Fußballreportagen in der Pragmalinguistik. Sprachwissenschaftliche Untersuchungen deutscher und russischer Berichterstattung


Masterarbeit, 2008

106 Seiten, Note: 1,3


Leseprobe

INHALTVERZEICHNIS

Einführung

KAPITEL 1 INHALT UND METHODEN DER PRAGMALINGUISTIK
l.l.Theoretische Forschungen der Pragmatik
1. 2. Sprach-Handeln
1. 3. Sprechakttheorie
1.3.1 Kommunikationsmodell
1.3.2 Illokutionsklassen
1.3.3. Assertive Illokutionsklasse
1.3.4. Expressive und Emotive Illokutionsklassen
1.4. FAZIT

KAPITEL 2 DIE PRAGMALINGUISTISCHE UNTERSUCHUNG DER FUSSBALLREPORTAGEN
2.1. Das Fußballspiel als Grundlage für eine Reportage
2.2 Die Reportage als eine besondere Form der Berichterstattung
2.3. Pragmalinguistisches Herangehen an die Fußballreportage
2.3.1 Linguistische Komponente der Fußballreportage
2.3.2. Pragmatische Intentionen des Fußballreporters
2.4. FAZIT

SCHLUSSFOLGERUNG

Literaturverzeichnis

Tabelle 1

Tabelle 2

Anhang A

Anhang B

Anhang C

Anhang D

Legende

Resümee

Konferenzthesen

Einführung.

Die anliegende Forschungsarbeit „Die Fußballreportage als Objekt der pragmalinguistischen Untersuchung“ beschäftigt sich mit der Untersuchung der pragmalinguistischen Aspekte der Fußballreportagen. Nach dem Linguistischen Enzyklopädischen Wörterbuch kommt das Wort „Pragmatik“ aus dem Griechischen „pragma“ und bedeutet „Sache, Ding“ aber auch „Tun, Handeln“. „Pragmatik ist ein Forschungsbereich in der Semiotik und Sprachwissenschaft, der das Funktionieren von Sprachzeichen in der Rede untersucht.“ [91:389]

Die Pragmalinguistik als Wissenschaft von und über die Sprache ist relativ jung und befindet sich auf einer Entwicklungsstufe. Das erste Aufkommen des Begriffs „Pragmatik“ trifft im Jahre 1962, als das von J.L. Austin geschriebene Buch “ How to do things with words“ publiziert wurde. Seit diesem Zeitpunkt werden weltweit zahlreiche wissenschaftliche Beiträge der namenhaften Autoren zu diesem Thema veröffentlicht. Darunter Ch. W. Morris „Grundlagen der Zeichentheorie“, S.C. Levinson „Pragmatik“, K. Bühler „Sprachtheorie“, D. Wunderlich „Die Rolle der Pragmatik in der Linguistik“, J. Habermas „Theorie des kommunikativen Handelns“, und von russischen Forschern G.W. Kolschanskij „Pragmatika yazika“, N.D. Arutyunowa „Faktor adresata“, G.G. Pochepzov „Kommunikativnije aspekti semantiki“, I.P. Susov „Kommunikativnaya i pragmaticheskaya linguistika i eye edinizi“ u.a. Diese wissenschaftlichen Errungenschaften tragen zur Forschung der semantischen und pragmatischen Sprachbereichen, der Kommunikationsakten, Implikationen, der Textlinguistik bei. In erster Linie wurden die Sprechakte, und zwar die Dialoge, betrachtet. Auch die Reportage, als Zeitungsgattung, war der Gegenstand sowohl der journalistischen als auch linguistischen Forschungen. Unter Reportage wird „faktizierender Augenzeugenbericht und schildernder Erlebnisbericht in einem“ verstanden [22: 53]. Unter den Wissenschaftlern, die sich mit der Textart Reportage aus der journalistischen Sicht beschäftigt haben, sind L.G. Kajda, N.A. Pedaschenko, E.E. Kisch , G.Y. Solganik, M.N. Kim, M. Haller, W. LaRoche u.a. zu nennen. Auf linguistischer Ebene sind die Beiträge von Z.S.Loginova, V.G. Kostomarov, I. R. Galperin, I.M. Jurkovskij, I.N.Aksenova, H.H. Lüger, H. Bucher, W. Schneider u.a. von großer Bedeutung. In erster Linie war die Aufmerksamkeit der Sprachforscher auf die Analyse einzelner Aspekten gerichtet, so z.B. auf die Sportlexik oder den Textaufbau. Soweit die analysierten wissenschaftlichen Quellen zeigen, fand die Fußballreportage noch keine gebührende Untersuchung seitens der Linguisten. Darin besteht die Aktualität dieser Masterarbeit.

