Niccolo Machiavelli. Republikanischer Theoretiker oder Analyst der Krise?


Hausarbeit (Hauptseminar), 2016
18 Seiten, Note: 1,0

Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1. Einleitung

2. Machivellis Republikanismus bei Skinner
2.1. Machiavelli im Kontext des civic humanism
2.2. Governo Largo und Volkssouveränität
2.3. Kritik der Monarchie

3. Die Krise der Renaissance

4. Machiavelli als Autor der Krise
4.1. Virtù und Fortuna als Kontingenzerfahrung
4.2. Die Republik als Verteidigungsgemeinschaft
4.3. Innere Stabilisierung der Republik
4.4. Die Republik und der Fürst

5. Fazit

6. Literaturverzeichnis

1. Einleitung

Machiavelli hat als politischer und philosophischer Denker seine Leser stets polarisiert. Angefangen mit der Indizierung des Principe durch die Kurie im Jahr 1557 galt das Werk und sein Autor als Vertreter skrupelloser Machtpolitik und einer nihilistischen Weltanschaung. Diese Lesart veranlasste u.a. Friedrich II. von Preußen dazu, sich in seinem von Voltaire redigierten Antimachiavel von einer so verstandenen Regierungspolitik abzugrenzen und den Florentiner wegen seiner unterstellten Amoralität zu attackieren. Von dessen sprichwörtlicher Dämonisierung zeugt in der englischen Sprache noch heute die Bezeichnung „Old Nick“ für den Teufel. Dem entgegen steht eine Interpretationsgeschichte, die mit Rousseau beginnend in Machiavelli den glühenden Republikaner und italienischen Patrioten sieht. Daneben galt u.a. Nietzsche vor allem der Principe als ein Beitrag zur „Demaskierung der Macht“ und wird so auchh von Herfried Münkler als Begründung der modernen Politikwissenschaft gesehen, da hier eine Trennung von normativen Vorstellungen und empirischer Beschreibung stattfinde.[1] Die republikanische Interpretation erhielt v.a. durch die New Cambridge School einen neuen Anschub. So versuchten die Historiker John Pocock und Quentin Skinner Machiavelli nicht mehr von seinen „Tabubrüchen“ ausgehend als einen Kritiker despotischer Monarchien zu sehen. Stattdessen ordnen Sie ihn in eine ideengeschichtliche Betrachtung der Renaissance und einer ihrer geistigen Strömungen ein, für die Hans Baron den Begriff des „civic humanism“ geprägt hat. Dem entgegen steht eine Betrachtungsweise, die Versucht die inhaltlichen Spannungen, v.a. zwischen den Discorsi und dem Principe, zu überbrücken, indem sie beide als Analyse einer krisenhaft verstandenen Gegenwart interpretiert. Ausgangspunkt für diese Lesart sind die Betrachtungen Jacob Burckhartds über die Italienische Renaissance als Krisenepoche.

In der vorliegenden Arbeit möchte ich erörtern inwiefern diese starke Betonung der republikanischen Aspekte in Machiavellis Werken durch die Vertreter der New Cambridge School diesen gerecht wird. Dabei beziehe ich mich auf die Krisentheorie Jacob Burckhards und René Königs, der Machiavelli in diesem Lichte interpretiert und in seinem Denken den Spiegel politischer und persönlicher Krisen ausmacht. Davon ausgehend, möchte ich zeigen, dass die Frage nach dem politischen System für Machiavelli zwar von hoher Bedeutung ist, diese jedoch stets auf einer Methaebene, unter dem Gesichtspunkt von Stabilität bzw. Sicherheit der Verhältnisse verhandelt wird, und somit nicht von einer republikanischen Theorie im eigentlichen Sinne die Rede sein kann. Vielmehr konzipierte er eine Technik, die ein erfolgreiches Handeln in der Krise und letztlich eine Überwindung dieser ermöglichen soll. Um dies in einem dem Umfang der Arbeit angemessenen Rahmen zu bewerkstelligen, werde ich dabei exemplarisch vorgehen und mich in erster Linie auf Quentin Skinner sowie Machiavellis Principe und die Discorsi beziehen.

