Moderne Kriegsführung am Beispiel des Suezkrieges 1956

Der arabische Nationalismus als Grundlage der Konfliktregion am Suez


Fachbuch, 2017
50 Seiten

Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

I. Einleitung

II. Kriegstheorie
1. Clausewitz Definition vom Krieg in der Zweck-Mittel-Ziel Relation
2. Moderne Kriegstheorien

III. Der Suezkrieg 1956 und die verfehlte Schwerpunktbildung und Initiativergreifung
1. Das Fehlen einer strategischen Planung
2. Der Kriegszustand und die Frage nach dem operativen Schwerpunkt
3. Die Intensivierung der militärischen Mittel
4. Die internationale Ebene und die relative militärische Kräfteverschiebung

IV. Die Nahostpolitik des Westens nach dem Zweiten Weltkrieg als Problemfaktor im arabischen Raum
1. Die panarabistische Revolution als Fundament der arabischen Militarisierung
2. Ägyptens Verständnis des Krieges als Fortsetzung der Politik mit anderen Mitteln.
3. Folgen des Suez-Krieges

V. Fazit:

VI. Literaturverzeichnis

Gewidmet:

Herrn General a. D. Millotat, General a. D. Laubenthal und General a. D. Lather, sowie Oberstleutnant a. D. Hartmann und Oberst a. D. Fett.

Und meinem akademischen Lehrer der Sicherheitspolitik Prof. Schößler.

Autor:

Zarrouk, Ilya studierte in Mannheim und Heidelberg Geschichte- und Politikwissenschaft und in Speyer Verwaltungswissenschaft. Beides schloss er mit Magister ab. Sein Hauptforschungsgebiet ist die Verteidigungs-, Sicherheits- und Militärpolitik, Militärgeschichte, Völkerrecht und der arabische Raum. Zuletzt veröffentlichte er einen Essay zum Transformationsprozess in der arabischen Welt. Zudem kam ein Essay zur geschichtlichen Entwicklung Tunesiens ab dem Jahre 1956 heraus. In Vorbereitung befinden sich ein Essay zu der offenen Schreckensherrschaft des IS und der verdeckten Schreckensherrschaft der arabischen Militärregierungen sowie ein Essay zu den Verwicklungen der nahöstlichen islamischen Staaten mit den Supermächten im Kalten Krieg. Der Autor ist zudem Lehrbeauftragter der Abendakademie und anderer wissenschaftlicher Institutionen.

I. Einleitung

Durch die Transformationsprozesse in der islamischen arabischen Hemisphäre und die Fragmentierung der islamischen Gesellschaften von Libyen, über Syrien, Irak und Jemen sowie die Neukonstituierung der Despotien in Ägypten, Tunesien und Bahrain, stellt sich die Frage, warum es nach den arabischen Rebellionen der Jahre 2010/11 nicht zu demokratischen Prozessen gekommen ist. Gleichzeitig erhebt sich die Frage, weshalb der militärisch-industrielle Komplex gegenüber zivilgesellschaftlichen Prozessen so resistent ist, obwohl die arabischen Staaten in der jüngeren Geschichte nie eine militärische Auseinandersetzung gewonnen haben. Insbesondere anhand des Suez-Krieges soll erläutert werden, in wie weit ein Militärkomplex kriegsfähig und auch operationsfähig ist und in wie weit die Initiativergreifung im Kampf von Bedeutung ist. Zugleich soll gefragt werden, welche Komponenten gegeben sein müssen, damit eine sich transformierende Gesellschaft, wie die arabische, auch zivilgesellschaftliche Prozesse durchlaufen kann und weshalb sie nach der Konfrontation von 1956 diese Prozesse nicht durchlaufen hat. Dabei wird hier wie folgt vorgegangen: Zunächst konzentriert sich die Analyse auf die Definition des Begriffes Krieg und auf die theoretischen, operativen Fragen eines Krieges. Zweitens wird dann die operative und politische Phase des Suez-Krieges betrachtet. Zuletzt werden die Folgen dieser Auseinandersetzung erläutert.

