Kinderarmut in Deutschland. Chancengleichheit in der Bildung


Bachelorarbeit, 2013

57 Seiten, Note: 1,5


Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

I. Einleitung

II. Begriffsbestimmungen
II.1. Definition Armut
II.1.1. Absolute Armut
II.1.2. Relative Armut
II.2. Definition soziale Ungleichheit
II.2.1. Bildungsungleichheit und Chancengleichheit
II.3. Überblick: Das deutsche Bildungssystem

III. Kinderarmut in Zahlen
III.1. Kinderarmut in Deutschland
III.1.1. Unterschied zwischen Ost - und Westdeutschland
III.1.2. Urbanisierung der Kinderarmut
III.1.3. Differenzierung der Kinderarmut nach dem Alter der Betroffenen
III.2. Deutschland im Vergleich zu anderen westlichen Industriestaaten

IV. Ursachen der Kinderarmut
IV.1. Nicht - strukturelle Faktoren
IV.2. strukturelle Faktoren

V. Folgen der Kinderarmut
V.1. Differenzierung nach Lebenslagendimensionen
V.1.1. Materielle Versorgung
V.1.2. Soziale Lage
V.1.3. Gesundheitliche Lage
V.1.4. Kulturelle Lage

VI. Theorien zur Bildungsungleichheit
VI.1. Der Ansatz von Raymond Boudon
VI.1.1. Primäre Herkunftseffekte
VI.1.2. Sekundäre Herkunftseffekte
VI.1.3. Das Modell für die Entstehung und Reproduktion von sozialer Ungleichheit der Bildungschancen nach Raymond Boudon
VI.2. Die Illusion der Chancengleichheit nach Pierre Bourdieu
VI.2.1. Bildungsprivileg und Bildungschancen
VI.2.2. Die Aufrechterhaltung der Ordnung

VII. Darstellung ausgewählter staatlicher Maßnahmen gegen relative Kinderarmut in Deutschland
VII.1. Das Betreuungsgeld
VII.2. Das Bildungs- und Teilhabepaket

VIII. Fazit

Literaturverzeichnis

Monographien

Internetquellen

Abkürzungsverzeichnis

I. Einleitung

Die Intension der vorliegenden Arbeit ist es, die Auswirkung der Kinderarmut auf die Bildung der hiervon betroffenen Kinder darzustellen und die staatlichen Maßnahmen zur Bekämpfung von Kinderarmut in Deutschland kritisch zu hinterfragen.

Bedingt durch viele Spendenaufrufe, schockierende Nachrichten und Dokumentationen, verbinden wir Kinderarmut meist mit menschenunwürdigen Lebensbedingungen für Kinder in Afrika oder Südostasien.

Die Armut in einer Industrienation wie Deutschland, ist mit der Armut in Afrika oder Südostasien nicht vergleichbar. In diesen Gebieten sterben unzählige Menschen durch Hunger und Unterernährung. Um was für eine Art von Armut handelt es sich also in Deutschland und anderen westlichen Industriestaaten?

Im ersten Teil dieser Arbeit ist daher der Begriff der Armut zu definieren und die verschiedenen Ausprägungen dieser aufzuzeigen.

Weiterhin wird im ersten Teil dieser Arbeit das Bildungssystem in Deutschland in seinen Grundzügen dargestellt und der Begriff der Bildungsungleichheit als eine Ausprägung der sozialen Ungleichheit, sowie die Chancengleichheit, in Bezug auf den Bereich Bildung, kurz erläutert.

Darauf folgen statistische Ausführungen zur Kinderarmut in Deutschland und Europa, auf denen aufbauend die vielschichtigen Ursachen für Kinderarmut dargestellt werden.

Ferner gilt es die Folgen der Kinderarmut für die Betroffenen offen zu legen. Neben der Persönlichkeitsentwicklung und der Auswirkung auf die Gesundheit der betroffenen Kinder liegt der Schwerpunkt dieser Arbeit vor allem auf der Chancengleichheit im Bereich der Bildung.

Nach Max Weber sind „Unterschiede in der Bildung […] eine der allerstärksten rein innerlich wirkenden sozialen Schranken.“1

Aufbauend auf der vorherigen Definition von B ildungsungleichheit erfolgt eine Analyse dieser anhand der Theorien von Raymond Boudon und Pierre Bourdieu.

