Im Rahmen dieser Arbeit wird zunächst das Modell des Homo Oeconomicus vorgestellt und näher beleuchtet. Hierbei wird dargelegt, welches Menschenbild diesem zugrunde liegt. Bereits in der Einleitung wurde erwähnt, dass der Homo Oeconomicus eigenständig und rational handelt. Doch was versteht man genau darunter? Da das Modell des Homo Oeconomicus bereits seit seiner Einführung (nicht nur aus Bereichen außerhalb der Wirtschaftswissenschaften) heftiger Kritik unterworfen ist, gilt es zunächst die wesentlichen Kritikpunkte herauszustellen und zu erklären. In diesem Zusammenhang stellen sich auch die folgenden Fragen: Handelt der Homo Oeconomicus wirklich vollständig rational und eigenständig? Liegt dem Konzept ein realistisches Menschenbild zugrunde oder handelt es sich vielmehr um eine Heuristik, ein Erklärungskonzept?
Mit dem Homo Oeconomicus als rational und eigenständig entscheidendes und handelndes Individuum haben die Wirtschaftswissenschaften einen Ansatz zur Erklärung individuellen Verhaltens hervorgebracht, der über die Wirtschaftswissenschaften hinaus, auch Einklang in „benachbarte“ Wissenschaften wie der Soziologie, Psychologie, aber auch der Politologie und der Rechtswissenschaft gefunden hat.
Über die Erklärung individuellen Handelns hinaus lassen sich aus diesem Konzept auch Aussagen über soziale Sachverhalte auf Basis aggregierter, individueller Entscheidungen und Handlungen ableiten.
Inhaltsverzeichnis
1. Das Menschenbild des Homo oeconomicus – Kritik und Alternativen
1.1. Einleitung
1.2. Zielsetzung
1.3. Aufbau der Arbeit
2. Der Homo Oeconomicus
2.1. Ursprung des Konzepts und seine Wirkung
2.2. Die Annahmen des ökonomischen Verhaltensmodells
2.3. Eigenständigkeit der Entscheidung:
2.4. Zum Begriff der Rationalität
2.4.1. Vollständige Rationalität
2.4.2. Begrenzte Rationalität
3. Der Homo Oeconomicus als Erklärungsmodell
3.1. „Heuristische Fiktion“ oder reales Menschenbild
3.2. Abstraktion von der Gesamtheit
3.3. Restriktive Annahmen
4. Das Modell des Homo Oeconomicus in der Kritik
5. Erweiterungen des Konzepts des Homo Oeconomicus
6. Ausblick
Zielsetzung & Themen
Die vorliegende Arbeit untersucht das Modell des Homo Oeconomicus kritisch hinsichtlich seines Menschenbildes, seiner theoretischen Annahmen sowie seiner Reichweite als Erklärungsmodell in den Wirtschafts- und Sozialwissenschaften. Dabei wird der Frage nachgegangen, inwiefern das Modell trotz seiner restriktiven Prämissen Gültigkeit beanspruchen kann und welche alternativen oder erweiterten Konzepte zur Analyse menschlichen Verhaltens existieren.
- Analyse der theoretischen Grundlagen und Rationalitätskriterien des Homo Oeconomicus.
- Untersuchung des Modells als "heuristische Fiktion" versus reales Abbild.
- Kritische Würdigung der vollständigen versus begrenzten Rationalität.
- Gegenüberstellung und Vergleich mit alternativen Konzepten (z.B. Homo Sociologicus, Homo Reciprocans).
- Diskussion der Erklärungsstärke des Modells für kollektives Verhalten.
Auszug aus dem Buch
2.4.2. Begrenzte Rationalität
Der Großteil der Kritik und des Widerspruchs bezieht sich nicht auf das Verhaltensmodell selbst, als vielmehr auf die vollständige Rationalitätsannahme. Diese Annahme entspricht auch nicht (mehr) der modernen Interpretation des ökonomischen Verhaltensmodells. Sie ist unrealistisch und empirisch widerlegt.
Der Mensch ist nach Simon „intendedly rational, but only limited so“. Um ebendiese Diskrepanz zwischen ökonomischen Modellen und dem tatsächlichen Verhalten von Individuen abzubauen, wurden neue Modelle entwickelt, die den beschränkten Möglichkeiten Rechnung tragen sollen. Sargent spricht von „…a theory with behavioral foundations by eliminating the asymmetry that rational expectations build in between the agents in the model and the econometrician who is estimating it. We can interpret the idea of bounded rationality broadly as a research program to build models populated by agents who behave like working economists or econometricians.”
