Die Ukraine. Ein Staat in der Krise?

Eine neorealistische Analyse


Hausarbeit, 2015
32 Seiten, Note: 1,7

Leseprobe

Inhalt

Abkürzungsverzeichnis

Einleitung

I. Neorealismus

II. Die Vergangenheit der Ukraine
Ukraine und die EU
Ukraine und die NATO
Ukraine und Russland

III. Neuere Ereignisse und die Krim-Krise

IV. Die capabilities der Ukraine
Size of territory
Size of population
Economic capability
Resource endowment
Military Strength
Political stability
Political competence

V. Die Polarität des internationalen Systems

VI. Handlungsszenarien
Bandwagoning im Westen
Bandwagoning im Osten
Wahrung des Status quo

VII. Konklusion

Literatur- und Quellenverzeichnis

Abkürzungsverzeichnis

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

Einleitung

Seit Beginn der politischen und militärischen Krise in der Ukraine im Jahr 2014 schaut die Weltöffentlichkeit auf das Land am Schwarzen Meer. Die Kämpfe im Donezbecken und auf der Krim, das Ringen um regionalen Machteinfluss und das politische Taktieren Russlands und der westlichen Alliierten ließen Erinnerungen an den Kalten Krieg wiederaufleben.1 Die Kampfhandlungen und die Annexion der Krim rissen einen tiefen Graben zwischen Russland, den Vereinigten Staaten und den Ländern, die sich mit den USA verbündet haben. Kooperative Beziehungen, die sich seit dem Untergang der Sowjetunion aufgebaut haben, haben sich innerhalb von wenigen Wochen und Monaten wieder erheblich abgekühlt. Das Epizentrum dieser politischen Erschütterungen liegt in einem Land, das scheinbar von den internen Vorgängen und dem schnellen Ablauf der Ereignisse im Osten des Landes überrumpelt schien - doch bei genauerer Betrachtung erweisen sich diese nicht zuletzt als notwendige Konsequenz einer über zwei Jahrzehnte andauernden Politik der Abhängigkeit und Unentschlossenheit. Angesichts der Vielfalt und Geschwindigkeit der jüngeren Ereignisse stellt sich dabei die Frage, wie es um die Sicherheit des Landes bestellt ist, welche Position die Ukraine in der Welt einnimmt - und welche Handlungsoptionen das Land aktuell hat. Um hinsichtlich dieser Thematik eine Einschätzung geben zu können, wird in dieser Hausarbeit die Lage der Ukraine mithilfe eines neorealistischen Theorieansatzes unter die Lupe genommen. Die Vorteile für eine solche Vorgehensweise liegen dabei auf der Hand - das neorealistische Framework bietet einen umfassenden Ansatz mit einer eindeutigen, fundierten Analyseebene, einer Fokussierung auf den Staat als wesentlichen Akteur und einem klaren Erklärungsmuster für verschiedenste politische Handlungen. Der Aufbau der Arbeit gestaltet sich so, dass in einem ersten Teil (I) zunächst der neorealistische Ansatz genauer erläutert wird. Es folgt eine Skizzierung der Geschichte und der außenpolitischen Haltung der Ukraine der letzten Jahrzehnte, mit besonderem Fokus auf die Ereignisse seit dem souveränen und selbstbestimmten Austritt aus der Sowjetunion im Jahre 1991 (II). Anschließend werden aktuellere Ereignisse, insbesondere die Ereignisse im Osten der Ukraine, thematisiert (III). In einer nach Kenneth Waltz entwickelten neorealistischen Methodik wird dann eine gegenwärtige Machteinschätzung des ukrainischen Staates unternommen (IV). Es folgt eine Einschätzung der Polarität des internationalen Systems (V), bevor in einem sechsten Teil (VI) drei Szenarien durchgespielt werden, die ein mögliches außenpolitisches Verhalten der Ukraine darstellen - die Annäherung an den Westen, die Annäherung an Russland sowie die Wahrung des derzeitigen Status quo. In einer Konklusion (VII) wird abschließend ein Fazit gezogen, welches die Situation noch einmal zusammenfasst und die dargelegten Handlungsoptionen des Staates Ukraine kurz bewertet.

