"Rush hour of life". Herausforderungen in der Vereinbarkeit von Familien- und Erwerbsarbeit


Bachelorarbeit, 2015

42 Seiten, Note: 13

Anonym


Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1. Einleitung
1.1 Motivation
1.2 Forschungsfragen und Vorgehensweise

2. Theoretische Grundlagen
2.1 Historische Betrachtung der Familien- und Erwerbsarbeit
2.2 Grundlegende Begrifflichkeiten
2.2.1 Rush-hour of life
2.2.2 Familie und Familienarbeit
2.2.3 Erwerbsarbeit und Berufstätigkeit
2.2.4 Work-Life Balance und Life-Domain Balance
2.2.5 Ausgewählte, bereits eingeführte, Leistungen zur Unterstützung von Familien

3. Darstellung der Problematik und Aufzeigen möglicher Gegenmaßnahmen
3.1 Ausweitung der finanziellen Mittel für junge Familien
3.2 Finanzieller Ausgleich bei gleichmäßiger Aufteilung der Erwerbsarbeit
3.3 Harmonisierung von Beruf und Familie
3.4 Neuverteilung der Geschlechterrollen sowie Vergabe der Haushaltsarbeiten an Dritte
3.5 Attraktive Anreize für die Familiengründung in der Ausbildung und dem Studium
3.6 Social Freezing

4. Diskussion

5. Schlussbetrachtung
5.1. Beantwortung der Forschungsfragen
5.2 Kritische Stellungnahme zur Vorgehensweise
5.3. Ausblick

6. Zusammenfassung

Literaturverzeichnis

Abbildungsverzeichnis

Abbildung 1: Transfer von Kompetenzen und positiven Stimmungen mit anschließender Kompensation

Abbildung 2: Berufswahl nach Geschlecht

Abbildung 3: Zentrale Problemlagen in der Vereinbarkeit von Ausbildung/Studium und der gleichzeitigen Elternschaft