Da schlechte Schulbildung mit schlechten Chancen auf dem Arbeitsmarkt einhergeht und so auch zu Arbeitslosigkeit und Hilfebedürftigkeit führt, ist die Analyse der Bil- dungsungleichheit in Deutschland ein Thema von gesellschaftlich und politisch hoher Bedeutung.

Dieses Problem wurde von der Bundesregierung erkannt. Mithilfe von Maßnahmen wie dem Bildungs- und Teilhabepaket oder der Einführung des Betreuungsgeldes soll Kin derarmut reduziert und die Chancen auf eine gute Schulbildung erhöht werden.

Allerdings behaupten Kritiker, wie Professor Bernd Lucke, dass ein Großteil der Maßnahmen des Bildungs- und Teilhabepaketes, wie beispielsweise Zuschüsse zu Sportvereinen, Klassenfahrten oder die Zahlung des Mittagessens in der Schulkantine, die immerhin 95 Prozent der Leistungen des Bildung - und Teilhabepaketes ausmachen, nicht die Bildung der benachteiligten Kinder fördern, sondern lediglich die Einkommensunterschiede zu wohlhabenderen Kindern ansatzweise ausgleichen.1

Den Abschluss dieser Arbeit bildet eine kritische Bewertung des Bildungs- und Teilha bepakets unter Beachtung dieser und anderer Thesen, sowie ein Ausblick, ob in naher Zukunft die Überwindung des Zusammenhangs von Kinderarmut und Bildungsun gleichheit möglich erscheint.

II. Begriffsbestimmungen

II.1. Definition Armut

Da der Begriff der Armut sehr vielseitig verwendet wird und für jeden eine andere subjektive Bedeutung hat, ist es äußerst schwierig Armut zu definieren. Man unterscheidet unter anderem zwischen einer absoluten und einer relativen Armut.2

II.1.1. Absolute Armut

Als absolute Armut wird ein Zustand bezeichnet, der „dauerhaft die physische Existenzsicherung“3 gefährdet. Die wird bedingt durch einen Mangel an lebensnotwendigen Gütern und Ressourcen und einem lediglich eingeschränkten Zugang zu diesen.1

Solche Güter sind bspw. „Ernährung, Kleidung, Unterkunft und gesundheitliche Für- sorge“.2

Diese recht unbestimmte Definition präzisierte man, in dem man festlegte, dass jeder Mensch, der weniger als einen Dollar pro Tag zum Leben hat, also absolut arm gilt.3

Im globalen Vergleich herrscht in der Bundesrepublik Deutschland ein hoher Lebensstandard. Zudem hat aufgrund des Sozialstaatsprinzips jeder der sich rechtmäßig in Deutschland aufhält, einen Anspruch auf Sozialleistungen des Staates, wenn die entsprechenden Anspruchsvoraussetzungen vorliegen.

Absolute Armut liegt in der Bundesrepublik, mit Ausnahme von Obdachlosen und Personen, die sich hier illegal aufhalten, demnach nicht vor.4

II.1.2. Relative Armut

Von der absoluten Armut abzugrenzen ist die relative Armut. Die relative Armut orientiert sich an den jeweiligen gesellschaftlichen Mindeststandards, die durchaus weit über die physische Existenzsicherung hinausgehen können.5

Was man als gesellschaftliche Mindeststandards bezeichnet, ist strittig. Hierzu gibt es zwei Ansätze: Den Ressourcenansatz und den Lebenslagenansatz.6

Nach dem Ressourcenansatz wird das verfügbare Einkommen zur Messung der Armut betrachtet. Hierzu zählen neben den bereits bereinigten Einkommen aus beruflicher Tätigkeit auch Sozialleistungen des Staates.7

Nach der EU-Definition gilt eine Person als armutsgefährdet, wenn ihr verfügbares Einkommen „weniger als 60 Prozent des mittleren Einkommens der Gesamtbevölkerung des Landes, in dem sie lebt“8 beträgt.

In Deutschland lag dieser Wert im Jahr 2009 bei etwa 940 Euro pro Monat für eine al- leinstehende Person.