I. Neorealismus

Der Neorealismus innerhalb des Fachbereichs der Internationalen Beziehungen ist ein Paradigma, das aus dem klassischen Realismus nach Morgenthau hervorgegangen ist und sich in seinen verschiedenen theoretischen Ausprägungen unterschiedlich stark an diesen anlehnt. Grundlegend für diese Arbeit soll der strukturelle Realismus sein, der sich in seiner Entstehung „ prim ä r auf einer wissenschaftstheoretisch-logischen Ebene2 kritisch mit dem klassischen Realismus auseinandersetzte und neben dem synoptischen und dem ökonomischen Ansatz als einer der drei bedeutendsten neorealistischen Strömungen angesehen werden kann.3 Begründet wurde er in den 1970er Jahren von Kenneth Waltz vor dem weltpolitischen Hintergrund des Kalten Krieges, maßgeblich mit seinem 1979 erschienenen Hauptwerk Theory of International Politics; erste Ansätze lassen sich jedoch bereits in seinem früheren Werk Man, the State, and War aus dem Jahr 1959 finden. Hier skizzierte er drei Deutungsansätze, so genannte images, die für das Zustandekommen von Kriegen tragfähig sein könnten: (1) die menschliche Natur, (2) die interne Ordnung von Staaten, und (3) die Struktur des internationalen Systems. Nach systematischem Ausschluss der beiden ersten images 4 erkennt er die Struktur des Systems als ausschlaggebende Variable an, und knüpft in Theory of International Politics an diese Erkenntnis an. Hier beschreibt er die Beschaffenheit des Internationalen Systems als anarchisch, im Sinne des Fehlens einer übergeordneten Instanz, die über den Staaten steht. Die einzelnen Staaten wiederum sind die einzigen relevanten units des Systems, konstituierend für selbiges und von indifferentem Charakter.5 Das hauptsächliche Streben der Staaten in einem solch kompetitiven System ist das nach Überleben, und somit nach Sicherheit.6 Um diese in möglichst hohem Maße zu gewährleisten, ist eine Anhäufung von Macht in Relation zu anderen Staaten (relative gains) vonnöten. Diese Systematik beschwört das Paradoxon des „Sicherheitsdilemmas“ herauf, da Staaten unablässig daran interessiert sind, ihre eigenen Machtressourcen (capabilities) zu erweitern, um mit dem Fortschritt der konkurrierenden Staaten mithalten zu können, da jeder Staat im System einem potentiellen Angriff durch andere ausgesetzt ist.7 Auch wenn die einzige Option des Staates in einer solchen Situation die Selbsthilfe ist8, hat er neben einer internen Möglichkeit, seine Machtressourcen zu erweitern, auch die externe Möglichkeit, beispielsweise der Allianz mit anderen Staaten oder der Unterwerfung unter einem größeren Staat. Denn das anarchische System kennt zwar keine oberste Autorität, ist aber dennoch keineswegs befreit von Regulierungsmechanismen: Waltz skizziert als eine zentrale Figur seiner Theorie das Gleichgewicht der Macht (balance of power), welches die einzelnen Staaten stets bemüht sind zu erreichen. Hiernach gibt es staatliche Akteure, deren Mindestziel die Bewahrung der eigenen Existenz ist, im besten Falle jedoch die universelle Herrschaft über die anderen units.9 Innerhalb des internationalen Systems bilden sich in der Konsequenz Machtpole, in dem „kleinere“ Staaten sich mit anderen Staaten zusammenschließen können, um einen Gegenpol zu einem Hegemon zu bilden (balancing), oder aber sich einem mächtigeren Staat anschließen können (bandwagoning). Da sowohl die Anzahl der Pole als auch ihre relative Machtposition innerhalb des Systems einem ständigen Wandel unterliegt, muss jeder Staat beständig seine eigene Machtposition mit denen der anderen Staaten im System vergleichen.10 Im Umkehrschluss hat die systemische Struktur den entscheidenden Einfluss auf das staatliche Verhalten, was innerstaatliche Ordnungen und Abläufe zurücktreten lässt und die systemische Ebene als einzig relevante Analyseebene hervorhebt.