Abkürzungsverzeichnis

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

1. Einleitung

1.1 Motivation

„Deutschland schrumpft sich arm und krank. Weniger Kinder als die Deutschen bekommt niemand in Europa“ (Siems, 2015). Dieser Artikel erscheint im April 2015 in der Zeitung „Die Welt“ und informiert über die sinkenden Geburtenzahlen seit den 1950er Jahren. Die Lebensverläufe von Männern und Frauen haben sich in den vergangenen Jahren gewandelt, was sowohl Auswirkungen im Privaten als auch in anderen Bereichen mit sich bringt. Die Familienstrukturen haben sich geändert, was zu einer Erschwernis für das Zustandekommen der Familie führen kann. Das traditionelle Bild der Hausfrau, die sich schon früh in ihrem Leben um den Haushalt und die Kinder kümmert, ist abgelöst worden von einer sehr gut und entsprechend lange ausgebildeten, beruflich engagierten Frau, die immer weniger Zeit findet, neben dem Beruf auch noch das Privatleben sowie den umfangreichen Haushalt zu organisieren und zu erledigen (vgl. Lothaller, 2009, S. 52). In der Gesellschaft wird die alltägliche, arbeits- und zeitintensive Hausarbeit wenig wertgeschätzt sowie unterstützt und wird nach wie vor ausschließlich der Familie überlassen. Selbst innerhalb der Familie werden die Haus- und Familienarbeit nicht gerecht aufgeteilt, sondern werden zu einem überwiegenden Teil von den Frauen übernommen (vgl. Gestrich, 2013, S. 97 ff.). Durch diese zeitlichen und räumlichen Veränderungen, ist es zunehmend schwerer Familie und Beruf zu vereinbaren. Zeit ist ein wichtiger Indikator für Zufriedenheit und gehört als eine wichtige Säule der Work-Life Balance bzw. der Life-Domain Balance (siehe Kapitel 2.2.4) auch zu einem fundamentalen Grund, sich für oder gegen Kinder zu entscheiden. Frauen, welche sich in der Ausbildung befinden, entscheiden sich häufig gegen Kinder, da sie beruflich nicht zurückfallen oder für einen Moment pausieren wollen. Viele ziehen es vor, erst in den Beruf einzusteigen, Fuß zu fassen um sich dann schließlich dem Thema Kinder zu widmen. Da die meisten Frauen dann bereits ein gewisses Alter erreicht haben und die Zeit der biologischen Fertilität begrenzt ist, lastet ein gewisser Druck auf ihnen. Sollte der Kinderwunsch noch rechtzeitig in Erfüllung gegangen sein, so kommt auf die Frauen eine anstrengende Phase zu, in der sie Aufgaben in Beruf, Familie und Haushalt erfüllen müssen. Diese Zeit, in der der berufliche Einstieg mit der gleichzeitigen Familiengründungsphase zusammenfällt, wird Rush-hour of life genannt (vgl. Blossfeld, 2011, S. 106 ff. und Lothaller, 2009, S. 52 ff.). Im weiteren Textverlauf, ab Kapitel 2 wird diese noch ausführlicher dargestellt. Es gibt verschiedene Sichtweisen, die erklären, warum sich Paare erst spät, gar nicht oder nur für wenige Kinder entscheiden. Hinzu kommen unterschiedliche Verbesserungs- und Unterstützungsvorschläge für eine bessere Vereinbarkeit von Familie und Beruf. Seitens der Politik wurden in den vergangenen Jahren bereits Konzepte entwickelt, welche die jungen Familien entlasten sollen, beispielsweise das Elterngeld sowie der Ausbau von Betreuungseinrichtungen. Allerdings bleibt der gewünschte Effekt aus. Noch immer sind die Geburtenraten auf einem konstant niedrigen Niveau (vgl. Siems, 2015). Das wissenschaftliche Interesse, die Rush-hour of life und die damit verbundenen Herausforderungen zu untersuchen besteht deshalb, weil dieses Themenfeld sehr weitreichend ist. Der überwiegende Teil der Gesellschaft ist davon betroffen, dass eine Vereinbarkeit von Familie aktuell schwer umzusetzen und damit sehr belastend ist (vgl. Schmidt, 2010, S. 85).

1.2 Forschungsfragen und Vorgehensweise

Aus der bisherigen Darstellung ergeben sich hinsichtlich der zu betrachtenden Thematik folgende Forschungsfragen:

1) Was bedeutet Familien- und Erwerbsarbeit heute und welche Herausforderungen bringt eine Vereinbarung, vor allem in der Rush-hour of life mit sich?
2) Wie können Familie und Gesellschaft diese Phase unterstützen und entlasten?

Zur Beantwortung der aufgestellten Forschungsfragen wird folgende Vorgehensweise gewählt: Kapitel 2 widmet sich der Darstellung der theoretischen Grundlagen und Definition wesentlicher, zum Verständnis der nachfolgenden Kapitel notwendiger Fachbegriffe. In Kapitel 3 wird die Problematik der Rush-hour of life anhand der aktuellen Forschungsliteratur umfassend dargestellt und mögliche Maßnahmen zur Unterstützung junger Familien genannt. In Kapitel 4 wird eine mögliche Maßnahme zur Entschärfung der Rush-hour of life exemplarisch mit Hilfe des aktuellen wissenschaftlichen Kenntnisstands diskutiert und interpretiert. Im darauf folgenden 5. Kapitel, dem Schlusskapitel, werden die Forschungsfragen anhand der bereits gewonnenen Erkenntnisse beantwortet, die Vorgehensweise kritisch betrachtet sowie ein Ausblick gegeben. In Kapitel 6 wird die gesamte Thesis noch einmal zusammengefasst.

Im Folgenden werden nun zunächst die theoretischen Grundlagen betrachtet, die zum Verständnis und zur Durchführung der geplanten methodischen Vorgehensweise notwendig sind.

