Der erste Mensch gab dem Bösen die Möglichkeit in seine Welt zu kommen. Ursprünglich hatte der Mensch die Neigung zur Erkenntnis Gottes und zur Liebe zu ihm gehabt. Das Böse wählte der Mensch nur, weil es ihm von der Schlange zugeflüstert worden war. Das Böse im Menschen, und durch ihn auch im Universum, ist daher mit einer ansteckenden Krankheit vergleichbar, die sich auf keinen Fall automatisch verbreitet. Nur durch seine freie Entscheidung ließ der Mensch sich damit anstecken. Der Mensch lieferte sich selbst dieser Pest aus. Die Frucht wurde aufgegessen, die Sünde entwickelte sich weiter. Adam schob seine Schuld auf Eva. Kain tötete Abel. Die Geschichte der Menschheit beschleunigte sich. Der Mensch aber ist von nun an unter der Macht des Bösen. Durch die Trennung des Menschen von Gott wird sein Wesen widernatürlich, verzerrt. Der entstellte Verstand spiegelt nicht mehr das Himmlische, sondern nur das Irdische und primitive Materielle wieder. Der Geist fing an der Seele zu nagen an. Er stellte die göttliche Nahrung zur Seite. Sie, die Seele wurde durch die Begierde zum Parasiten des Fle isches. Der Leib wurde zum Schmarotzer des Erdkreises. Der Mensch tötet, um weiter zu leben und sichert damit den Tod auch für sich. 3
Gott aber vernichtet den Menschen nicht. Die Erde existiert bis heute. Die Welt, in der der Tod seinen Platz fand, ist eher eine Katastrophe, als eine ursprünglich geschaffene Ordnung. Verflucht ist die Erde um des Menschen willen. Und das alles geschieht nur wegen einer einzigen falschen Entscheidung des Urvaters? Gründet die Sünde immer noch in der persönlichen Entscheidung eines einzelnen Menschen? Wird ein Mensch bereits vor seiner eigenen Willensentscheidung in eine umfassende Unheilssituation, die das Resultat menschlicher Geschichte darstellt, hineingeboren? Vererbt der Mensch nur eine durch die Sünde negativ geprägte Situation oder sitzt die Krankheit Adams tief in den Genen des Menschen? Gibt es ein Heilsmittel?
Inhaltsverzeichnis
Einleitung
1 Die Problemstellung
2 Die Definition
3 Geschichtliche Entwicklung
4 Die Vorgehensweise und das Ziel dieser Arbeit
I. Die Erbsünde bei Paulus
A. Die Aussagen zur sündhaften Natur des Menschen im Römerbrief
1. Röm 1,24-31
2. Röm 3,10-17. 23
3. Röm 5,12-19
4. Röm 6,17-23
5. Röm 7,5-25
6. Röm 8, 3-10
B. Die menschliche Natur in den anderen paulinischen Schriften
1. 1. Kor 2,14
2. 1. Kor 15,20-22
3. Gal 5,17-19.24
4. Eph 2,3
5. Eph 4,22
Ergebnis
II. Augustinus - Der Vater der Erbsündentheologie
A. Der Hintergrund
B. Der Paradigmenwechsel
C. Die Entstehung der Lehre – die ersten Gedanken
D. Die Ausformung der Lehre – der pelagianische Streit
E. Von der Konkupiszenz gefangen
F. Röm 5,12 – der Ausgangspunkt der Lehre
G. Die Randerscheinung – die juristische Erbschuld
Ergebnis
Zusammenfassung
Zielsetzung und Themen
Die vorliegende Arbeit untersucht die Ursprünge und die historische Entwicklung der Erbsündenlehre. Das primäre Ziel ist es, die neutestamentlichen Grundlagen in der Theologie des Paulus kritisch zu hinterfragen und die Systematisierung dieser Lehre durch Augustinus als theologische Disziplin zu analysieren.
- Neutestamentliches Sündenverständnis bei Paulus
- Historische Entwicklung der Erbsündentheologie
- Der Einfluss des pelagianischen Streits auf die augustinische Lehre
- Die Rolle der Konkupiszenz und des Sündenfalls Adams
- Kritische Reflexion der dogmatischen Ausformung
Auszug aus dem Buch
3 Geschichtliche Entwicklung
Die ersten nachapostolischen Ausarbeitungen der Lehre stammen von Augustinus (354-430). Augustinus entwickelte seine Lehre im Gegensatz zu Pelagius, der den freien Willen der Menschen und ihre Fähigkeit des Gehorsams gegenüber dem Gesetz Gottes behauptete. Augustinus vertrat den Gedanken, dass die Menschen der Sünde gegenüber anfällig seien. Alle wurden in Sünde geboren, denn alle haben die Sündhaftigkeit des Adams ererbt.