Der jeweils geltende Wert wird je nach Familiensituation multipliziert. Lebt eine Person alleine in ihrem Haushalt hat der Multiplikator den Wert 1. Bei jeder weiteren erwachsenen oder mindestens 14 - jährigen Person die im Haushalt lebt, erhöht sich der Multiplikator um 0,5, bei unter 14 - jährigen Personen um 0,3.1

Für eine Familie mit einem 15 - jährigen Sohn und einer 12 - jährigen Tochter bedeutet dies beispielsweise, dass sie im Jahr 2009 in Deutschland nach dem Ressourcenansatz als armutsgefährdet gilt, wenn ihr verfügbares Einkommen weniger als 2.162 Euro pro Monat beträgt. (940 Euro x (1 + 0,5 + 0,5 + 0,3))

Befürworter des Lebenslagenansatzes kritisieren, dass nur das verfügbare Einkommen und nicht auch die Verwendung dessen berücksichtigt wird. So blieben beispielsweise die teils starken Preisunterschiede für Wohnraum zwischen Städten und ländlichen Gebieten, sowie zwischen Ost - und Westdeutschland unbeachtet.2

Nach dem Lebenslagenansatz gilt eine Person dann als relativ arm, wenn sie in „zahl- reichen Dimensionen der Lebenslage“3, wie beispielweise „Ernährung, Kleidung, Un- terkunft, Gesundheit, Freizeitgestaltung, Bildung, Beteiligung im kulturellen und politi- schen Bereich, [und] Integration in gesellschaftliche Gruppen“4 Minimalstandards un- terschreitet.

Da für die oben genannten Dimensionen keine gesamtpolitisch anerkannten und mess- baren Mindeststandards existieren und diese eher subjektiv sind, orientiert man sich bei der Messung von Kinderarmut an der Definition der Europäischen Union nach dem Ressourcenansatz.5

I.2. Definition soziale Ungleichheit

Als soziale Ungleichheit bezeichnet man allgemein jede Art verschiedener Möglichkei- ten der Teilhabe an der Gesellschaft, von der größere Personengruppen betroffen sind.6

Man unterscheidet in vier Strukturebenen sozialer Ungleichheit: In Ursachen, Determi- nanten, Dimensionen und Auswirkungen.1

Hier soll nur auf die Determinanten und Dimensionen der sozialen Ungleichheit eingegangen werden.

Determinanten sozialer Ungleichheit sind Kriterien, die sich für Menschen vorteilhaft oder unvorteilhaft auswirken, obwohl sie selbst nicht unmittelbar als Vor - oder Nachteile erkennbar sind.2 Die wichtigsten Determinanten sind Bildungs- und Berufsgruppen, Familien und kinderlose Haushalte, Bewohner unterschiedlicher Regionen, Geschlechter, Altersgruppen und ethnische Gruppierungen.3

Dimension sozialer Ungleichheit sind die Ausprägung der Vor - und Nachteile der De- terminanten.4 Neben Macht, materiellem Wohlstand und Prestige zählt unter anderem auch Bildung zu den Dimensionen in denen soziale Ungleichheit anzutreffen ist.5

II.2.1. Bildungsungleichheit und Chancengleichheit

Bildungsungleichheit ist demnach eine Dimension der sozialen Ungleichheit. Man spricht allgemein von Bildungsungleichheit, wenn Unterschiede im Bildungsverhalten und dem Grad der Bildungsabschlüsse auf unterschiedliche soziale Bedingungen und familiäre Verhältnisse, in denen Kinder aufwachsen, zurückzuführen sind.6

Man unterscheidet zwischen zwei verschiedenen Typen der Bildungsungleichheit. Der primären schichtbezogenen Disparität und der sekundären schichtbezogenen Dispari- tät.7 Erlangt ein Kind aus einer niedrigen sozialen Schicht aufgrund schlechter Leistun- gen keinen höherwertigen Bildungsabschluss, spricht man von einer primär schichtbe- zogenen Disparität. 8 Eine sekundäre schichtbezogene Disparität liegt vor, wenn das Leistungspotential eines Kinder von den Eltern und Lehrern nicht erkannt und oder ge- fördert wird.1

Chancengleichheit bedeutet nicht, dass Ressourcen gleich verteilt sein sollen, sondern dass lediglich die Möglichkeiten gleich sind, ein angestrebtes Gut zu erreichen.2 In Bezug auf Bildung bedeutet dies, dass Chancengleichheit vorherrscht, wenn jedes Kind nach gleichen Regeln den Wettbewerb Schule aufnehmen kann und seine Talente und Fähigkeiten unabhängig vom sozialen Status einbringen kann.3

