Seit Beginn der politischen und militärischen Krise in der Ukraine im Jahr 2014 schaut die Weltöffentlichkeit auf das Land am Schwarzen Meer. Die Kämpfe im Donezbecken und auf der Krim, das Ringen um regionalen Machteinfluss und das politische Taktieren Russlands und der westlichen Alliierten ließen Erinnerungen an den Kalten Krieg wiederaufleben.
Die Kampfhandlungen und die Annexion der Krim rissen einen tiefen Graben zwischen Russland, den Vereinigten Staaten und den Ländern, die sich mit den USA verbündet haben. Kooperative Beziehungen, die sich seit dem Untergang der Sowjetunion aufgebaut haben, haben sich innerhalb von wenigen Wochen und Monaten wieder erheblich abgekühlt. Das Epizentrum dieser politischen Erschütterungen liegt in einem Land, das scheinbar von den internen Vorgängen und dem schnellen Ablauf der Ereignisse im Osten des Landes überrumpelt schien – doch bei genauerer Betrachtung erweisen sich diese nicht zuletzt als notwendige Konsequenz einer über zwei Jahrzehnte andauernden Politik der Abhängigkeit und Unentschlossenheit. Angesichts der Vielfalt und Geschwindigkeit der jüngeren Ereignisse stellt sich dabei die Frage, wie es um die Sicherheit des Landes bestellt ist, welche Position die Ukraine in der Welt einnimmt – und welche Handlungsoptionen das Land aktuell hat.
Um hinsichtlich dieser Thematik eine Einschätzung geben zu können, wird in dieser Hausarbeit die Lage der Ukraine mithilfe eines neorealistischen Theorieansatzes unter die Lupe genommen. Die Vorteile für eine solche Vorgehensweise liegen dabei auf der Hand – das neorealistische Framework bietet einen umfassenden Ansatz mit einer eindeutigen, fundierten Analyseebene, einer Fokussierung auf den Staat als wesentlichen Akteur und einem klaren Erklärungsmuster für verschiedenste politische Handlungen.
Inhaltsverzeichnis
Einleitung
I. Neorealismus
II. Die Vergangenheit der Ukraine
Ukraine und die EU
Ukraine und die NATO
Ukraine und Russland
III. Neuere Ereignisse und die Krim-Krise
IV. Die capabilities der Ukraine
Size of territory
Size of population
Economic capability
Resource endowment
Military Strength
Political stability
Political competence
V. Die Polarität des internationalen Systems
VI. Handlungsszenarien
Bandwagoning im Westen
Bandwagoning im Osten
Wahrung des Status quo
VII. Konklusion
Zielsetzung & Themen
Die vorliegende Arbeit untersucht die aktuelle sicherheitspolitische Lage der Ukraine vor dem Hintergrund der Krise ab 2014 unter Anwendung des neorealistischen Theorieansatzes. Dabei wird analysiert, welche Machtposition der Staat im internationalen System einnimmt und welche außenpolitischen Handlungsoptionen – Annäherung an den Westen, Annäherung an Russland oder Wahrung des Status quo – für das Land zur Gewährleistung seiner Sicherheit und Souveränität bestehen.
- Anwendung des neorealistischen Frameworks nach Kenneth Waltz zur Analyse der Ukraine.
- Einschätzung der ukrainischen Machtressourcen (capabilities) in einem kompetitiven System.
- Bewertung der Polarität des internationalen Systems und deren Auswirkungen auf die Handlungsspielräume.
- Vergleichende Untersuchung von außenpolitischen Szenarien für die Ukraine.
Auszug aus dem Buch
I. Neorealismus
Der Neorealismus innerhalb des Fachbereichs der Internationalen Beziehungen ist ein Paradigma, das aus dem klassischen Realismus nach Morgenthau hervorgegangen ist und sich in seinen verschiedenen theoretischen Ausprägungen unterschiedlich stark an diesen anlehnt. Grundlegend für diese Arbeit soll der strukturelle Realismus sein, der sich in seiner Entstehung „primär auf einer wissenschaftstheoretisch-logischen Ebene“ kritisch mit dem klassischen Realismus auseinandersetzte und neben dem synoptischen und dem ökonomischen Ansatz als einer der drei bedeutendsten neorealistischen Strömungen angesehen werden kann. Begründet wurde er in den 1970er Jahren von Kenneth Waltz vor dem weltpolitischen Hintergrund des Kalten Krieges, maßgeblich mit seinem 1979 erschienenen Hauptwerk Theory of International Politics; erste Ansätze lassen sich jedoch bereits in seinem früheren Werk Man, the State, and War aus dem Jahr 1959 finden.
