Varianten einer christlichen Moderne bei Alexis de Tocqueville und Hans Joas

Betrachtung zweier Rechtfertigungsstrategien zur Vereinbarkeit traditioneller christlicher Werte mit Werten der Moderne


Seminararbeit, 2017

22 Seiten, Note: 1,7


Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1. Einleitung

2. Unliebsame Moderne - Die Ambivalenz zur christlichen Tradition
2.1. Menschenrechte
2.2. Demokratie

3. Hans Joas‘ Rechtfertigung universaler Menschenrechte
3.1. Eine neue Genealogie
3.2. Die Sakralisierung der Person
3.3. Wertgeneralisierung und Universalität

4. Alexis de Tocqueville - Religion als Vermittler von Individuum und Gemeinschaft
4.1. Der Individualismus und die politische Verfremdung des Menschen
4.2. Religion als gesellschaftliches Integrationsmoment
4.3. Besondere Eignung des Katholizismus

5. Vergleich der Rechtfertigungsstrategien

6. Schlussbetrachtung

Literaturverzeichnis

1. Einleitung

Demokratie und Menschenrechte - zwei Werte, die heute aus dem Kontext moderner Gesell- schaften nicht mehr wegzudenken sind. Hat sich die Demokratie seit der Aufklärung in der westlichen Hemisphäre entwickelt, über Rückschläge und Kriege hinweg gegen alle anderen Staatsformen durchgesetzt, um schließlich zum Richtwert aller Staaten hinsichtlich Partizipa- tion, Glaubwürdigkeit in den internationalen Beziehungen, sowie dem Schutz und der Gleich- berechtigung des Einzelnen zu werden, so ist es für Demokratien undenkbar, nicht für die Ge- währung und den Schutz von Menschenrechten einzutreten, indem diese als Grundrechte von der Verfassung eingeräumt werden. Die enge Verbundenheit dieser beiden Begriffe ist wenig verwunderlich, wenn man ihre Entstehungs- und Entwicklungsgeschichte betrachtet. So ent- stammen sie einer Zeit der politischen und gesellschaftlichen Umbrüche, in der sie immer wie- der von konservativen Mächten angegriffen wurden und gegen die sie sich durchsetzen muss- ten. Gerade im christlich geprägten Abendland ist es daher wenig verwunderlich, dass Demo- kratie und Menschenrechte in Konflikt mit dessen Traditionen geraten sind. Doch wie substan- tiell sind diese Konflikte und haben sie heute noch Bedeutung? Wie lässt sich christliche Tra- dition mit Demokratie und Menschenrechten vereinen?

Um sich diesen Fragen zu nähern, sollen im Folgenden zwei Autoren betrachtet werden. Der französische Spätaufklärer Alexis des Tocqueville befasste sich bereits Mitte des neunzehnten Jahrhunderts mit der Demokratie und nimmt sich in seinem zweiteiligen Hauptwerk Über die Demokratie in Amerika1 der jungen überseeischen Demokratie an, um exemplarisch die Chan- cen und Risiken einer modernen demokratischen Gesellschaft aufzuzeigen. Dass gerade der christliche Glaube dabei eine große Rolle spielt, soll im Folgenden deutlich werden. Auch im Plädoyer des deutschen Sozialwissenschaftlers und Ethikers, Hans Joas, für die Universalität der Menschenrechte wird der Religion als Integrationsfaktor eine große Rolle beigemessen. Diese Denker liefern einen Vorschlag, diese christlichen Traditionen mit den modernen Werten der Menschenrechte und der Demokratie zu verbinden und zeigen dabei auf, dass sie sich nicht unbedingt abstoßen, sondern womöglich sogar aufeinander angewiesen sind.