„Der Zweck der Chancengleichheit in diesem Sinn ist nicht gleiche Wahrscheinlichkeit auf Erfolg, sondern legitime ungleiche Wahrscheinlichkeit auf Erfolg.“4 Die Chancen auf Erfolg sollen gleich sein, die Ergebnisse jedoch nicht.5

Zur Überwindung von sozial unterschiedlichen Startvoraussetzungen sind neben rechtlichen Rahmenbedingungen auch sozialpolitische Maßnahmen erforderlich, die möglichst alle Formen sozialer Benachteiligung und Diskriminierung aufheben und so hauptsächlich die persönlichen Eigenschaften und Fähigkeiten der Kinder entscheidend für ihren Bildungserfolg sind.6

II.3. Überblick: Das deutsche Bildungssystem

Nach Art. 70 - 74 GG7 liegt die Gesetzgebungskompetenz im Schulwesen bei den 16 Bundesländern. Demzufolge hat jedes Bundesland sein eigenes Schulgesetz und Schul- system. Dennoch gliedert sich das Bildungssystem in ganz Deutschland in sechs Berei- che.

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

Abbildung 1: Das deutsche Bildungssystem 1

Die Bildung eines Kindes kann im Elementarbereich, zu dem Kindergärten, Vorklassen und Schulkindergärten zählen, beginnen.2 Da die Städte und Kommunen die frühkindliche Bildung organisieren und finanzieren sind diese auch berechtigt Gebühren zu erheben, die in ihrer Höhe unterschiedlich ausfallen können.3

Auf den freiwilligen Elementarbereich folgen der Primärbereich (Grundschule) und der Sekundarbereich I (Haupt-, Real-, Gesamtschule und Gymnasium einschließlich der 10ten Klasse).4 Für beide Bereiche gilt in Deutschland die Schulpflicht, d.h. sie müssen von allen deutschen Staatsbürgern durchlaufen werden.

Der Zugang zum Sekundarbereich II ist ebenso wie die beiden vorangegangen Bereiche durch den die Länder kostenlos zu ermöglichen.1 Zum Sekundarbereich zählen unter anderem die Gymnasiale Oberstufe, Fachoberschulen, Fachgymnasien und Berufsfach- schulen.2

Nach erfolgreichem Abschluss des Sekundarbereichs II erhält man die Berechtigung eine Bildungseinrichtung des Tertiären Bereichs zu besuchen. Hier haben die Länder, ähnlich wie im Elementarbereich, die Möglichkeit der Gebührenerhebung.3 Diese Studiengebühren werden aber nicht von allen Hochschulen erhoben und können auch in den Ländern in ihrer Höhe unterschiedlich sein.4

Bildungseinrichtungen des Tertiärbereichs sind beispielsweise Universitäten, Pädagogi- sche Hochschulen, Theologische Hochschulen, Kunsthochschulen, und Fachhochschu- len.5

Der abschließende Bereich im Bildungssystem ist der Quartärbereich. Die hier angebotenen privaten und beruflichen Weiterbildungen sind, soweit kein gesetzlich festgelegter Sonderfall vorliegt, privat, d.h. ohne staatliche Zuschüsse, zu finanzieren.

III. Kinderarmut in Zahlen

III.1. Kinderarmut in Deutschland

Durch zahlreiche Institutionen, wie OECD oder AWO, wurden in den vergangenen Jah- ren immer wieder statistische Erhebungen zur Feststellung der Kinderarmut in Auftrag gegeben. Diese kommen zu teilweise stark voneinander abweichenden Ergebnissen, da sie den Begriff Kind anders definieren und als Bewertungsgrundlage der Kinderarmut zwischen 50 Prozent und 60 Prozent des mittleren Einkommens der Gesamtbevölkerung des Landes variieren. Die nachfolgende Abbildung ist daher lediglich als Versuch zu verstehen, die Entwicklung der Kinderarmut in Deutschland anhand diverser Studiener- gebnisse darzustellen.

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

Abbildung 2: Anteil der Entwicklung der Kinderarmut in Deutschland in Prozent1

Wie aus der Abbildung 2 hervorgeht, hat sich der Anteil der Kinder, die in Deutschland in relativer Armut aufwachsen, seit 1995 nur leicht zum Positiven hin verändert. Nach der Armutsdefinition der Europäischen Union wächst etwa jedes sechste Kind in Deutschland in relativer Armut auf.