In dieser Arbeit wird die Fußballreportage zum Objekt der Forschung. Pragmatische Aspekte des Sprechaktes und Prinzipien des Sprachgebrauchs in der Fußballreportage sind Gegenstand dieser Arbeit.

Das Ziel der Arbeit besteht darin, die Fußballreportage mit Hilfe des pragmalinguistischen Herangehens tief greifender und umfassender zu analysieren. Um das obengenannte Ziel zu erfüllen, sind folgenden Aufgaben umzusetzen:

1) Die angewandten pragmatischen Theorien, Sprechakttheorien und ihre Komponenten zu erörtern (J.L. Austin, J.R. Searle).
2) Die Fußballreportage vom Standpunkt der Sprechakttheorie von I.P. Susov aus zu behandeln, aufgrund deren die pragmalinguistischen Bestandteile der Fußballreportage und ihre Intentionen festgestellt werden.
3) Die sprachliche Einheiten der Fußballreportagen auszuwählen, zu analysieren, und zu systematisieren, die vom Reporter für die Erfüllung der pragmatischen Intentionen benutzt werden.
4) Vergleichende Analyse der deutschen und russischen pragmalinguistischen Besonderheiten durchzuführen.

Um die festgesetzten Aufgaben zu erfüllen, werden die folgenden Methoden eingesetzt. Die pragmalinguistisch relevante Forschungsmethode in dieser Arbeit gründet sich auf die Theorie von Sprechakten, die sich in dem empirischen Feld der Fußballreportagen überprüfen lässt. Mit der Anwendung des kommunikativen Aktes, angebotenen von I.P. Susov, lässt sich die kommunikative Struktur der Fußballreportage betrachten. Dabei werden die pragmatischen Illokutionen der Fußballreportage herausgebildet. Die Auswahl der sprachlichen Äußerungen in den Fußballreportagen setzt voraus, dass die durch Sprechakt- bezeichnenden Verben das entsprechende Ziel dieser kommunikativen Handlung (Fußballreportage) genannt wird. Eine der kennzeichnenden Methoden in der Linguistik - die Stichprobe der lexikalischen Einheiten - wird in dieser Arbeit in Form von der Auswahl der Fußballreportagenlexik, die eine Hauptrolle für das Erreichen der pragmatischen Intention übernimmt, dargestellt. Die eingegangen Angaben werden nach semantischen Kriterien klassifiziert und in kommunikativ- semantische Reihen in Tabellen dargestellt.

Als Material für diese Forschungsarbeit dienen 2000 Fußballreportagen (1000 deutsche und 1000 russische) aus den Zeitschriften der BRD „Kicker“, „Sport-Bild“ und der Ukraine „Футбол“, „Спорт-Экспресс“.

Die Problematik dieser Forschung war in den Studentenkonferenzen der Ukraine, in Donezk 2006, 2008 und in Lwiw 2006, dargestellt.

Die Magisterarbeit ist in zwei Kapitel gegliedert. Das Erste umfasst zahlreiche Theorien zu der Forschung in dem Bereich der Pragmalinguistik, besondere Aufmerksamkeit wird den Sprechakttheorien und den Illokutionsklassen gerichtet. In dem zweiten Kapitel wird das Feld der Reportage, als eines Darstellungstextes, betrachtet, die Analyse der Fußballreportagen auf der Ebene eines Sprechaktes durchgeführt, die beispielsorientierten Illokutionen bezeichnet und die Sprache der Fußballreportagen aufgrund untersuchten Reportagen dargestellt . In den Schlussfolgerungen werden die Ergebnisse der Forschung zusammengefasst. Die Arbeit enthält zwei sprachmittelnumfassenden Tabellen und vier arbeitsbezogene Anhänge.

Die gewonnenen Ergebnisse können Grundlage für die weiteren pragmatischen Untersuchungen bilden. Das Material der Magisterarbeit kann als Beispielbasis für den Vorlesungskurs „Grundlagen der Kommunikationstheorie“ dienen. Die gesammelte Lexik, die Texte bzw. Textauszüge, können Anstoß für weitere linguistischen Forschungen geben.