2. Theoretische Grundlagen

Um eine Grundlage für das Verständnis der nachfolgenden Kapitel zu schaffen, wird in diesem Kapitel zunächst der historische Verlauf der Familien und Erwerbsarbeit betrachtet. Anschließen sind wichtige Begrifflichkeiten aufgeführt und erklärt.

2.1 Historische Betrachtung der Familien- und Erwerbsarbeit

Um die Problematik der Rush-hour of life zu erkennen und zu beschreiben, ist es notwendig sich zunächst die Entwicklung der Familien-und Erwerbsarbeit anzusehen.

In Deutschland wurde vor dem 18. Jahrhundert für Familie der Begriff Haus verwandt. „Dieser hatte die Gesamtheit der unter dem Regiment eines Hausvaters stehenden Personen umfaßt, sofern sie zusammen arbeiteten, wohnten und aßen“ (Gestrich, 2013, S. 4). Anders als heute wurden damals auch die Bediensteten und der Besitz zum Haus hinzugezählt. Seit dem 18. Jahrhundert wird der Begriff Familie verwendet. Mit dem Begriffswechsel hat sich auch die Zusammenstellung geändert, welche nur noch Menschen mit direktem Verwandtschaftsverhältnis einschließt. Die religiöse Ansicht von der gesonderten Position des Hausvaters wich im 19. Jahrhundert der Aufklärungszeit. Die Familie galt in dieser Zeit als eine vertraglich geregelte Einheit, in der jedes Mitglied seine Pflichten zu erfüllen hatte. Der Hausvater war noch immer der übergeordnete Befehlshaber (vgl. Gestrich, 2013, S. 4f.). Kritiker der Aufklärungszeit waren die Romantiker, welche die Ehe sowie die Familie nicht als Vertrag oder etwas Religiöses sahen, sondern als eine Beziehung einzig auf Liebe basierend. Jedoch konnte sich diese Ansicht zunächst nicht durchsetzen. Im 19. und 20. Jahrhundert wurden die Geschlechtsmerkmale und die entsprechenden Qualifikationen von Mann und Frau erforscht und Rollen zugewiesen. Durch die Industrialisierung verlor vor allem die Familie auf dem Land ihre Funktion als Produktionsstätte. Eltern ohne Eigentum waren darauf angewiesen, in der Stadt zu arbeiten. Durch die Erwerbstätigkeit beider Elternteile, konnten sich diese nicht auf die Erziehung der Kinder konzentrieren. Bisherige Wohnformen wurden aufgelöst und der familiäre Zusammenhalt über mehrere Generationen hinweg war nicht mehr aufrecht zu erhalten. Kritiker dieser Entwicklung beurteilten die Stellung von Mann und Frau als gleichberechtigte Arbeiter und zudem die Abkehr von der Familie als undenkbar. Schließlich wurde 1920 eine Ehereform diskutiert, die die Zwangsehe angriff und eine kameradschaftliche Ehe einforderte. Weiterhin wurde die Gleichstellung der Frau bekräftigt und auch die Kinder sollten sich nicht länger dem Hausvater unterordnen (vgl. Gestrich, 2013, S. 5 ff.). „Die Familie sollte zu einem Ort der gleichberechtigten Entfaltung und nicht der Unterordnung werden“ (Gestrich, 2013, S. 7). Innerhalb des Nationalsozialismus kam es allerdings zur völligen Unterdrückung dieses neuen Leitbilds.

