sei – die „Tugenden“ und die „alten Werte“. Dieser Anspruch der gebildeten Europäer müssten die Orientalen erfüllen, es war eine äußerst schwierige und delikate Aufgabe. Die Fotoateliers waren da nachzuhelfen und zu zeigen, dass alles doch immer noch so ist wie in der biblischen Zeit: Sitten, Wohnungen, Kleider und Gebräuche.

Ende der 1880er Jahre fingen auch Laien zu fotografieren an, da sich die Technik entwickelte und die Bedienung der Kameras dadurch vereinfachte. Es konnten plötzlich auch „Schnappschüsse“ erzielt werden. Das bedeutete, dass man ohne das Einverständnis der Betroffenen die Aufnahmen von komplexen Handlungsabläufen, von Ritualen, von Prozessionen, Tänzen usw. machen konnte. Außerdem wurden jetzt Bild und Text stärker miteinander verbunden, da zunehmend Verfasser der Reiseberichte, Expeditionsteilnehmer und Forschungsreisende selber die Fotos machten.[24]

Zur Begegnung Europas mit fremden Kulturen trugen seit der Mitte des 19. Jahrhunderts auch die Weltausstellungen bei. So war es auch die Wiener Weltausstellung von 1873 mit ihren orientalischen Bauten, die z.B. den Österreicher Maler Leopold Carl Müller anregte, Ägypten (=Orient) als Land und die Orientmalerei als Geldquelle zu entdecken.

3.3.1 Die Stereophotographie

Im 19. Jh. war die Stereophotographie sehr populär. Zeitgleich aufgenommene Bilder eines Motivs, ihr Abstand zueinander entsprachen dem menschlichen Augenabstand. Mit der Hilfe eines Stereoskops, zeigten die Paare ein räumliches Bild. Die „London Stereoscopic Company“ verfügte bereits 1858 über einer Sammlung von 100 000 Stereobilder und lancierte den Slogan „Keine Familie ohne Stereoskop“ (Abb. 3). Die ägyptischen Pyramiden und die heiligen Stätten Palästinas wurden auf diese Weise einem größeren Publikum bekannt. So konnte man reisen, ohne sein eigenes Zuhause wirklich zu verlassen.

Die Firma Underwood & Underwood wurde spezialisiert, um fotografische Serien zu speziellen Themen zusammenzustellen. Anhand des Begleittextes ist es anzunehmen, dass das Fotopaar „Christenstraße“ (Abb. 3), der Teil einer solchen Stereobildserie über das „Heilige Land“ war, mit dem Titel „The Holy Land through the Stereoscope“.[25]

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

Abb. 3 Christenstraße in Jerusalem, Underwood &Underwood, Jerusalem, Palästina, 1900, in: Mit Kamel und Kamera, S.73

4. Die Praxis des Fotoateliers

Seit 1850 entstehen überall dort, wo Touristen auftauchten, die ersten Fotoateliers. Deren Besitzer waren Fotografen verschiedener Nationalitäten, gleichzeitig als Produzenten, Händler und Unternehmer tätig.

Grundsätzlich kann man die Fotografien der Fotoateliers im Orient in zwei Hauptkategorien unterteilen:

- Landschaften und Orte (Orient wird topografisch erfasst (Abb. 4; Abb. 5));

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

Abb. 4 Sphinx, Henri Bechard, Ägypten 1887

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

Abb. 5 Zitadelle von Kairo, G. Zagnaki, Ägypten

[...]


[1] Herbstreuth: 462

[2] Dewitz:19

[3] Epstein:23

[4] Turner :204

[5] Dewitz:10

[6] Altenmüller:377

[7] Die Ergebnisse des wissenschaftlichen Teils der Expedition wurden in den Jahren zwischen 1809 und 1828 in einer aus 18 Teilen bestehenden Publikation veröffentlicht. S. 377

[8] Turner:204

[9] Khemir:189

[10] Altenmüller:379

[11] Altenmüller:383

[12] Altenmüller:396

[13] Turner:205

[14] Turner:206

[15] Turner:234

[16] Turner:206

[17] Turner:206

[18] Turner:207

[19] Dewitz:16

[20] Dewitz:18

[21] Dewitz.19

[22] Turner:208

[23] Turner:225

[24] Turner:231

[25] Lederbogen:73

Ende der Leseprobe aus 38 Seiten

Details

Titel
Der fotografierte Orient. Die Praxis der Fotoateliers
Hochschule
Johann Wolfgang Goethe-Universität Frankfurt am Main  (Kunstgeschichtliches Institut)
Veranstaltung
Der „imaginäre Orient“ – Zur Bildgeschichte der Orientalismus in Malerei und Fotografie
Note
2,0
Autor
Jahr
2009
Seiten
38
Katalognummer
V356417
ISBN (eBook)
9783668426078
ISBN (Buch)
9783668426085
Dateigröße
11208 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
Fotografie, Ethnologie, Romantik, Illusion, Orient, Tourismus, Reiseberichte, Das Heilige Land
Arbeit zitieren
Tomo Polic (Autor), 2009, Der fotografierte Orient. Die Praxis der Fotoateliers, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/356417

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