1. INHALT UND METHODEN DER PRAGMALINGUISTIK.

Die Linguistik, die Wissenschaft von der Sprache, ist kein homogenes, in sich geschlossenes Fachgebiet [25:33; 50: 18; 51: 21; 16:6; 67:4; 66: 138;]. Auf die Frage, was die Linguistik im Einzelnen oder in ihrer Gesamtheit untersucht, gibt es keine einheitliche Antwort. Wenn man aber an die Systematik der Linguistik denkt, die im Laufe der Wissenschaftsgeschichte die linguistischen Kernbereiche und Methoden bildete, so stellt man das Modell der Linguistik folgend dar [16: 5]:

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

Die Angewandte Linguistik untersucht Sprache im Hinblick darauf, wie und in welchen Situationen sie als Kommunikationsmittel eingesetzt wird und welche kommunikativen Ziele damit erreicht werden sollen [16: 9]. Somit basiert die Angewandte Linguistik auf zwei Wissenschaftsbereichen: die Kommunikationswissenschaft und Pragmatik bzw. Pragmalinguistik. Diese zwei Bereiche sind sehr eng mit einander verbunden, denn unter der Kommunikation wird zwischenmenschlicher Austausch und Verhalten mit der Hilfe von nonverbaler (Körpersprache) und verbaler (Sprechsprache) Sprache verstanden, wobei die sprachliche Kommunikation sich sowohl als Sprechtätigkeit als auch Verstehenstätigkeit zeigt [50:64]. Sprechen und Verstehen bedeuten also unter kommunikationstheoretischem Aspekt immer Sprach-Handeln. Und „Sprach- Handeln“ ist die Grundbedeutung des Begriffes „Pragmalinguistik“, die sich aus griechischem „pragma“ (bedeutet „Sache, Ding“ und „Tun, Handeln“) ableiten lässt [66: 5; 84:6; 75:7; 67: 9; 53: 4; 50:16; 42:13; 32:8; 16:4] Doch, Pragma­linguistik kann nicht so einfach definiert werden. Man muss konsequent an die Untersuchung von Bestandteilen der Pragmatik, ihrer Ziele, Aufgaben und parallelen Strömungen herangehen, um den Forschungsgegenstand der Pragmatik zu erörtern.

1.1. Theoretische Forschungen der Pragmatik.

Die „pragmatische Wende“ der 60er und 70er Jahren des 20. Jahrhunderts bewirkte die Etablierung neuer oder den Ausbau bereits bestehender Fachrichtungen in der Linguistik, wie der Soziolinguistik, der Textlinguistik, der Sprechakttheorie und der Pragmalinguistik im engeren Sinn. Die „Pragmatik“ wird zum Forschungs­gegenstand vieler Sprachwissenschaftler, der Begriff wird umfangreicher und tief greifender gefasst.

Der Begriff Pragmatik geht ursprünglich auf die Philosophen Ch. W. Morris und R. Carnap zurück. Charles Morris unterschied zwischen drei verschiedenen Forschungsrichtungen:

- der Syntax, die die formale Relation der Zeichen zueinander untersucht,
- der Semantik, die sich mit der Beziehung zwischen den Zeichen und den Gegenständen, auf die sie anwendbar sind, befasst und
- der Pragmatik, die die Beziehung zwischen Zeichen und Interpret erforscht [50: 26].

So definiert Ch. Morris Pragmatik damit sehr weit, da diese Definition alle Zeichensysteme (und nicht nur Sprache erfasst) und zudem mehrere Disziplinen beinhaltet (z.B. Psycholinguistik, Neurolinguistik und Soziolinguistik).

Der Philosoph R. Carnap schränkte später Morris' Definition ein, indem er Pragmatik als die Wissenschaft definierte, die solche Aspekte von Sprache erforscht, die Bezüge zu Sprechern erfordern [66: 7]. Dieser Definitionsversuch ist zu eng gefasst, da man nicht nur den Sprecher, sondern auch Aspekte des Kontextes bzw. der Wirklichkeitssituation berücksichtigen muss.