Wie aus den Darlegungen hervorgeht, ist Macht eine wichtige Komponente in Waltz‘ Konzept des Neorealismus. Dennoch bleibt er in seinen Ausführungen wenig detailliert darüber, wie genau die staatliche Macht zu messen sei, nicht zuletzt, weil ihre Ausprägung vielerlei Gestalt annehmen kann.11 In Theory of International Politics benennt er zumindest sieben capabilities, anhand derer sich eine grobe Einschätzung im internationalen Vergleich vornehmen ließe: „ size of population and territory, resource endowment, economic capability, military strength, political stability and competence12. In dieser Arbeit werden alle sieben capabilities der Ukraine analysiert und in einen größeren Zusammenhang gebracht. Die Gewichtung liegt dabei klar einerseits auf der militärischen Stärke und der ökonomischen Kapazität, andererseits auf der territorialen Größe und der Population, da die beiden erstgenannten als herausragende Fähigkeiten zur Wehrhaftigkeit eines Staates angesehen werden können13 und im Falle der beiden letztgenannten in den Entwicklungen insbesondere der letzten zwei Jahre starke Schwankungen und Diskontinuitäten beobachtet werden konnten. Die capabilities politische Stabilität und Kompetenz werden dagegen schwächer gewichtet, da diese Faktoren sich in der Praxis eher schwerlich messen und einschätzen lassen und im Gegensatz zu den anderen capabilites nicht auf ausschließlich materielle Grundlagen zurückzuführbar sind.14

II. Die Vergangenheit der Ukraine

Das Wort „Ukraine“ bedeutet aus etymologischer Sicht „Grenzland“.15 War es ursprünglich eine Bezeichnung für die Regionen an der Steppengrenze, bezeichnet es heute das Staatsgebilde, welches im Dezember 1991 die Unabhängigkeit von der Sowjetunion erlangte. Heute erstreckt sich östlich der Ukraine der „Fortsetzerstaat“ der UdSSR, Russland bzw. die Russische Föderation.16 Im Uhrzeigersinn wird die Ukraine zudem an seiner westlichen Grenze eingekreist von seinen Nachbarländern Rumänien, Moldawien, Ungarn, der Slowakei, Polen und Weißrussland. Die Geschichte des Landes ist geprägt von Spaltungen, Unterwerfungen und Eroberungen durch fremde Mächte. Im Zuge des ersten Weltkrieges belagerten im Jahre 1918 die Deutschen das Land17, ab 1919 gehörte die Westukraine zu Polen und die Karpatenukraine zur Tschechoslowakei. Im Jahr 1939 wurde nach dem Hitler-Stalin-Pakt die Westukraine der Ukrainischen SSR eingegliedert und somit sowjetisiert - der erneute Einfall der Deutschen erfolgte im Juni 1941.18 Bis Oktober 1944 erfolgte die Befreiung des heutigen ukrainischen Staatsgebiets durch die Rote Armee19, und nach dem Zweiten Weltkrieg gehörte schließlich die gesamte Ukraine zur Sowjetunion. Die ehemalige Spaltung des Landes und die Unterdrückung des ukrainischen Nationalbewusstseins in der folgenden, weitere rund 45 Jahre währenden faktischen Fremdregierung durch die Sowjetunion machte sich auch nach dem Bruch der UdSSR bemerkbar.20 Bereits im Referendum über die Unabhängigkeit der Ukraine vom 1. Dezember 1991 fiel die Bejahung der Unabhängigkeit in Wahlkreisen mit einem hohen Anteil russischstämmiger Bewohner rund 10% niedriger aus als im Durchschnitt; die Bewohner der Krim, auf der die Russen mit 67% die Mehrheit darstellten, verlangten diese gar nur zu 57% - bei einem positiven Gesamtwahlergebnis von 90,32% der Stimmen.21