Bei der folgenden Betrachtung sollen zunächst kurz die historischen Ambivalenzen zwischen besagten Werten aufgezeigt werden. Dabei soll lediglich auf einige zentrale Streitpunkte ein- gegangen werden, um die grundlegende Problematik darzustellen.2 Anschließend erfolgt im Hauptteil der Arbeit die genauere Betrachtung der beiden Autoren unter dem Aspekt ihrer Ar- gumentation einer Vereinbarkeit. Hierbei wird zunächst auf Hans Joas und sein Werk Die Sak- ralität der Person3 eingegangen, indem er unter anderem den Zusammenhang zwischen uni- versalen Menschenrechten und christlichen Werten untersucht. Anschließend erfolgt die Be- trachtung von Tocquevilles Demokratie in Amerika4, ehe ein Vergleich der beiden Argumenta- tionsstrategien erfolgt. Bei diesem geht es darum, Gemeinsamkeiten und Unterschiede hinsicht- lich der vorgenommenen Vereinigung von christlicher Tradition und Moderne zu erkennen, um schließlich möglicherweise zwei Varianten einer christlichen Moderne aufzeigen zu können.

2. Unliebsame Moderne - Die Ambivalenz zur christlichen Tradition

„Alle Klassiker der modernen Gesellschaftstheorie, ob Marx oder Durkheim, Weber oder Parsons, haben die Moderne auch durch ihr Verhältnis zur Religion definiert.“5

Zwischen den Begriffen „Moderne“ und „Religion“ lässt sich vielerorts eine enge Beziehung herstellen, vor allem, wenn es um deren scheinbare Ambivalenz geht. Vielerorts lässt sich je- doch erkennen, dass gerade moderne Denkweisen häufig von Religion im Sinne des Verhält- nisses des jeweiligen Subjekts zu dieser beeinflusst, oder gar definiert werden. Tatsächlich wird stellenweise von einer historischen Verwachsenheit der Begriffe aufeinander ausgegangen. Eine solche Abhängigkeit vom traditionellen Christentum wird auch bei den hier betrachteten Begriffen der Menschenrechte und Demokratie festgestellt werden. Bevor diese jedoch anhand der beiden thematisierten Autoren aufgezeigt wird, soll im Folgenden zunächst kurz die jewei- lige historische Ambivalenz exemplarisch anhand einiger zentraler Streitpunkte betrachtet wer- den.6

2.1. Menschenrechte

Der Gedanke der Menschenrechte als neuzeitliche Entwicklung stand christlichen Traditionen zu keinem Zeitpunkt grundsätzlich entgegen. Tatsächlich weißt seine Entwicklungs- und Ent- stehungsgeschichte enge Parallelen zur Geschichte der christlichen Kirchen auf und ist mit de- ren Glaubensinhalten eng verflochten. So ist er etwa dem alttestamentlichen Rechtsgedanken der das Eintreten für Arme, Schwache, Kranke und Schutzbedürftige betont und zu einer zent- ralen Handlungsmaxime der Christen wurde immanent. Gerade dieser Gedanke musste jedoch immer wieder gegen den Widerstand von christlichen Kirchen und Gruppen durchgesetzt wer- den.

So wird angenommen, dass sich die französischen Rechtsentwicklungen im Zuge einer antikle- rikalen und -geistlichen Prägung vollzogen haben. Nicht nur der Umstand, dass sich die durch die Revolutionäre vorangetriebene Überwindung der ständischen Gesellschaft gegen den Wi- derstand der Kirchen vollzogen, sondern auch maßgeblich der Terror und die Gewalt, die mit der Französischen Revolution einhergingen, führten dazu, dass die darin entstandenen Rechts- auffassungen im neunzehnten Jahrhundert auf breite Ablehnung seitens der europäischen Groß- kirchen stießen. Auch speziell seitens der katholischen Kirche stieß der Menschenrechtsge- danke auf Widerstand. So handle es sich um zügellose Freiheitslehren der Reformation, die mit dem katholischen Verständnis von Naturrecht nicht zu vereinbaren seien. Die deutsche Evan- gelische Kirche wiederum glaubte in den individualistischen Zügen der Menschenrechte eine Unterschätzung der menschlichen Sündhaftigkeit und damit einhergehenden Unzurechnungs- fähigkeit zu erkennen, welcher nur mithilfe einer stabilen, restriktiven staatlichen Ordnung bei- zukommen sei.