Geht man, anders als die Europäische Union, davon aus, dass relative Armut erst dann vorliegt, wenn das Einkommen eines Haushalts, unter Berücksichtigung der Anzahl der dort lebenden Personen, 50 % oder weniger des Mittelwertes des mittleren Einkom- mens der gesamten deutschen Bevölkerung beträgt, hat sich der Anteil der in Armut lebenden Kinder von etwa 11 Prozent im Jahr 1999 auf annähernd 8 Prozent im Jahr 2007 reduziert.

III.1.1. Unterschied zwischen Ost - und Westdeutschland

Die oben aufgeführte Abbildung 2 gibt allerdings keinerlei Informationen darüber, wo Kinderarmut in Deutschland auftritt. Historisch bedingt ist eine Unterscheidung in Ost - und Westdeutschland sinnvoll.

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

Abbildung 3: Anteil Kinderarmut in Ost - und Westdeutschland in Prozent1

Dass die relative Kinderarmut in den ersten Jahren nach der Wiedervereinigung in den neuen Bundesländern mit 22 Prozent bis 24 Prozent etwa doppelt so hoch war wie in den alten Bundesländern, ist der Tatsache geschuldet, dass hier für das gesamte Bundesgebiet ein einheitliches mittleres Einkommen zugrunde gelegt wurde.2

Das mittlere Einkommen in der ehemaligen DDR ist bis heute nicht auf dem Niveau der alten Bundesländer, hat sich aber im Vergleich zu 1990 deutlich angeglichen.

Der Armutsatlas, der sich allerdings nur auf die Armutsraten der Gesamtbevölkerung und nicht speziell auf die der Kinder bezieht, verdeutlicht die Differenz zwischen Ost - und Westdeutschland, zeigt aber auch, dass ebenso ein deutlicher Unterschied zwischen Nord - und Süddeutschland vorherrscht.3

Während die südlichen Bundesländer Baden - Württemberg und Bayern im Jahr 2007 eine Armutsquote von 10 Prozent beziehungsweise 11 Prozent aufweisen, liegt diese im selben Jahr in den alten Bundesländern die nördlich gelegen sind wie Schleswig - Hol- stein, Bremen, Hamburg und Niedersachsen zwischen 12,5 Prozent und 19,1 Prozent.4

III.1.2. Urbanisierung der Kinderarmut

Neben den regionalen Unterschieden der relativen Kinderarmut zwischen Ost - und Westdeutschland sowie Nord - und Süddeutschland ist zudem ein „Stadt-Land- Gefälle“1 zu beobachten. So reichte der Anteil der unter 15 - jährigen, die in NordrheinWestfalen im Jahr 2008 auf Hartz IV angewiesen waren von 6,5 Prozent im Kreis Coesfeld bis zu 33,2 Prozent in Gelsenkirchen.2

Diese Urbanisierung von Kinderarmut zeigt sich auch an einer Studie die in Baden - Württemberg durchgeführt wurde. Da keine genauen Daten zur relativen Kinderarmut nach der Definition der Europäischen Union vorliegen, beschränkte man sich hier auf die Analyse der Kinder, die in SGB II - Bedarfsgemeinschaften leben.

Der Anteil an Kindern unter 18 Jahren in SGB II - Bedarfsgemeinschaften lag im Jahr 2007 in ländlichen Regionen zwischen 4,4 Prozent und 8,4 Prozent.3 In größeren Städ- ten des Bundeslandes wie Baden-Baden (13,8 Prozent), Stuttgart (14,8 Prozent), Karls- ruhe (15,7 Prozent), Freiburg im Breisgau (17,1 Prozent) und Mannheim (23 Prozent) ist der Anteil der Kinder unter 18 Jahren in SGB II - Bedarfsgemeinschaft ebenso wie im Vergleich vom Kreis Coesfeld zu Gelsenkirchen teilweise um ein vielfaches höher.4

III.1.3. Differenzierung der Kinderarmut nach dem Alter der Betroffenen

Bisher wurden lediglich die regionalen Unterschiede des Phänomens Kinderarmut in Deutschland dargestellt. Doch auch in der Altersstruktur der betroffenen Kinder lassen sich Unterschiede in der Häufigkeit der Kinderarmut feststellen. Mit dem Alter der Kinder steigt auch die Quote der Kinder, die in relativer Armut aufwachsen müssen.5

