Widersprüchliche Verhältnisse? Soziale Arbeit mit nicht-motivierten KlientInnen


Hausarbeit, 2015

20 Seiten, Note: 1,0


Leseprobe

Einleitung

1 Grundsätze zum zwischenmenschlichen Verhalten - Die Basis zwischen Klient und Berater
1.1 Empathie – Der Schlüssel zum Beratungsprozess
1.2 Grundlegende Eigenschaften für eine gute Beratung
1.2.1 Unvoreingenommenes Denken
1.2.2 „Messias-Komplex“ und der Mut zur Unvollkommenheit

2 Aktivierende und motivierende Soziale Arbeit
2.1 Realistische Ziele
2.2 Erschaffen von Teilzielen
2.3 Stärkenassessment statt Problemorientierung
2.4 Mit Respekt und Humor zu Kooperation motivieren

3 Professionelle Methoden der Sozialen Arbeit mit nicht motivierten Klienten
3.1 Kriterien professioneller Methoden
3.2 Das Ökogramm: grafische Darstellung sozialer Beziehungen
3.3 Techniken für den Umgang mit Widerstandsverhalten
3.3.1 Die Phasen der Aktivierung/ Motivierung
3.3.2 Angemessene Reaktion und innere Einstellung im Umgang mit Wiederstandverhalten

4 Ein kleines Kind und das Tattoo – ein Beispiel aus der Praxis

Literaturverzeichnis

Einleitung

Kennen wir nicht alle diese Situation aus der Schule, als wir zum Schulleiter gerufen wurden und uns anhören mussten, was wir falsch gemacht haben und wie sehr wir mit unserem Verhalten andere gefährdeten? Vielleicht können Sie jetzt gerade seine Stimme hören als er uns belehrte, wie wir uns zukünftig verhalten müssen und was wir tun oder lassen sollten!? Und vielleicht erinnern Sie sich noch daran, wie es Ihnen in diesen Situationen erging und dass Sie vielleicht gar nicht wussten, was Sie dort eigentlich sollten? Bei mir jedenfalls brachten solche Gespräche nur eins: Zeit absitzen! An die Decke starren, gelangweilt dasitzen, auf die Uhr schauen und auch ab und an gähnen. Doch wie hätte mich der Direktor eher erreichen können? Wie hätte er das Gespräche beginnen können um nicht den sofortigen Schalter der Rebellion zu betätigen und mir im Resultat dieses Gesprächs eine Unterstützung zu sein, mein Verhalten auch nachhaltig bessern zu können?

Nicht nur in der Schule, sondern auch im höheren Alter begegnen uns immer wieder Menschen mit unterschiedlichen Problemlagen und Konflikten und die damit verbundene „Null-Bock-Einstellung“. Ob Schulprobleme, die derzeitige Arbeitsmarktsituation, die immer wieder entstehenden Konflikte wegen Wohnungsknappheit, die wachsende Armut (die vor allem kinderreiche Familien betrifft) oder die Komplikationen bei der Gesundheitssicherung führen oftmals zu einem gesellschaftlichen Ausgrenzen der Betroffenen, deren Chancen auf ein „normales“ Leben gegen Null sinkt. (vgl. Gehrmann und Müller, 2005, S.11)

Was können wir als Sozialarbeiter*Innen tun um für die Klient*Innen eine optimale und erfolgreiche Beratung zu liefern und sie trotz ihrer unvorteilhaften Voraussetzungen auf den richtigen1 Weg zu führen?

Diese Arbeit soll einen Einblick geben, wie und durch welche Methoden man den Klienten erreichen und in seinem eigentlichen Anliegen bestärken und motivieren kann, seine Ziele zu verfolgen. Welche grundsätzlichen, zwischenmenschlichen Eigenschaften die Sozialarbeiter*Innen besitzen sollten und auf was man achten muss um eine gelingende Beratung durchführen zu können. In dieser Arbeit wird der Einfachheit halber bei allen genannten Subjekten auf die weibliche Form verzichtet, gemeint sind jedoch Beide.