II. Kriegstheorie

1. Clausewitz Definition vom Krieg in der Zweck-Mittel-Ziel Relation

Carl von Clausewitz definiert Krieg als erweiterten Zweikampf. Somit ist Krieg eine Zusammensetzung mehrerer Zweikämpfe, wobei zwei größere Einheiten wie zwei Ringende gegeneinander antreten.[1] Durch physische Gewalt wird einer der beiden durch das Aufzwingen des Willens zu einem bestimmten Zweck niedergerungen.[2] Das heißt, widerstandsunfähig gemacht.[3]

Der Krieg ist also definitorisch eine Aktion der Gewalt, um den Gegner zur Erfüllung eines gewissen Willens zu zwingen.[4] Die physische Gewalt richtet sich demnach nach bestimmten Mitteln und nach einem bestimmten Zweck aus.[5] Die Mittel sind hierbei dem Zweck anzugleichen, der Feind an sich muss sich dem gegnerischen Zweck also unterordnen.[6] Das ist das eigentliche Ziel jeder kriegerischen Handlung.[7] Alle anderen Parameter sind demnach dem Krieg nicht zugehörig. Jeder Krieg, ob er zwischen fortentwickelten oder nicht-fortentwickelten Staaten stattfindet, ist in seinem Fundament grundsätzlich zerstörerisch und grausam. Der Kampf bezieht sich demnach auf die Feindseligkeit der Gefühle und somit auch nach dem Willen und der Absicht.[8] Ist der Krieg also das Manifest der Gewalt, so formt er die Emotion der Kriegsgesellschaft.[9] Damit ist nach von Clausewitz der Krieg die Form der Gewalt, in der es auch keine Grenzziehungen gibt und diese Form der Gewalt steht in einer gewissen Wechselwirkung zwischen zwei Ringenden, die das Äußerste nicht scheuen. Wenn der Gegner den Willen, den man ihm aufzwingen will, erfüllen soll, muss er zu der Erkenntnis kommen, dass die Opfer für ihn zu groß sind, um den Kampf fortzusetzen oder aber, um ihn an einer anderen Stelle und an einem anderen Zeitpunkt wieder aufzunehmen.[10] Nach Clausewitz muss also durch den kriegerischen Akt der Gegner de facto wehrlos gemacht werden, was bedeutet, dass man ihn nicht nur entwaffnet, sondern ihn völlig niederwirft. Das ist das oberste Ziel des kriegerischen Aktes.

Der Krieg an sich ist eine flexible Kraft in der sich Massen bewegen, das heißt, wir sprechen von zwei bewegenden Kräften, die aufeinander stoßen. Und dieser Fakt muss von beiden Seiten als Teil des Kampfes gedacht werden.[11] Hierin sehen wir wieder die Wechselwirkung innerhalb eines Krieges nach clausewitzschem Verständnis. : Solange a eine der beiden Seiten nicht vernichtet oder niedergeworfen ist, ist die Gefahr gegeben, dass sie sich wieder erholt.

Das Gesetz des Krieges ist das Paradigma der äußersten Kampfführung.[12] Um den Gegner niederwerfen zu können, muss das Produkt gedacht werden, zwischen den vorhandenen militärischen und ökonomischen Mitteln und der Stärke der Willenskräfte der kämpfenden Massen.[13] Wenn Clausewitz die Behauptung aufstellt, dass die vorhandenen Mittel nicht das entscheidende Momentum seien, sondern eher die Stärke des Kriegsmotivs, so muss man dem hier vorab widersprechen, weil in der modernen Kriegsführung schon sehr deutlich geworden ist, dass die fiskalischen, ökonomischen und militärischen Mittel für eine größere militärische Aktion notwendig sind.