Der Mann war wieder Oberhaupt und Ernährer. Die Frau sollte dem Erwerbsleben fern bleiben und ihre Bestimmung in der Funktion der Ehefrau und Mutter finden. Die Familie war kein geschützter Raum mehr, sondern wurde politisch geformt, kontrolliert und eingebunden. Nach dem zweiten Weltkrieg wurde die Familie in beiden Republiken weiterhin dem Staat unterstellt (vgl. Gestrich, 2013, S. 8 f.). Anfang bis Mitte des 20. Jahrhunderts blieb die Erwerbstätigkeit noch alleinige Aufgabe des Mannes und die verheiratete Frau war für die Familie zuständig. Wollten die Frauen arbeiten gehen, so musste der Ehemann erst zustimmen. Trotzdem durfte die Frau ihren Haushalt neben der Erwerbstätigkeit nicht vernachlässigen und musste sich weiterhin alleine um ihn kümmern. Erst 1977 wurde eine Haushaltsführung im gegenseitigen Einvernehmen beider Ehepartner konstituiert. Heute gibt es viele unterschiedliche Lebensgemeinschaften, wie auch Nicht-Eheliche Partnerschaften, welche alle gleichberechtigt nebeneinander existieren dürfen. Die Haushalte, in denen nur eine Person lebt, nehmen zu. In die moderne Lebensweise haben Verhütungsmittel Einzug genommen, was eine Kontrolle über die Schwangerschaften mit sich bringt. Frauen streben nach Selbstständigkeit und Unabhängigkeit. Scheidungsanträge werden überwiegend von Frauen beantragt. Anhand dessen lässt sich erkennen, dass die Frau sich aus ihrer ehemaligen Rolle befreit (vgl. Gestrich, 2013, S. 9). Auch auf dem Arbeitsmarkt ist ein entsprechender Wandel zu erkennen. In der Vergangenheit war es üblich, Schule und Ausbildung jünger zu absolvieren und dann entsprechend früher in das Berufsleben zu starten. Dadurch war es möglich, zuerst in den Beruf einzusteigen und danach die Familie zu gründen. Durch die Verteilung der Geschlechterrollen kam es früher zu wenig Überschneidungen zwischen Beruf und Familie (vgl. Lothaller, 2009, S. 52). Seit den 1970er Jahren erobern Frauen zunehmend die Arbeitswelt und geraten in einen Konflikt zwischen Familie und Karriere. Obwohl sie eine rechtliche Gleichstellung genießen, sind bis heute noch immer Ungleichheiten hinsichtlich der Position und des Gehalts erkennbar (vgl. Ulich; Wiese, 2011, S. 30). Das Phänomen der Rush-hour of life ist erst Ende des 20. Jahrhunderts entstanden. Durch lange Ausbildungszeiten für beide Geschlechter und die Auflösung der traditionellen Rollenverteilungen im Privaten verkürzt sich die Zeit für den beruflichen Einstieg und das Gründen einer Familie. Dies trifft noch nicht auf alle Gesellschaftsschichten zu. Es ist aber ein deutlicher Trend zu erkennen, dass immer mehr Menschen Zugang zu höheren und damit längeren Bildungswegen finden und somit in die Rush-hour of life hinein geraten (vgl. Lothaller, 2009, S. 52). Der Prozess, der private wie auch berufliche Veränderungen mit einschließt und einer Unterstützung bedarf, ist noch nicht abgeschlossen. Die vielen Herausforderungen, welche damit verbunden sind, werden in Kapitel 3 näher erläutert.

