Die Rolle des Wächters im mittelhochdeutschen Tagelied


Hausarbeit, 2015

14 Seiten, Note: 2,6


Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1 Einleitung
1.1 Ursprung Wächterfigur im Tagelied

2 Der Wächter der provenzalischen Alba und ihr Einfluss auf das mittelhochdeutsche Tagelied

3 Analyse der Tagelieder
3.1 Analyse „Sîn klâwen“ von Wolfram von Eschenbach
3.2 Analyse „Wie sol ich den ritter“ von Otto von Botenlauben

4 Das Erzählerbild Wolfram von Eschenbachs

5 Fazit

6 Bibliographie

1 Einleitung

In dieser Hausarbeit werde ich die vielschichtige Rolle und Interpretation des Wächters im mittelhochdeutschen Tagelied betrachten. Hierzu werde ich zwei von mir gewählte Tagelieder eingehend analysieren und mich dabei insbesondere auf die Wächterfigur fokussieren. Eine gute Definition zur Klärung des Begriffs 'Tagelied' und einen Ausblick darauf welche Rolle der Wächter bei den von mir gewählten Tageliedern spielt, findet man bei Ruberg:„ […] bei herangrauendem Tag Wecken und innigste Umarmung zweier heimlich Liebender nach ihrem Zusammensein im Schutz der Nacht, Dominanz der meist szenisch und dialogisch gestalteten Abschiedssituation, gesteigerter Schmerz durch die Gefahr der Entdeckung und die Not der Trennung, Zukunftshoffnung durch Treuegelöbnis, Wiederkehrversprechen und Abschiedssegen.“1

Ich werde verschiedene Forschungsthesen zur Rolle des Wächters in mittelhochdeutschen Tageliedern anführen und kritisch mit meinen eigenen Beobachtungen vergleichen. Zudem werde ich nachforschen, welcher Dichter die Figur einführte, woher sie stammt und welcher Dichter sie bereits selbstverständlich verwendete.

1.1 Ursprung Wächterfigur im Tagelied

Einführend ist zu sagen, dass die Figur des Wächters ist vor allem deswegen so interessant ist, weil ihr Ursprung bis heute umstritten ist: „Die Figur des Wächters - nach ihrem literarischem Ursprung wie nach ihrer tatsächlichen Bedeutung innerhalb der Tageliedsituation - ist die crux aller Forschungen über das Tagelied.“2

Als allgemeiner Orientierungspunkt ab dem in der deutschen Literatur die Wächterfigur gefunden werden kann, gilt 1200, wobei dieses Datum beispielsweise von Ulrich Knoop angezweifelt wird. Knoop führt verschiedene Zeugnisse aus der germanischen Heldenepik, sowie als ältestes datierbares Zeugnis, in dem das Wächteramt erwähnt wird, 'Capitulare de villis' aus der Verwaltung Karl des Großen an.3 Der Wächter dürfte also im deutschsprachigem Raum nicht unbekannt gewesen sein, zumal es damals im realen Leben auf einer Burg selbstverständlich war, dass es eine

Person gab, die das Amt innehatte, die Festung zu bewachen. Im Grimmschen Deutschen Wörterbuch findet man unter anderem folgenden Eintrag unter Wächter: „mhd. waehtere ist namentlich der Burgwächter, der von der Zinne oder vom Thurm der Ritterburg aus Ausschau hält und das Nahen von Feinden meldet.“4

Es ist jedoch sehr wahrscheinlich, dass das literarische Vorbild des mittelhochdeutschen Tageliedes aus der provenzalischen Alba stammt. In „Germanistische Mediävistik“ wird zum Ursprung des Tageliedes gesagt: „Der Ursprung und die frühe Ausbildung des mittelhochdeutschen Tageliedes liegen nach wie vor im Dunklen. Angesichts der räumlich und zeitlich nahezu unbegrenzten Tagelied-Situation im internationalen Liedgut muß grundsätzlich von Polygynese und einem Zusammenwirken verschiedener Anstöße ausgegangen werden.“5 So auch die Entwicklung der Wächterfigur. Die unübersehbaren Gemeinsamkeiten mit der provenzalischen Alba werde ich im nachfolgenden 1. Kapitel erörtern. Erst dann werde ich auf die von mir erwählten Dichter Wolfram von Eschenbach, der mitunter als „Schöpfer des Tageliedes“ angesehen wird, und Otto von Botenlauben, und die von ihnen verfassten Tagelieder eingehen.

2 Der Wächter der provenzalischen Alba und ihr Einfluss auf das mittelhochdeutsche Tagelied

Leider sind nur sehr wenige Albas erhalten was ihre Erforschung natürlich erschwert. Aber gemeinsame Merkmale des Albas und des Tageliedes sind offensichtlich - Es geht immer um die romantische Vereinigung eines Liebespaares, das im Morgengrauen von einem Wächter geweckt wird und sich trennen muss.