Dennoch ist es unbestreitbar, dass die Suche nach der äußersten Form des Kampfes das Gesetz des Krieges darstellt. Damit ist der Krieg durchaus, wie es Clausewitz beschreibt, ein isolierter Akt, der sich von allen anderen politischen Akten unterscheidet. Er besteht zugleich auch aus einer Vielzahl von Entscheidungen.[14] Er ist eine vollendende Entscheidung, welche sich nicht auf eine ursprüngliche Entscheidung an sich zurückführen lässt. Weil der Krieg eine isolierte Form der Politik darstellt, können die militärischen Kräfte nicht gleichzeitig zur vollen Entfaltung kommen und damit auch nicht gleich zur vollen Wirksamkeit generieren.[15] Die Kräfte subsumieren sich in den Streitkräften und im Staat selbst durch die Bevölkerung und durch die verbündeten Kräfte.[16] Dabei spielt die Bevölkerungsgröße nach Clausewitz eine entscheidende Rolle, denn aus ihr heraus entstehen die militärischen Kräfte. Natürlich ist es möglich, alle Streitkräfte einer flexiblen Kriegsführung zuzuführen Allerdings darf man eventuelle geographischen Barrieren nicht außer Acht lassen. Das heißt, man wird einen Staat nicht sofort mit Krieg überziehen können. Auch die Bündnisverpflichtungen treten aufgrund der politischen Verhältnisse meist später in Erscheinung.[17] Deshalb ist es von Anfang an notwendig, den politischen Zweck eines Krieges zu definieren.[18] Denn der Krieg und seine Ergebnisse unterliegen nicht allein dem Willen der kriegführenden Mächte, sondern auch den Wahrscheinlichkeitsgesetzen. Somit gibt der politische Zweck eines Krieges immer auch das Motiv, aus dem Krieg geführt wird.[19] Wenn davon ausgegangen wird, dass die eine Seite von ihrem Gegner weniger Opfer verlangt als ursprünglich gedacht, so werden die Mittelanstrengungen für die Kriegführung auch geringer sein.[20] Wenn zwei Völker oder zwei Staaten aus politischen Motiven oder politischen Spannungen heraus eine Vielzahl von feindseligen Elementen ansammeln, so kann durchaus der Krieg in seiner naturellen Form zur vollen Entfaltung kommen.[21] Beispiele hierfür sind sowohl der 1. und der 2. Weltkrieg als auch die Kriege der Zeitgeschichte. Das Ziel kann zumeist nicht nur die Vernichtung der feindlichen Kräfte sein, sondern auch die Eroberung gesamter Provinzen. Beispiele hierfür bieten der 7jährige oder der 30jährige Krieg. Allerdings ist es notwendig, das Ziel des Krieges so genau wie möglich zu bestimmen, um dieses dann beim Friedensschluss auch politisch vertreten zu können.[22] Je umfassender das Ziel, desto größer die kriegerischen Anstrengungen. So kann sich ein Krieg von der bewaffneten Beobachtung (siehe Kalter Krieg) bis hin zum Vernichtungskrieg ausdehnen.[23]

Warum allerdings manche bewaffnete Handlungen häufig zum Stillstand kommen (Waffenstillstand) kann nicht nur an den politischen Forderungen liegen, sondern durchaus auch an den aufgebotenen Mitteln, die manchmal nicht ausreichen.[24] Ein Beispiel hierfür sehen wir im Unabhängigkeitskrieg Amerikas zwischen 1776 und 1815. Auch die napoleonischen Kriege bieten hierfür Beispiele. Deshalb, so Clausewitz, braucht jede kriegerische Handlung zur Vollziehung der absoluten physischen Gewalt eine gewisse Zeit und Dauer.[25] Clausewitz verweist darauf, dass, wenn wir die kriegerischen Akte in Zeitintervalle einteilen, die Gefahr besteht, dass die kriegerische Form durchaus zum Stillstand kommen kann, wobei er dies als nicht logisch erachtet. Dies liegt daran, dass gerade in der modernen Kriegsführung der Bewegungskrieg im Gegensatz zum Stellungskrieg des 18. Jh. ein entscheidendes Momentum ist.[26] Der Stellungskrieg basiert auf der Stärke der Feuerkraft, während der Bewegungskrieg des 19., 20., und 21. Jh. auf der Schnelligkeit der militärischen Kräfte aufbaut.[27] Gerade deshalb ist die Aufteilung der Kriegshandlung in Zeitintervallen in Zeiten der technologischen Kriegführung nicht zielführend.

Der einzige Grund, warum eine Kriegshandlung still stehen sollte, ist der, dass einer der beiden Gegner einen günstigen Zeitpunkt für eine Initiative abwartet. Dies ist nur dann der Fall, wenn auf der einen Seite der Vorteil auf der anderen der Nachteil deutlich hervorsticht..[28] Ergreift die eine der feindlichen Seiten die Möglichkeit des Handelns, so muss das Interesse der anderen Seite im Bereich des Abwartens liegen..[29] Interessant an der Theorie von Clausewitz ist, dass er das Gleichgewicht der Kräfte nicht als Stillstandsgrund für die kriegerischen Handlungen sieht, denn er ist der Meinung, dass der Angreifende immer das stärkere Momentum im Krieg hat.[30] Das heißt, Clausewitz konnte sich die politische Form eines Kalten Krieges nicht vorstellen. Dies liegt natürlich daran, dass er seine Theorie Anfang des 19. Jh. entwickelt hat. Deshalb fordert er auch, dass, selbst wenn der Gegner besiegt ist, der Sieger weiterhin in der Handlungsperspektive bleiben muss, damit der Feind sich nicht erneut ökonomisch und militärisch organisieren kann.[31] Das gilt im Übrigen für beide Seiten. Insofern hat er die Skizze eines Kalten Krieges doch schon gezeichnet.

