Menschenwürde und Willensfreiheit als Charakteristika des Menschseins. Die Würde des Menschen bei Giovanni Pico della Mirandola


Bachelorarbeit, 2016

40 Seiten, Note: 1,3


Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1. Einleitung

2. Hinführung zur „Würde des Menschen“ bei Pico della Mirandola
2.1. Der Renaissance-Humanismus
2.2. Der Begriff der Menschenwürde
2.2.1. Die Etymologie von „Würde“
2.2.2. Exkurs: „Würde“ im heutigen Sprachgebrauch

3. Der Kosmos und der Mensch bei Pico della Mirandola
3.1. Der Kosmos
3.2. Die Stellung des Menschen im Kosmos

4. Die Würde des Menschen durch seine Freiheit bei Pico della Mirandola
4.1. Die Freiheit durch Unbestimmtheit
4.2. Die Wahlfreiheit
4.3. Die Schöpferische Freiheit
4.4. Das Risiko der Freiheit

5. Der Aufstieg zu Gott als Weg zur Menschenwürde bei Pico della Mirandola
5.1. Der philosophische Teil des Weges zu Gott
5.2. Der Weg der Liebe zu Gott

6. Der Begriff der Menschenwürde bei Pico della Mirandola

7. Fazit

8. Quellenverzeichnis

9. Literaturverzeichnis

1. Einleitung

„ Alle Menschen sind frei und gleich an Würde und Rechten geboren. “ (Resolution 217 A (III) vom 10.12.1948, Art. 1.)

Dies ist der Beginn der „Allgemeinen Erklärung der Menschenrechte“ vom 10. Dezember 1948. Die Thematisierung der Würde des Menschen in dem völkerrechtlich elementaren Dokument weist darauf hin, dass die Würde demnach ein Gegenstand ist, der in unserer modernen Zeit in den verschiedenen Disziplinen wie Jura, Politik, Soziologie, Theologie und - nicht zu vergessen - der Philosophie diskutiert wird. Doch die Menschenwürde ist nicht erst seit der Zeit nach dem Zweiten Weltkrieg in den Mittelpunkt der politischen und gesellschaftlichen Auseinandersetzungen gerückt. Bereits in der frühen Neuzeit, genauer im Renaissance-Humanismus, waren der Mensch und seine Würde Gegenstand einiger philosophischer Erörterungen. Ein besonders leidenschaftlicher Debattierer für die menschliche Würde war zu dieser Zeit Giovanni Pico della Mirandola, mit dessen Würdekonzeption sich diese Arbeit beschäftigt. Dabei wird nicht nur die Frage beleuchtet, worin für Pico die Würde des Menschen besteht. Gleichfalls wird gefragt, was den Menschen, welchem Würde zukommen soll, ausmacht und worin seine Vortrefflichkeit persistiert, die ihn würdig macht. Auch wird versucht, den Konnex zwischen Freiheit und Würde herzustellen. Dabei bleibt eine ausführliche Betrachtung des Bezugs zwischen Picos Menschenwürdekonzeption und der heutigen Lage zum Thema „Menschenrechte“ aus. Wenngleich durchaus eine kurze Erwähnung von „Würde“ im heutigen Sprachgebrauch einfließen wird, so soll zu keinem Zeitpunkt der Fokus auf diese Kontroverse gelegt werden. Einzig Picos Grundidee zur Menschenwürde und die bereits erwähnten Fragestellungen sollen hier den Schwerpunkt der Arbeit bilden.

Im Einzelnen baut sich diese Arbeit wie folgt auf. Zunächst wird zu dem thematischen Kernpunkt durch eine Betrachtung der historisch-geistigen Situation der Zeit, in der Pico della Mirandola lebte und wirkte, hingeführt. Darauffolgend - ebenfalls noch in der Hinführung - soll der Begriff der Menschenwürde im Allgemeinen beleuchtet werden. Im Anschluss daran wird Pico selbst eingeordnet und seine Vorstellung vom Kosmos, sowie die Stellung des Menschen darin betrachtet. Thematisch knüpft hier die Frage nach der Freiheit des Menschen an, bei welcher die einzelnen Arten der Freiheit und - dem einhergehend - die diversen Daseinsformen des Menschen eruiert werden sollen. Auch das Risiko, welches die Freiheit in sich birgt, wird in diesem Kapitel analysiert. Anschließend wird gezeigt, über welche Wege der Mensch den Aufstieg zu Gott beschreiten kann. Im letzten Kapitel folgt eine abschließende Betrachtung des Menschenwürdebegriffs bei Pico, um diesen Terminus noch einmal deutlich hervorzuheben und mögliche offene Fragen endgültig zu klären. Zuvor soll jedoch noch ein Blick auf den für diese Arbeit zentralen Philosophen und sein Leben geworfen werden und die Hauptquelle vorgestellt werden.