Ukraine und die EU

In den 1990er Jahren hat die Ukraine nach dem Fall des „Eisernen Vorhangs“ begonnen, sich politisch Richtung Westen zu orientieren, und rückte damit näher an die EU und die NATO. Im Gegensatz zu den MOE-Staaten Polen und Ungarn, die Anfang der 1990er Jahre mit der EU Europaabkommen schlossen, deren klares Ziel die mittelfristige Integration in die EU war, unterzeichneten andere osteuropäische Länder wie die Ukraine und Russland lediglich ein Partnerschafts- und Kooperationsabkommen (PKA), welches zwar der Demokratiekonsolidierung dienen und einen Übergang zur Marktwirtschaft begleiten soll, nicht aber die perspektivische Idee einer EU- Mitgliedschaft in sich trägt. Das PKA zwischen der Ukraine und der EU besteht seit 1994, trat jedoch erst im Jahre 1998 in Kraft und stellt seither den formalen Beziehungsrahmen.22 In einer Rede vor der Parlamentarischen Versammlung der WEU benannte der ukrainische Präsident Leonid Kutschma dennoch die „ Integration in die europ ä ischen und euroatlantischen Strukturen23 als Ziel seines Landes. Auf Rechtsgrundlage der PKA entstand im Dezember 1999 durch den Europäischen Rat ein Strategiepapier für die Ukraine, um die Partnerschaft zu fördern und den Reformprozess der Ukraine zu unterstützen24, im Dezember 2001 folgte ein weiteres Strategiepapier durch die Europäische Kommission, welches zusätzlich strukturelle und wirtschaftliche Reformen vorsah. 2005 bekräftigte der neugewählte ukrainische Staatspräsident Juschtschenko die Westorientierung und das Streben nach der EU-Mitgliedschaft. Im selben Jahr wurde ein Aktionsplan unterzeichnet, mit dem sich die Ukraine rechtlich der EU annäherte und einen Dialog über ein Freihandelsabkommen in Gang setzte, der im März 2007 noch einmal intensiviert wurde. Auch eine erhöhte Zusammenarbeit im Bereich der Energiepolitik wurde angestrebt. Im Mai 2009 trat die Ukraine der Östlichen Partnerschaft bei, einem Teilprojekt der Europäischen Nachbarschaftspolitik (ENP), deren strategisches Ziel die Etablierung eines Rings stabiler, befreundeter Staaten rund um die EU ist.25 Die Beziehungen verschlechterten sich jedoch 2010 nach der Wahl des neuen Präsidenten Janukowitsch, der als russlandfreundlicher Vertreter des Donetzker Clans gilt.26 Unter seiner Führung entfernte sich die Ukraine politisch wieder von der EU und näherte sich Russland an - so vereinbarte er unter anderem in den „Charkower Verträgen“, dass der Pachtvertrag über die Stationierung der russischen Schwarzmeerflotte auf der bis dato ukrainischen Halbinsel Krim bis zum Jahre 2042 verlängert werden soll.27

