An Clemens Brentanos „Geschichte vom braven Kasperl und dem schönen Annerl“ lädt besonders das Motiv der Ehre, das sich durch die ganze Erzählung zieht, zur Untersuchung ein. Heute definiert man die Ehre folgendermaßen: „Ehre, in einem grundsätzlichen Sinn die dem Menschen zustehende Achtung; im gesellschaftsbezogenen Rahmen die Wertschätzung der eigenen Person (die zur Einhaltung gesellschaftlicher Normen und Konventionen verpflichtet).“ In der Erzählung Brentanos jedoch muss differenziert werden, da der Ehrbegriff dort in verschiedenen Aspekten eine Rolle spielt. Kasperl ist ein Beispiel für einen vom militärischen Ehrbegriff geleiteten Soldaten. Dieser Ehrbegriff ist einseitig und unbiegsam, starr und lässt keine Freiheit, kein Wagnis und keine Möglichkeit zur Verantwortung zu, vielmehr wird er identifiziert mit dem Begriff bloßer Pflichterfüllung und militärischen Gehorsams. Kasperl beharrt auf seiner Ehre, die er letztendlich höher als sein Leben achtet.
Auch Annerl, seine Verlobte, ersucht Steigerung ihres Ansehens. Sie stirbt, weil sie auch in der Stunde der Verlassenheit noch den Schein wahren will. Lieber geht sie in den Tod, als dass sie den Namen des Vaters ihres Kindes preisgibt, lieber gibt sie sich selbst auf, als dass sie ihren Stolz und ihre Ehre verliert. Sie verkörpert den bürgerlichen Ehrbegriff, ist eine von der Schönheit irregeführte, die sich in die große Welt verdingt. Bei der Großmutter dagegen stellt sich die Frage, ob sie für sich überhaupt einen Ehrbegriff hat. Sicherlich könnte man anmerken, sie repräsentiere den religiösen Ehrbegriff, doch ist nicht geklärt, ob es religiöse Ehre tatsächlich gibt. Ist nicht vielmehr der Ehrbegriff eine Erfindung der Moderne? Spiegelt er nicht vor allem die Zerrissenheit der Existenz wider, die sich behaupten muss und an Begriffen wie dem der Ehre festhält? Wichtig ist der Großmutter die weltliche Ehre nicht, fordert sie doch wiederholt: „Gib Gott allein die Ehre!“ In ihrem Glauben ist das oberste Prinzip Gott, sie gewinnt aus ihrer Haltung ihm gegenüber selbst wiederum Ehre.
Prüft man diese verschiedenen Standpunkte, unter denen die Ehre betrachtet werden kann, so kristallisiert sich bald die Vermutung heraus, dass sich in der Figur des Kasperls und der der Großmutter zwei prinzipiell gegensätzliche Charaktere zeigen – doch auch zwischen der Großmutter und dem Ich-Erzähler der Geschichte, dem Dichter, zeigen sich Kontraste. Diese These zu untersuchen, wird Gegenstand dieser Arbeit sein.
Inhaltsverzeichnis
1. Der Ehrbegriff in dreierlei spezifischen Ausprägungen
2. 1. Religiösität gegen militärisches Ehrverständnis – mehr als ein Generationskonflikt
2. 2. Aktive Handlungsbereitschaft trifft auf Gottvertrauen – der Ich-Erzähler und die Großmutter
3. Zur Quellenfrage und zu Brentanos Biographie
Zielsetzung und thematische Schwerpunkte
Die vorliegende Arbeit untersucht das Handeln und Denken zentraler Figuren in Clemens Brentanos „Geschichte vom braven Kasperl und dem schönen Annerl“ unter besonderer Berücksichtigung der unterschiedlichen Ausprägungen des Ehrbegriffs und der damit verbundenen lebensweltlichen Konsequenzen.
- Differenzierung des Ehrbegriffs in eine militärische, bürgerliche und religiöse Sphäre.
- Analyse der gegensätzlichen Haltungen von Kasperl, Annerl, der Großmutter und dem Ich-Erzähler.
- Untersuchung der Rolle des Gottvertrauens versus der aktiven Handlungsbereitschaft in Krisensituationen.
- Reflektion über das Zeitverständnis und die metaphysische Dimension des Todes in der Erzählung.
- Biographische Kontextualisierung und Einordnung der Erzählung in Brentanos religiöse Wandlung.