Giovanni Pico Graf von Mirandola wurde als jüngster Sohn der Grafenfamilie von Mirandola und Concordia am 24. Februar 1463 in Mirandola, Norditalien geboren. Schon früh in der Kindheit sprachlich-humanistisch gebildet und des Lateins und Griechisch mächtig, wurde Pico bereits im Alter von zehn Jahren zum Protonotar des Papstes designiert - freilich motiviert durch seine gläubige Mutter, die eine Kirchenlaufbahn für ihren Sohn vorsah. Mit vierzehn Jahren begann Pico ein Studium des Kanonischen Rechts in Bologna, welchem 1479 das Philosophiestudium an der Universität von Ferrara folgte. Dieses führte er an der Universität in Padua von 1480 bis 1482 fort. Hier kam Pico mit der aristotelischen Tradition in Berührung und besuchte 1485 die Universität in Paris, deren Schwerpunkte die scholastische Philosophie und Theologie waren. Ab 1486 lebte Pico dauerhaft in Florenz, wo er neben dem Studium der jüdischen Kabbala, die stark von neuplatonischen Auffassungen geprägt ist, auch ein Mitglied der platonischen Akademie wurde, welche sich um den Philosophen Marsilio Ficino formte, den Pico schon zuvor bei Besuchen der Stadt kennenlernte. In seinen letzten Lebensjahren wurde er von Girolamo Savonarola beeinflusst, welchen Pico bereits seit der Zeit seines Studiums kannte. Pico verstarb am 17. November 1494 mit gerademal 32 Jahren in Florenz und wurde in San Marco bestattet. Bevor Pico starb, verfasste er - in Anbetracht der kurzen Dauer seines Lebens - eine Vielzahl an Werken, die von italienischen Sonetten über die Liebe, lateinischen Gedichten über Briefe mit Freunden bis hin zu größeren philosophischen Abhandlungen reichten. (Vgl. Kristeller 1986, 48ff., Buck 1990, VIIIf.)

Teil dieser zahlreichen philosophischen Schriften sind die zwei Werke, auf die sich diese Arbeit bezieht. Zum einen ist hier der Heptaplus zu nennen, welcher 1489 verfasst wurde und in dieser Arbeit nur eine sekundäre Betrachtung erfährt (Pico 1977 1489 ). Als zweites - und für diese Arbeit von primärer Bedeutung - ist die Oratio de hominis dignitate anzuführen. Sie wurde 1486 von Pico verfasst und kann mit „Reden über die Würde des Menschen“ übersetzt werden (Vgl. Kristeller 1986, 50). Veröffentlicht wurde sie jedoch erst nach Picos Tod durch seinen Neffen Gian Francesco Pico, der die Oratio im Nachlass Picos fand. Dabei konnte der Neffe nicht mit Sicherheit sagen, ob Pico die Oratio möglicherweise nie veröffentlichen wollte. Außerdem hatte dieses Werk Picos bei ihrem Fund zunächst keinen Titel. Dieser ist auf eine Anmerkung am Anfang des Textes zurückzuführen, die Hominis dignitas lautete. Interessanterweise ist diese Verbindung der Worte, was zu Deutsch „Menschenwürde“ heißt, nicht in der Oratio zu finden. Sie war ursprünglich als Eröffnungsrede für die Disputation gedacht, die Giovanni Pico in Rom abhalten wollte und zu welcher er mit der Publikation seiner 900 Thesen an verschiedenen Universitäten in Europa am 7. Dezember 1486 die Gelehrten einlud. Diese Thesen erregten viel Aufsehen, da dreizehn der Thesen als ketzerisch betrachtet wurden, sodass eine Kommission über ihre Rechtmäßigkeit zu entscheiden hatte. Dabei wurden die dreizehn Thesen als nicht rechtgläubig beziehungsweise als verdächtig eingestuft und der Papst untersagte die geplante Disputation in Rom. (Vgl. Gönna 1997, 107-110)

