Lebenszielplanung und -analyse nach Harlich H. Stavemann. Grundlagen und Umsetzung in der Beratungspraxis


Hausarbeit (Hauptseminar), 2017

13 Seiten


Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1. Einleitung
1.1 Berührungspunkte zwischen Psychologie und Philosophie

2. Theoretische Grundlagen
2.1 Unterscheidung zwischen Glauben und Wissen
2.2 Die philosophische Gesprächsführung

3. Lebenszielanalyse und Lebenszielplanung nach Stavemann
3.1 Grundlegende Glaubensgrundsätze erheben und reflektieren
3.2 Lebenszielanalyse: IST-Zustand erheben und prüfen
3.2.1 Zeit- und Energieverbrauch für Ziele
3.2.2 Prüfkriterien von Lebenszielen
3.3 Lebenszielproblematik/ Diagnostik
3.3.1 Ziellosigkeit
3.3.2 Zu viele Ziele
3.3.3 Irrationale Ziele
3.3.4 Widersprüchliche Ziele
3.4 Lebenszielplanung: Erarbeitung von SOLL-Zustand

4. Schlussfolgerung

5. Literaturverzeichnis

1. Einleitung

„Ich habe noch keinen Fall von Neurose gesehen, bei dem nicht als letztes Problem und als letzter Konflikt, wenn man es so nennen will, sich eine ungelöste metaphysische Frage enthüllt hätte.“ (Frankl, 2002:104 in Stavemann, 2008: XI).

1.1 Berührungspunkte zwischen Psychologie und Philosophie

Zu Beratungs- und Therapieverfahren ist die Klärung lebensphilosophischer Fragen des Klienten[1] obligatorisch. Das oben aufgeführte Zitat von Frankl zeigt auf, dass die Fachrichtung Psychologie und Philosophie klar miteinander zusammenhängt und umweltbedingte Risikofaktoren gewisse Krankheitsbilder wie beispielsweise Angst- und Zwangserkrankungen, aber auch depressive Episoden begründen können. Traumatische Schicksalsschläge verändern durchaus die Lebensphilosophie und somit den Sinn des Lebens des betreuenden Klienten. Diese entsprechen oftmals der bisher geführten Lebensweise nicht (mehr). Umso verwunderlicher ist es in diesem Zusammenhang, dass die heutigen beraterischen und psychotherapeutischen Ausbildungscurricula den philosophischen Bereich zwar theoretisch betreten, jedoch nicht praktisch üben. Die Konsequenz ist, dass sich Versagensempfindungen bei hoch ausgebildeten Fachkräften im metaphysischen[2] Kontext ausbreiten. Aus diesem Grund ist das Verfahren der Lebenszielanalyse und Lebenszielplanung nach Stavemann sowohl in dem seelsorgerischen, beraterischen und therapeutischen Arbeitsbereich ein hilfreiches Instrument, um auf subjektive Empfindungen des Klienten eingehen zu können und Widersprüchlichkeiten in Verhalten, Kognition und Emotionalität festzustellen. Die erfolgreiche Lebensbewältigung gelingt nur dann, wenn Menschen Erfüllung in einzelnen Lebensbereichen verspüren. Dieses Genussempfinden setzt jedoch realistische Lebensziele und dessen regulärer Überprüfung und Neuorganisation bei emotionalen Schwierigkeiten voraus (vgl. Stavemann, 2008: IX). Die Ausarbeitung gliedert sich in zwei Hauptaspekte. Sie vermittelt die relevantesten theoretischen Grundlagen zum Modell nach Stavemann und animiert zur praktischen Anwendung. Die Autorin fokussiert sich aus beruflichen Ambitionen auf den Beratungsschwerpunkt.