Clausewitz sagt zu Recht, dass kriegerische Aktivitäten nicht kontinuierlich stattfinden, sondern dass es immer und zu jeder Zeit eine Vielzahl von Kriegen gibt, wobei die Handlung an sich die geringste Zeitspanne einnimmt. . Das heißt wiederum, dass die Kriegsleitung auf der einen wie auf der anderen Seite, in einem bipolaren Verhältnis steht Das macht das Gesetz des Krieges aus.[32] Das Prinzip der Bipolarität ist nur gegeben, wenn beide Kriegsführungsstäbe das gleiche Ziel habe, die Vernichtung der anderen Seite..[33] Das Absolutum dieser auf die jeweils gegnerische Seite gerichtete Vernichtungsabsicht ist die Schlacht, in der Beide siegen wollen,.[34] Der Krieg kennt eben nicht nur eine Form, er zerfällt in Angriff und Verteidigung. Wenn der Angriff sich von der Verteidigung nur von positiven Motiven treiben ließe, wobei der Angriff das positivere Motiv hat, so wäre der Kampf bzw. die Schlacht ein und dieselbe.[35] Und damit wäre der Kampf immer von demselben Vorteil oder Nachteil durchdrungen.[36] Dennoch unterscheidet sich sehr wohl Angriff und Verteidigung voneinander und zwar in der Stärke der Kampfform.[37]

Die Bipolarität der Kriegführungsstäbe unterscheidet sich also dahingehend, auf welche Kampfform sich beide beziehen, auf Angriff oder Verteidigung. Ein Beispiel hierfür: Während Manstein 1943 in der sowjetischen Stadt Charkow das Momentum des Angriffs bevorzugte, entschied sich General Henrici bei den Seelower Höhen 1944 für das Momentum der Verteidigung.[38] Manstein hatte 1943 wahrscheinlich auch aufgrund der materiellen Möglichkeiten mehr Erfolg mit seinen Operationen als Henrici.[39]

Während Clausewitz die Überlegenheit mehr in der Verteidigung sieht, betont später Moltke d. Ä. später die Überlegenheit des Angriffs. Gerade, weil der General der napoleonischen Kriege glaubt, in der Verteidigung die Überlegenheit zu sehen, erklärt sich wiederum auch, warum die meisten kriegerischen Handlungen zum Erliegen kommen. Dies liegt allerdings auch in der Historie begründet, weil der General des 19. Jh. mehr den Stellungskrieg , als den Bewegungskrieg erlebt hat.[40] Clausewitz ist allerdings dagegen, dass die Kriegshandlungen zu häufigen Stillständen kommen, denn in solchen Fällen entfernt sich der Kampf von der schnellen Reaktion aufeinander und so wird der das Ergebnis des Krieges an sich, und somit auch das der aufeinander folgenden Schlachten, immer mehr zu Wahrscheinlichkeitsgegebenheiten. Die einzelnen Kriegsereignisse, das kommt aus der Natur der Sache, können stark vom Zufall beeinflusst. werden Der Zufall basiert wiederum auf dem Ungefähren, das die Kriegsführungsstäbe mit einberechnen müssen.[41] Der Mut im Krieg reicht allein nicht aus, denn jede Initiative und Reaktion im Kampf und Ringen um die Niederwerfung des Gegners zieht nach sich, dass neben dem Mut auch das Vertrauen, das Glück, die Kühnheit, aber auch die seelische Verfassung der befehlshabenden Stäbe das Element des Ungefähren minimieren können.[42] Damit ist der geistige Faktor die Grundlage jeder taktischen und strategischen Ausarbeitung eines militärischen Ringens, wobei der Mut gegenüber der Gefahr durchaus auch die Gefährlichkeit des Kampfes minimieren kann.[43] Somit ist der Feldherr oder die militärpolitische Führung im Krieg nicht nur in der Theorie die Basis für die Gewichtung zwischen Mittel und Zweck in der Kriegsführung, sondern auch in der Praxis.[44] Er ist es auch, der die Begeisterung, die Leidenschaft, aber vor allem den Mitteleinsatz bestimmt.[45]

Der Krieg kann damit die Versammlung ganzer Völker sein, wobei der Krieg an sich der Teil eines politischen Zustandes ist.[46] Damit sind militärische Aktivitäten und der Krieg gemeinhin ein politischer Akt.[47] Letztlich lässt sich aber feststellen, dass es häufig zu Disparitäten zwischen politischer Führung und der Kriegsleitung kommt.[48] Es bleibt aber der Intelligenz der Kriegführenden überlassen, ob der Krieg schnell oder weniger schnell beendet wird, ob die Spannungen zunehmen oder sich lösen, ob das militärische Ziel schnell oder weniger schnell erreicht wird.[49] Damit bleibt, jedoch der Krieg nichts anderes als die Fortsetzung der Politik mit anderen Mitteln.[50] Denn der Krieg an sich ist nicht nur eine politische Gegebenheit, sondern ein politisches Werkzeug, das den politischen Verkehr regelt und dies mit anderen Elementen.