Ukraine und die NATO

Nach dem Zerfall der Sowjetunion begann die Ukraine, mit der NATO zusammenzuarbeiten. Dies äußerte sich unter anderem durch den Beitritt des Landes zum Rat der Nordtransatlantischen Zusammenarbeit (RNAZ) im März 1992 und der Unterzeichnung des Programms Partnerschaft für den Frieden (PfP) im Februar 1994. Im Juli 1997 wurde in Madrid die „Charta über eine ausgeprägte Partnerschaft zwischen der NATO und der Ukraine“ unterschrieben. Eine neu gegründete Kommission „Ukraine-NATO“ verpflichtete beide Seiten zu Gewaltverzicht und legte weitere Bereiche fest, in denen es zu erweiterter Zusammenarbeit kommen sollte - neben der Sicherheitspolitik, Konfliktverhütung und Krisenbewältigung auch die Nichtverbreitung von Kernwaffen.28 2002 wurde der Aktionsplan Ukraine-NATO bewilligt, in dessen Rahmen die Anforderungen der Kommission tiefergehende Umsetzung finden sollten. Präsident Juschtschenko äußerte 2005, die Aufnahme der Ukraine in die NATO sei weiterhin ein angestrebtes Ziel - dieser Perspektive stand die ukrainische Bevölkerung jedoch sehr skeptisch gegenüber.29 2008 scheiterte ein Anlauf der Ukraine, der NATO beizutreten.30 Der Folge-Präsident Janukowytsch gab 2009 bekannt, der Beitritt sei kein Ziel des Landes, formulierte aber die immense Wichtigkeit der Kooperation mit der NATO.31 Im Zuge der Krimkrise ließ die NATO im März 2014 verlauten, die NATO suche den Kontakt mit der Ukraine zu intensivieren und die Beziehungen zu Russland auf Eis zu legen.32 Im Dezember 2014 bat der ukrainische Regierungschef Jazenjuk die NATO um militärische Unterstützung.33 Die NATO bot der Ukraine eine Beitrittsperspektive, unter Erfüllung und Einhaltung notwendiger Standards und Prinzipien.34

Ukraine und Russland

Das Ende der Sowjetunion brachte in den 1990er Jahren eine politische Epoche hervor, die „ im Osten Europas grundlegende Fragen von Selbst- und Fremdwahrnehmung alter Nationen und neuer Staaten aufwarf35. Die Ukraine, ehemals in einer „Garantenstellung“ für die UdSSR, war wesentlich an seiner Auflösung beteiligt und wandte sich in den folgenden Jahren dem Westen zu - nicht jedoch, ohne die Positionierung des Landes zwischen Ost und West immer wieder strittig werden zu lassen. Ott bezeichnete sie im Jahre 2000 als widersprüchlich: Russland sei „ nicht mehr so stark, um Vasallen zu haben “ 36, gleichzeitig sei die Ukraine noch immer „ kein echter Partner37 - nicht zuletzt, weil sich beide Länder in den Jahren 1991 bis 1998 häufig in entgegengesetzte Richtungen bewegten. Insbesondere ab Mitte der 1990er Jahre wurde ein Wiedererstarken nationaler Interessen Russlands in der Außenpolitik deutlich. Eine Studie der Friedrich-Ebert-Stiftung zeigte 1996 in einem Vergleich zum Jahre 1993 eine kollektiv russlandorientiertere und weniger westliche Einstellung der russischen Außenpolitiker - als politische Hauptziele nannten die Befragten den Schutz russischer Minderheiten, die Beziehungen zu China, die Wahrung einer Sonderrolle Russlands in der internationalen Staatengemeinschaft sowie die Wiederherstellung Russlands als eine weltweit respektierte Großmacht.38 Präsident Wladimir Putin führte diesen grundsätzlichen Kurs weiter und gab bereits am Anfang seiner ersten Präsidentschaft im Mai 2000 strukturelle Anweisungen aus, die auf die Schaffung von für Russland notwendigen Bedingungen abzielte, um eine Wiedererlangung des Status einer Weltmacht zu ermöglichen. 2006 formulierte die russische Staatsführung unter Putin erstmals seit dem Zusammenbruch der Sowjetunion eine handfeste außenpolitische Doktrin, die den politischen Einfluss der Russischen Föderation an ihre, in den letzten Jahren zunehmende, wirtschaftliche Stärke knüpfte.39 Die Doktrin demonstrierte „ wenn nicht gleich die R ü ckkehr, dann zumindest eine R ü ckbesinnung innerhalb der russischen politischen Elite zum Denken in globalen Kategorien40.