Seinen Namen bekam die Gattung durch den Refrain, der nach jeder Strophe wiederholt wird, dieser endet meistens mit dem Wort 'alba', was man mit 'Tagesanbruch' übersetzen kann. Der Tagesanbruch ist das zentrale Motiv jeder Alba. Der Wächter, 'la gaita, ist neben der Dame die wichtigste Person. Allerdings sind alle Albas sehr individuell, womit auch die Position des Wächters stark variiert. Jedoch ist er immer stark, treu und einfühlsam. Er tut was er kann um wahre Liebe zu unterstützen.

Eine ganz besondere Stellung nimmt Giraut de Bornelhs Wächter in der beispielhaften Alba 'Reis glorios, verais lums e clartatz' ein, hier wird der Wächter nicht als Diener, sondern viel mehr als mitfühlender Freund beschrieben. Ähnlich wie der von Wolfram von Eschenbach beschriebene Wächter in seinem Tagelied 'Sin klawen'.

Offentlich ist, dass sich das mittelhochdeutsche Tagelied durch das Element des Wächters von den Minneliedern absetzt. Es bleibt bis heute umstritten, ob die provenzalischen Albas wirklich die Grundlage für die Wächterfigur geliefert haben. Während Borck die Wächterfigur beispielsweise als „provenzalischen Import“6 ansieht, schreibt Lachmann den provenzalischen Albas sehr wenig Einfluss zu. Der kunstvolle Umgang mit dem Wächtermotiv, besonders bei Wolfram von Eschenbach, lässt jedoch darauf schließen, dass diese Figur nicht völlig neu war.

3 Analyse der Tagelieder

3.1 Analyse „Sîn klâwen“ von Wolfram von Eschenbach

Das vorliegende Tagelied ist in vier Strophen unterteilt, wobei die ersten drei Strophen jeweils zehn Verse beinhalten und die letzte Strophe nur drei. Das Reimschema der ersten drei Strophen ist für die jeweils ersten sechs Verse, den Aufgesang, abcabc , also jeweils drei Stollen. Die letzten vier Verse; der Abgesang, abab, also jeweils zwei Stollen. Die vierte Strophe weist kein erkennbares Reimschema auf. Das Lied hat eine Kanzonenform.

In der ersten und der dritten Strophe spricht offensichtlich ein Wächter und in der zweiten und vierten eine Frau, es findet ein Dialog zwischen den zwei Charakteren statt. Der Wächter wird hier als Freund der Liebenden beschrieben, denn er kümmert sich um sorgsam darum, dass sie Zusammenfinden können („[...] den ich mit sorgen în bî naht verliez.“7 ) Er spricht außerdem positiv über den Geliebten („sîn vil manigiu tugent mich daz leisten hiez.“8 ) Er wird aber auch als Bote des Unglücks dargestellt, aus der Sicht der Frau, da er durch seinen Ruf natürlich ihre Trennung verkündet, somit assoziiert sie sein Erscheinen mit Trauer und Wehmut.

Offenkundig wird die Figur des Wächters jedoch auch als Bediensteter dargestellt, die einen niedrigeren Rang als das Liebespaar innehat, erkennbar an der Art und Weise wie die Frau in Strophe zwei zu ihm spricht („[...] daz gebiut ich den triuwen dîn. des lôn ich dir“9 ) Der Lohngedanke bleibt also nicht aus, auch wenn die Wächterfigur in diesem Tagelied auch eine Freundschaftsverbindung zu dem Paar hält. Auffällig ist hier jedoch, dass der Wächter nicht auf den angebotenen Lohn eingeht, sondern auf seinem Versprechen beharrt - die Frau bittet ihn, die Beiden nicht zu trennen, doch der Wächter ist darum bedacht, dass sie ihr Ansehen und Leben behalten können, und beweist sich als treuer Freund, da er weiter darauf besteht den Mann fort zu bringen („Er gab sich mîner triuwen alsô, daz ich in braehte ouch wider dan.“10 ) Die Freundschaft und die Intimität zwischen den Figuren wird von Wolfram durch herzliche Worte des Wächters ('süezez wîb', Strophe 3, Vers 3) noch unterstrichen.

[...]


1 Ruberg, S. 16

2 Jaehrling, S. 168.

3 vgl. Knoop, S. 184f

4 Grimm, S. 184

5 Germanistische Mediävistik, S.228

6 vgl. Wapneswski, S.246

7 Reclam, S.128

8 Reclam, S.128

9 Reclam, S.129

10 Reclam, S.129

Ende der Leseprobe aus 14 Seiten

Details

Titel
Die Rolle des Wächters im mittelhochdeutschen Tagelied
Hochschule
Heinrich-Heine-Universität Düsseldorf
Note
2,6
Autor
Jahr
2015
Seiten
14
Katalognummer
V356663
ISBN (eBook)
9783668424968
ISBN (Buch)
9783668424975
Dateigröße
466 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
Wächter, Rolle, mittelhochdeutsch, Tagelied
Arbeit zitieren
Laura Hirschberg (Autor), 2015, Die Rolle des Wächters im mittelhochdeutschen Tagelied, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/356663

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