2. Machivellis Republikanismus bei Skinner

2.1. Machiavelli im Kontext des civic humanism

Skinner subsumiert in Berufung auf Hans Baron die politischen und philosophischen Debatten im Florenz der Renaissance unter einen allgemeinen Freiheitsdiskurs, der unter dem Eindruck äußerer politischer Bedrohungen der Republik entstanden sei.[2] Unter Freiheit wird dementsprechend die Abwesenheit von Fremdherrschaft und die Möglichkeit politischer Partizipation verstanden.[3] Baron unterscheidet verschiedene Entwicklungsstufen des Humanismus. Dessen Protagonisten haben noch im vierzehnten Jahrhundert ohne politische und regionale Selbstverortung gewirkt und standen oft der Kurie oder den italienischen Tyrannenstaaten nahe. Beginnend mit Boccaccio und Petrarca sei jedoch eine Entwicklung eingetreten, an deren Ende die florentinischen Denker des fünfzehnten Jahrhunderts sich affirmativ auf ihre Stadtrepublik bezogen, was daher als „civic humanism“ bezeichnet wird. Dabei prägten sie eine neue Ausrichtung des Geisteslebens, das nun aktive Beteiligung der Intellektuellen am politischen Leben und ein Eintreten für die republikanischen Freiheiten forderte.[4] Machiavelli wird so in einer Reihe gesehen mit humanistischen Denkern wie Guicciardini und Giannotti. Diese Einordnung findet Skinner u.a. in der Struktur des Principe bestätigt. Dessen zentraler Gegenstand, die neuerrichteten Fürstentümer, werde anhand der Größen von virtù und fortuna entfaltet. Virtù werde dabei wieder im Sinne einer antiken Bürgertugend, die Partizipation am Gemeinwesen fordere, verstanden. Ebenso sehe er fortuna als eine Kraft, die es nutzbar zu machen gelte.[5] Dies steht in strengen Kontrast zum mittelalterlichen Denken, etwa dem des Boetius, der die Kraft der fortuna als den Inbegriff der Kontingenz der diesseitigen Welt sieht, die nicht beeinflussbar sei, sondern auf die Bedeutung der transzendenten Sphäre verweise. Diese neoklassische Haltung, als eine Hinwendung zum Diesseitigen teile Machiavelli also mit seinen humanistischen Zeitgenossen.[6]

Grundlage für dessen Einbeziehung in den genannten Freiheitsdiskurs ist für Skinner eine strikte Trennung zwischen dem Principe und den Discorsi. Da ersterer sich explizit an Fürsten im Allgemeinen und Lorenzo de Medici im speziellen richtet und sich der Autor von diesem auch die Befreiung und Einigung Italiens erhofft sieht Skinner dieses Werk ganz im Lichte Machiavellis Versuch, in den Dienst der Medici genommen zu werden. Die Discorsi dagegen seien entstanden, als absehbar war, dass das neue florentiner Regime keine Verwendung mehr für ihn haben werde, was die republikanischen, freiheitlichen Tendenzen in diesem Werk erkläre, während der Principe die Sicherheit der Fürstenherrschaft zum Thema habe.[7] Da die auch in den Discorsi vorhandenen Bezüge auf die Monarchie durchweg kritisch seien, sieht Skinner Machiavelli als eindeutigen Parteigänger der Republik an. Die zentrale Frage, die in den Discorsi erörtert wird, sei dann auch lediglich die nach der richtigen Ausgestaltung der Republik, sowie deren außenpolitischem Handeln.[8]

2.2. Governo Largo und Volkssouveränität

Bei dieser Ausgestaltung der Republik stellt Machiavelli in den Discorsi im Wesentlichen eine aristokratische und eine demokratische Variante einander gegenüber, wobei erstere anhand von Venedig und Sparta veranschaulicht wird, letztere anhand des antiken Rom.[9] Die Tatsache, dass Machiavelli hier für das Modell der Tiberstadt im Sinne eines governo largo, also einer Machtkonzentration beim Populus, plädiert, verleitet Skinner dazu, die republikanischen Aspekte in den Anfangskapiteln der Discorsi überzustrapazieren, was unter anderem in folgender Passage deutlich wird:

»He [Machiavelli] thinks that if you merely wish „to maintain the status quo“, then there may be something to be said for the suggestion (…) that the care of the Republic should be entrusted to the nobility. But he insists, that if “you have in mind a Republic that looks to founding an Empire”, then the people as a whole must be made guardians of liberty. (…) He points out with admiration to the example “of the Roman populace which (…) was never servilely obsequious, nor did it ever dominate with arrogance”. And he concludes on an uncharacteristically elevated note by insisting that “not without good reason is the voice of the populace likened to that of God”« [10]