Dabei ist es jedoch essenziell, dass die Absicht der politischen Führung den Mitteln, die sie zur Verfügung stellt, nicht entgegensteht. Es obliegt daher dem Feldherrn, der die Kriegskunst regelt, klar den Anspruch zu formuliert, dass für den Zweck des Krieges und auch das Ziel die entsprechende Mittel gegeben werden und dass es, abhängig vom Verlauf des Krieges, K immer wieder zu angemessenen Modifikationen kommt..[51] Je stärker die Auswüchse des Kriegs e und je mehr es um das Bestehen eines gesamten Volkes geht, je größer und gewaltsamer die Spannungen zunehmen, desto mehr nimmt der Krieg eine neue Form an.[52] Das heißt wiederum, dass je mehr die Ziele eines Krieges mit dem politischen Zweck einhergehen, um so größer sind die kriegerischen Handlungen, und um so weniger ist der Krieg mit größter Wahrscheinlichkeit politisch.[53] Beispiele dafür sind vor allem Bürgerkriege, wie beispielsweise der Bürgerkrieg im Libanon in den 70er und 80er Jahren, oder ethnische Konflikte wie jene in Somalia. Je geringer jedoch die Spannungen und die militärischen Auseinandersetzungen sind, umso wahrscheinlicher ist, dass der Krieg eine politische Ausrichtung einnimmt.[54] Während bei der einen Handlung der Krieg durch die Politik eher überdeckt wird als geführt, so ist auch klar, dass, wenn die Politik eher in die Defensive geht, der Krieg an Totalität zunimmt. Das Beste Beispiel hierfür ist der 1. Weltkrieg auf deutscher Seite ab 1916, in dem die Dritte Oberste Heeresleitung auch die politische Führung übernahm.[55]

Wenn also über die Intelligenz gesprochen wird, dann wird damit der personifizierte Staat dargestellt und mit dieser Personifizierung geht auch die politische Lage und die geostrategische Lage mit einher, auf deren Berechnung auch die Verhältnisse mit jenen ein Krieg geführt wird, festgelegt werden.[56] Damit ist Politik nicht nur ein allgemeiner Begriff, sondern er ist eine Konvention unter der entweder Gewalt abgewendet werden kann oder zunimmt.[57] Damit ist Krieg auch nicht einfach nur ein sich verselbstständigender Umstand, sondern, wie schon deutlich geworden, politisches Instrument. Nur mit dieser Definition ist es möglich, auch aus der Kriegsgeschichte zu lernen.

Jedoch gerade wegen der Vielseitigkeit der Kriegsgeschichte muss festgestellt werden, dass der Krieg nach Clausewitz eher einem Chamäleon ähnelt, als einer konkreten Sache und damit basiert diese gesamte Erscheinung des Phänomens Krieg auf einer Grundlage dreier Faktoren. Einmal aus der schon erwähnten Gewaltsamkeit, dem Hass und der Feindschaft und dem Umstand der Wahrscheinlichkeiten, der den Zufall im Kampfe ausmacht.[58] Damit ist die Natur des Krieges erst zu einem politischen Werkzeug geworden, während die Gewaltsamkeit aus dem Volkswillen entspringt und der Hass, die Feindschaft und die Wahrscheinlichkeiten des Zufalls eher dem Feldherrn und dem Heer (Armee) zuzuschreiben sind, also auch drittens der Regierung.[59] Um überhaupt den Zweikampf als den untergeordneten Terminus des Krieges zu entfalten, muss der Wille bereits bei den Völkern bestehen, sonst droht der Kampf entweder in einem Stillstand zu enden, oder sogar völlig zu verlöschen. Wie weit die Wahrscheinlichkeitsvarianten und der Zufall ab- oder zunehmen, liegt an der Fähigkeit des Feldherrn und der Streitkräfte, wobei der Zweck des Krieges und des Kampfes eher bei der Regierung zu suchen ist.[60]