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

Abbildung 4: Altersabhängige Quote der relativen Kinderarmut in Deutschland im Jahr 20061

Während die Quote der relativen Kinderarmut im Jahr 2006 bei den unter 6 - jährigen und den Kindern im Alter von 6 bis 15 Jahren mit 14,4 Prozent und 16,4 Prozent trotz der erkennbaren Steigerung annähernd gleich ist, fällt vor allem der hohe Anteil der 15 - bis 18 Jährigen auf, die von relativer Kinderarmut betroffen sind. Die Gründe hierfür liegen vor allem in der familiären Situation der Betroffenen.

In der Altersgruppe der 15 - bis 18 - jährigen ist zum einen der Anteil der Jugendlichen die in Haushalten mit einem alleinerziehenden Elternteil aufwachsen deutlich höher als bei den anderen beiden oben aufgeführten Gruppen.2

Weiterhin wohnen Teile dieser Gruppe auch schon in einem eigenen Haushalt und müs- sen mit einem geringfügigen Einkommen haushalten oder beziehen sogar Sozialleistun- gen.3

III.2. Deutschland im Vergleich zu anderen westlichen Industriestaaten

Nachdem nun die Kinderarmut innerhalb Deutschlands verglichen wurde, folgt nun ein Vergleich der Kinderarmut zwischen Deutschland und anderen westlichen Industriestaaten, vornehmlich Mitgliedstaaten der Europäischen Union.

Kindern im Alter zwischen 0 und 17 Jahren aus dem Jahr 2009 verglichen. Hierbei definierte man relative Armut mit weniger als 50 Prozent des mittleren Einkommens der Gesamtbevölkerung des jeweiligen Landes.

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

Abbildung 5: Relative Kinderarmut in ausgewählten Industriestaaten im Jahr 20091

Beim Vergleich der Einkommensarmut liegt Deutschland nach der o.g. Definition mit einer relativen Kinderarmutsrate im oberen Mittelfeld der OECD - Staaten.2

Die Tendenz, dass relative Kinderarmut in den skandinavischen Ländern ein geringes Problem darstellt als in Mitteleuropa und Großbritannien, zeigen die aus dem Jahr 2007 stammenden Daten der EU - SILC. Hier ging man von der EU-Definition von Kinder- armut aus.

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

Abbildung 6: Relative Kinderarmut in ausgewählten EU-Staaten im Jahr 20071

Besonders hervorzuheben sind die klar erkennbaren Unterschiede zwischen Dänemark, Schweden, Deutschland und Belgien.

„Obwohl alle vier Länder hinsichtlich des Pro-Kopf-Einkommens und der wirtschaftlichen Entwicklung auf einem ähnlichen Niveau liegen“2, sind die Raten der relativen Kinderarmut in beiden skandinavischen Ländern deutlich geringer als in Deutschland. Deutschland wiederum hebt sich hier deutlich von Belgien ab.

Der obige Abschnitt „ Kinderarmut in Zahlen “ zeigt auf, dass relative Kinderarmut trotz ähnlichen wirtschaftlichen Voraussetzungen in unterschiedlicher Häufigkeit in den EU- Staaten auftritt.

Zudem wurde festgestellt, dass es innerhalb Deutschlands große Unterschiede der rela tiven Kinderarmut zwischen Ost - und Westdeutschland, Nord - und Süddeutschland, sowie zwischen ländlichen Gebieten und Städten gibt.

Daher drängt sich nun folgende Frage auf: Welche Ursachen hat Kinderarmut und welche Personengruppen sind davon besonders betroffen?

[...]


1 Weber, Max: Gesammelte politische Schriften, Paderborn, 2012, S.279.

1 Vgl. Lucke, Bernd in: Absolute Mehrheit - Diskussion: Bildungsgerechtigkeit, Pro Sieben, 28.04.2013.

2 Vgl. Lange, Elmar/Firnfeld, Gabriele, „Armut“ in: Wienold, Hans (Hrsg.), Lexikon zur Soziologie, Wiesbaden, 4. Auflage 2007.

3 Neumann, Udo: Struktur und Dynamik von Armut - Eine empirische Untersuchung für die Bundesrepublik Deutschland, Freiburg, 1999, S. 24.