1 Grundsätze zum zwischenmenschlichen Verhalten - Die Basis zwischen Klient und Berater

1.1 Empathie – Der Schlüssel zum Beratungsprozess

Kommen wir in erster Linie zu den Grundzügen der zwischenmenschlichen Interaktion. Der erste Kontakt, das erste Handschütteln, der erste Eindruck. Wie begegnen wir einander und wie reagieren wir auf den Anderen? Die Antwort liegt in dem allgemeinen Begriff für den Kontakt, die Interaktion und den Einfluss zwischen Persönlichkeiten, kurz Empathie [Hervorh. des Verf.]. Dieses Wort wurde von deutschen Psychologen aus dem griechischem „ pathos “ [Hervorh. des Verf.] und der Vorsilbe „ em “ [Hervorh. des Verf.] übersetzt und meint ein „dem Leiden verwandtes tiefes und starkes Gefühl“ (vgl. May, 1991, S.68). „Der Begriff meint das Hineinfühlen oder Hineindenken einer Persönlichkeit in eine andere, bis ein Zustand der Identifizierung erreicht ist“ (vgl. May, 1991, S.70). Ein verwandtes Wort ist die Sympathie, womit jedoch eher ein „Mitfühlen“ gemeint ist. Empathie hingegen meint einen viel tieferen Zustand der Identifizierung von Persönlichkeiten, bei der sich in die andere Person so hineingefühlt wird, dass sie vorübergehend ihre eigene Identität aus den Augen verliert. In diesem Prozess finden sowohl Verständnis und Beeinflussung, als auch alle anderen signifikanten Interaktionen zwischen Personen statt (vgl. May, 1991, S. 68).

Ein wichtiger Anhaltspunkt des Beraters ist die Haltung der „motivierenden Gesprächsführung“. Nach Miller und Rollnick ist empathische Wärme und aktives Zuhören in der Beratung von alkoholkranken Klienten als sehr förderlich erwiesen, zudem begleiten diese beiden Komponenten alle Phasen der motivierenden Gesprächsführung (vgl. Miller und Rollnick, 2001). Eine weitere Grundlage ist die Akzeptanz des Klienten und die wertfreie Wahrnehmung der Vorstellungen und Gefühle des Klienten. Was nicht heißen soll, jegliche Denkweisen zu billigen, sondern um einfühlendes Verstehen und respektvolles Zuhören zu liefern und ihn auch erst mal aussprechen zu lassen. Somit kann auch verhindert werden auf Widerstand zu stoßen (vgl. Gehrmann und Müller, 2005, S.100).

An dieser Stelle möchte ich es bei der kurzen Einführung in die Empathie belassen und weitergehen zu den grundlegenden Dingen, die einen guten Berater ausmachen.

1.2 Grundlegende Eigenschaften für eine gute Beratung

1.2.1 Unvoreingenommenes Denken

Kommen wir nun zu der Ermittlung, was man denn tatsächlich mitbringen muss um eine gute Beratung durchführen zu können. Wenn man sich die Frage stellt, was einen „guten“ Berater ausmacht, denkt man doch gleich an die erlernten Kompetenzen in der Ausbildung bzgl. des Studiums!? Aber sind die theoretisch erlernten Inhalte wirklich so praktikabel, wie wir es uns vorstellen? Es geht ganz klar hervor, dass sich ein Unterschied aus den laienhaften „Vier-Augen-Gespräch“ mit einem guten Freund und dem hilfesuchenden Klienten in einer Beratungsorganisation herauskristallisiert. Spätestens wenn sich der Hilfesuchende mit seinem Problem an eine vertrauensvolle Person gewendet hat, diese ihm nun aber doch nicht zur Lösung des Problems weiterhelfen konnte, wird deutlich, dass es doch einer Profession bedarf. (vgl. Prof. Dr. Kühl, 2015)

Doch stellt sich anhand dessen die Frage ob eine Tätigkeit in experimenteller Psychologie, wie sie gegenwärtig an Hochschulen gelehrt wird, eine gute und praxisnahe Vorbereitung für eine erfolgreiche Beratung darstellt. Freuds Ansicht nach sei eine medizinische Ausbildung keine zwingend notwendige Voraussetzung für die Psychoanalytiker und fügte an, dass die wesentliche Eigenschaft die inhärente Einsicht in die menschliche Seele sei, und vor allem die uns nicht ins Bewusstsein tretenden Schichten der eigenen Seele - und praktischen Schulungen (vgl. Freud, 1925-31). Mit praktischen Schulungen ist gemeint, die Fähigkeit zu besitzen nicht zu eigenen starren Vorurteilen zu tendieren und auf dieser voreingenommenen Einstellung zu beraten. Dies gilt als wohl schlimmster Stolperstein in der Person des Beraters (vgl. Gehrmann und Müller, 2005, S.140).