2. Moderne Kriegstheorien

Nach dem 2. Weltkrieg stellte General Giulio Douhet fest, dass den Luftstreitkräften für die zukünftige technologisch geführte Kriegsführung, eine bedeutende Rolle zu kommt .[61] Seine Forderung für die italienischen Streitkräfte war, dass diese in der Lage sein müssten, Österreich, das ein Alpenstaat ist, durch strategische Bombardierung zu vernichten.[62] Er war der Meinung, dass diese Bombardierung unabhängig von Heer und Marine möglich sein müsse.[63] Deshalb stelle er zusätzlich die Maxime auf, dass gegnerische Luftstreitkräfte ihrer Flexibilität beraubt werden müssten.[64] Hier ist von der absoluten Initiativergreifung zu sprechen, also vom absoluten Willen, den Gegner niederzuwerfen. Er war der Meinung, dass durch den Bombenkrieg mit geringer Unterstützung anderer Waffengattungen die Möglichkeit gegeben würde, den Gegner in kürzester Zeit niederzuwerfen.[65] Allerdings benannte er das Ziel dieser Kriegsführung in der Vernichtung industrieller und infrastruktureller Zentren. Durch diese Form der technologischen Kriegsführung glaubte der italienische Luftwaffengeneral, dass der feindliche Staat so physisch getroffen und geistig gelähmt würde, dass er dann nicht mehr in der Lage sei, den Krieg fortzusetzen. Dabei sollten Armee und Flotte nur eine eher ungeordnete Rolle spielen, sozusagen als nachrangige Stoßtruppe. Douhet fordert deshalb eine strategisch-taktische Luftflotte, die selbstständig agieren sollte.[66] Generalfeldmarshall Rommel kam zum Schluss: : „Derjenige, der selbst mit modernen Mitteln gegen einen in der Luft völlig überlegenen Gegner ankämpfen muss, kämpft wie ein Buschneger gegen moderne europäische Truppen mit denselben Chancen und unter den gleichen Bedingungen.“[67]

Nach dem Ersten Weltkrieg waren vor allem die westlichen Staaten noch im Denken der alten militärischen Strategie gefangen, anders gesagt, auf die alten Mittel-Zweck-Verbindungen eines Krieges gepolt.[68] Nämlich auf der Grundlage eines Stellungskrieges. Das beste Beispiel für diese Denkweise war die französische Maginot-Linie.[69] Indes war das Militär der ab 1936/38 sich formenden Achsenmächte darauf gedrillt worden, und zwar auf Grundlage der Theorien von Douhet, Fuller, Hart und Guderian, operativ eingesetzte Panzerkorps in Parität mit Luftstreitkräften einzusetzen.[70] Die taktisch-operativen Erfahrungen des Ersten Weltkrieges waren dahingehend novelliert, dass man die Erkenntnis gewonnen hatte, dass die Infanterie nicht mehr den Ausschlag in einem Kampf geben würde. Die Infanterie war nur noch von Bedeutung, wenn sie in geöffneter Ordnung auf dem Schlachtfeld agieren konnte.[71] Daher ging man von einem „leeren Schlachtfeld“ aus.[72] Der Grund hierfür war, dass mechanisierte Waffen die Bewegung der Infanterie einschränkten. Deshalb war auch die Meinung dahingehend different, inwieweit die Panzerwaffe in einem modernen Krieg eingesetzt werden sollte.

Bei der Luftwaffe hat man schon durch Douhet neue Erkenntnisse gewonnen. Während des 1. Weltkriegs war der Kampfpanzer (Tank) eher eine Begleitwaffe der Infanterie, weshalb es den Deutschen und Österreichern immer wieder gelang, Geländegewinne zu verteidigen.[73] Damit war der Panzer im Grunde genommen nur ein taktisches Mittel. Fuller und Hart waren jedoch der Auffassung, dass der Panzer im Kriegsbild der Zukunft völlig neue Einsatzmöglichkeiten hätte. Fuller war der Auffassung, dass die Zeit der Kavallerie sein Ende gefunden hätte und deshalb müssten Panzer wie Infanteriebrigaden geführt werden, oder, noch besser, wie Kavalleriebrigaden. Er war auch der Ansicht, dass sich Wehrpflichtheere nicht mehr nur aus Infanterie und Artillerie zusammensetzen würden. Er war eher der Meinung, dass gut ausgebildete, mechanisierte Kampfeinheiten oder sogar Heere, blitzartig mit größtmöglicher Flexibilität und durch schnelle Bewegungen in die Tiefe der Räume des Gegners vorstoßen sollten, um Abwehrpunkte und Versorgungslager zu vernichten. Deshalb ernannte Fuller die Panzerwaffe zur Königin des Schlachtfelds.