Die Oratio kann dabei auf zweifache Weise unterteilt werden. Zum einen kann sie in zwei Teile gegliedert werden, wobei sich lediglich der erste mit der Würde des Menschen beschäftigt und der zweite mit den Inhalten der vormals geplanten Disputation. Zum zweiten kann die Oratio allerdings auch in drei thematische Abschnitte gegliedert werden. Dabei wird auf den ersten fünf Seiten das Anthropologiekonzept Picos entfaltet. Auf den darauffolgenden elf Seiten geht es um das höchste Ziel des Menschen, welches der Aufstieg zu Gott ist. Im letzten Teil, welcher in etwa die Hälfte des Werkes ausmacht, wird die Notwendigkeit der Philosophie für den Menschen dargelegt und anschließend auf die inhaltlichen Punkte der Disputation Bezug genommen. (Vgl. Wolf 2009, 122f.) Für diese Arbeit ist vor allem - folgt man der Untergliederung in zwei Teile - der erste von besonderer Relevanz.

Nun zur Frage warum sich diese Arbeit ausgerechnet mit Pico della Mirandola beschäftigt und nicht mit einem anderen Denker dieser Zeit? Zentraler Grund hierfür ist, dass Pico nicht nur während seines Lebens eine herausragende Person war, sondern ihm noch nach seinem frühen Tod durch die gesamte Renaissance hindurch von allen Seiten Bewunderung zukam. Auch heute wird man schnell in seinen Bann gezogen, wenn man seinen Werken begegnet und sich auf diese einlässt. Dies geschieht obwohl er kein moderner Denker war, der die heutigen Erwartungen erfüllen könnte, denn er stand vollkommen in der scholastischen Tradition und wollte diese verteidigen und bewahren. Dennoch durchzog seine Anschauung ein bedeutendes und wegweisendes Motiv, das den Zeitgeist mit der Vergangenheit und der Zukunft verbindet. Dieses große Thema ist der Mensch und seine Würde, welches im Laufe der Geschichte begann immer mehr Bedeutung einzunehmen. Die Menschenwürde war in der Reformationszeit ein zentrales Element für den philosophischen Idealismus und hatte eine große Wirkung auf die englische und deutsche Philosophie. Selbst wenn Pico seine Thesen über sie Menschenwürde selbst nicht sonderlich verdeutlichte und somit erst die Nachwelt diese aufzudecken vermochte, kann eine derart dauerhafte Wirkung nur durch eine Philosophie entfacht werden, die eine zeitlich ungebundene und gedanklich neue Tendenz beinhaltete. Diese Philosophie ist die eines jungen Grafen des Renaissance- Humanismus: Giovanni Pico della Mirandola. (Vgl. Cassirer 1959, 61; Chiodi 2015, 13)

2. Hinführung zur „Würde des Menschen“ bei Pico della Mirandola

2.1. Der Renaissance-Humanismus

Pico della Mirandola lebte in Florenz, der Kernstadt des italienischen Renaissance- Humanismus. Diese literarische, kulturelle und philosophische Strömung fand etwa 1300 ihren Anfang und endete in den Jahren um 1700. Um ein Verständnis dafür zu bekommen, wieso sich Pico mit dem Thema des Menschen beziehungsweise der Menschenwürde beschäftigt hat, erscheint es unabdingbar, zunächst die Strömung des Renaissance-Humanismus genauer zu beleuchten. Hierbei ist zu beachten, dass es sich bei dem Begriff der Renaissance, welcher „Wiedergeburt“ bedeutet, um einen kulturgeschichtlichen Terminus handelt, während „Humanismus“ ein literatur-und geistesgeschichtlicher Begriff ist. (Vgl. Rupprich 1970, 427; Gerl 1989, 1) Es wirken also zwei Faktoren auf diese Bewegung ein: zum einen die kulturgeschichtlichen Entwicklungen der Renaissance und zum anderen die geistesgeschichtlichen des Humanismus. Deshalb sollen beide Begriffe separat betrachtet werden, auch wenn sie etwas Gleichzeitiges und ineinander Verwobenes beschreiben.