Die hier von Skinner angeführten Zitate Machiavellis zu einer Republik mit Machtkonzentration auf dem Populus sind den Kapiteln 5, 6, 7 und 58 des ersten Buches der Discorsi entnommen und wirken in dieser dekontextualisierten Aufzählung programmatischer, als im analytisch gehaltenen Originaltext. Diese Wirkung verstärkt Skinner durch die nicht weiter belegte Mutmaßung, Giannotti könne in seinem Dialogi de Republica Venetorum von Machiavelli beeinflusst worden sein. Wenn dem Florentiner anschließend noch die Apologeten eines aristokratischen Republikverständnisses gegenübergestellt werden, erscheint dieser durch das bloße Arrangement des Textes als Avantgardist eines demokratischen Republikanismus.[11]

Einen weiteren Ansatz die Discorsi in diesem Sinne zu interpretieren, findet Skinner in dem für Machiavelli zentralen Punkt der militärischen Organisation der Republik bzw. des Fürstentums. Dabei wird der Florentiner erneut in eine Reihe mit Guicardini und Giannotti gestellt, indem ihre gemeinsame Verdammung des Söldnerwesens unterstrichen wird, das sie für das Versagen der italienischen Staaten während der italienischen Kriege verantwortlich machen.[12] Dem stellt Machiavelli das Konzept einer Bürgermiliz gegenüber, die für die unabhängige Selbstverteidigung jedes Staates Sorge tragen soll. Von welcher Relevanz dieser Aspekt für ihn ist wird schon daraus ersichtlich, dass es sowohl in den Discorsi und im Principe, als auch in der militärischen Abhandlung der Arte della Guerra behandelt wird. In den Kapiteln 16 bis 20 des zweiten Buches der Discorsi widmet er sich ausführlich dem Heereswesen, wobei er stets die Bedeutung eigener Truppen und die Gefahren, die von Hilfstruppen bzw. Söldnern ausgehen unterstreicht.[13] Diese seien nicht in der Lage die Freiheit eines Staates zu verteidigen, was nur von den eigenen Bürgern gewährleistet werden könne, wofür erneut das Beispiel des antiken Roms bemüht wird.[14] Da die Selbstverteidigung verknüpft werde mit der Selbstregierung, veranlasst dies Skinner hier einen Protagonisten der Volksouveränität zu identifizieren. Dieser steche aus seinen Zeit- und Gesinnungsgenossen hervor, da er in seinen Forderungen radikaler sei als diese, vor allem aber weil er versucht hatte, seine Theorie in die Praxis umzusetzen in dem er während seines Engagements für die Republik Florenz unter Soderini eine solche Bürgermiliz gründete.[15]

Die hier behandelten Aspekte zielen auf eine Machtkonzentration beim Populus ab und lassen sich daher vordergründig als Vorgriff auf Volkssouveränität und eine demokratische Konzeption des Staates interpretieren. Diese Betrachtung erscheint jedoch retrospektiv, zumal die entscheidenden Passagen weder historisch noch textlich verortet werden.

2.3. Kritik der Monarchie

Wie in Kapitel 2.3. erwähnt wurde, verteidigt Skinner seine Interpretation der Discorsi gegen Kritiker, welche das Werk in engerem Zusammenhang mit dem Principe sehen - da sich Machiavelli auch in Ersterem mit monarchischen Regierungsformen beschäftige - mit der spezifischen Darstellung der Monarchien in den Discorsi:

»But his general attitude in the Discourses towards any form of monarchical government is one of marked hostility. He observes that “there are and have been any number of princes, but of good and wise ones there have been but few.”« [16]

Diese Haltung findet Skinner v.a. in der negativen Darstellung Julius Caesars bestätigt. Denn dieser avanciert bei Machiavelli zum Archetypen eines Tyrannen. Ihm wird nicht nur die Zerstörung der republikanischen Freiheiten Roms sowie die auf Eigennutz ausgelegte Täuschung seiner Mitbürger vorgeworfen, sondern auch sämtliche Verheerungen unter den nachfolgenden Kaisern, sodass Machiavelli schließlich zu dem Urteil kommt, dieser sei noch verabscheuungswürdiger als Catilina, „weil jemand, der Unrecht getan hat mehr Tadel verdient als einer, der Unrecht tun wollte.“[17] Dem sieht Skinner die positive Bezugnahme auf Figuren der römischen Republik, gegenübergestellt, wobei v.a. der Caesarmörder Marcus Iunius Brutus besondere Würdigung erfährt.[18] So richtig diese Feststellungen über das hier von Skinner herangezogene zehnte Kapitel des ersten Buches der Discorsi sind, so konsequent übergeht er dabei die Bezugnahmen auf das imperiale Rom nach Caesar. Bereits in der Einleitung des Kapitels zeichnet sich eine andere Beurteilung der Geschichte ab, als Skinners Interpretation dies suggeriert, wenn Machiavelli schreibt:

»Wenn die Männer, die als Bürger in einem Staat leben oder sich durch Glück und Verdienst zu seinem Herrscher emporschwingen, die Geschichte läsen und sich die Lehren der Vergangenheit zunutze machten – müßten sie dann nicht als Bürger wünschen lieber ein Scipio als ein Cäsar zu sein, und als Fürst, lieber ein Agesilaos, Timoleon und Dion als ein Nabis, Phalaris und Dionys zu werden!« [19]

Wie hier Bürger einer Republik und Fürsten von Königreichen gleichermaßen als nachahmungswert angeführt werden, verweist darauf, dass die Bruchlinie für Machiavelli nicht zwischen Republik und Monarchie verläuft. Vielmehr legt seine positive Beurteilung der Caesaren von Nerva bis Marc Aurel im späteren Verlauf des Kapitels nahe, dass er den Gegensatz zwischen stabiler, gesetzlicher Herrschaft und instabilen und ungesetzlichen Zuständen betont. Denn diese Kaiser werden in Abgrenzung zu den chaotischen Verhältnissen unter den vorangegangenen „Soldatenkaiser“ genannt und auch das Amt des Diktators wird, obwohl es eine quasi monarchische Machtfülle beinhaltete als legitim erachtet, da es innerhalb eines gesetzlichen Rahmens stand.[20]

Indem Skinner das Denken Machiavellis in eine Reihe stellt mit dessen humanistischen Zeitgenossen und dabei v.a. dessen Abweichungen in konkreten politischen Fragen beleuchtet, erscheint der Florentiner als der radikalere Vertreter dessen, was in der New Cambridge School als civic humanism firmiert.[21] Die Aussagen zur konkreten Ausgestaltung der Republik im Sinne eines governo largo, sowie die positiven Bezüge zum Populus in den Discorsi, bestätigen für Skinner diese Interpretation und lassen Machiavelli so als überzeugten Anhänger von Republik und Volkssouveränität erscheinen, der den Principe in erster Linie aus persönlichen, opportunistischen Interessen verfasst habe.

3. Die Krise der Renaissance

Entgegen der populären Deutung der italienischen Renaissance als geistigen Aufbruch im Zeichen der Emanzipation des Individuums, beschrieb der Historiker Jacob Burckhard diese Epoche zwar auch als eine durch Individualismus geprägte; Grundlage hierfür seien jedoch tiefgreifende Krisenerfahrungen. So kam es ab dem 14. Jahrhundert zu einer politischen und ideologischen Aushöhlung der obersten geistigen und feudalen Ordnungsinstanzen, Kaisertum und Papsttum. Ersteres konnte in Italien kaum noch eine eigenständige Politik betreiben und trat nur noch in Erscheinung, indem es die faktischen Machtverhältnisse gegen Geld legitimierte. Burckhard spricht daher beim Romzug Kaiser Karls IV. 1354 von einem „Messhändler, der Privilegien veräußernd von einer Stadt in die nächste zieht.“[22] Bei der italienischen Intervention Kaiser Maximilans I. sieht Burkhard bereits keinen Unterschied mehr zum imperialen Ausgreifen Spaniens und Frankreichs. War das Kaisertum in Dantes de Monarchia noch Teil politischer Hoffnungen, ist es Machiavelli kaum noch eine Erwähnung wert. Ebenso hatten das Papsttum an Glaubwürdigkeit eingebüßt, erschien es doch durch das avignonesische Exil, das große Schisma von 1378 bis 1417, sowie die aggressive Italienpolitik allzu sehr in diesseitige Machtkämpfe verwickelt. Bei Machiavelli werden die kirchlichen Herrschaften denn auch nur mit Spott bedacht und die Religion im Allgemeinen nur noch unter dem Aspekt der Herrschaftssicherung betrachtet.[23] Der Verfall dieser Instanzen, die zentral waren für das heilsgeschichtlich ausgerichtete politische Denken des Mittelalters, führte nach Burckhard zu einem Legitimitätsverlust der dynastischen Feudalherrschaften. In diesem Vakuum breiteten sich nun neue Herrscherfiguren aus, die ihre Herrschaft nichtmehr glaubhaft im traditionellen Sinne legitimieren konnten. Als schillerndstes Beispiel dieser Tyrannis gilt ihm Francesco I. Sforza, der vom Söldnerführer zum Herzog von Mailand aufstieg. Auch auf der Ebene der Stadtrepubliken spiegelte sich dieser Verfall wieder. So waren die alten Parteiungen der Ghibellinen und der Guelfen, die bisher einen Großteil der kommunalen, bzw. republikanischen Selbstregierung getragen hatten zu bloßen Erfüllungsgehilfen spanischer oder französischer Interessen geworden.[24] Diese geistige Krise der politischen Sphäre sieht Burckhard versinnbildlicht in der Sakralisierung und Mythologisierung des Tyrannenmords, der sich nun gegen die beschriebenen „Herrscher neuen Typs“ richtend, unter Anrufung von Heilligen, häufig während der Messe stattfand und sich dabei auf antike Vorbilder bezog.[25] Diese moralische und politische Erosion eröffnete nach Burckhard jedoch auch neue Perspektiven:

»(…) aber wo diese Richtungen überwunden oder irgendwie aufgewogen werden, da tritt ein neues Lebendiges in die Geschichte: der Staat als berechnete, bewusste Schöpfung, als Kunstwerk. In den Stadtrepubliken wie in den Tyrannenstaaten prägt sich dieses Leben hundertfaltig aus und bestimmt ihre innere Gestalt sowohl als ihre Politik nach außen.« [26]

Da die politische Ordnung nun faktisch nicht mehr auf den feudalen Garantien beruhte, sondern sich freier gestaltete, folgte sie auch eigenen Gesetzmäßigkeiten. Diese wurden jedoch nach Burckhard nicht als ein Zugewinn an Freiheit empfunden, sondern v.a. im Kontext der italienischen Kriege als ein unkontrollierbarer, chaotischer Verfall.[27]

Im Folgenden soll gezeigt werden, dass es Machiavellis Hauptanliegen ist die Dynamik und Gesetzmäßigkeit dieser neuen politischen Verhältnisse darzustellen, um aus der unmittelbaren Krisenerfahrung so etwas wie Handlungsspielraum und letztlich eine Überwindung der Krise oder zumindest ein erfolgreiches Manövrieren in derselben zu erreichen.

4. Machiavelli als Autor der Krise

4.1. Virtù und Fortuna als Kontingenzerfahrung

Die Krise seiner Zeit erlebte Machiavelli unmittelbar durch seine diplomatische Tätigkeit im Dienste der Republik Florenz, wobei die ständig wechselnden Bündnisse und die Verheerungen im Zuge der italienischen Kriege das destruktive Potential einer kontingenten Welt aufzeigten. Dies erfuhr der Florentiner am eigenen Leib, als er im Zuge der erneuten Machtübernahme der Medici in Florenz inhaftiert, gefoltert und letztlich verbannt wurde.[28] Diese Erfahrung von Verlust und Unbeständigkeit findet sich denn auch in seinem Geschichtsbild wieder, das entlang der Achsen von virtù und fortuna entfaltet wird. Oliver Hidalgo vertritt gar die These, dass sich Machiavellis gesamtes Denken anhand dieses Koordinatensystems erklären lässt.[29] Fortuna bezeichnet bei ihm sowohl das Schicksal als auch den Zufall, also den Inbegriff der der Kontingenz.[30] Diese wird als destruktiv verstanden, gibt jedoch den Menschen überhaupt erst die Voraussetzungen zum Handeln bzw. die nötigen Gelegenheiten die es zu ergreifen gilt und hat damit in der virtù ihren Wiederpart.[31] Unter virtù versteht Machiavelli nicht einfach Tugend oder Tüchtigkeit, im Sinne einer persönlichen Eigenschaft, sondern eine überzeitliche Größe, die ganzen Völkern innewohne. Der Soziologe René König spricht in diesem Zusammenhang von einem „Dynamismus“, der es den Völkern bzw. Staaten erlaubt Größe zu erlangen.[32] Dabei spannt Machiavelli einen historischen Bogen, von dem aus er die Gegenwart deutet:

»So wissen wir aus der Geschichte, daß die alten Reiche durch den Wechsel der Sitten bald stiegen bald sanken, die Welt aber blieb die gleiche, nur mit dem Unterschied, dass die Kraft [virtù], die zuerst in Assyrien blühte, nachher nach Medien und Persien verpflanzt wurde, bis sie endlich nach Italien und Rom kam. Wenn auf das römische Reich kein Reich von langer Dauer mehr folgte, in dem die Welt ihre ganze Kraft vereint hätte, so zeigt diese sich doch unter verschiedene tüchtige [virtuosamente] Völker verstreut.« [33]

[...]