Diese Aspekte werden von T. van Dijk hervorgehoben, der die Pragmatik als Erlernen der „Sprache im Kontext“ versteht. Laut seiner Theorie gehört zur Kompetenz der Pragmatik die Feststellung der Eigenschaften von Anwendung der Äußerungen als besondere Art sozialer Handlungen, d.h. Sprechakten [11:84]. Hauptaufgabe der Pragmatik ist die Spezifizierung der sogenannten „appropriateness conditions“, Angemessenheit der Bedingungen, d.h. solcher Bedingungen, bei denen die konkrete Äußerung als geeigneter (für einen Kontext) Sprechakt funktioniert [11: 112; 55:43; 58: 147].

Den Verweis auf den Kontext findet man auch bei D. Wunderlich. Seiner Meinung nach beschäftigt sich die Pragmatik mit der Interpretation des Satzes oder der Äußerung im bereicherten Kontext, der den vorangehenden zusammenhängenden Text, die Überzeugungen und die Erwartungen der Kommunikationsteilnehmer, ihre Wechselbeziehung, die gegenseitigen Verpflichtungen, die Gesamtheit des vorhandenen Wissens u.a. einschließt [51: 304]. In dieser Arbeit wird der Kontext auch für den grundlegenden Bestandteil der Pragmatik gehalten.

Das Forschungsgebiet der Pragmatik wurde versucht mit verschiedenen Phänomenen zu erklären. Der Pragmatikforscher S. Levinson erstellt eine Liste dieser Pragmatikbestandteile, z.B. Pragmatik als Erforschung der Deixis (zumindest teilweise), der Implikaturen, Präsuppositionen, Sprechakte und Aspekte der Diskursstruktur [32: 24- 38]. Die Sammelbände der Pragmatik von E. Rolf zeigen aber, dass diese Phänomene nicht ausreichen, um das Forschungsgebiet der Pragmatik zu erfassen. Es finden sich dort auch sprachphilosophische Auseinandersetzungen zu Sprachen und Normen, Tautologien, Standardisierung und Performanz, Kategorien der Unterhaltsamkeit [42: 3].

Die Analyse der wissenschaftlichen Quellen zeigt, dass die Pragmatik die Sprache und die Wirklichkeit verbindet. Bei der Betrachtung der Sprachäußerungen tauchte die Frage des Zusammenhangs der Semantik und der Pragmatik auf. Die Pragmatik beschäftigt sich ebenso mit Aspekten der Bedeutung, allerdings unterscheidet sie sich von der Semantik (Lehre der Wortbedeutung) dahingehend, dass sie nicht nach Wahrheit und Falschheit von Wortbedeutungen fragt, sondern nach dem Verstehen einer Äußerung aus den Schlussfolgerungen, die das Gesagte mit den wechselseitigen Annahmen oder dem vorher Gesagten verknüpfen. Diese Bedeutungen lassen sich nicht mit direktem Bezug auf die Wahrheitsbedingungen der geäußerten Sätze erklären [35: 69].

Laut R. Posner soll sich die Abgrenzung der Semantik und der Pragmatik auf der Abgrenzung der Wörterbedeutung und des Wörtergebrauches in der Sprechkommunikation basieren. Die Bedeutung und der Gebrauch eines Wortes sind nicht einfach zwei Seiten eines und desselben Objektes, sie sollen systematisch abgegrenzt werden. Die Muttersprachler beherrschen nicht nur die fixierten lexikalischen Bedeutungen, sondern auch die fixierten Regeln des Wörtergebrauches [53: 28-35]. Die Abgrenzung der Semantik und der Pragmatik in der sprachwissenschaftlichen Beschreibung und die Abgrenzung der Bedeutung und des Gebrauches in der Sprechkommunikation haben theoretischen Charakter: es wäre fehlerhaft zu denken, die semantischen Regeln träten als erste im realen Prozess des Äußerungsverständnisses in die Handlung und nur dann die pragmatischen.

Das Verhältnis der Semantik, der Syntax und der Pragmatik wird auch von N.P. Susov unterstrichen. Er betont, dass sich diese Bereiche in den hierarchischen Beziehungen befinden: die Syntax ist von Semantik bedingt, die Semantik - von der Pragmatik. Alle drei Aspekte sind in ihrer Wechselbeziehung der Struktur des Textes, der Situation untergeordnet [85: 12].