Auszug aus dem Buch
2. 1. Religiösität vs. militärisches Ehrverständnis – mehr als ein Generationskonflikt
Zwischen der Großmutter und ihrem Enkel Kasperl spannen sich in vielerlei Hinsicht Gegensätze auf. Zunächst ist hier sicherlich zu sehen, daß die beiden jeweils einer völlig anderen Generation – und auch anderen Schicht, was hier jedoch vernachlässigt werden kann - angehören. Die „uralte Großmutter gehört mit ihren 88 Jahren ganz in das vergangene Jahrhundert“. Grundlage ihres Lebens bildet ihr unerschütterlicher Glaube an einen höchsten Wert, durch den sie trotz aller Schicksalsschläge nie ihre Übereinstimmung mit sich selbst verliert und der zur „geistigen und existentiellen Mitte ihres Daseins“ geworden ist – die Religion und ihr Gottvertrauen. Kasperl dagegen – ebenso wie Annerl - lebt nicht mehr aus dieser geistigen Mitte und hat, zumindest laut Pascal, die Menschlichkeit verlassen. Sie haben ebendiese Mitte durch „vergängliche, äußerliche, instabile Verhaltensmuster und Normen ersetzt“.
Zusammenfassung der Kapitel
1. Der Ehrbegriff in dreierlei spezifischen Ausprägungen: Einführung in die verschiedenen Auffassungen von Ehre, wobei besonders der militärische Ehrbegriff bei Kasperl und der bürgerliche bei Annerl kontrastiert werden.
2. 1. Religiösität gegen militärisches Ehrverständnis – mehr als ein Generationskonflikt: Gegenüberstellung der unerschütterlichen religiösen Mitte der Großmutter und der instabilen, auf äußere Normen fixierten Ehrvorstellung des Enkels Kasperl.
2. 2. Aktive Handlungsbereitschaft trifft auf Gottvertrauen – der Ich-Erzähler und die Großmutter: Untersuchung der Wandlung des Ich-Erzählers, der durch die Begegnung mit der Großmutter von einem passiven Beobachter zu einem zielgerichteten Akteur wird.
3. Zur Quellenfrage und zu Brentanos Biographie: Erörterung der Entstehungshintergründe sowie der autobiographischen Bezüge, insbesondere Brentanos Abwendung von der Poesie zugunsten des katholischen Glaubens.
Schlüsselwörter
Ehre, Clemens Brentano, Kasperl, Annerl, Großmutter, Ich-Erzähler, Religiösität, Gottvertrauen, militärischer Ehrbegriff, bürgerlicher Ehrbegriff, Identität, Zeitverständnis, Literaturwissenschaft, Kindsmord, Katholizismus.
Häufig gestellte Fragen
Worum geht es in der Arbeit grundlegend?
Die Arbeit analysiert die verschiedenen Konzepte von „Ehre“ und „Haltung“ in Brentanos Erzählung sowie deren Einfluss auf das Handeln der Protagonisten.
Was sind die zentralen Themenfelder?
Im Zentrum stehen die Kontraste zwischen religiöser Verankerung und militärisch-bürgerlichen Ehrvorstellungen sowie die Wandlung des Erzählers.
Was ist das primäre Ziel der Arbeit?
Das Ziel ist es, die moralischen und existentiellen Gegensätze der Figuren im Kontext ihrer jeweiligen Auffassung von Ehre kritisch zu untersuchen.
Welche Methode wird verwendet?
Es handelt sich um eine literaturwissenschaftliche Analyse, die den Text eng an der Primärquelle sowie unter Einbeziehung relevanter Sekundärliteratur interpretiert.
Was wird im Hauptteil behandelt?
Der Hauptteil gliedert sich in die Untersuchung der drei Ehr-Ausprägungen sowie die Gegenüberstellung von Großmutter, Kasperl und dem Ich-Erzähler.
Welche Schlüsselwörter charakterisieren die Arbeit?
Wichtige Begriffe sind Ehre, Gottvertrauen, Haltung, Identität, religiöse Einkehr und die spezifische Figurenkonstellation bei Brentano.
Inwieweit spielt die Biografie Brentanos eine Rolle?
Die Arbeit verknüpft die religiöse Umwandlung Brentanos (Konversion zum Katholizismus) direkt mit der inhaltlichen Ausrichtung der Erzählung.
Wie wird das Verhältnis von Großmutter und Erzähler bewertet?
Beide werden als funktionale Gegenpole analysiert, wobei der Erzähler im Verlauf der Geschichte wesentliche Züge der konsequenten Haltung der Großmutter übernimmt.
- Arbeit zitieren
- Sonja Filip (Autor:in), 2004, Handeln und Denken ausgewählter Figuren in Clemens Brentanos "Geschichte vom braven Kasperl und dem schönen Annerl" mit besonderem Schwerpunkt auf der Problematik der Ehre, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/35746