Es ist nicht einfach dieser Voreingenommenheit zu entgehen. Wir alle sind mehr oder weniger dazu geneigt uns von Vorinformationen leiten zu lassen, die in manchen Situationen nicht zwingend schlecht sind, da sie uns u.a helfen können, nicht völlig blind in Situationen hineinzustolpern (man denke zum Beispiel an die Arbeit mit Straftätern und die Kenntnisnahme der Akte vor dem Erstkontakt), jedoch in der Funktion des Beraters als Unterstützungselement des Klienten zu keiner effektiven Beratung führen wird. Eine Methode dieser Ich-Voreingenommenheit zu entkommen könnte aus Sicht der Psychotherapie eine Analyse der eigenen Persönlichkeit zu Grunde legen, um ggf. Komplexe aufzudecken und zu behandeln, die bei der Beratung unterbewusst Einfluss nehmen (vgl. Gehrmann und Müller, 2005, S.140).

1.2.2 „Messias-Komplex“ und der Mut zur Unvollkommenheit

Eine weitere unvorteilhafte Eigenschaft des Beraters kann mit zu großem Ehrgeiz einhergehen, nämlich genau dann, wenn Kleinigkeiten außergewöhnlich große Aufmerksamkeit zugeschrieben werden, sodass sie sich selbst und ihre eigenen Bedürfnisse kaum noch beachten. Dieser übertriebene Ehrgeiz wird als „Messias-Komplex“ bezeichnet. Hier wird nicht mehr von einem gesunden Grad an Ehrgeiz gesprochen, sondern mit einem nie nachlassen von Anspannung, sodass man nicht mehr nur mit dem selbstlosen Wunsch, etwas zum Wohle des Menschen beizutragen, sondern mit dem Motiv des Ego-Trips einhergeht. Und wenn man auch annimmt, keine wichtigere Aufgabe auf der Welt zu haben als Menschen zu helfen, so sollte man jedoch nicht glauben selbst unverzichtbar zu sein (vgl. Gehrmann und Müller, 2005, S.144).

Hat man diese Eigenschaft größtenteils abgelegt sollte man eine weitere beherzigen. So merkwürdig das auch klingen mag, es ist die Fähigkeit zu versagen. Die Rede ist hier von dem Mut zur Unvollkommenheit, was bedeutet seine Kräfte auf einen bestimmten Punkt zu fokussieren, wo es um wesentliche Dinge geht und Erfolg oder Misserfolg relativ nebensächlich werden. Eine Einstellung dazu, dass nicht immer nur das Ziel im Vordergrund steht, sondern man auch auf die kleinen Dinge achten sollte, ist durchaus eine Eigenschaft, die sehr förderlich sein kann. Es hilft uns dem „Alles-oder-nichts-Zwang“ zu entkommen und somit ein Auge für die Dinge „am Wegesrand“ zu haben, während man dem Ziel näherkommt (vgl. Gehrmann und Müller, 2005, S.154). Denn es kann durchaus passieren, dass man während der Beratung kleine Dinge übersieht, weil man glaubt, sie seien nicht relevant für das Anliegen. Obwohl sie vielleicht zu verstehen geben, warum der Klient die ein oder andere Tat begangen hat, was vielleicht nicht zwangsläufig zum eigentlichen Ziel des Anliegens führt aber es doch einige Dinge klarer beleuchtet oder sich noch andere - vielleicht auch unbewusste - Konflikte herauskristallisieren, denn auch hier spielt das Thema Empathie wieder eine Rolle. Sich hineinfühlen in den Klienten um eben genau die einzigartige Hilfestellung geben zu können, die für ihn die deutlich Beste ist und ihn nicht versehentlich in eine bestimmte Form pressen zu wollen, nur weil man sie vielleicht für sich selbst für die Erfolgreichste hält, ist sehr hilfreich (vgl. Gehrmann und Müller, 2005, S. 28).