Die Zeit der Renaissance - eine Bezeichnung für diese Epoche, die ihr erst im 19. Jahrhundert zugewiesen wurde - ist geprägt von der Wiederentdeckung antiker Autoren, vor allem Platon und Aristoteles. Obwohl auch im Mittelalter rezipiert, wurden sie immer mehr der christlichen Dogmatik angepasst. Diese Loslösung begann man im Zeitalter der Renaissance anzustreben. Die Ablehnung des Mittelalters als dunkles Kapitel der Geschichte durch Gelehrte der Renaissance und die damit einhergehende Aufwertung der Antike spiegeln sich in deren Umgang mit den antiken Autoren deutlich wieder. Durch den Zusammenbruch des Oströmischen Reiches nach der Eroberung durch die Osmanen im Jahr 1453 kamen nicht nur griechische Gelehrte nach Italien. Auch viele antike Schriften aus den ehemals Osmanischen Gebieten erfuhren so in Italien eine größere Verbreitung, meist in Form von Übersetzungen. Die Handelsstadt Florenz unter der Herrschaft der Bankiersfamilie Medici, die selbst große Förderer von Kunst waren, Wissenschaft und Religion, war zu diesem Zeitpunkt Standort der platonischen Akademie um Marsilio Ficino, in welcher auch Pico war. (Vgl. Augustijn 2003, H50f.; Kristeller 1959, 37)

Die von 1447 bis 1521 regierenden Päpste werden auch als sogenannte „Renaissancepäpste“ bezeichnet. Ein „Papst war [in dieser Zeit] zuerst und vor allem ein italienischer Fürst“ (Augustijn 2003, H50), der den Kirchenstaat verwaltete und - ebenso wie andere Renaissancefürsten - Kriege mit andere Staaten führte, nach dem eigenen Ansehen strebte und große Feste feierte. Das Verhalten der Päpste als weltliche Fürsten zum Ende des 15. Jahrhunderts befeuerte maßgeblich die Kritik an ihnen und ihrer Amtsauffassung und kann als eine der großen Beanstandungen der Anhänger der letztlich in der Reformation an den Würdenträgern der katholischen Kirche angesehen werden.

Auf dem Gebiet des heutigen Italien gab es unzählige Stadtstaaten, die voneinander unabhängig entweder von einem Fürsten regiert wurden, oder wie im Falle Florenz eine oligarchische Republik waren. Diese speziellen Bedingungen in Florenz halfen der Entwicklung des Humanismus, der den Blick auf den Menschen nachhaltig veränderte. Das menschliche Sein erfuhr eine Umwertung, sodass der Mensch nicht mehr nur als etwas Allgemeines wie ein Teil einer Gesellschaft oder Gemeinschaft gesehen wurde, sondern als Individuum in den Fokus trat. Somit entdeckte auch die Philosophie das Thema des Menschen für sich und widmete sich der Frage nach der Würde des Menschen. (Vgl. Kristeller 1981, 66; Wachtendorf 2004, 50) Freilich ist in dieser Herangehensweise das Thema der Menschenwürde kein komplett neues. Jedoch wird die mittelalterlich-pessimistische Sicht gegenüber dem Menschen und seine Stellung, die genauer darin besteht, dass die Seele nur zu Gott aufsteigen kann, insofern sie sich von dem Körper befreit, abgelehnt. Stattdessen wird die menschliche Natur idealisiert und die Möglichkeit der Bildung des Menschen in den Fokus gerückt.1 Einer der ersten Vertreter und somit Wegbegleiter der Humanismus ist Francesco Petrarca (1304-1374), der sich in seinem Buch De remediis utriusque fortunae in einem Kapitel dem Thema der Menschenwürde zuwendet. Petrarca vertritt die Meinung, dass der christliche Humanismus den Menschen eine sittliche Bildung zukommen lassen soll und widmet sich gleichzeitig der Thematik nach der menschlichen Natur. (Vgl. Chiodi 2015, 14f.; Rupprich 1970, 436) Auch Giannozzo Manetti (1396-1459) beschäftigte sich in seinem Werk De dignitate et excellentia hominis mit der Natur des Menschen, legt dabei aber den Schwerpunkt eher auf die Körperlichkeit. Dabei beschreibt und lobt Manetti im ersten Buch den menschlichen Körper, während im zweiten die Spezifika der Seele, also freier Wille, Intelligenz und Gedächtnis skizziert werden. Im dritten Buch hingegen werden Seele und Körper gemeinsam in den Fokus gerückt und die Würde des Menschen durch ein seine kulturschöpfendes Wirken begründet. (Vgl. Thumfart 2013, 28; Wachtendorf 2004, 52) „Für MANETTI entfaltet sich die Wesenswürde des Menschen daher in der ‚vita activa‘, dem tätigen Leben.“ (Wachtendorf 2004, 52f.) Ein weiterer Vertreter des Humanismus ist der bereits erwähnte Marsilio Ficino (1433- 1499). (Vgl. Lohner 2013, 30.) Er postulierte in seinem Werk Theologia platonica die „Mittelstellung der menschlichen Seele zwischen der unkörperlichen und der körperlichen Welt“ (Kristeller 1981, 70), ähnlich der Stellung des Menschen bei Pico - wie später gezeigt wird. Pico war nicht nur Mitglied der platonischen Akademie und somit Schüler Ficinos, die beiden waren zugleich freundschaftlich verbunden. Der Einfluss Ficinos auf Pico ist demnach nicht zu unterschätzen, auch wenn Pico freilich als eigenständiger Denker zu betrachten ist und es durchaus viele Meinungsdifferenzen zwischen ihm und Ficino gegeben hat. (Vgl. Kristeller 1959, 38; Chiodi 2015, 15)