In der Zeit der Scholastik erlitt die Lehre keine wesentlichen Änderungen. Erst durch die Reformation begann sich die Erbsündenlehre weiter zu entwickeln. Luther erhebt die Bedeutung der Erbsünde als das tiefste innere Verderben der menschlichen Natur, „denn die menschliche Natur ist durch die Erbsünde so verderbet und vergiftet, daß wirs nicht achten noch erkennen und verstehen können.“
Im zweiten Artikel der Confessio Augustana (1530) wurde formuliert, „daß nach Adams Fall alle Menschen... in Sünde empfangen und geboren werden, das heißt, daß sie alle von Mutterleib an voll böser Lust und Neigung sind und von Natur keine wahre Gottesfurcht und keinen wahren Glauben an Gott haben können.“
Die römisch-katholische Kirche in Tridentinischen Konzil (1545-1563) lehnte diese Vorstellung ab und bekräftigte die traditionelle Ansicht.
In der nachreformatorischen Zeit ist die Lehre von der Erbsünde von verschiedenen Theologen in Betracht gezogen worden. Wegen der Schwierigkeit der Problematik, haben die verschiedenen Schulen keine Einigkeit in der Frage erreicht. Heute kommt man entweder zu der völligen Ablehnung der Erbsünde oder zu ihrer totalen Neudefinition.
Zusammenfassung der Kapitel
Einleitung: Diese Einleitung führt in die Problematik des Bösen ein und stellt die zentralen Fragen nach der Erbsündigkeit des Menschen und einer möglichen Erblichkeit des Verderbens.
Die Erbsünde bei Paulus: Dieses Kapitel analysiert paulinische Texte, um festzustellen, inwieweit sich eine Erbsündenlehre direkt oder indirekt aus den Schriften des Apostels ableiten lässt.
Augustinus - Der Vater der Erbsündentheologie: Hier wird die Entwicklung der Erbsündenlehre durch Augustinus beleuchtet, insbesondere vor dem Hintergrund des pelagianischen Streits und seiner Auslegung des Römerbriefes.
Zusammenfassung: Das letzte Kapitel zieht das Fazit, dass die Erbsündenlehre keinen festen biblischen Grund besitzt und eher als historisch-spekulatives Konstrukt zu verstehen ist.
Schlüsselwörter
Erbsünde, Paulus, Augustinus, Pelagius, Sündenfall, Konkupiszenz, peccatum originale, Erbschuld, menschliche Natur, Sündenverhängnis, Theologie, Römerbrief, Anthropologie, Erbverderben, Erlösung
Häufig gestellte Fragen
Worum geht es in dieser Arbeit grundsätzlich?
Die Arbeit untersucht die historische Entstehung und die biblische Fundierung der Erbsündenlehre, insbesondere im Hinblick auf ihre beiden wichtigsten Bezugspunkte: den Apostel Paulus und den Theologen Augustinus.
Was sind die zentralen Themenfelder der Analyse?
Im Zentrum stehen das paulinische Sündenverständnis, die augustinische Ausgestaltung des Dogmas im pelagianischen Streit sowie die kritische Reflexion des Begriffs der Erbschuld.
Was ist das primäre Ziel der Untersuchung?
Ziel ist es, die Entwicklung der Lehre nachzuzeichnen und zu prüfen, ob sie eine solide Grundlage in den neutestamentlichen Schriften hat oder als Produkt einer späteren exegetischen Interpretation anzusehen ist.
Welche wissenschaftliche Methode verwendet die Arbeit?
Die Arbeit nutzt eine historisch-theologische Analyse, bei der zentrale Bibelstellen (besonders aus dem Römerbrief) und das Schrifttum von Augustinus herangezogen werden.
Was wird im Hauptteil der Arbeit behandelt?
Der Hauptteil gliedert sich in eine detaillierte Exegese ausgewählter paulinischer Texte und eine Untersuchung der augustinischen Theologie, inklusive der Bedeutung von Konkupiszenz und juristischer Erbschuld.
Welche Schlüsselbegriffe charakterisieren die Arbeit?
Wichtige Begriffe sind unter anderem Erbsünde, peccatum originale, Konkupiszenz, der Sündenfall Adams sowie der Gegensatz zwischen der paulinischen Gedankenwelt und der augustinischen Dogmatik.
Welche Schlussfolgerung zieht der Autor bezüglich der biblischen Basis der Erbsünde?
Der Autor kommt zu dem Ergebnis, dass sich das Erbsündendogma weder direkt noch indirekt aus der Theologie des Paulus ableiten lässt und die augustinische Lehre eher ein Produkt falscher Exegese darstellt.
Warum wird in der Arbeit eine Neudefinition des Begriffs „Erbsünde“ angeregt?
Da der Begriff „Erbsünde“ als contradictio in adiecto gesehen wird, schlägt der Autor vor, stattdessen von „Ursünde“ zu sprechen, um die willentliche und verantwortliche Entscheidung des Individuums zu betonen.
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- Dimitry Husarov (Author), 2003, Die Erbsündenlehre: Grundlage und Entstehungsgeschichte, Munich, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/35835