Der Weimarer Verfassung wird immer wieder ein enorm ausgeprägter Kompromisscharakter bescheinigt: Diese Verfassung sei ein unentschiedener, ja unausgegorener Mittelweg zwischen den Zielen und Interessen der gemäßigten Arbeiterbewegung einerseits und denen des (demokratischen) Bürgertums andererseits gewesen.
Die Arbeit soll nicht eine Analyse der Weimarer Reichsverfassung oder einzelner Bestandteile zum Ziel haben. Vielmehr soll untersucht werden, inwiefern sich unter den gegebenen Konstellationen jener vermeintliche Kompromisscharakter der Verfassung entwickeln konnte. Hierin soll auch die Frage enthalten sein, inwieweit die Ergebnisse - die endgültige Verfassungsform - den Anschauungen und Zielen der beteiligten Parteien entsprachen, bzw. warum dies eben gerade nicht der Fall war.
Hierfür erscheint es weder möglich, noch notwendig oder zweckmäßig, das gesamte Verfassungswerk auf diese Fragen hin zu untersuchen. Vielmehr sollen einerseits Abschnitte der Verfassung behandelt werden, die sich (in der Folgezeit) als historisch bedeutsam erwiesen - wie z.B. die Stellung des Reichspräsidenten - und anderseits naturgemäß solche, die in den Beratungen und Lesungen der Nationalversammlung und des Verfassungsausschusses besondere Kontroversen hervorriefen, eben diejenigen, in denen das Kompromisshafte in hohem Maße fassbar sein könnte. Da die Verfassungsarbeit der Nationalversammlung schlechterdings aus dem Nichts entsprungen ist, ist ein kurzer Blick auf das „Rüstzeug“, mit dem sich die Beteiligten auf den Weg nach Weimar machten, unerlässlich.
Inhaltsverzeichnis
1. Einleitung – Konzessionsverfassung trotz klarer Mehrheiten?
2. Die Verfassungsfrage vor der Nationalversammlung
2.1. Allgemeine Verfassungsdiskussion
2.2. Die Verfassungsfrage bei den Parteien
3. Die Verfassungsberatungen der Nationalversammlung und im Verfassungsausschuss
3.1. Die Reich-Länder-Frage
3.1.1. Reichseinheit
3.1.2. Reichsgesetzgebung
3.1.3. Gliedstaaten
3.2. Der Reichspräsident
3.3. Grundrechte und Grundpflichten
3.4. Verhältnis von Kirche und Staat, Religion und Schule
3.5. Frage der Sozialisierung
4. Fazit
Zielsetzung & Themen
Die vorliegende Arbeit untersucht den Entstehungsprozess der Weimarer Reichsverfassung unter besonderer Berücksichtigung der parteipolitischen Auseinandersetzungen. Dabei wird der Frage nachgegangen, inwiefern der oft konstatierte Kompromisscharakter der Verfassung ein direktes Resultat der unterschiedlichen Zielvorstellungen und der parteipolitischen Konstellationen innerhalb der Nationalversammlung und des Verfassungsausschusses war.
- Analyse der verfassungspolitischen Diskussionen vor und während der Nationalversammlung
- Untersuchung der parteispezifischen Verfassungskonzepte und ihrer Transformation im parlamentarischen Prozess
- Bewertung zentraler Konfliktfelder wie der Reich-Länder-Frage, der Machtfülle des Reichspräsidenten sowie der Grundrechte
- Herausarbeitung der Bedeutung von Kompromisslösungen in den Bereichen Kirche, Staat und Schule
- Diskussion über das Scheitern weitergehender Forderungen, insbesondere in der Sozialisierungsfrage
Auszug aus dem Buch
3.3. Grundrechte und Grundpflichten
Die Beratung der Grundrechte wich von der üblichen Vorgehensweise ab: Im März wurde die Beratung unterbrochen und der gesamte Komplex an einen Unterausschuss unter der Leitung Friedrich Naumanns überwiesen. Aus den nahezu nicht vorhandenen Anfängen bildete sich schließlich ein 57 Artikel schwerer Katalog, dessen Wachstum damit unvorhergesehene Ausmaße angenommen hatte. Die beträchtliche, im Weiteren als „Hypertrohie“ (Delbrück) oder „Krebsschaden“ (Koch) bezeichnete Ausdehnung des Abschnittes über die Grundrechte wirkte sich auf die Beratungen (insbesondere im Plenum) alles andere als positiv aus. Überdies überschattete bald in gravierendem Maße der Friedensschluss von Versailles die Beratungen zur Verfassung, die gesamte Rechte schwenkte auf einen Ablehnungskurs gegenüber dieser.
