Durch moderne Lehr- und Lernformen geraten die klassischen Kurs- und Seminargestaltungen zunehmend unter Veränderungsdruck. Bisher lassen sich aber nur wenige Konzepte identifizieren, die diese klassischen Kursformate reformieren könnten. Dieser Essay soll einen Beitrag zur methodischen Diskussion leisten und als Anregungen für Dozenten und Kursleiter dienen.
In Trainings, Workshops und Seminaren dominieren heute immer noch klassische Formate mit einer klassischen Rollenverteilung zwischen Kursleitern und Teilnehmenden. Dies ist etwas erstaunlich, da die Unzulänglichkeiten dieser klassischen Formate (z.B. Frontalvorträge oder praktische Gruppenübungen) hinlänglich bekannt sind und sich darüber hinaus die Anforderungen der Teilnehmer verändert haben.
In diesem Essay wird die fehlende Kreativität in der Entwicklung neuer Trainings- und Workshopformate vorwiegend auf eingeschränkte Feedbackmöglichkeiten zurückgeführt, die es den Trainern erschweren, den Teilnehmenden die Inhalte ihrer Kurse auf eine neue Art und Weise erfahrbar zu machen und näher zu bringen. GÖRTS hat mit seinen Artikeln von 2011 und 2012 erste Ansätze zu einer Neuformulierung von Feedbackmöglichkeiten im Rahmen von universitären Vortragstrainings geliefert. Hieran knüpft dieser Essay an und wirft die Frage auf, in wie weit die von GÖRTS (2011; 2012) vorgeschlagene Feedbackmethodik auch auf Trainings, Workshops und Seminare außerhalb des akademischen Rahmens und auf weitere inhaltliche Schwerpunkte übertragen werden kann.
Hierzu werden zunächst mit der Noten- und Zertifikatsvergabe und dem „Konstruktiven Feedback“ zwei gängige Feedback-Instrumente in Trainings und Workshops vorgestellt und kritisiert. Anschließend werden dann die Vorzüge eines Trainingskonzeptes diskutiert, das auf dem Dialogorientierten Feedback aufbaut – in diesem Essay Dialogorientierte Trainings genannt. Zum Schluss werden dann noch einige Hinweise, praktische Beispiele und Probleme bei der Umsetzung von Dialogorientierten Trainings gegeben.
Inhaltsverzeichnis
1. Einleitung
2. Dialogorientierte Trainings
2.1 Noten und Zertifizierungen als Feedback-Instrument
2.2 Erfahrungswissen als Black-Box des Feedback-Prozesses
2.3 Konstruktives Feedback als alternative Rückmeldemöglichkeit
2.4 Dialogorientierte Trainings als Ergänzung
2.4.1 Die Rolle des Trainers in Dialogorientierten Trainings
2.4.2 Beispiel: Kurse in Finanzbuchführung
2.4.3 Probleme bei Dialogorientierten Trainings
2.5 Konklusionen
3. Weitere Praxisbeispiele
3.1 Kurse in der Volkswirtschaftslehre
3.2 Vortragstrainings
Zielsetzung & Themen
Die Arbeit untersucht die Grenzen klassischer, notenbasierter Feedback-Methoden in Trainings und Seminaren und schlägt "Dialogorientierte Trainings" als methodische Alternative vor, die durch einen kontinuierlichen Diskurs individuelles Erfahrungswissen besser integrieren und fördern sollen.