In der Ukraine gab es im Jahre 2004 Präsidentschaftswahlen, bei denen der als prorussisch orientiert geltende Regierungschef Viktor Janukowytsch gegen den als westlich orientiert angesehenen Viktor Juschtschenko antrat. Im ersten Wahldurchgang konnte kein Präsidentschaftskandidat eine absolute Mehrheit erreichen, es wurden jedoch kurze Zeit später Vorwürfe über Wahlfälschungen zugunsten von Janukowytsch laut. In einer Stichwahl am 21. November entschied Janukowytsch die Wahl zum Präsidenten für sich, sah sich jedoch abermals einem Vorwurf der massiven Wahlfälschung ausgesetzt. Von diesen Widerständen ließ sich Russlands Präsident Putin nicht beirren und gratulierte Janukowytsch als erster zum Präsidentenamt.41 In der folgenden Orangenen Revolution (der Parteifarbe des Kandidaten Juschtschenko) protestierten hunderttausende Ukrainer öffentlich auf friedlichem Wege gegen den Wahlbetrug und erreichten letztlich wegen nachgewiesener Fälschungen im Wahlgang neue Präsidentschaftswahlen - eine Forderung, die bezeichnenderweise auch vonseiten der Europäischen Union vorgetragen wurde.42 In einer erfolgreichen Folgewahl siegte Juschtschenko und konnte bis zu erneuten Wahlen im Jahr 2010 die Regierung stellen - der Weg zu einer weiteren Demokratisierung und West-Orientierung des Landes war eingeschlagen. Moskau missbilligte die außenpolitische Richtung des Landes und erschwerte Juschtschenko das politische Leben insbesondere auf energiepolitischer Ebene durch eine radikale Erhöhung der Gaspreise. Dies befeuerte die seit 1993 schwelende Gaskrise zwischen beiden Ländern, die nun erstmals mit der ukrainischen Westorientierung auch offensichtlich politische Hintergründe hatte.43

III. Neuere Ereignisse und die Krim-Krise

Der in der 2004 ausgerichteten Präsidentschaftswahl gescheiterte Kandidat Viktor Janukowytsch trat 2010 erneut zur Wahl an, und versprach im Laufe seines Wahlkampfes eine Revision der bestehenden Gasverträge mit Russland, die von Premierministerin Julija Tymoschenko und ihrem russischen Kollegen Wladimir Putin ein Jahr zuvor geschlossen worden waren. Nach seiner Wahl konnte er in einem ersten Gespräch in Moskau dieses Ziel jedoch nicht erreichen. Die russische Führung deutete unmissverständlich an, dass für eine Senkung des Gaspreises Gegenleistungen erforderlich wären - bestenfalls der Beitritt der Ukraine zur neuen Zollunion, oder aber Eigentumsrechte am ukrainischen Gas-Transit-System (GTS). Letztlich gelang Präsident Janukowytsch der erwünschte Preisnachlass, zahlte dafür aber einen anderen hohen Preis - im von der ukrainischen Opposition „Medwedew-Janukowytsch-Deal“ genannten, in Charkov unterschriebenen Vertrag vom 21. April 2010 verlängerte der ukrainische Präsident mit seinem neu gewählten russischen Amtskollegen unter anderem den Pachtvertrag für die Marinebasis der russischen Schwarzmeerflotte im ukrainischen Sewastopol über das Jahr 2017 hinaus um 25 Jahre. Janukowytschs Vorgänger Juschtschenko hatte diesen grundsätzlich verfassungswidrigen Schritt der verlängerten Stationierung ausländischer Truppen auf ukrainischem Boden strikt abgelehnt. In der Folgezeit des Charkov-Vertrages bombardierte Moskau Kiew mit vorwiegend ökonomischen Vorschlägen, die etwa auf die Fusionen von russischen und ukrainischen Konzernen abzielten, um die Ukraine stärker an Russland zu binden. In Kiew stieß dies auf wenig Gegenliebe, lediglich ein Vertrag über die Zusammenarbeit im Flugzeugbau und drei gemeinsame außen- und sicherheitspolitische Erklärungen wurden beidseitig unterzeichnet.44