Hart war dem Kriegsbild der Zukunft noch näher. Er war der Auffassung, dass man im Krieg der Zukunft immer an der schwächsten Stelle des Feindes angreifen sollte. Dies bringt wieder die Rolle des Zufalls dund die offenen Ergebnisse der Wahrscheinlichkeitsrechnung in die Kriegsführung, .[74] Gleichzeitig bedeutet dies, dass man den Gegner durch Neben- und Scheinangriffe täuscht, um den Schwerpunkt des Angriffs zu verschleiern, bis es dem Feind unmöglich erscheint, eine Verteidigungslinie aufzubauen.[75]

Hier wird deutlich, dass der Angriff ein stärkeres Momentum entwickelt als die Verteidigung. Hart verweist hierbei auf die Tatsache, dass die deutschen Stoßtrupps im Ersten Weltkrieg durch Einsickern in Räume, vor allem im letzten Kriegsjahr, noch Erfolge verzeichnen konnten.

Genauso wie Infanterie-Stoßtrupps im Ersten Weltkrieg agiert hatten, so glaubte Hart, Panzer führen zu können, und zwar in Form von Panzerkeilen, um feindliche Stützpunkte zu eliminieren. Das heißt, Flankierung feindlicher Stellungen und damit das Vernichten feindlicher Gefechtsstellungen als auch Versorgungseinrichtungen im rückwärtigen Feindraum waren das Ziel.

Dies wiederum bedingte das Abschneiden des Feindes von seinen rückwärtigen Linien, was wiederum zur Folge hat, dass der Gegner eingekesselt und vernichtet würde.[76] Im Gegensatz zu Fuller sieht Hart eine Achse zwischen den Panzern, der mechanisierten Infanterie und den sogenannten taktischen Luftstreitkräften. Hiermit unterscheidet sich Hart auch deutlich von Douhet. Darauf bauten auch die Generale Guderian und der österreichische General Einmannsberger im Zweiten Weltkrieg. Es war ebenfalls klar, dass das Aufkommen einer Luftwaffe für die Seekriegführung große Folgen hatte, denn Kampfflugzeuge als strategisch-taktische Waffe, waren ein gefährlicher Gegner für Kriegsschiffe, weshalb man dazu überging, Flugzeugträger als neues technologisches Kampfmittel einzusetzen.[77] Die deutsche Reichwehr baute bereits in der Zwischenkriegsphase zwischen 1918 und 1936 auf sogenannte Führerheere auf, das heißt, der Soldat und Pilot wurden dazu ausgebildet, auch höhere operative Aufgaben zu übernehmen. Das war die Perfektion der Auftragstaktik.[78] Während also die westlichen Demokratien weiterhin eher auf den Stellungskrieg verharrten, bauten die Achsenmächte auf die Operabilität von Panzerkorps im Zusammenwirken mit einer strategisch-taktischen Luftwaffe, um damit feindliche Festungsanlagen zu durchstoßen und damit logischerweise genügend Operationsfreiheit zu erwirken.[79] Diese Form des Krieges baut auf eine sehr starke Eigeninitiative, denn nur damit lassen sich schnelle Bewegungskämpfe erreichen. Die Grundlage dieser strategisch-taktischen Initiativergreifung fußt auf dem sogenannten Blitzkrieg.[80] Der Gedanke dieser strategischen Kriegsführung liegt darin, die feindlichen Streitkräfte aufzusplittern, zu umfassen und zu eliminieren.[81] Jenes Kriegsphänomen, das im Übrigen voll dem clausewitzianischen Kriegsgedanken entspricht, ist nicht nur für den Feind demoralisierend und schränkt ihn in seiner Entscheidungsfähigkeit ein, sondern das hat auch in den ersten Kriegsjahren der Achsenmächte zur Folge, dass diese in den ersten Jahren halb Europa überrennen konnten.[82] Für den Erfolg der Feldzüge zwischen 1939 und 1940 lässt sich auch attestieren, dass die deutschen, japanischen und teilweise italienischen Truppen nach dem Muster der Auftragstaktik geführt wurden.

Das Problem bei so einer Kriegsführung ist aber auch, dass der Krieg sehr zentral geführt werden muss. Bei der deutschen Wehrmacht war das von 1939 -1945 nicht der Fall, es ist eher von einem Führungschaos zu sprechen, was sich am Ende des Krieges zusätzlich als Nachteil erweisen sollte.[83] Ebenfalls wichtig für die Führung eines solchen Kampfes, der meistens aber auch aus der Perspektive der Schwäche eines Staates resultiert, ist die Wirtschaftskraft und die zur Verfügung stehenden Rohstoffe. Auch die Frage der Finanzierung eines solchen Kriegsunternehmens ist von wesentlicher Bedeutung. Daraus resultiert , dass das Deutsche Reich, wenn wir dies als Beispiel anführen, im Jahre 1939 noch nicht kriegsbereit war. Wie nun gepanzerte Großverbände zu führen sind, können wir an zwei Beispielen festmachen:

[...]