Erst mit der Aufnahme der Menschenrechte in das Völkerrecht korrigierte die Kirche ihre Hal- tung gegenüber den Menschenrechten und trat darüber hinaus für deren Verwirklichung ein.7

2.2. Demokratie

Mit den historischen Ambivalenzen von Christentum und Demokratie verhält es sich ähnlich. So sind demokratische Denkweisen und die der Menschenrechte in ihrer Entwicklung vielerorts deckungsgleich. Beide haben sich im Rahmen von Säkularisierungstendenzen herausgebildet. Auf dem europäischen Festland waren der christliche Glaube und die Politik in der Ständege- sellschaft eng miteinander verwachsen. Die Autorität und hierarchische Struktur des Katholi- zismus spiegelte sich lange Zeit in der politischen Struktur dieser Gesellschaft wieder. Mit der Säkularisierung und der vollständigen Entfernung der Religion aus der Politik wurde somit ein über Jahrhunderte etablierter Grundpfeiler dieser quasi über Nacht entfernt. Nicht nur die Än- derung des politischen Systems, sondern auch die faktische Entmachtung des Klerus handelte den kirchlichen Vorstellungen zuwider. Die dogmatische Ambivalenz wird bei der Gewährung subjektiver Rechte in der Demokratie besonders deutlich. So zählt zu diesen auch das Recht auf freie Religionsausübung, was dem universalen Anspruch der katholischen Kirche widerspricht und einen weiteren Grund für die vermeintliche Unvereinbarkeit von deren Tradition und der modernen Demokratie darstellt.

3. Hans Joas‘ Rechtfertigung universaler Menschenrechte

3.1. Eine neue Genealogie

Hans Joas liefert in seinem Werk, Die Sakralität der Person8, einen bedeutenden Beitrag zur Debatte über die Legitimität universaler Menschenrechte. Bedeutend ist dieser vor allem aufgrund der von ihm gewählten Methodik, die auf diesem Forschungsfeld durchaus als innovativ betrachtet werden kann, wodurch er teilweise gänzliche neue Denkansätze und Erklärungsmuster findet. In diesem Zusammenhang liefert er einen neuen Ansatz zur Legitimation universeller Menschenrechte. Obgleich die Debatte über die Legitimität eines Universalitätsanspruchs dieser hier nicht in den Vordergrund rücken soll, so wird im Folgenden dennoch deutlich, dass gerade dieser ein immanenter Bestandteil einer Vereinbarung christlicher Traditionen mit modernen Menschenrechten im Sinne Hans Joas‘ ist.

Eine genealogische Untersuchung des Menschenrechtsgedankens stellt zunächst keine Erfin- dung Joas‘ dar. Wie der Untertitel seines Werkes erahnen lässt, versucht er sich vielmehr an „einer neuen Genealogie der Menschenrechte“9. Seine Argumentation lebt daher vielmehr von einer neuen Herangehensweise an diese und einer Abgrenzung von vorangegangenen genealo- gischen Untersuchungen. Dabei dient eine genealogische Herangehensweise der Herleitung ei- nes Sachverhaltes anhand historischer Entwicklungsprozesse und Kontinuitäten. So dient der Ansatz des Autors einer neuen historischen Herleitung der Entstehung der Menschenrechte als symbolische, wie rechtliche Institution. Des Weiteren stellt er den Versuch der Beantwortung nach der Frage der Begründung von Menschenrechten dar. In diesem Punkt ist der Ansatz in- sofern neuartig, als dass er eine neue Auffassung des genealogischen Verfahrens einführt, in- dem er es nicht zum Zweck der Kritik, sondern zum Zweck, besagte Begründung vorzunehmen, einsetzt.10

[...]