Im März 2012 wurde in Brüssel das Assoziierungsabkommen zwischen der Europäischen Union und der Ukraine von den Chefunterhändlern paraphiert, welches bis dato noch nicht in allen 28 Mitgliedsstaaten gebilligt und ratifiziert worden ist.45 Eine Aussetzung des Abkommens am 21. November 2013 seitens der ukrainischen Regierung unter Viktor Janukowytsch war einer der Auslöser für die sogenannten Maidan-Massenproteste, in denen die Demonstranten die Amtsenthebung des Präsidenten, vorgezogene Präsidentschaftswahlen und die Unterzeichnung des Abkommens mit der EU forderten.46 Die Folge war eine Destabilisierung des Landes insbesondere im Osten, in dem es zu einem offenen bewaffneten Konflikt kam, bei der sich reguläre russische und ukrainische Truppen, Freiwilligenmilizen sowie mutmaßlich von Russland unterstützte Milizen beteiligten.

[...]


1 Vgl. Greven 2014.

2 Siedschlag 1997: 84.

3 Vgl. Siedschlag 1997: 66.

4 Vgl. Waltz 1959: 29.

5 Vgl. Waltz 1979: 93-95.

6 Vgl. Waltz 1995: 78-80.

7 Vgl. Herz 1950: 30.

8 Vgl. Waltz 1979: 72.

9 Vgl. Waltz 1979: 118.

10 Vgl. Waltz 1979: 131.

11 Vgl. Waltz 1979: 131.

12 Waltz 1979: 131.

13 Vgl. Waltz 1979: 131.

14 Vgl. Buzan 2004: 60.

15 Vgl. Pott 1869: 150.

16 Vgl. Nußberger 2011: 43.

17 Vgl. Boeckh 2007: 78.

18 Vgl. Mark 2013: 164.

19 Vgl. Böhme 1999: 346.

20 Vgl. Andrijasevic et al. 2014: 10-11.

21 Vgl. Bischof 1994: 11.

22 Vgl. Böttger 2008, 7.

23 Wehrschütz 1999: 14.

24 Vgl. ER: 1999/877/GASP, Abl. L 331, v. 11.12.1999.

25 Vgl. Rötting 2009: 12 f.

26 Vgl. Kasper 2011: 41.

27 Vgl. Schneider-Deters 2014: 62.

28 Vgl. Varwick/Woyke 2000:121-122.

29 Vgl. Hauser 2008: 62-63.

30 Vgl. Die Zeit 2014a.

31 Vgl. Hauser 2008: 62-63.

32 Vgl. Rist 2014.

33 Vgl. Die Zeit 2014b.

34 Vgl. Focus Online 2014.

35 Aust 2009: 248.

36 Ott 2000: 227.

37 Ott 2000: 227.

38 Vgl. Sylnelnyk 2013: 18.

39 Vgl. Sylnelnyk 2013: 18-21.

40 Sylnelnyk 2013: 21.

41 Vgl. Templin 2008: 143/4.

42 Vgl. Ausschuss für auswärtige Angelegenheiten des Europäischen Parlaments 2004.

43 Vgl. Goldmann 2009: 222.

44 Vgl. Schneider-Deters 2014: 404-408.

45 Vgl. bpb 2012.

46 Vgl. Dobbert 2014.

Ende der Leseprobe aus 32 Seiten

Details

Titel
Die Ukraine. Ein Staat in der Krise?
Untertitel
Eine neorealistische Analyse
Hochschule
Universität Bielefeld
Note
1,7
Autor
Jahr
2015
Seiten
32
Katalognummer
V356952
ISBN (eBook)
9783668428355
ISBN (Buch)
9783668428362
Dateigröße
555 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
Ukraine, Neorealismus, Realismus, Internationale, Beziehungen, EU, NATO, Russland, Ost-West-Konflikt, Bandwagoning, Krimkrise, Polarität, Atomwaffen, Mearsheimer
Arbeit zitieren
Arne Guttmann (Autor), 2015, Die Ukraine. Ein Staat in der Krise?, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/356952

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