2. Theoretische Grundlagen

2.1 Unterscheidung zwischen Glauben und Wissen

Der Glaube steht grundsätzlich in Verbindung mit Unwissenheit. Die Begrifflichkeit fällt oftmals in der Theologie. Wissen ist dagegen empirisch feststellbar und wird deswegen auch als weltliche Wissenschaft bezeichnet (vgl. Picht, 1991: 12-14). Obwohl die Theologie an staatlichen Universitäten gelehrt wird, stellt sie an Fakultäten keine eindeutig abgegrenzte Wissenschaft dar. Sie müsste dazu einen klaren Gegenstand vorweisen. Aus diesem Grund geht es laut Kubitza allgemein um eine „gläubige Wissenschaft.“ (Kubitza, 2015). Wissen sucht die absolute Wahrheit. Sie wird durch deduktives[3] Vorgehen erlangt, die auch mit Logik gleichzusetzen ist. Eine eindeutige Definition von Wissen gibt es jedoch nicht, da mehrere Perspektiven dafür betrachtet werden müssen (vgl. Reinmann-Rothmeier & Mandl, 2000). Für Mead ist das selbst erworbene Wissen eines Menschen nicht die Wirklichkeit selbst. Watzlawick formuliert sogar eine Hierarchie des Wissens. Diese Hierarchie besagt, dass es sich um drei Ordnungen handelt. Bei dem Wissen erster Ordnung geht es um das sinnliche Gewahrsein von Objekten. Danach erfolgt das Wissen der zweiten Ordnung. Hierbei geht es konkret um das Wissen der Objekte. Für das Beratungsgespräch ist jedoch das Wissen dritter Ordnung relevant, denn dieses beinhaltet das Weltbild des Klienten, welches sich aus dem mit Bedeutungen versehenen Wissens zweiter Ordnung zusammensetzt. Der Berater betrachtet das Weltbild des Klienten und versucht dementsprechend eine Veränderung auf dieser Ebene herbeizuführen. Der Veränderungsprozess ist jedoch sehr komplex, da der Klient sein metaphysisches Glaubenskonzept nicht überprüfen kann. Der Berater kann sich somit nur auf spekulative Ebene begeben, um die durch den Glauben entstandenen emotionalen Probleme bei dem Klienten aufzulösen. Die Erarbeitung von Lösungsansätzen funktioniert prinzipiell nur dann, wenn der Berater die moralischen, kulturellen, sozialen und religiösen Auffassungen des Klienten erfragt. Der Standpunkt des Klienten bildet die Grundlage der gesamten Beratung (vgl. Stavemann, 2008: 2 ff.).

2.2 Die philosophische Gesprächsführung

Die Philosophie bietet keine naturwissenschaftliche Herangehensweise, die eine Existenz eines Schöpfergottes bestätigen oder widerlegen könnte. Auf metaphysische Fragestellungen gibt es aktuell keine wissenschaftlich fundierte Antworten, sondern reine Spekulationen über die Wirklichkeit und das eigene Dasein. Lebenssinn oder Lebenszweck muss der Klient somit eigenständig für sich selbst und individuell bestimmen. Diesen Prozess kann der Berater durch Hilfestellungen beschleunigen. Der Fokus liegt dabei auf Denk-, Reflexions-, und Besinnungsprozessen. Der Berater entwickelt durch eine sokratische Gesprächsführung eine wertschätzende Atmosphäre ohne belehrenden Charakter (vgl. Stavemann, 2008: XII). Zurückzuführen ist die Gesprächsführung auf das Gebot der Zurückhaltung nach Heckmann, um Beeinflussung zu vermeiden. Der Klient greift auf sein Urteilsvermögen zurück. Dadurch besteht die Möglichkeit ein mühsam aufgestelltes Konzept gründlich zu überdenken. Solch ein Metagespräch zeichnet sich vor allem durch Nondirektivität aus. Ein gemeinsamer Dialog gehört zu der wichtigsten philosophischen Fertigkeit, die sich die professionelle Fachkraft aneignen kann (vgl. Wisniewski & Niehaus, 2016: 22). Rogers thematisiert die Nondirektivität ebenfalls und erklärt die Begrifflichkeit wie folgt: „Der nicht-direktive Standpunkt legt großen Wert auf das Recht jedes Individuums, psychisch unabhängig zu bleiben und seine psychische Identität zu erhalten. Der direktive Standpunkt legt großen Wert auf soziale Übereinstimmung und das Recht des Fähigeren, den Unfähigeren zu lenken.“ (Rogers, 1999: 119). Hierbei stellt sich die Frage, weshalb ein gemeinsamer Dialog förderlich sein soll. Durch ein jahrelang verfolgtes individuelles Glaubenskonzept entwickeln sich Problembereiche beim Subjekt. Fraglich ist ein Lebensentwurf, wenn sich anhaltende Schuldgefühle beim dem jeweiligen Menschen ausbreiten. Wenn ein Mensch ein Schuld-und-Sühne-Konzept verfolgt, bestraft und beschimpft er sich nach Fehlleistungen. Der Glaube an Bestrafung führt letztendlich zu Unsicherheit und zur Handlungsfähigkeit in puncto Entscheidungen. So ist anzunehmen, dass ein solches Glaubenskonzept zur dauerhaften Unzufriedenheit führt und der Betroffene durch sein Weltbild leidet. Dieses Leiden führt nicht in seltenen Fällen zu psychiatrischen Krankheitsbildern. Eine professionelle Beratung verdeutlicht dem Klienten durch intensives Aufarbeiten, dass die erfundene Wirklichkeit keine unabänderliche Größe darstellt. Der Klient bestimmt sein subjektives Erleben eigenständig durch Beobachtung und Erfahrung der eigenen Umwelt (vgl. Stavemann, 2008: 3).