Hat man erst einmal einen Zugang zum Klienten gefunden, kann man sich in seine Lage hineinversetzen und glaubt man, einen Weg für ihn gefunden zu haben, so ist es an der Reihe seine Ressourcen als Schlüssel zum Ziel zu gebrauchen und in die Tat umzusetzen.

2 Aktivierende und motivierende Soziale Arbeit

2.1 Realistische Ziele

Ein derzeit aktuelles Thema der fachlich und politischen Diskussion ist die „aktivierende Soziale Arbeit“ im „aktivierenden Staat“. Mit dem Motto „Fördern und Fordern“ versuchen nahezu alle Einrichtungen der Sozialen Arbeit den Grundsatz des Sozialstaates anzuwenden und die Ziele des Klienten mit „Hilfe zur Selbsthilfe“ zu erreichen. Das klingt doch sehr verheißungsvoll und erfolgsorientiert? Doch ist meistens nicht gesagt, wie man das erreichen will. Das „Fördern“ gerät wegen des unzureichend methodischen Handwerkszeugs und wegen manch kurzsichtiger Einsparungen der Träger in den Hintergrund. Hingegen legt man großes Augenmerk darauf, das „Fordern“ der Menschen anzukurbeln, ohne darauf zu achten ob diese überhaupt in der Lage sind, die gesellschaftlichen Anforderungen zu erfüllen und den Ansprüchen gerecht zu werden. Diese werden dann meist als „unmotiviert“ und als Symptomträger sozialer Probleme bezeichnet und auch so behandelt. Dabei sind diese Menschen nicht freiwillig „Kunden“ der sozialen Arbeit und auch nicht aus freiem Willen Klienten. Diese Ansicht sollte man in der Profession der Sozialen Arbeit nicht außer Acht lassen (vgl. Gehrmann und Müller, 2005, S. 10 - 11).

Das politische Interesse ist klar zu verstehen. Die Kommunen wollen in erster Linie nachhaltig Sozialhilfeausgaben senken, wollen „Penner“ von der Straße räumen und haben gegebenenfalls auch ein ethnisches und politisches Motiv. Sozialarbeiter haben oft ein dickes Fell und sind zudem auch noch sozial engagiert diese Arbeitsaufgabe zu bewältigen. Jedoch wird es schwierig diese durch unzumutbare Zielvorgaben politisch ambitionierter Dezernenten, denen Voraussetzungen der Klienten, Einblick und Kenntnis in Arbeitsbedingungen und methodische Kenntnisse für die Umsetzung dieser vorgegebenen Ziele fehlen (vgl. Gehrmann und Müller, 2005, S. 107). Somit müssen einige grundlegende Dinge für ein realisieren der Zeile des Klienten erforderlich sein:

- Die Erfolgskriterien müssen für jeden Klienten individuell angepasst werden,
- es müssen Mittel und Zeit zur Verfügung stehen um eine fachlich qualifizierte Annahme des Klienten zu gewährleisten,
- die richtige Einschätzung (sog. Assessment) der Stärken des Klienten,
- die Ermittlung der Ressourcen und Kompetenzen und
- die Berücksichtigung aktueller Problemlagen und Krisensituationen.

Wenn bei einem Klienten mehrere schwerwiegende Hindernisse festgestellt werden, die einer gesellschaftlich integrierten und akzeptierten Persönlichkeit im Wege stehen, so muss eher eine individuelle statt ambitiöse Zielsetzung entwickelt werden. Von einem obdach,- und arbeitslosen Klienten zu einer Teilzeitarbeit und sozialem Wohnen bis hin zu einer eigenständigen - und unabhängigen, gesellschaftlich voll „funktionstüchtigen“ Existenz ist es ein weiter Weg (vgl. Gehrmann und Müller, 2005, S. 108). Demnach muss man einem schon jahrzehntelangem arbeitslosen Menschen, der zwar durch u.a. unvorteilhafte Gegebenheiten, Pech, instabilen Vorbildern, hier und da körperliche Einschränkungen u.v.m. in diese Situation geraten ist, jedoch seit Jahrzehnten in dieser Art und Weise lebt und sich wahrscheinlich auch mit seiner finanziellen Knappheit abgefunden hat und zu Frieden ist, erst einmal davon überzeugen, dass das Leben wie er es führt2 so nicht „funktioniert“ und dass es wichtig ist, in ein stabiles Arbeitsverhältnis einzusteigen! Sicher muss er auf manch luxuriöse Dinge und Statussymbole verzichten, doch an sich funktioniert ja das Leben, wie er es führt!?