2.2 Grundlegende Begrifflichkeiten

2.2.1 Rush-hour of life

Sowohl die Familiengründung, als auch der Einstieg in das Erwerbsleben sind mit großen Herausforderungen verbunden. Eine Vereinbarung von Beruf und Familie in der Einstiegs- bzw. Gründungsphase ist deshalb mühsam. Die Rush-hour of life ist, wie bereits in der Einleitung erwähnt, die Phase, in der sowohl die Familiengründung als auch der Berufseinstieg zeitlich zusammenfallen. Durch die heutigen Ausbildungsmöglichkeiten und Studienangebote, oder die Gelegenheit, auch mehrere Berufsausbildungen zu absolvieren sowie durch Weiterbildungen den beruflichen Stand aufzubessern, ist eine Verlängerung dieses Abschnitts üblich. Nicht selten wird infolgedessen die Familienplanung verschoben. „Die lange Ausbildungsphase und der späte Berufseinstieg tragen zur späten ökonomischen Selbstständigkeit und damit zum Aufschub der Erstgeburt bei“ (Bertram; Bujard; Rösler, 2011, S. 91). Innerhalb der Ausbildung wird es vermieden, eine Familie zu gründen. Vor allem die besser ausgebildeten Frauen schieben eine Geburt auf oder vermeiden sie in dieser Phase ganz, da sie eine anschließende Vollzeitbeschäftigung als Voraussetzung für die Familiengründung ansehen. Die Frauen, welche im Vergleich weniger intensiv ausgebildet wurden und kein Studium absolviert haben, sehen in der Geburt eines Kindes noch eher eine Alternative zu einer, möglicherweise unsicheren, Berufswelt (vgl. Blossfeld, 2011, S 106 ff.). Durch die Verschiebung der Familienplanung in eine Lebensphase, in der Sicherheit geschaffen werden kann, erhöht sich das Alter der Frauen bei der Erstgeburt. Allerdings ist es danach kaum noch möglich, mehrere Kinder zu bekommen. „Die niedrige Geburtenrate Deutschlands ist mit einem Aufschub der Geburten in ein höheres Alter verbunden, wobei die Zahl der Geburten im Alter von > 30 Jahren im internationalen Vergleich gering ist“ (Bertram; Bujard; Rösler, 2011, S. 98).

Der Einstieg in das Berufsleben bedarf viel Engagement. Das Finden der richtigen Arbeitsstelle ist eine große Herausforderung. Von der Bewerbungsphase über die Vorstellungsgespräche bis hin zur Probezeit muss viel Eigeninitiative gezeigt werden. Unternehmen verlangen immer öfter auch Fähigkeiten und Eigenschaften, welche über das gelernte Wissen hinaus gehen, sogenannte soft skills. „Soft Skills sind heute eine maßgebende Grundvoraussetzung, um einen Job zu bekommen und zu behalten“ (Peters-Kühlinger; John, 2012, S. 7). Zu diesen zählen unter anderem Kompetenzen wie Kommunikationsfähigkeit, Kritik- und Konfliktfähigkeit, Durchsetzungskraft, Feingefühl und Selbstverantwortung (vgl. Peters-Kühlinger; John, 2012, S. 12).

Die Familiengründung hingegen ist ein Ereignis, auf das nicht lange und intensiv vorbereitet wird und doch verlangt diese Zeit mindestens genauso viel Bereitschaft und Hingabe wie der Berufseinstieg, allerdings aus einer anderen Motivation heraus. Da alle Familien stets individuell sind, kann nicht verallgemeinernd von den Aufgaben und Belastungen einer Familie gesprochen werden. Menschen haben ihre eigenen, subjektiven Vorstellungen sowie Überzeugungen von Familie. Sie streben psychisch und emotional danach. Weiterhin ist auch das soziale Umfeld ausschlaggebend. Denn dort wird nach Anerkennung und Integration gesucht. Die eigenen Handlungsmuster, welche ein Mensch für sich persönlich besitzt und welche ihn lenken, sind entscheidend für die Art und Weise der Familiengründung und Aufrechterhaltung (vgl. Schneider, 2014, S. 26).

2.2.2 Familie und Familienarbeit

Der Begriff Familie ist einem stetigen Definitionswandel unterworfen. In der Literatur wird von Individualisierung und Pluralisierung der Lebensformen gesprochen. Je nachdem, wie sich die Familie entwickelt und zusammensetzt, werden Ergänzungen und Streichungen in der Beschreibung vorgenommen (vgl. Kuhnt; Steinbach, 2014, S 45 ff.).

„Als konventionelle Familienform wird die (1) klassische Form des Zusammenlebens als Familie, bestehend aus Frau und Mann mit mindestens einem gemeinsamen, leiblichen Kind, verstanden (Kernfamilie).