1 Tocqueville, Alexis de: Über die Demokratie in Amerika. 2 Bde., Zürich 1987.

2 Eine detaillierte Aufarbeitung der Diskussion zu den Menschenrechten liefern etwa: Heimbach-Steins, Marianne: Menschenrechte in Gesellschaft und Kirche. Mainz 2001; Hilpert, Konrad: Die Men- schenrechte: Geschichte, Theologie, Aktualität, Düsseldorf 1991; Huber, Wolfgang: Artikel „Menschen- rechte/Menschenwürde“, in: Müller, Gerhard u.a. (Hrsg.): Theologische Realenzyklopädie, Bd. 22, Berlin 1992, S. 577-602; zur Demokratie: Huber, Wolfgang: Protestantismus und Demokratie. In: Huber, Wolfgang (Hrsg.): Protestanten in der Demokratie, München 1990.

3 Joas, Hans: Die Sakralität der Person. Eine neue Genealogie der Menschenrechte, Berlin 2011.

4 Tocqueville, Alexis de: Über die Demokratie in Amerika. 2 Bde., Zürich 1987.

5 Aus: Kallscheuer, Otto: Säkularisierung und Moderne. Einführung des Herausgebers, in: Kallscheuer, Otto (Hrsg.): Das Europa der Religionen, Frankfurt am Main 1996, S. 213-216, hier: S. 213.

6 Vgl.: Kallscheuer, Otto: Sakralisierung und Moderne. S. 213. Vgl.: Krause, Boris: Religion und die Vielfalt der Moderne. Erkundungen im Zeichen neuer Sichtbarkeit der Kontingenz, Paderborn 2012, S. 35-37.

7 Vgl.: Huber, Wolfgang: Artikel „Menschenrechte/Menschenwürde“, in: Müller, Gerhard u.a. (Hrsg.): Theologische Realenzyklopädie, Bd. 22, Berlin 1992, S. 577-602, hier: 591-592. Vgl.: Hilpert, Konrad: Die Menschenrechte: Geschichte, Theologie, Aktualität, Düsseldorf 1991, S. 28-31. Vgl.: Maier, Hans: Kirche und Menschenrechte - Menschenrechte in der Kirche. In: Heimbach-Steins, Marianne: Jahrbuch für Christliche Sozialwissenschaften, Bd. 55, Münster 2014, S. 21-36.

8 Joas, Hans: Die Sakralität der Person. Eine neue Genealogie der Menschenrechte, Berlin 2011.

9 Joas, Hans, Die Sakralität der Person.

10 Vgl.: Joas, Hans, Die Sakralität der Person, S. 12-13. Vgl.: Raimondi, Francesca, Sakralität und Geschichte. Zum Verfahren einer „affirmativen Genealogie“, in: Große Kracht, Herman-Josef(Hrsg.), Der moderne Glaube an die Menschenwürde. Philosophie, Soziologie und Theologie im Gespräch mit Hans Joas, Bielefeld 2014, S. 81-95; hier: S. 81.

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Details

Titel
Varianten einer christlichen Moderne bei Alexis de Tocqueville und Hans Joas
Untertitel
Betrachtung zweier Rechtfertigungsstrategien zur Vereinbarkeit traditioneller christlicher Werte mit Werten der Moderne
Note
1,7
Autor
Jahr
2017
Seiten
22
Katalognummer
V358600
ISBN (eBook)
9783668434479
ISBN (Buch)
9783668434486
Dateigröße
959 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
Hans Joas, Alexis de Tocqueville, Demokratie, Menschenrechte, Moderne, Christentum, Wertentstehung, Sakralität der Person, Säkularisierung, Individiualismus, Verwaltungsdespotismus, Religion, Freiheit und Gleichheit
Arbeit zitieren
Thomas Schmaus (Autor), 2017, Varianten einer christlichen Moderne bei Alexis de Tocqueville und Hans Joas, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/358600

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