2.2 Erschaffen von Teilzielen

Wie überzeugt man jemanden, soziale Hilfe anzunehmen um dieser staatlichen Hilfsbedürftigkeit entgegenzuwirken, obwohl er sie vielleicht gar nicht will und braucht?

Einen Ansatz dieser Problematik entgegenzuwirken, könnte man durch kleinere Teilziele erreichen. Somit integriert man Erfolgserlebnisse und diese motivieren dann auch weitere Ziele zu erreichen. Bedingung und Voraussetzung für die individuelle Zielformulierung müssen den Sozialarbeitern auch von Vorgesetzten und Kollegen zugestanden werden. Erfolgsquoten sollten nach den Erfahrungen der Praktiker in jeder Einrichtung vor Ort entwickelt und in Supervisionen diskutiert werden, bevor sie als Maßstab für die zukünftig zu leistende Arbeit gelten können. Man spricht von 10-15% der Erfolgsquote, bei individueller und realistischer Erfolgsdefinition, z.B. einer Wiedereingliederung des Arbeitslosen in eine pädagogisch begleitete Arbeitsgruppe von gering zu leistender Stundenanzahl, morgens aufstehen um pünktlich am Arbeitsplatz zu sein um wieder einen regelmäßigen, sinnvollen Tagesablauf zu erlernen – wäre da schon optimal. Ein professionelles Case Management ist sehr wichtig für diese Arbeit, dass unterschiedliche involvierte Hilfen ihren Beitrag kooperativ leisten können und nicht versehentlich dieselben Hilfen doppelt und parallel leisten. Auch die Weitervermittlung von Einrichtung zu Einrichtung aus Ratlosigkeit ist für das Empowerment3 des Klienten von großem Nachteil, das demotiviert und sozialisiert ihn nur zum Hilfeempfänger (vgl. Gehrmann und Müller, 2005, S. 109).

Was charakterisiert die motivierende soziale Arbeit noch? Neben dem Erfordernis eine unvoreingenommene Ansicht und respektvollen Umgang zu bieten, völlig gleichgültig welchen Lebensstil der Klient verfolgt; die partnerschaftlich – kooperative Zusammenarbeit mit ihm; die Arbeit unter Berücksichtigung der Lebenswelt des Klienten und der Vermittlung von Hoffnung und Humor, möchte ich noch einmal auf die Stärkenorientierung eingehen (vgl. Gehrmann und Müller, 2005, S. 93).

2.3 Stärkenassessment statt Problemorientierung

In der Sozialen Arbeit wird, im Gegensatz zur psychologischen Fachliteratur, zwischen Stärken und Ressourcen unterschieden. Unter Stärken werden positive Eigenschaften und Fähigkeiten verstanden, die in Personen oder Familien vorhanden sind, u.a. Durchhaltevermögen, soziale Kompetenz und Belastungsfähigkeit. Mit Ressourcen sind die Umstände gemeint, in der sich die Person befindet und Personen in ihrer sozialen Umgebung, zum Beispiel die Wohnlage, Beruf, hilfreiche Nachbarschaft und Freunde im formellen und informellen sozialen Netzwerk (vgl. Gehrmann und Müller, 2005, S. 105).

Für eine erfolgreiche Arbeit mit dem Klienten ist es erforderlich, ihm nicht nur seine Probleme und seine Unfähigkeit vor Augen zu führen. Es ist zwar wichtig, einschätzen zu können wo die Schwächen liegen, doch hat es nur geringen Nutzen problemorientiert zu arbeiten, denn das zieht den Klienten am Ende nur runter und entmutigt ihn. Der Ansatzpunkt für eine produktive Arbeit und ein verstehendes Assessment liegt bei der Fokussierung auf die Stärken des Klienten (vgl. Cowger, 1994).