Nichtkonventionelle Familienformen wie (2) Alleinerziehende, (3) Stieffamilien, (4) Adoptiv- und Pflegefamilien und (5) gleichgeschlechtliche Paare mit Kind(ern), stellen alle anderen Formen familialen Zusammenlebens dar“ (Kuhnt; Steinbach, 2014, S. 52).

Familien haben die vielfältigsten Aufgaben, die je nach Größe, Zusammensetzung, Alter der Familienmitglieder und auch vorhandener Zeit stark variieren können. Allerdings bleibt eines immer gleich: Familie ist der Ort, an dem „Prozesse des Lebens wie Geburt und Tod, Aufwachsen und Altern, Arbeiten und Ruhen, Nahrungsaufnahme und -verteilung eingefügt [werden] in das System der wirtschaftlichen, politischen, rechtlichen und kulturellen Praktiken einer Gesellschaft“ (Gestrich, 2013, S. 1). Das Zusammensein innerhalb der Familie wird immer schwieriger. Durch die Individualisierungsprozesse im beruflichen und privaten Umfeld der Einzelnen muss eine Form des Zusammenseins gefunden werden, welche die Gemeinsamkeit ermöglicht. Die Bedingungen für die Entstehung sowie Aufrechterhaltung von Familien haben sich geändert. Sie erfordern von den Mitgliedern Aktivität sowie eine Entwicklung von neuen Praktiken. Erschwert wird das nicht nur durch gesetzliche Vorgaben und neue Entwicklungen in der Gesellschaft, sondern auch durch Interessen, Vorlieben, individuelle Lebensrichtungen und Konstellation der einzelnen Familienmitglieder. Das System Familie ist einem ständigen Wandel unterworfen und muss hinsichtlich der Interaktionen, Emotionen, Ressourcen und gemeinsamen Handlungen stets neu ausgerichtet werden (vgl. Schier, Jurczyk, 2008, S. 9 ff.). „Familie als Lebens- und Lernzusammenhang ist (…) ein haushaltsübergreifendes Netzwerk emotionsbasierter, persönlicher Austauschbeziehungen, die umso mehr gestaltet werden müssen, je komplexer und dynamischer das Netz ist.“ (Schier, Jurczyk, 2008, S. 10). Jedoch gehört für die meisten Menschen die Familie zum Glück und Wohlbefinden dazu. Bei der jungen Generation ist das Ansehen der Familie so hoch wie nie (vgl. Schier, Jurczyk, 2008, S. 9 ff.).

Oft verbunden mit der Familienarbeit ist auch die Haushaltsarbeit. Eine Trennung beider Bereiche ist schwer. Allerdings findet innerhalb der Familie hauptsächlich Beziehungs-, Betreuungs, Erziehungs- und Pflegearbeit zwischen den Partnern, Kindern und anderen Angehörigen statt. In der Hausarbeit dagegen, fallen alle Arbeiten an, die auch in Haushalten ohne Verwandtschaftsverhältnis stattfinden würden, wie putzen, waschen und kochen (vgl. Ulich; Wiese, 2011, S. 152 und König, 2015, S. 153). Obwohl die Frauen stärker auf den Arbeitsmarkt treten und den Mann, der einst Alleinverdiener war, nun unterstützen, hat sich in Deutschland die Aufgabenverteilung im Haushalt nicht gravierend geändert. Die Frau arbeitet noch immer doppelt so viel im Haushalt als der Mann. Um Leistungen, welche von Familien erbracht werden sichtbar zu machen, werden sogenannte Zeitbudgeterhebungen durchgeführt. Diese zeigen, dass im Jahr 2001 trotz gestiegener Arbeitszeiten im Beruf für Haus- und Familienarbeit 1,7 Mal mehr Zeit aufgewandt wird, als für die bezahlte Erwerbsarbeit (vgl. Schier; Jurczyk, 2008, S. 9). Modernisierungsprozesse der Haushaltstechnik ermöglichen zwar eine Entlastung, allerdings verringert sich dadurch der zeitliche Aufwand im Haushalt nicht. Da die Arbeiten im Familienhaushalt auch immer verbunden sind mit Emotionen, können diese nicht so einfach an andere abgegeben werden. Erschwerend kommt hinzu, dass die Hausarbeit keine Anerkennung in der Gesellschaft genießt und somit nach außen unsichtbar ist. Sobald aus Paaren Eltern werden, kommen neben den Aufgaben im Haushalt auch erzieherische und umfassende weitere Tätigkeiten hinzu. Die Ansprüche innerhalb der Familienarbeit sind gestiegen. Die Arbeiten im Privaten werden nach gewissen Idealen verrichtet. Es fehlt allerdings zum Teil an Wissen und an Zeit. Viele sind nicht mehr bereit, die Arbeiten aufopfernd und voller Hingabe im Verborgenen zu erledigen. Hinzu kommt, dass in der beruflichen Arbeitswelt Überstunden sowie lange Arbeitszeiten zunehmend der Fall sind und dass diese Vorrang vor der Familienarbeit haben. Dadurch entstehen zeitliche Engpässe und damit verbunden eine Unzufriedenheit (vgl. Schier, Jurczyk, 2008, S. 9 ff. und König, 2015, S. 153 ff.).