Allerdings sind die eben genannten Vertreter des Humanismus nur eine begrenzte Auswahl. Fest steht, dass es schwierig ist, die vielen Gedanken der einzelnen Humanisten auf einen vereinigten zusammen zufassen. Dennoch kann als gemeinsamer Nenner dieser Epoche aufgeführt werden, dass der Mensch in den Fokus der Analysen getreten ist und sich intensiv mit seiner Stellung in der Welt und eben auch seiner Würde beschäftigt wurde. (Vgl. Augustijn 2003, H64; Gerl 1989, 16) Trotz der seltenen Verwendung des Begriffs der Menschenwürde in der Aufklärung, lässt sich dennoch eine Entwicklungslinie von Pico zu Kant ziehen. Auch wenn Kant selbst wohl nie die Traktate von Manetti oder Pico gelesen hat, basiert seine Lehre2 dennoch auf deren traditionelle Geisteshaltungen. Zumindest insofern Kant den Menschen als ein Wesen sieht, welches auf Grund seiner Charakteristika über anderen Wesen steht. Freilich verzichtet Kant auf die Gottähnlichkeit des Menschen. Dafür bezieht Kants Würdebegriff die menschliche Vernunft mit ein, die es untersagt andere Menschen als Mittel zum Zweck zu benutzen, da er selbst bereits Zweck an sich sei. Deshalb fußt auch der erste Artikel des Grundgesetzes „Die Würde des Menschen ist unantastbar“ (GG Art. I, Abs. 1) mehr auf Kant als auf das Menschenwürdekonzept eines Renaissancephilosophen. Dennoch ist es den Philosophen aus dem Renaissance- Humanismus zu verdanken, dass der Mensch erneut in den Mittelpunkt der Diskussion gestellt wurde und somit auch die Menschenwürde eine Fokussierung erfahren hat. Die Menschenrechte sind demnach aus dem Konzept der Menschenwürde der Humanisten wie Pico entstanden, wenngleich es dafür keinen expliziten Rekurs zu geben scheint. (Vgl. Brandt 2010, 216ff.; Wachtendorf 2004, 57f.)

2.2. Der Begriff der Menschenwürde

Das Wort „Menschenwürde“ findet sowohl im juristischen Bereich als auch in der philosophischen Disziplin Anwendung. Dennoch herrscht Irritation bezüglich der genauen Bedeutung dieses Begriffs. Da aber diese Arbeit den Begriff zum zentralen Gegenstand hat und zu klären versucht, worin für Pico della Mirandola die Würde des Menschen besteht, ist dieser Ausdruck obligatorisch näher zu betrachten. Dabei wird zunächst der Begriff „Menschenwürde“ im Ganzen untersucht und in einem zweiten Schritt die Etymologie des zweiten Teils3 des Wortes, also „Würde“ beziehungsweise dem lateinischen Begriff dignitas beleuchtet.