- Kritik an der noten- und zertifikatsorientierten Feedback-Kultur
- Differenzierung zwischen kodifizierbarem Wissen und Stillem Wissen
- Konzeptualisierung des Dialogorientierten Trainings und des "Zwischenraums"
- Neuinterpretation der Trainerrolle als Moderator im Diskurs
- Praktische Anwendungsmöglichkeiten in fachlichen und verhaltensbezogenen Trainings
Auszug aus dem Buch
2.4.1 Die Rolle des Trainers in Dialogorientierten Trainings
Wenn der Fokus eines Workshops oder Trainings nicht mehr auf eine einzelne Person (den Dozenten oder Kursleiter), sondern auf den situativ hergestellten „Zwischenraum“ ausgerichtet ist, muss auch die Rolle des Trainers neu definiert werden. Hierzu kann MÜLLER-COMICHAU (2007) mit seiner Neu-Interpretation des Sokrates aus einer pädagogischen Perspektive als Anregung dienen. Er definiert die Rolle des SOKRATES dabei folgendermaßen:
„Sokrates versuchte eben nicht, eine lehrbare Antwort auf die Basisfragen des Lebens zu formulieren. Sein Anliegen war es vielmehr, durch fordernde Fragen und skeptisches Philosophieren, eigenes Denken anzuregen. (…) (Dies) zielt immer darauf ab, eigene Einsichten zu ermöglichen.“ (MÜLLER-COMICHAU 2007: 72).
SOKRATES wirkt hiernach also weder durch eine bestimmte Lehre noch durch seine persönliche Ausstrahlung, sondern vielmehr durch die Art seines erkenntnisfördernden Diskurses mit seinem Gegenüber. Er entfaltet also seine Wirkung durch die gelebte Auseinandersetzung um unterschiedliche Ansichten.
Zusammenfassung der Kapitel
1. Einleitung: Diese Einleitung führt in die Problematik klassischer, hierarchisch strukturierter Trainingsformate ein und stellt die Forschungsfrage nach alternativen Feedbackmethoden.
2. Dialogorientierte Trainings: Das Kapitel definiert den theoretischen Rahmen des dialogorientierten Feedbacks, kritisiert bisherige Bewertungspraxen und führt den "Zwischenraum" als Lernort ein.
2.1 Noten und Zertifizierungen als Feedback-Instrument: Es wird dargelegt, warum klassische Notenvergabe den Wettbewerb fördert und die Vermittlung tiefergehender Bildungsziele behindert.
2.2 Erfahrungswissen als Black-Box des Feedback-Prozesses: Dieses Kapitel erläutert die Diskrepanz zwischen kodifizierbarem Wissen und Stillem Wissen (Erfahrungswissen) und warum Letzteres durch klassische Formate schwer erfasst wird.
2.3 Konstruktives Feedback als alternative Rückmeldemöglichkeit: Hier werden gängige Regeln des Konstruktiven Feedbacks diskutiert und deren Schwachstellen bei der Anwendung in starren institutionellen Kontexten aufgezeigt.
2.4 Dialogorientierte Trainings als Ergänzung: Die Autor stellt das Konzept des permanenten Dialogs zwischen Trainer und Teilnehmenden vor, bei dem Konzepte situativ gemeinsam erarbeitet werden.
2.4.1 Die Rolle des Trainers in Dialogorientierten Trainings: Die Trainerrolle wird als Moderator neu definiert, der das eigene Konzept als Diskussionsgrundlage einbringt, ohne jedoch ein spezifisches Endergebnis zu erzwingen.
2.4.2 Beispiel: Kurse in Finanzbuchführung: Anhand dieses Beispiels wird aufgezeigt, wie selbst stark formalisierte Inhalte durch einen dialogorientierten Ansatz lebendig reflektiert werden können.
2.4.3 Probleme bei Dialogorientierten Trainings: Das Kapitel analysiert praktische Hürden wie mangelnde institutionelle Offenheit, Gruppengröße und zeitliche Restriktionen.
2.5 Konklusionen: Das Fazit fasst die Vorteile des dialogorientierten Trainings zusammen und betont die Kombinierbarkeit mit anderen Feedbackmethoden.
3. Weitere Praxisbeispiele: Dieses Kapitel vertieft die Anwendbarkeit des Konzepts anhand der Fachbereiche Volkswirtschaftslehre und Vortragstraining.