2.2.3 Erwerbsarbeit und Berufstätigkeit

Die Erwerbsarbeit ist eine auf Dauer angelegte Tätigkeit. Zum Ausführen dieser Erwerbsarbeit, kann ein Beruf erlernt werden. Dieser bleibt auch bei einem Wechsel des Arbeitgebers oder der Arbeitgeberin dauerhaft vorhanden und es ist möglich, diesen dauerhaft auszuüben (vgl. Nerdinger; Blickle; Schaper, 2014, S. 187). „Der Beruf dient nicht nur dem kurzfristigen Einkommenserwerb, sondern auch der langfristigen Schaffung, Erhaltung und Weiterentwicklung der Lebensgrundlagen für den Berufstätigen und seiner Familie“ (Nerdinger; Blickle; Schaper, 2014, S. 187).

Zwischen den 1950er und 1970er Jahren wurde die Familien- und Erwerbsarbeit weitestgehend voneinander losgelöst. Da das Arbeitsverhältnis klar definiert war, wurde es als Normalarbeitsverhältnis bezeichnet. Dieses Normalarbeitsverhältnis beinhaltete folgende Regelungen: (…) erstens abhängige, vollzeitige und unbefristete Arbeitsverträge für die Männer als >>Ernährer<< der Familie; zweitens stabile Entlohnung der Arbeitsleistung nach Arbeitszeit, beruflichem Status und familiärer Stellung; drittens betriebsförmige Organisation der Arbeit und häufig lebenslange Anstellung in ein und demselben Betrieb; und viertens weitgehende Unkündbarkeit sowie generöse soziale Absicherung im Falle von Arbeitslosigkeit oder vorzeitiger Verrentung“ (Schmid, 2002, S. 178). Es wurden hauptsächlich Männer beschäftigt, was vor allem an der traditionellen Rollenverteilung und an wenigen Möglichkeiten der Kinderbetreuung lag. Seit dieser Zeit bestehen Regelungen unter anderem zu den Arbeitszeiten sowie arbeitsfreien Zeiten, Urlaub und Renteneintrittsalter. Das Normalarbeitsverhältnis hat bis heute Leitbildcharakter. Jedoch nimmt die Verbreitung dieses Beschäftigungsverhältnisses mitsamt seinen Regelungen zunehmend ab (vgl. Böhm, 2015, S. 33 ff.). Heute sind die Arbeitsverhältnisse zeitlich und räumlich weiter entwickelt, verändert und somit atypisch. Die Grenzen zwischen dem Privaten und dem Beruflichen sind nicht mehr starr fixiert, sondern weichen zunehmend auf.