Wie bereits deutlich geworden ist, handelt es sich bei „Menschenwürde“ um ein zusammengesetztes Wort, präziser gesagt, um ein Kompositum. Den Stamm dieser Zusammensetzung bildet der Begriff „Würde“. „Würde“ subsumiert sich dabei zum Wortteil „Menschen“ und ist somit nicht nur als ein Wort, sondern ebenfalls in Satzform ausdrückbar. Der Satz könnte lauten: „Mensch kommt Würde zu.“ „Menschenwürde“ ist also die Bezeichnung für einen ganzen Satz und besitzt metasprachlichen Charakter. Für „Menschenwürde“ wird häufig auch nur der zweite Wortteil „Würde“ als Synonym verwendet und soll somit dasselbe ausdrücken. Inwiefern der Begriff „Menschenwürde“ zweckmäßig ist, soll bei einer genaueren Betrachtung des Wortteils „Würde“ geklärt werden, bevor der Fokus weg vom allgemeinen Gebrauch des Würdebegriffs hin zur spezifischen Benutzung von „Menschenwürde“ bei Pico gelenkt und dieser analysiert wird. (Vgl. Jaber 2003, 10f.; Tiedemann 2014, 68)

2.2.1. Die Etymologie von „Würde“

Der Begriff der „Würde“

Der Begriff der „Würde“ stammt vom althochdeutschen Wort „wirtī“ beziehungsweise dem mittelhochdeutschen Ausdruck „wirde“ ab. Dabei leitet sich „Würde“ vom Adjektiv „wert“ ab, der zur selben indogermanischen Wortgruppe gehört wie das deutsche Verb „werden“. „Werden“ hingegen weißt einen Verwandtschaft zum lateinischen Begriff „vetere“ auf, was im ursprünglichen Gebrauch „drehen“, „kehren“, oder „verwenden“ auszudrücken suchte beziehungsweise so viel heißen konnte wie „sich zu etwas wenden“ beziehungsweise „zu etwas werden“. Das Wort „Wert“, welches ebenfalls mit „Würde“ verwandt ist, kann in dem Sinne verwendet werden, dass etwas im Gegensatz zu etwas anderen einen Wert hat - also würdig ist. (Vgl. Tiedemann 2014, 69)

Der Würdebegriff weist des Weiteren einen engen Bedeutungsbezug zum Wort „Ehre“ auf, da beides mit dem sozialen Ansehen, welches einem Menschen in einer Gemeinschaft zukommt, in Verbindung steht. Dabei ist der Mensch würdig beziehungsweise besitzt Würde, insofern er von den anderen Mitgliedern der Gemeinschaft auf Grund seiner Tugenden geehrt wird. Daraus ergibt sich, dass der Mensch dann Würde besitzt, wenn er einen Wert für die Gesellschaft aufweist. (Vgl. Tiedemann 2014, 69)

Der Begriff der dignitas

Das Wort dignitas, welches aus dem Lateinischen stammt, ist das Lehnwort für die Wortversionen der romanischen Sprachen - wie unter anderem dem italienischen Begriff ‚dignità‘ oder der spanischen Übersetzung ‚dignidad‘ - und dem englischen Terminus ‚dignity‘. Sie folgen dabei alle der gleichen indogermanischen Wurzel ‚dek‘, welche „nehmen“, „aufnehmen“ und „annehmen“ aussagen kann. Darüber hinaus steht ‚dignitas‘ in Beziehung zum lateinischen Terminus ‚decetere‘, welcher „sich ziemen“ oder „gut passen“ bedeuten kann. Das lateinische Adjektiv ‚dignus‘ kann neben „würdig“ ebenfalls mit „durch etwas geschmückt“ oder „mit etwas verziert“ übersetzt werden. Mit ‚dignitas‘ wird ein Status des Menschen in Verbindung gebracht, der nicht angezweifelt werden sollte. Deshalb wird mit dignitas ein Wert für einen Menschen ausgedrückt, der keine Einschränkung bekommt - also handelt es sich um einen absoluten Wertbegriff im Sprachgebrauch der Lateiner. (Vgl. Tiedemann 2014, 69f.)

Der römisch-antike Sprachgebrauch von „dignitas“

Da im Renaissance-Humanismus eine Rückbesinnung auf die Antike stattfand und somit auch Picos Verständnis von ‚Würde‘ davon geprägt war, soll in diesem Abschnitt eine kurze Beleuchtung des Wortes dignitas im antiken4 Sprachgebrauch erfolgen.