[1] Vgl. MÜNKLER, Herfried, Machiavelli, der erste Politiker, URL: [http://www.hoheluft-magazin.de/wp-content/uploads/2013/12/HOHE-LUFT_0112_Machiavelli.pdf], (12.9.2016).

[2] Vgl. BARON, Hans, The Crisis of the Early Italian Renaissance, Bd. 1, S.376 ff.

[3] Vgl. SKINNER, Quentin, The foundation of modern political thought, S.69 ff.; MACHIAVELLI, Niccolo, Discorsi, I, 16.

[4] Vgl. BARON, S. 4 ff.

[5] Vgl. BIELSKIS, Andrius, Virtue and politics: an aristotelian reading of Niccolo Machiavelli, S.10 ff.

[6] Vgl. SKINNER, Machiavelli, S.23 ff.

[7] Vgl. SKINNER, foundations, S. 156.

[8] Vgl. Ebd, S.159.

[9] Vgl. DISCORSI, I, 5.

[10] SKINNER, foundations, S.160.

[11] Ebd. S.163 ff.

[12] Vgl. Ebd. S.163 f.

[13] Vgl. MACHIAVELLI, Discorsi, I, 21, II, 18, 20; Principe, 12, 13, 14.

[14] Vgl. Ebd. II, 16-20.

[15] Vgl. SKINNER, foundations, S.173 f.

[16] Ebd. S. 159.

[17] MACHIAVELLI, Discorsi, I, 10.

[18] Vgl. Ebd. I, 10, 27, 29.

[19] Ebd. I, 10.

[20] Vgl. Ebd. I, 34.

[21] Vgl. POCOCK, John, The Machiavellian moment, S.83 f.

[22] BURCKHARDT, Jacob, Die Kultur der Renaissance in Italien, S.12 ff.

[23] Vgl. MACHIAVELLI, Principe, 11; Discorsi, I, 14.

[24] Vgl. BURCKHARDT, S.17 ff.

[25] Vgl. Ebd. S. 43.

[26] BURCKHARD, S.29.

[27] Vgl. Ebd. S.34 ff.

[28] Vgl. PREZZOLINI, Giuseppe, Das Leben Niccolo Machiavellis, S.104 ff.

[29] Vgl. HIDALGO, Oliver, Zyniker der Macht oder Begründer der modernen Selbstbestimmung, S.86 f.

[30] Zum Problem von Kontingenz und Determination bei Machiavelli Vgl. NEWELL, Robert, How original is Machiavelli: A Consideration of Skinner's Interpretation of Virtue and Fortune, in: Political Theory, Bd. 15, No., S. 612-634.

[31] JANOSKA-BENDLE, Judith, Niccolo Machiavelli: Politik ohne Ideologie, S.10.

[32] KÖNIG, René, Niccolo Machiavelli, Zur Krisenanalyse einer Zeitenwende, S.252.

[33] MACHIAVELLI, Discorsi, II, Vorrede.

Ende der Leseprobe aus 18 Seiten

Details

Titel
Niccolo Machiavelli. Republikanischer Theoretiker oder Analyst der Krise?
Hochschule
Ruprecht-Karls-Universität Heidelberg  (Philosophisches Seminar)
Veranstaltung
Die Philosophie der Renaissance
Note
1,0
Autor
Jahr
2016
Seiten
18
Katalognummer
V357232
ISBN (eBook)
9783668425927
ISBN (Buch)
9783668425934
Dateigröße
583 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
Machiavelli, Renaissance, Krise, Republik, Monarchie, Staatstheorie, Ideengeschichte, politische Philosophie
Arbeit zitieren
Johannes Konrad (Autor), 2016, Niccolo Machiavelli. Republikanischer Theoretiker oder Analyst der Krise?, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/357232

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