Den Zusammenhang zwischen der Semantik und der Pragmatik wird in G. Grice's Theorie festgestellt. Seine Hauptidee bestand darin, dass der Satz außer dem eigenen Sinne etwas mehr äußern kann : benachrichtigen, befehlen, bitten u.a. Er hat die Kategorie der Bedeutung mit dem Sprecher durch die Vorsätzlichkeit des Sprechaktes verbunden und hat so die Basis für die Bildung des Begriffes «die Bedeutung des Sprechers» geschaffen. [32: 117-127]

Dementsprechend strebt die Pragmatik eine Verbindung zwischen Sprache und außersprachlichen Wirklichkeit an, oder anders ausgedrückt, sie fragt nach den Funktionen und Anwendungen von Sprache in realen Situationen. Die Pragmatik betrachtet die Sprache nicht isoliert, sondern nur zusammen mit der Umwelt, d.h. der konkreten Situation, in der eine sprachliche Äußerung getätigt wird. Diese Situation wird als Kontext bezeichnet [16:12; 55: 24; 60: 31; 73: 46]. Zum Kontext gehört zum einen die Identität der Beteiligten und zum anderen die zeitlichen und räumlichen Dimensionen des Interaktionsereignisses sowie Überzeugungen und Intentionen der Beteiligten.

Man kann sich dies etwa so vorstellen:

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

Für unser Verständnis von Pragmalinguistik heißt dies aber auch, dass Sprache nur unter Berücksichtigung des Kontexts angemessen zu beschreiben ist. Oder anders: Pragmalinguistik ist die Lehre der Beziehungen zwischen Sprache und Kontext. Diese Definition gibt mehrere Vorzüge:

1. Sie betont, dass sprachliche Aktion in Zusammenhang mit nichtsprachlichen Phänomenen steht.
2. Sie anerkennt, dass sich die Pragmalinguistik auch mit Sprachexterna zu beschäftigen hat.
3. Sie stellt fest, dass Sprachexterna in Sprachstrukturen hineinreichen.
4. Sie schließt damit die Aspekte der Erforschung des Sprachgebrauchs ein.

Eine Definition wird in der Literatur häufig erwähnt und erhält oftmals Zustimmung: Die Pragmatik ist die Erforschung der Fähigkeit der Sprachbenutzer, Sätze mit den Kontexten zu verknüpfen, in denen sie angemessen wären (der Aspekt der Angemessenheit oder des Gelingens steht im Vordergrund) [77: 33; 80: 18; 14: 28, 35: 29]. S. Levinson kritisiert aber zu Recht daran, dass dieses Verständnis von Pragmatik zu eng ist, da man die Kommunikationskonventionen auch zu spezifischen Zwecken ausnutzen kann. Ziel einer Pragmatiktheorie sei es vielmehr, die Bedeutung einer Äußerung in einem bestimmten Kontext - im weitgefassten Griceschen Sinne - vorherzusagen [32: 44]. Diese Auffassung hat den unbestreitbaren Vorteil, dass Pragmatik kein festes Arbeitsgebiet sein muss, sondern sich eher auf die Art der Betrachtungsweise von Sprache bezieht.

Der amerikanische Soziologe Harold Garfinkel stellt das Sprechereignis in den Mittelpunkt der Betrachtung, und es wird der Frage nachgegangen, wie die Mitglieder einer soziokulturellen Gemeinschaft ihre Kommunikation untereinander organisieren. Sein Modell wird als Ethnographie des Sprechens bezeichnet und es untersucht den Sprachgebrauch interkulturell in Bezug auf verschiedene Ethnien. Man kann davon ausgehen, dass sich sprachliche Akte in einem gesellschaftlichen und kulturellen Rahmen abspielen und nur in diesem Rahmen interpretiert werden können. Die Missachtung solcher Rahmen (Situationen) ist ständige Quelle für kulturelle Missverständnisse oder Peinlichkeiten [16: 25]. Es liegt die Vermutung nahe, dass die situativ gebundenen sprachlichen Äußerungen zahlenmäßig unbegrenzt, d.h. unendlich sind. Deswegen es ist auch wichtig die Pragmatik mit Rücksicht auf kulturelle Ebene zu betrachteten.

Damit ist ein wichtiges Wort zu bemerken: das Sprachhandeln. Man kann es als eine Form der sprachlichen Interaktion und als die konkrete Verwendung von Sprache durch den Sprecher auffassen [7: 36]. So sind der Sprecher und die Interaktion die zentralen Positionen in der Pragmatik. „Sprecher“ gilt als der allgemeine Terminus für einen Sprachbenutzer. „Interaktion“ ist ein grundlegendes Kriterium für das soziale Handeln, wo der Interaktionspartner unabdingbar ist.