Dies sei lt. Clark besonders für die Arbeit mit Erwachsenen hervorgehoben, die nicht kooperieren wollen (vgl. Clark, 1998). Für die effektive Entscheidungsfindung der Problemlösung wird eine systematische Herangehensweise angestrebt. Dabei habe Problemlösung als ein helfendes Schema folgendes vorrangiges Ziel: „Es sucht, diagnostiziert und behandelt Probleme“ (vgl. Gehrmann und Müller, 2005, S. 95). Dabei richte man sich nahezu ausschließlich auf das Negative. Nach Cowger und Clark heißt es demnach, dass die Soziale Arbeit, besonders in der Zusammenarbeit mit unmotivierten Klienten, radikal umdenken muss! Es gilt deren Stärken zu finden und zu reflektieren, was sie selbst in einer nahezu aussichtslos erscheinenden Situation positiv umgesetzt haben und was sie auch zukünftig in ähnlichen Situationen leisten können. Diese erlernten Kompetenzen sollten dann mit Hilfe der Sozialen Arbeit weiter verstärkt und gefördert werden (vgl. Clark, 1998; Cowger 1994). Das Problemverhalten kann auch auf indirektem Wege abgebaut werden indem der Umgang mit alltäglichen Aufgaben verbessert und Vertrauen in die eigenen Kompetenzen angestrebt wird. Die Motivation, eigenes Verhalten zu ändern liegt oft darin, was der Klient bisher geleistet hat und was als Leistung anerkannt wurde (vgl. Gehrmann und Müller, 2005, S. 95).

Die Vorteile des stärkenorientierten Ansatzes liegen auf der Hand. Sie relativeren das Machtgefälle zwischen dem Sozialarbeiter und dem Klienten, nämlich genau dann, wenn man sich nicht nur das Schlechte vor Augen führt. Sie stärken nicht nur die Fähigkeit des Klienten, sondern liefern und strukturieren realisierbare Alternativen zum bisherigen Verhalten und liefern Zufriedenheit. Sie geben Selbstvertrauen und bestimmte Kompetenzen können aktiviert werden, die Veränderungen bewirken. Auch stigmatisierende, diagnostische Klassifizierungen können durch die Stärkenorientierung abgebaut werden (vgl. Gehrmann und Müller, 2005, S. 96). Diese stärkenorientierte Praxis setzt die Fokussierung der individuellen Besonderheiten des Klienten voraus und sich auf deren Konflikte einlassen zu können. Das erfordert die Unterlassung standardisierter Behandlungsmuster und ausreichend Zeit müsste zur Verfügung stehen, jedoch ist dies in der Praxis durch hohe Fallzahlen, Termindruck und systematische Arbeitsabläufe wie sie durch das ökonomisch - begrenzte Budget der Sozialarbeit nicht ausreichend umzusetzen.

[...]


1 „richtig“ im Sinne der Klient*Innen angestrebten, realistischen Ziele. Nicht das, was als gesellschaftlich richtig gilt um den Klienten nicht zu stigmatisieren.

2 Damit ist die finanzielle Abhängigkeit des Staates gemeint

3 Empowerment meint die Selbstbefähigung, das Stärken von Autonomie und Eigenmacht Prof.Dr. Herriger 2015

Ende der Leseprobe aus 20 Seiten

Details

Titel
Widersprüchliche Verhältnisse? Soziale Arbeit mit nicht-motivierten KlientInnen
Hochschule
Ernst-Abbe-Hochschule Jena, ehem. Fachhochschule Jena
Veranstaltung
Einführung in die sozialpädagogische Fallarbeit
Note
1,0
Autor
Jahr
2015
Seiten
20
Katalognummer
V356920
ISBN (eBook)
9783668428577
ISBN (Buch)
9783668428584
Dateigröße
623 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
Motivation, Beratung, Widerstandsverhalten, Soziale Arbeit, Stärkenassassment
Arbeit zitieren
Belinda Peter (Autor), 2015, Widersprüchliche Verhältnisse? Soziale Arbeit mit nicht-motivierten KlientInnen, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/356920

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