[1] Clausewitz 2008

[2] Ebd.

[3] Ebd.

[4] Ebd.

[5] Ebd.

[6] Ebd.

[7] Ebd.

[8] Ebd.

[9] Ebd.

[10] Ebd.

[11] Ebd.

[12] Ebd.

[13] Ebd.

[14] Ebd.

[15] Anmerkung: siehe auch hierzu Moltke oder Schlieffen .

[16] Clausewitz 2008

[17] Ebd.

[18] Ebd.

[19] Ebd.

[20] Ebd.

[21] Ebd.

[22] Ebd.

[23] Ebd., siehe auch: Kennedy 2000

[24] Ebd.

[25] Ebd.

[26] Fuchs 1977

[27] Ebd.

[28] Clausewitz 2008.

[29] Ebd.

[30] Ebd.

[31] Kennedy 2000.

[32] Siehe: Moltke

[33] Ebd.

[34] Ebd.

[35] Ebd.

[36] Ebd.

[37] Clausewitz 2008

[38] Fuchs 1977

[39] Ebd.

[40] Ebd.

[41] Ebd.

[42] Clausewitz 2008.

[43] Ebd.

[44] Ebd. Siehe auch: Aktuelles Weißbuch der Bundesweh

[45] Ebd.

[46] Ebd

[47] Ebd.

[48] Ebd. Siehe auch: Bismarck und die Generäle.

[49] Ebd.

[50] Ebd.

[51] Siehe: Moltke.

[52] Siehe: Münkler.

[53] Ebd.

[54] Clausewitz 2008.

[55] Anmerkung: Wilhelm II. war de facto 1916 abgesetzt und Hindenburg und Ludendorff übernahmen die politische Verantwortung im Inland und bei Kriegsführung.

[56] Siehe hier: Max Weber: Staat und Politik.

[57] Clausewitz 2008.

[58] Ebd.

[59] Ebd.

[60] Ebd.

[61] Fuchs 1977.

[62] Ebd.

[63] Siehe: Alpenkriegsführung im Kalten Krieg, veröffentlicht vom Militärgeschichtlichen Forschungsamt.

[64] Fuchs 1977.

[65] Siehe: John Keegan: Der Bombenkrieg.

[66] Fuchs 1977

[67] Ebd.

[68] Ebd.

[69] Anmerkung: Die Maginot-Linie war ein Schutzwall an der Grenze zu Deutschland, um konzentrierte Angriffe deutscher Verbände zu verhindern. Siehe hierzu auch: Frieser: Der Blitzkrieg.

[70] Fuchs 1977. Siehe auch: Frieser.

[71] Ebd.

[72] Ebd.

[73] Ebd. Anmerkung: Die Mittelmächte erfanden am Ende des 1. Weltkrieges die bewegliche Verteidigung auf einem klar eingegrenzten Verteidigungsraum.

[74] Fuchs 1977, siehe auch: Frieser.

[75] Ebd.

[76] Ebd.

[77] Ebd.

[78] Anmerkung: Die Auftragstaktik ist ein Mittel, um Unterführer die Möglichkeit einzuräumen selbst nach gegebener Lage zu entscheiden, wie sie ihre Truppe im Gefecht führen.

[79] Fuchs 1977.

[80] Frieser.

[81] Ebd.

[82] Fuchs 1977, Kennedy 2000

[83] Anmerkung: Dadurch, dass OKW sich von den anderen Oberkommandostäben abhob und teilweise unterschiedliche Befehle ausgab und dies vor allem am Ende des Krieges, war keine klare Führung der Truppe mehr möglich. Hinzu kam die ständige Einmischung Hitlers und der SS. Siehe hierzu: Millotat .

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Details

Titel
Moderne Kriegsführung am Beispiel des Suezkrieges 1956
Untertitel
Der arabische Nationalismus als Grundlage der Konfliktregion am Suez
Veranstaltung
Autoritäre Systeme in der arabischen Region am 26.04.17 an der Abendakademie Mannheim
Autor
Jahr
2017
Seiten
50
Katalognummer
V358407
ISBN (eBook)
9783668440890
ISBN (Buch)
9783668440906
Dateigröße
1051 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
Suezkrieg, 1956, Jamel abdel Nasser, Nationalismus, Arabien
Arbeit zitieren
Ilya Zarrouk (Autor), 2017, Moderne Kriegsführung am Beispiel des Suezkrieges 1956, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/358407

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