1. 2. Sprach-Handeln.

Das sprachliche Handeln ist nur möglich in Interaktion mit Wissen. So hat man versucht, zwischen Alltagswissen und individuellem Erfahrungswissen zu unterscheiden [16: 23]. Das Alltagswissen steht demnach allen Angehörigen einer Gemeinschaft gleichermaßen zur Verfügung. Das Erfahrungswissen hingegen ist an bestimmten Individuen oder Gruppen gebunden (wie Fachwissen). Jeder Sprachteilnehmer ordnet alle sprachlichen Äußerungen, seien es eigene oder fremde, in einen Erfahrungsrahmen entsprechend seinem Weltwissen ein.

Das bedeutet, wir legen durch unser Weltwissen etwas in die Äußerung hinein.

Mit sprachlichen Äußerungen intendieren wir etwas, bewirken wir etwas und richten uns an Interaktionspartner. Äußerungen enthalten oder transportieren auch Informationen, die über die erhaltenen Sprachformen hinausgehen. Anders ausgedrückt: der Sinn einer Äußerung besteht nicht nur in der Summierung ihrer Wortbedeutungen.

Wir fügen der Bedeutung von Sprachformen durch kognitive Prozesse Ergänzungen oder Erweiterungen hinzu, die auf unsere Erfahrung beruhen. Einen solchen Vorgang nennt man Inferenz oder Inferieren. Inferieren bedeutet, dass man etwas aus dem eigenen Wissen oder der eigenen Erfahrung ergänzt, was in einem sprachlichen Ausdruck nicht direkt (durch Wortsemantik) enthalten ist.

Wir inferieren auf Grund von Sinnvoraussetzungen, die wir im Laufe unseres Lebens erworben haben und die wir als selbstverständlich annehmen. Diese Sinnvoraussetzungen nennt man Präsuppositionen [16: 31; 32: 76; 51: 63].

Was wir inferieren, hängt natürlich von unserem Weltwissen ab, das seinerseits die Grundlage der Präsupposition bildet. Präsuppositionen kann man sich als Sinnvoraussetzung vorstellen, die in der Äußerung selbst nicht angesprochen, für das Verständnis aber vorausgesetzt werden. Man kann die Hierarchie etwa wie folgt darstellen:

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

Daraus folgt die Frage: wie Präsuppositionen mit der Pragmatik zusammenhängen? Wie kann man in einer sprachlichen Äußerung, durch Sprachgebrauch, eine Präsupposition ermitteln? Dafür ist es notwendig anzunehmen, dass die an einer sprachlichen Äußerung Beteiligten:

a) Über gemeinsames Wissen verfügen und

b) Dass die sprachliche Äußerung dem Weltwissen angemessen ist: Eine Äußerung A präsupponiert (=bedingt) pragmatisch eine Proposition В, wenn AB angemessen und В den Gesprächpartnern wechselseitig bekannt ist [16:33].

Aus Sicht der pragmatischen Präsuppositionstheorie ist nicht der Wahrheitsgehalt der Äußerung zu prüfen, sondern die Feststellung zu treffen, dass die Äußerung dem Weltwissen nicht angemessen ist. Nach P.F. Strawson muss man zwischen den Äußerungen selbst und dem Gebrauch von Äußerungen unterscheiden. Nicht die Sätze an sich sind wahr oder falsch, sondern der Gebrauch von Sätzen in bestimmten Situationen [48: 59]. Diese Theorie findet Gemeinsamkeiten mit dem ethnographischen Modell von H. Garfinkel (siehe oben s. 10)

Wie es sich zeigt, wird der Gebrauch der Sprache bzw. sprachlichen Äußerungen in Anbetracht des Wissens von Kommunikationsteilnehmer ausgewählt. Dies setzt das Handeln mit der Sprache voraus, und dadurch die Sprechhandlung - was der Sprecher mit der Sprache macht.

1. 3. Sprechakttheorie.

Die Sprechhandlung bildet einen Oberbegriff für die drei Unterbegriffe Sprechakt, Sprechplan und Kommunikationsmuster.