Was Friedrich Naumann - weit entfernt vom letzten Entwurf – zunächst am 31.3.1919 vorlegte, war der „Versuch volksverständlicher Grundrechte“. Dieser beinhaltete dabei eher moralisierende Programmsätze als klar umrissene Rechtsnormen. Aber Sätze wie „Volkserhaltung ist Staatszweck, Kinderzuwachs ist Nationalkraft“ oder „Wer nicht arbeiten will, der soll auch nicht essen“ sollten nicht reine Rechtsnormen zur Verbürgung einer staatsfreien Sphäre gegenüber dem Staat darstellen. Vielmehr ging es Naumann darum, beim Bürger Verständnis für das politische System und die Bereitschaft zum Dienst an diesem, eine Synthese von freiheitlichen Rechten und Pflichten im Sinne einer pflichtgebundenen Mitbestimmung am Staat zu fördern.
Zusammenfassung der Kapitel
1. Einleitung – Konzessionsverfassung trotz klarer Mehrheiten?: Die Einleitung beleuchtet den Entstehungskontext der Verfassung unter den schwierigen Bedingungen der Revolutionsjahre und skizziert das Forschungsziel der Arbeit.
2. Die Verfassungsfrage vor der Nationalversammlung: Dieses Kapitel behandelt die allgemeinen Verfassungsdiskussionen im Vorfeld des Zusammentretens der Nationalversammlung sowie die heterogenen Positionen der politischen Parteien.
3. Die Verfassungsberatungen der Nationalversammlung und im Verfassungsausschuss: Der Hauptteil analysiert detailliert die inhaltlichen Kontroversen und Kompromissfindungen in den zentralen Bereichen der Staatsorganisation, Grundrechte und Sozialordnung.
4. Fazit: Das Fazit fasst die Ergebnisse zusammen und bewertet die Rolle der Parteien im Verfassungsprozess sowie das Zustandekommen der Weimarer Verfassung als Kompromisswerk.
Schlüsselwörter
Weimarer Reichsverfassung, Nationalversammlung, Parlamentarismus, Hugo Preuß, Verfassungsausschuss, Weimarer Koalition, Grundrechte, Reich-Länder-Verhältnis, Reichspräsident, Sozialisierung, Friedrich Naumann, Parteienlandschaft, Verfassungsgeschichte, Demokratisierung, Kompromisscharakter.
Häufig gestellte Fragen
Worum geht es in dieser Arbeit grundsätzlich?
Die Arbeit befasst sich mit der Entstehung der Weimarer Reichsverfassung im Jahr 1919 und untersucht, wie die politischen Parteien durch ihre verschiedenen Interessen und Auseinandersetzungen den Charakter dieses Verfassungswerkes prägten.
Was sind die zentralen Themenfelder der Analyse?
Zentrale Themen sind die Reich-Länder-Frage, die Stellung des Reichspräsidenten, die Ausgestaltung der Grundrechte und Grundpflichten, das Verhältnis von Kirche, Staat und Schule sowie die Debatten um die Sozialisierung.
Was ist das primäre Ziel der Untersuchung?
Das Ziel ist zu verstehen, wie und warum sich der oft als unausgegoren oder kompromisshaft bezeichnete Charakter der Weimarer Verfassung entwickelte und ob dies den ursprünglichen Zielen der beteiligten politischen Kräfte entsprach.
Welche wissenschaftliche Methode wird verwendet?
Die Arbeit basiert auf einer fundierten historisch-politologischen Analyse von Primärquellen, insbesondere den Protokollen der Nationalversammlung und des Verfassungsausschusses, ergänzt durch relevante zeitgenössische und historische Fachliteratur.
Was wird im Hauptteil der Arbeit behandelt?
Der Hauptteil widmet sich der detaillierten Untersuchung der Beratungen im Verfassungsausschuss und Plenum, wobei die spezifischen Konfliktlinien in den genannten Themenfeldern wie der Länder-Frage oder den Grundrechtsdebatten im Fokus stehen.
Welche Schlüsselwörter charakterisieren die Arbeit?
Wichtige Schlagworte sind die Weimarer Reichsverfassung, die Nationalversammlung, der Kompromisscharakter, Hugo Preuß sowie die spezifischen Spannungsfelder zwischen den politischen Akteuren.
Welche Bedeutung kommt der "Grundrechtskrise" bei der zweiten Lesung zu?
Die Grundrechtskrise illustriert die tiefen ideologischen Gräben zwischen den Parteien; sie drohte das gesamte Verfassungsvorhaben zu gefährden, bis ein bürgerlicher Block schließlich eine Lösung herbeiführte.
Warum konnte die SPD ihre sozialistischen Zielvorstellungen kaum durchsetzen?
Die SPD agierte primär als staatstragende Kraft, die Kompromisse einging, um die Verfassung nicht zu gefährden, wobei sie zudem in einem gespannten Verhältnis zur USPD und den bürgerlichen Koalitionspartnern stand.
- Citar trabajo
- Lars Plantholt (Autor), 2004, Das Ringen der Weimarer Parteien um eine Verfassung, Múnich, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/35802