[...]


1 Die Idee der Bildbarkeit muss für den hier benötigten Einblick nicht weiter erläutert werden. (Vgl. Augustijn 2003, H50)

2 An dieser Stelle sollen einzelne Aspekte der Konzeption Kants nicht genauer erläutert werden, da dies den Umfang dieser Arbeit überschreiten würde. Lediglich eine kurze Benennung der größten Unterschiede in wenigen Sätzen erscheint für die Fragstellung hinreichend, um einen Einblick zur Bedeutung der Philosophie des Renaissance-Humanismus und damit vor allem der Philosophie Picos zu geben.

3Es könnte hierbei auch der ersten Teil des Begriffs der Menschenwürde, also „Mensch“ selbst untersucht werden, da dieser ebenfalls nicht eindeutig zu verstehen ist, dennoch soll an dieser Stelle auf eine detaillierte Analyse vom Ausdruck „Mensch“ verzichtet werden, da es den Rahmen der Arbeit überschreiten würde. Nur so viel sei gesagt: „Mensch“ kann in der Kombination „Würde“ verschiedenartig gedeutet werden. Zum einen kann ein Kollektiv mit „dem Menschen“ apostrophiert werden. Dabei beinhaltet es so viel wie „alle Menschen“ oder „jeder einzelne Mensch“. In Bezug auf Menschenwürde wäre hier die Bedeutung „alle Menschen/ ein jeder Mensch hat Würde“ aufzuführen. Zweitens kann mit „dem Menschen“ eine Besonderheit der Gattung beschrieben werden. Im Konnex mit Würde wäre hier „die Würde des Menschen als Menschen“ zu erwähnen. Die zwei Arten von „dem Menschen“ können mit der Fokussierung auf den Menschenwürdebegriff in Relation gestellt werden. Mit „Würde des Menschen als Menschen“ ist dann gleichzeitig Würde impliziert, die Menschen zukommt, da sie hier eine Gattungsbesonderheit darstellt. Dieser Nexus der beiden Bestimmungen von „dem Menschen“ - welcher auch in dieser Arbeit Anwendung findet - wird in unserer heutigen Zeit so gedeutet, dass die Würde eines jeden Menschen die „Menschenwürde“ ist und sie somit die zumindest potentielle Gattungseigenschaft der Würde allen Menschen zuspricht. (Vgl. Jaber 2003, 47)

4 Der Fokus liegt hier ausschließlich auf dem römisch-antiken Gebrauch von „Würde“, da eine genauere Betrachtung von „Würde“, die ebenfalls die griechische Antike beinhalten müsste, zu weit führen würde.

Ende der Leseprobe aus 40 Seiten

Details

Titel
Menschenwürde und Willensfreiheit als Charakteristika des Menschseins. Die Würde des Menschen bei Giovanni Pico della Mirandola
Hochschule
Johannes Gutenberg-Universität Mainz  (Philosophisches Seminar)
Veranstaltung
Bachelorarbeitsmodul
Note
1,3
Autor
Jahr
2016
Seiten
40
Katalognummer
V356427
ISBN (eBook)
9783668421882
ISBN (Buch)
9783668421899
Dateigröße
810 KB
Sprache
Deutsch
Anmerkungen
"[...] Es handelt sich bei der vorliegenden Arbeit um eine Leistung auf hohen Niveau im Bachelorstudiengang. Die Arbeit ist wohl strukturiert und die Übergänge zwischen den Kapiteln und den Unterkapiteln sind reibungslos [...] Die Vf. [Verfasserin] beweist an mehrern Stellen der Arbeit durchaus ihre Fähigkeit, philosophische Zusammenhänge [...] adäquat zu interpretieren und zu rekonstruieren. Eine erwünschte Auseinandersetzung mit der Primärliteratur ist ebenso in mehreren Passagen der Arbeit ersichtlich. [...] Formal und orthographisch lässt die Arbeit kaum etwas vermissen. [...]"v.Gutachter
Schlagworte
Giovanni Pico della Mirandola, Menschenwürde, Würde, Willensfreiheit, Freiheit
Arbeit zitieren
Dorothee Stauche (Autor), 2016, Menschenwürde und Willensfreiheit als Charakteristika des Menschseins. Die Würde des Menschen bei Giovanni Pico della Mirandola, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/356427

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