1 Vgl. Social Watch Deutschland (Hrsg.): Report 2003/Nr.3-Die Armen und der Markt. Ein internationaler Bericht zivilgesellschaftlicher Organisationen über den Fortschritt bei Armutsbekämpfung und Gleichstellung der Geschlechter, o.O., 2003, S. 40.

2 iSL Sozialforschung (Hrsg.): Menschen in extremer Armut - Forschungsbericht im Auftrag des Bundesministeriums für Gesundheit und Soziale Sicherung, Darmstadt, 2003, S. 14.

3 Vgl. Social Watch Deutschland (Hrsg.): 2003, S. 40.

4 Vgl. Butterwegge, Carolin: Armut von Kindern mit Migrationshintergrund - Ausmaß, Erscheinungsformen und Ursachen, Wiesbaden, 2010, S. 20.

5 Vgl. iSL Sozialforschung (Hrsg.): 2003, S. 14.

6 Vgl. Ebd., S.15.

7 Vgl. Ebd., S.15.

8 Statistisches Bundesamt (Hrsg.): Pressemitteilung Nr. 369 vom 23.10.2012 - Jede/r Fünfte in Deutschland von Armut oder sozialer Ausgrenzung betroffen, Wiesbaden, 2012, S.4.

1 Vgl. http://www.abendblatt.de/politik/deutschland/article832254/Wie-in-Deutschland-Armut-definiert- wird.html.

2 Vgl. iSL Sozialforschung (Hrsg.): 2003, S. 15.

3 Ebd., S. 16.

4 Ebd., S. 16.

5 Vgl. Butterwegge, Carolin: 2010, S. 20.

6 Vgl. Krause, Detlef, „Ungleichheit, soziale“ in: Wie Nold, Hans (Hrsg.), Lexikon zur Soziologie, Wiesbaden, 4. Auflage, 2007.

1 Vgl. Hradil, Stefan: Schicht, Schichtung und Mobilität, in: Korte, Hermann/Schäfer, Bernhard (Hrsg.): Einführung in die Hauptbegriffe der Soziologie, Opladen, 1993, S. 148.

2 Vgl. Ebd..

3 http://www.bpb.de/politik/grundfragen/deutsche-verhaeltnisse-eine-sozialkunde/138437/grundbegriffe.

4 Vgl. Hradil, Stefan: in: Korte, Hermann/Schäfer, Bernhard (Hrsg.): 1993, S. 148.

5 Vgl. Hradil, Stefan: Die Sozialstruktur Deutschlands im internationalen Vergleich, Wiesbaden, 2. Auflage, 2006, S. 197.

6 Vgl. Müller, Walter/Hain, Dieter: Bildungsungleichheit im sozialen Wandel - Mannheimer Zentrum für Europäische Sozialforschung, Arbeitspapier AB / Nr.7, Mannheim, 1994, S.3.

7 Vgl. Tolkemit, Marie: Bildungsungleichheit als Dimension sozialer Ungleichheit dargestellt am Beispiel der Lesekompetenz bei Grundschulkindern: Lesekompetenzförderung als Maßnahme zur Überwindung sozialer Ungleichheit?, o.O., 2011, S. 6.

8 Vgl. Ebd..

2 Vgl. Ebd..

1 Vgl. Tolkemit, Marie: 2011, S.6.

2 Vgl. Gosepath, Stefan: Chancengleichheit in: Vodafone Stiftung Deutschland(Hrsg.): Transmission 06 - Zwischen Dynamik und Ausgleich: Perspektiven für den sozialen Aufstieg, Düsseldorf, 2012, S.8-33, S.10-11.

3 Vgl. Ebd., S.16.

4 Ebd., S.16.

5 Vgl. Ebd., S. 17.

6 Vgl. Ebd., S. 23.

7 Vgl. Bundesrepublik Deutschland (Hrsg.:) Grundgesetz für die Bundesrepublik Deutschland-vom 23.05.1949(BGBl.IS.1) zuletzt geändert durch Gesetz vom 11.07.2012 (BGBl. I S. 1478) m.W.v. 17.07.2012 - Die Gesetzgebung des Bundes, Art.74 - 77.