Hier skizzierte er drei Deutungsansätze, so genannte images, die für das Zustandekommen von Kriegen tragfähig sein könnten: (1) die menschliche Natur, (2) die interne Ordnung von Staaten, und (3) die Struktur des internationalen Systems. Nach systematischem Ausschluss der beiden ersten images erkennt er die Struktur des Systems als ausschlaggebende Variable an, und knüpft in Theory of International Politics an diese Erkenntnis an. Hier beschreibt er die Beschaffenheit des Internationalen Systems als anarchisch, im Sinne des Fehlens einer übergeordneten Instanz, die über den Staaten steht. Die einzelnen Staaten wiederum sind die einzigen relevanten units des Systems, konstituierend für selbiges und von indifferentem Charakter. Das hauptsächliche Streben der Staaten in einem solch kompetitiven System ist das nach Überleben, und somit nach Sicherheit. Um diese in möglichst hohem Maße zu gewährleisten, ist eine Anhäufung von Macht in Relation zu anderen Staaten (relative gains) vonnöten. Diese Systematik beschwört das Paradoxon des „Sicherheitsdilemmas“ herauf, da Staaten unablässig daran interessiert sind, ihre eigenen Machtressourcen (capabilities) zu erweitern, um mit dem Fortschritt der konkurrierenden Staaten mithalten zu können, da jeder Staat im System einem potentiellen Angriff durch andere ausgesetzt ist.
Zusammenfassung der Kapitel
Einleitung: Einführung in die politische und militärische Krise der Ukraine seit 2014 und Darstellung der neorealistischen Analysevorgehensweise.
I. Neorealismus: Erläuterung der theoretischen Grundlagen des strukturellen Realismus nach Kenneth Waltz und seiner Relevanz für das Verständnis staatlicher Machtressourcen.
II. Die Vergangenheit der Ukraine: Skizzierung der historischen Entwicklung der Ukraine, insbesondere die Beziehungen zur EU, zur NATO und zu Russland nach 1991.
III. Neuere Ereignisse und die Krim-Krise: Analyse der unmittelbaren Auslöser der Destabilisierung, insbesondere der Ereignisse um die Krim und den Osten der Ukraine ab 2013/2014.
IV. Die capabilities der Ukraine: Systematische Bestandsaufnahme der sieben Machtressourcen der Ukraine, von territorialer Größe bis zu militärischer und ökonomischer Stärke.
V. Die Polarität des internationalen Systems: Einschätzung der gegenwärtigen internationalen Machtstruktur mit Fokus auf die Rolle der USA und Tendenzen zu multipolaren Entwicklungen.
VI. Handlungsszenarien: Diskussion drei verschiedener außenpolitischer Optionen für die Ukraine vor dem Hintergrund ihrer schwachen Position im internationalen System.
VII. Konklusion: Abschließende Bewertung der Sicherheitslage der Ukraine und Empfehlung zur Annäherung an den Westen als politisch zweckmäßigste Option.
Schlüsselwörter
Ukraine, Neorealismus, Internationale Beziehungen, Krim-Krise, Außenpolitik, Sicherheitsdilemma, Capabilities, Machtpole, Europäische Union, NATO, Russland, Geopolitik, Systemtransformation, Souveränität, Handlungsoptionen.
Häufig gestellte Fragen
Worum geht es in dieser Arbeit grundsätzlich?
Die Arbeit untersucht die aktuelle sicherheitspolitische Lage der Ukraine nach Ausbruch der Krise 2014 unter der theoretischen Perspektive des strukturellen Neorealismus.
Was sind die zentralen Themenfelder?
Die zentralen Themen umfassen die Geschichte der Ukraine seit 1991, die Analyse ukrainischer Machtressourcen, die Rolle des internationalen Systems sowie die außenpolitische Ausrichtung des Landes.
Was ist das primäre Ziel oder die Forschungsfrage?
Ziel ist es, die Sicherheitssituation der Ukraine zu bewerten und basierend auf einer neorealistischen Machteinschätzung konkrete Handlungsoptionen für das Land in einem kompetitiven internationalen Umfeld aufzuzeigen.
Welche wissenschaftliche Methode wird verwendet?
Die Arbeit nutzt die neorealistische Methodik nach Kenneth Waltz, um den Staat als zentralen Akteur in einem anarchischen internationalen System zu analysieren und dessen Handlungsspielräume zu bewerten.
Was wird im Hauptteil behandelt?
Der Hauptteil gliedert sich in eine theoretische Einführung, eine historische Kontextualisierung der Ukraine, eine detaillierte Analyse der sieben staatlichen capabilities sowie eine Diskussion von drei außenpolitischen Szenarien.
Welche Schlüsselwörter charakterisieren die Arbeit?
Die Arbeit lässt sich primär über Begriffe wie Neorealismus, Ukraine, Sicherheitsdilemma, geopolitische Machtpole, Souveränität und internationale Systemstruktur definieren.
Warum wird im Rahmen dieser Analyse der Begriff "Grenzland" für die Ukraine thematisiert?
Der Begriff wird etymologisch hergeleitet und dient als Ausgangspunkt, um die problematische historische und geografische Lage des Staates zwischen den Machtblöcken Ost und West zu verdeutlichen.
Wie bewertet der Autor die Option der Wahrung des Status quo?
Diese Option wird kritisch betrachtet, da die Ukraine aufgrund ihrer derzeitigen schwachen Machtposition ohne Bündnispartner im Ernstfall nahezu schutzlos gegenüber russischen Territorialansprüchen stünde.
Welches Fazit zieht die Arbeit bezüglich einer Annäherung an den Westen?
Die Arbeit kommt zum Schluss, dass angesichts der Aggressionen durch die Russische Föderation eine Annäherung an den Westen (EU/NATO) die beste Wahl zur langfristigen Sicherung der staatlichen Existenz darstellt.
- Quote paper
- Arne Guttmann (Author), 2015, Die Ukraine. Ein Staat in der Krise?, Munich, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/356952