3. Lebenszielanalyse und Lebenszielplanung nach Stavemann

Für das analytische und planmäßige Vorgehen nach Stavemann sind vier Schritte vorgesehen, die in ihrer Reihenfolge zwangsläufig einzuhalten sind. Diese werden im folgenden Abschnitt näher betrachtet. Die Einhaltung der Reihenfolge ist unbedingt zu beachten, um dem Klienten ein eigenverantwortliches Formulieren geeigneter Lebensziele zu ermöglichen. Die Eigenverantwortlichkeit kann nur in angemessenen Reflexionsphasen zu persönlichen Erkenntnissen führen (vgl. Stavemann, 2008: XII).

3.1 Grundlegende Glaubensgrundsätze erheben und reflektieren

Grundsätzlich kann der Berater nicht mit der Zielanalyse beginnen, bevor er die moralischen, ethischen, sozialen und religiösen Überzeugungen seines Klienten nicht kennt. Aus zeitlichen Gründen ist es deshalb ratsam die Glaubensgrundsätze mit einem standardisierten Fragebogen zu erheben und dem Klienten das entsprechende Arbeitsblatt als Hausaufgabe mitzugeben. Prinzipiell gibt es zwei Ansichten, die der Klient vertreten kann. Zum einen kann eine religiöse Weltanschauung vorliegen beziehungsweise der Glaube an den Dualismus (Spaltung von Körper und Seele). Die Theorie geht davon aus, dass die Seele unsterblich ist und einem immateriellen Geist gleicht. Diese phänomenologische Sichtweise gilt für viele Naturwissenschaftler als unglaubwürdig und irreal, doch die Spiritualität hat einen belegbaren positiven Einfluss auf die menschliche Gesundheit. Gläubige neigen nicht zu übermäßigem Drogenkonsum, leben in Monogamie, Fasten und streben nach innerer Gelassenheit (vgl. Frank, 1961 & Brody, 2002 in Stavemann, 2008: 12). Emotionales Leid entsteht dann, wenn der Glaube besteht, dass der Klient göttliche Anforderungen nicht erfüllt. Wenn der Glaube an einen Schöpfergott vorhanden ist, so hat dieser in den meisten Fällen auch bestimmte Erwartungen. Diese Einstellung hat den Nachteil, dass starke Schuldgefühle auftreten können und dass das eigene Leben größtenteils fremdbestimmt ist. Ein wesentlicher Vorteil ist jedoch, dass ein Schöpfergott religiös geprägten Menschen Sicherheit, Trost und Unvergänglichkeit vermittelt. Beifolgend entstehen dadurch neue Berufsgruppen, die durch den Dualismus ihr Einkommen sichern, indem sie angstreduzierende Maßnahmen verfolgen wie der Priesterberuf (vgl. Stavemann, 2008: 1-7). Onfray formuliert dazu folgende Erklärung, warum die Religion ein fester Bestandteil in der Menschheit zu sein scheint : „Solange Menschen sterben müssen, wird es Gott geben. Er existiert als Ausflucht vor der existenziellen Furcht der Unfähigkeit, zu akzeptieren, dass wir und die Menschen, die wir lieben, verschwinden werden.“ (Onfray, 2007: 60 in Stavemann, 2008: 7). Zum anderen gibt es jedoch noch eine ganz andere, naturwissenschaftliche Ansicht, nämlich die darwinistische Evolutionstheorie. Diese besagt, dass die Entstehung von Arten einem großen Zufall (Urknall) entspricht und die Umweltbedingungen für das Leben zu diesem Zeitpunkt willentlich vorhanden waren. Die Menschheit wird dabei als ein reines Zwischenstadium angesehen. Die Naturgesetze der Evolutionstheorie sind bis zum gegenwärtigen Zeitpunkt ungeklärt und entsprechen verstärkt der naturwissenschaftlichen Anschauung. Beide Theorien existieren seit dem 18. Jahrhundert und repräsentieren den Glaubenskampf zwischen Theisten und Atheisten. Gerade die Unwiderlegbarkeit in Daseins-Fragen führt im beraterischen und therapeutischen Setting häufig zur inneren Zerrissenheit. Der Berater vertritt ein eigenes Weltbild, muss sich jedoch in der philosophischen Gesprächsführung in diesem Fall deutlich zurückhalten. Zusammenfassend ist festzustellen, dass beide Theorien Vor- und Nachteile bieten, die für die eigene Lebenszielplanung von Bedeutung sein können (vgl. Stavemann, 2008: XIII).