1 Autorengruppe Bildungsberichterstattung (Hrsg.): Bildung in Deutschland 2012 - Ein indikatorengestützter Bericht mit einer Analyse zur kulturellen Bildung im Lebenslauf, Bielefeld, 2012, S. XI

2 Vgl. Ebd., S. X.

3 http://www.bildungsxperten.net/wissen/wie-funktioniert-das-deutsche-bildungssystem/.

4 Vgl. Autorengruppe Bildungsberichterstattung (Hrsg.): 2012, S. X.

3 http://www.bildungsxperten.net/wissen/wie-funktioniert-das-deutsche-bildungssystem/.

1 http://www.bildungsxperten.net/wissen/wie-funktioniert-das-deutsche-bildungssystem/.

2 Vgl. Autorengruppe Bildungsberichterstattung (Hrsg.): 2012, S. X.

4 Ebd..

5 Vgl. Autorengruppe Bildungsberichterstattung (Hrsg.): 2012, S. X.

1 Deutsches Komitee für UNICEF (Hrsg.): Zur ökonomischen Lage von Kindern in Deutschland - Ergebnisse des Mikrozensus 2003 und des Mikrozensus 2006, o.O. 2008, S. 4-5; Deutsches Komitee für UNICEF (Hrsg.): Zur Lage der Kinder in Deutschland 2010 - Kinder stärken für eine ungewisse Zukunft, Köln, 2010, S. 14, S. 44, S. 61; Statistisches Bundesamt (Hrsg.): 2012, S. 3

1 Deutsches Komitee für UNICEF (Hrsg.): 2008, S. 4-5; Reichwein, Eva: Kinderarmut in der Bundesrepublik Deutschland - Lebenslagen, gesellschaftliche Wahrnehmung und Sozialpolitik, Wiesbaden, 2012, S. 303.

2 Vgl. Reichwein, Eva: 2012, S. 303.

3 Vgl. http://www.forschung.paritaet.org/index.php?id=1428.

4 Vgl. Ebd..

4 Vgl. Ebd..

1 Ministerium für Arbeit, Gesundheit und Soziales des Landes Nordrhein-Westfalen (Hrsg.): Strategien gegen Kinderarmut in Europa - Dokumentation der Konferenz in der Vertretung des Landes NordrheinWestfalen bei der Europäischen Union am 7. Mai 2009, Düsseldorf, 2009, S. 30.

2 Vgl. Ebd..

3 Vgl. http://www.ifas-stuttgart.de/downloads/Steinbeis_Armutsstudie.pdf.

5 Vgl. Bundesministerium für Familie, Senioren, Frauen und Jugend (Hrsg.): Armutsrisiken von Kindern und Jugendlichen in Deutschland, o.O., 2008, S.9.

2 Vgl. Ebd..

1 Bundesministerium für Familie, Senioren, Frauen und Jugend (Hrsg.): 2008, S.9.

3 Vgl. Ebd..

In der UNICEF - Vergleichsstudie 2012 wurden Daten zur relativen Kinderarmut von

1 UNICEF (Hrsg.): Ergebnisse der UNICEF - Vergleichsstudie 2012 - Kinderarmut in reichen Ländern: Mittelplatz für Deutschland, 2012, S. 3.

1 UNICEF(Hrsg.): 2012, S.3.

2 Ebd., S. 1.

Ende der Leseprobe aus 57 Seiten

Details

Titel
Kinderarmut in Deutschland. Chancengleichheit in der Bildung
Hochschule
Fachhochschule für öffentliche Verwaltung Nordrhein-Westfalen; Köln
Note
1,5
Autor
Jahr
2013
Seiten
57
Katalognummer
V356850
ISBN (eBook)
9783668426559
Dateigröße
931 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
Kinderarmut, Bildung, Soziale Schichten, Bildungsungleichheit, relative Kinderarmut, soziale Ungleichheit
Arbeit zitieren
Lars Neufing (Autor), 2013, Kinderarmut in Deutschland. Chancengleichheit in der Bildung, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/356850

Kommentare

  • Noch keine Kommentare.
Im eBook lesen
Titel: Kinderarmut in Deutschland. Chancengleichheit in der Bildung



Ihre Arbeit hochladen

Ihre Hausarbeit / Abschlussarbeit:

- Publikation als eBook und Buch
- Hohes Honorar auf die Verkäufe
- Für Sie komplett kostenlos – mit ISBN
- Es dauert nur 5 Minuten
- Jede Arbeit findet Leser

Kostenlos Autor werden