3.1 Kurse in der Volkswirtschaftslehre: Hier wird ein konkretes dreistufiges Vorgehen zur Reflexion volkswirtschaftlicher Zusammenhänge mittels kritischer Fragen dargelegt.
3.2 Vortragstrainings: Dieses Kapitel zeigt, wie Vortragstrainings als verhaltensbezogene Trainings durch den Fokus auf den "Zwischenraum" und die Reflexion der Zielsetzung profitieren.
Schlüsselwörter
Dialogorientiertes Feedback, Trainingskonzept, Stilles Wissen, Kodifizierbares Wissen, Zwischenraum, Notenvergabe, Konstruktives Feedback, Trainerrolle, Bildungsziele, Reflexion, Erfahrungsaustausch, Wissensvermittlung, Diskurs, Lernformat, Praxisbeispiele
Häufig gestellte Fragen
Worum geht es in dieser Arbeit grundsätzlich?
Die Arbeit beschäftigt sich mit der Kritik an klassischen, notenbasierten Feedback-Methoden in der Erwachsenenbildung und entwickelt ein alternatives, dialogorientiertes Trainingskonzept.
Was sind die zentralen Themenfelder?
Die Arbeit verknüpft Bildungs- und Erziehungsziele mit Feedbackmethoden, die Theorie des Stillen Wissens mit der Praxis des Dialogs sowie die Gestaltung interaktiver Lernumgebungen.
Was ist das primäre Ziel der Arbeit?
Das Ziel ist es, aufzuzeigen, wie durch einen "Zwischenraum" zwischen Lehrenden und Lernenden ein tiefgreifenderes Verständnis für Inhalte und die eigene Rolle in der Gesellschaft erreicht werden kann.
Welche wissenschaftliche Methode wird verwendet?
Die Arbeit nutzt die theoretische Herleitung über pädagogische Konzepte und kombiniert diese mit Praxisbeispielen aus der Finanzbuchführung, der Volkswirtschaftslehre und dem Vortragstraining.
Was wird im Hauptteil behandelt?
Der Hauptteil analysiert die Schwächen klassischer Notensysteme, die Grenzen des Konstruktiven Feedbacks und entwickelt darauf aufbauend das Modell des Dialogorientierten Trainings.
Welche Schlüsselwörter charakterisieren die Arbeit?
Zu den zentralen Begriffen zählen Dialogorientiertes Feedback, Stilles Wissen, Trainerrolle, Zwischenraum und Reflexion.
Was versteht der Autor unter dem "Zwischenraum"?
Der Zwischenraum ist ein situativ geschaffener Lernort zwischen den Beteiligten, in dem verschiedene Konzepte, Meinungen und Erfahrungen zur Diskussion gestellt und reflektiert werden.
Warum ist das Beispiel der Finanzbuchführung für den Autor so wichtig?
Es dient dazu zu beweisen, dass auch in stark formalisierten, trockenen Fachbereichen ein lebendiger Dialog stattfinden kann, indem die Sinnhaftigkeit und der Ursprung der Regeln hinterfragt werden.
Welche Rolle nimmt der Trainer in einem dialogorientierten Format ein?
Der Trainer fungiert nicht als reiner Wissensvermittler, sondern als Moderator und Repräsentant eines Konzepts, der durch fordernde Fragen das eigene Denken der Teilnehmenden provoziert.
Sind Dialogorientierte Trainings für jede Zielgruppe geeignet?
Der Autor weist darauf hin, dass das Konzept anfällig für Unmut bei Teilnehmenden ist, die Sicherheit und starre Regeln suchen, weshalb die Eignung stark von der Bereitschaft der Teilnehmenden und dem institutionellen Rahmen abhängt.
- Citar trabajo
- Rocco Zunic (Autor), 2017, Dialogorientiertes Feedback als Trainingskonzept. Moderne Lehr- und Lernformen, Múnich, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/358310