3.2 Lebenszielanalyse: IST-Zustand erheben und prüfen

Stavemann definiert Lebensziele als „das, was Menschen sich vornehmen, während ihres Lebens zu tun.“ (Stavemann, 2008: 26). Daneben sind eigene Vorsätze und moralische Ideen bedeutungsvoll, die sich beim Menschen aus Beobachtung und Erfahrung bilden. Die Formulierung genauer Lebensziele führt oftmals zu einer Überforderung des jeweiligen Klienten. Es ist sinnvoll, dass der Klient seine Ziele in Lebensbereiche untergliedert. So können vernünftige Oberziele in den jeweiligen Bereichen formuliert werden. Sie sind auch als Grundziele zu verstehen und sinnvoll, um eine langfristige Orientierung zu haben. Im zweiten Schritt kann das Individuum seine mittel- und kurzfristigen Ziele konkretisieren und aktuelle Problemlagen einarbeiten. Gute Lebensziele kennzeichnen sich aus, dass sie zu persönlichen, moralischen, sozialen und kulturellen Anhaltspunkten keine Widersprüche darstellen. Zudem müssen sie realistisch sein. Konkrete Formulierungen sind vorteilhaft. Ein schlechtes Lebensziel ist beispielsweise der Wunsch nach zwei männlichen Kindern. Der Mensch hat keinen Einfluss auf das Geschlecht des Kindes. Ein gutes Lebensziel ist der Wunsch nach einem Partner mit Kinderwunsch. Hilfreich sind sogenannte W-Fragen (weshalb, warum, was) (vgl. Stavemann, 2008: 24-34).

[...]


[1] Aus Gründen der besseren Lesbarkeit wird in der gesamten Ausarbeitung nur die männliche Form verwendet. Gemeint ist stets sowohl das weibliche und männliche Geschlecht.

[2] Die Metaphysik ist eine „philosophische Disziplin oder Lehre, die das hinter der sinnlich erfahrbaren, natürlichen Welt Liegende, die letzten Gründe und Zusammenhänge des Seins behandelt.“ (Duden, 2016).

[3] „Deduktion ist das Denkverfahren, das vom Allgemeinen auf das Besondere, vom Abstrakten auf das Konkrete und vom Umfassenden auf das Einzelne schließt. Das Einzelne wird als Folge oder Spezialfall einer Regel oder eines Gesetzes erkannt.“ (Odenbach, 1974, S. 119).

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Details

Titel
Lebenszielplanung und -analyse nach Harlich H. Stavemann. Grundlagen und Umsetzung in der Beratungspraxis
Hochschule
SRH Hochschule Heidelberg  (Fakultät für Sozial- und Rechtswissenschaft)
Veranstaltung
Psychosoziale Beratung
Autor
Jahr
2017
Seiten
13
Katalognummer
V356652
ISBN (eBook)
9783668425187
ISBN (Buch)
9783668425194
Dateigröße
742 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
Beratung, Psychotherapie, Seelsorge, Lebenszielplanung, Lebenszielanalyse, Harlich H. Stavemann
Arbeit zitieren
Nadja Ksiazek (Autor:in), 2017, Lebenszielplanung und -analyse nach Harlich H. Stavemann. Grundlagen und Umsetzung in der Beratungspraxis, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/356652

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