Jeder einzelne Arbeitnehmer mit seinen individuellen Erfahrungen und Qualifikationen ist gefragt sowie dessen Eigeninitiative und Kreativität. Die Arbeitsbedingungen sind vielfältiger und müssen individuell gehandhabt und an die Nachfrage angepasst werden. Die Arbeit ist stärker projektorientiert, hat zeitliche Vorgaben und wird von damit verbundenem Zeit- und Leistungsdruck geprägt (Böhm, 2015, S. 33 ff.). In höheren Berufsklassen sowie bei leitenden Angestellten sind regelmäßige Überstunden weit über die Normalarbeitszeit hinaus üblich. Jedoch gibt es vor allem in der Dienstleistungsbranche immer mehr Minijobs und Teilzeitverträge. Die Vollzeitverträge werden unüblicher. Durch veränderte und flexiblere Arbeitszeiten, wie beispielsweise Wochenend- und Schichtarbeit sowie die Vertrauensarbeitszeit wächst die gesundheitliche Beanspruchung. Die Mobilität und Flexibilität in einem Arbeitsverhältnis ist gestiegen und wird durch neue Informations- und Kommunikationstechnologien ermöglicht. Diese neuen, durch Veränderung, Flexibilisierung und Unterschiedlichkeit geprägten Arbeitsverhältnisse werden durch die Bezeichnung „Pluralisierung von Arbeit“ beschrieben. Die Intensität der Arbeit verlangt einen Einsatz der körperlichen, mentalen und emotionalen Kräfte. Jedoch wünschen sich auch die Arbeitskräfte verstärkt eine Sinnerfüllung im Beruf, was die Pluralisierung weiter antreibt (vgl. Schier, Jurczyk, 2008, S. 11 ff.). Durch diese gewachsenen Ansprüche, verringert sich die Zeit und Energie für andere Bereiche.

Frauen sind heute zunehmend in das Erwerbsleben integriert. Sie genießen bessere Ausbildungen und sind auf dem Arbeitsmarkt gefragt oder sind durch ökonomische Notwendigkeiten sogar dazu gezwungen, arbeiten zu gehen. Trotz sehr guter Ausbildungen nehmen Frauen dennoch häufiger Stellen mit ungünstigen Verhältnissen an und fungieren neben dem Mann als Zuverdienerinnen, um eine Vereinbarkeit zwischen Beruf und Familie herzustellen. “In der Erwerbsarbeit nehmen sie schwierige Arbeitsbedingungen - sie arbeiten in Teilzeit, in unsicheren Arbeitsverträgen und häufig mit Überstunden und Wochenendarbeit - ohne entsprechenden finanziellen Ausgleich in Kauf“ (König, 2015, S. 159). Somit sind vor allem Frauen die Leidtragenden des Arbeitswandels, da sie unter permanenten Zeitmangel sowie starker Belastung versuchen, die Lücken im Familienleben und der Arbeitswelt zu füllen (vgl. König, 2015, S. 158 ff.).

[...]

Ende der Leseprobe aus 42 Seiten

Details

Titel
"Rush hour of life". Herausforderungen in der Vereinbarkeit von Familien- und Erwerbsarbeit
Hochschule
Justus-Liebig-Universität Gießen  (Institut für Wirtschaftslehre des Haushalts und Verbrauchsforschung)
Veranstaltung
Familie und Gesellschaft
Note
13
Jahr
2015
Seiten
42
Katalognummer
V358141
ISBN (eBook)
9783668431874
ISBN (Buch)
9783668431881
Dateigröße
886 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
Familie, Kinder, Beruf, Arbeit, Vereinbarung, Familienarbeit, Work-life-Balance
Arbeit zitieren
Anonym, 2015, "Rush hour of life". Herausforderungen in der Vereinbarkeit von Familien- und Erwerbsarbeit, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/358141

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