Zusammenfassung der Kapitel
1. Das Menschenbild des Homo oeconomicus – Kritik und Alternativen: Einleitung in die Thematik, Definition des Zieles der Arbeit und Darstellung des Aufbaus der Untersuchung.
2. Der Homo Oeconomicus: Herleitung des Ursprungs, der zugrunde liegenden Annahmen, der Eigenständigkeit von Entscheidungen sowie der Differenzierung zwischen vollständiger und begrenzter Rationalität.
3. Der Homo Oeconomicus als Erklärungsmodell: Untersuchung des Modells als heuristisches Konstrukt, das durch Abstraktion von der Gesamtheit sowie durch restriktive Annahmen zu einer theoretischen Reduktion von Komplexität führt.
4. Das Modell des Homo Oeconomicus in der Kritik: Auseinandersetzung mit der Kritik aus benachbarten Sozialwissenschaften, die insbesondere die rigiden Verhaltensannahmen und die Anwendbarkeit auf nicht-ökonomische Entscheidungssituationen betreffen.
5. Erweiterungen des Konzepts des Homo Oeconomicus: Vorstellung weiterentwickelter Konzepte wie dem Homo Reciprocans, Homo Sociologicus und dem Homo Sociooeconomicus zur Steigerung der Realitätsnähe.
6. Ausblick: Zusammenfassende Einschätzung der künftigen Bedeutung des Modells, des Verhältnisses zu soziologischen Ansätzen und der Rolle der Neuroökonomie.
Schlüsselwörter
Homo Oeconomicus, Rationalität, Begrenzte Rationalität, Eigennutzaxiom, Nutzenmaximierung, Homo Sociologicus, Homo Reciprocans, Verhaltensökonomie, Mikrofundierung, Erklärungsmodell, Sozialwissenschaften, Institutionenökonomik, Präferenzen, Restriktionen, Entscheidungstheorie.
Häufig gestellte Fragen
Was ist das grundlegende Thema der Arbeit?
Die Arbeit befasst sich mit dem ökonomischen Verhaltensmodell des Homo Oeconomicus, hinterfragt dessen anthropologische Grundlagen und untersucht sowohl dessen wissenschaftliche Kritik als auch moderne Alternativen und Erweiterungen.
Welche zentralen Themenfelder werden bearbeitet?
Zentrale Felder sind die Rationalität von Entscheidungen, die Abgrenzung zwischen individuellen Präferenzen und Restriktionen, sowie die Anwendbarkeit des Modells auf aggregiertes kollektives Verhalten.
Was ist das primäre Ziel der Arbeit?
Das Ziel ist es, das Modell des Homo Oeconomicus, dessen rationales Menschenbild und dessen Kritikpunkte transparent darzustellen und in den Kontext neuerer, realistischerer Ansätze zu setzen.
Welche wissenschaftliche Methode wird verwendet?
Es handelt sich um eine theoretische Literaturanalyse, die wesentliche Beiträge der klassischen und modernen ökonomischen Theorie sowie soziologische Gegenentwürfe systematisch vergleicht.
Was wird im Hauptteil der Arbeit behandelt?
Der Hauptteil gliedert sich in die Vorstellung des klassischen Modells, die Analyse der Rationalitätsbegriffe, die Kritik an der mangelnden Realitätsnähe der Annahmen und die Diskussion von Erweiterungen wie dem Homo Reciprocans.
Welche Schlüsselwörter charakterisieren die Arbeit?
Neben dem Homo Oeconomicus stehen Begriffe wie begrenzte Rationalität, Eigennutz, methodologischer Individualismus und verschiedene "Homo"-Konstrukte im Zentrum.
Wie unterscheidet sich "vollständige" von "begrenzter" Rationalität laut Arbeit?
Vollständige Rationalität unterstellt unbegrenzte Informationsverarbeitung und optimale Wahlmöglichkeiten, während begrenzte Rationalität anerkennt, dass menschliche Akteure aufgrund begrenzter kognitiver Ressourcen eher nach akzeptablen statt optimalen Lösungen suchen ("Satisficing").
Welche Rolle spielen Normen und Regeln im Modell?
Normen und Regeln fungieren als Restriktionen, die das Handlungsfeld einschränken; ihre Verletzung kann psychische Kosten verursachen und damit die Entscheidung beeinflussen, was im modernen Verständnis des Homo Oeconomicus zunehmend berücksichtigt wird.
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- Holger Schmid (Author), 2016, Das Menschenbild des Homo oeconomicus. Kritik und Alternativen, Munich, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/357337