1. Sprechakt ist die kleinste selbständige Einheit der Sprache und der Pragmatik.
2. Sprechplan ist die Sprechaktsequenz des Sprechers in einem Kommunikationsmuster.
3. Kommunikationsmuster ist die umfassende sprachliche Handlungseinheit. In ihm realisieren Sprecher und Hörer mit ihren jeweiligen Sprechplänen ihre Absichten[1: 53; 50: 56].

Das Zusammenwirken von Sprechakt, Sprechplan und Kommunikationsmuster lässt sich mit dem Verhältnis von Wort, Satz und Text vergleichen. Wie die Wörter Sätze bilden und aus Sätzen Texte entstehen, - so fügen sich die Sprechakte zu Sprechplänen und die Sprechpläne zu Kommunikationsmustern zusammen.

Die Sprechhandlung ist in den Sprechakttheorien von J. Austin und J. Searle verwurzelt. Die drei Bestandteile der Sprechhandlung werden zum Untersuchungsgegenstand vieler Linguistiken, die sich zur Sprechakttheorie zusammengeschlossen haben.

Im Rahmen des gesamtlinguistischen Herangehens an die Sprechakttheorie kann man zwei Disziplinen aussondern: selbst die Sprechakt­theorie (die Analyse, Klassifizierung und Feststellung der Wechselbeziehung zwischen Sprechakten unabhängig von Sprechmittel) und „die Analyse der Sprechakten“ oder linguistische Sprechanalyse (die Feststellung der Übereinstimmung zwischen Sprechakten und Sprecheinheiten) [67:132]. Die Frage danach, inwiefern die Ziele und Absichten in der konkreten Kommunikation realisierbar sind, ist unwesentlich im Rahmen der ersten Disziplin. Im Rahmen der zweiten aber dient der Sprachstoff für Ausgangspunkt, und eben hier sieht Linguistik ihren Forschungsbereich.

Die Linguisten bezeichnen verschiedene Momente im Begriff des Sprechaktes.

Auf diese Weise betrachtet M. Halliday den Sprechakt als Wahl einer der zahlreichen sich verwickelnden Alternativen, die „das semantische Potenzial“ der Sprache bilden [32: 142]. Beim Sprechen wählen wir eine der Formen:

Bestätigung, Frage, Verallgemeinerung oder Präzisierung, Wiederholung oder Ergänzung des Neuen. Mit anderen Worten, im Gegensatz zu dem Gesichtspunkt, dass die Sprache eine Regelnzusammenstellung ist, schlägt der Autor das Konzept vor, dass die Sprache eine Gesamtheit der von Individuen unterschiedlich bewerteten Wahlen ist. Genau in diesem Sinne ist der Sprechakt mit der Sprechplanung verbunden.

Nach J. Austins Sprechakttheorie besteht jeder Sprechakt aus dem: lokutiven (phonetischer, phatischer, rhetischer Akt), illokutiven, perlokutiven Teilakt. Der Sprachwissenschaftler J. Searle teilt einen Sprechakt in lokutiven, propositionalen, illokutiven, perlokutiven Teilakten.

Die vom Latein stammenden Begriffe sind von J. Austin eingeführt, und bedeuten:

- Lokution - „das Gesagte“, das (vom Sprecher) Geäußerte.
- Illokution - „das, was in/mit dem Gesagten der Sprecher beabsichtigt“
- Perlokution „das, was durch das Gesagte der Sprecher beim Hörer erreicht“ [1: 56; 11: 164; 14: 36; 35: 43; 42: 71; 55: 23; 58: 147; 75: 27; 73: 34].

Lokution aber ist von Proposition (die wichtigste Änderung von J. Searle) verdrängt worden. Proposition ist der Fachterminus für den Inhalt des (geäußerten) Satzes. Sie besteht aus den beiden Teilen Referenz (worüber etwas gesagt wird) und Prädikation (was gesagt wird) [50: 68; 89: 98].

Die verschiedenen linguistischen Konzeptionen bestimmen folgende Charakteristiken des Sprechaktes(weiter SA) für grundlegend:

1. SA - ist die Grundredeeinheit, die Reihenfolge der Sprachäusserungen, die von einem Redner ausgesprochen ist und von einem der vielen Sprachträgern wenigstens wahrgenommen und verstanden wird [14: 332].
2. Die universelle Eigenschaften des SA sind den spezifischen Eigenschaften der konkreten Sprache gegenübergestellt: Perlokutionen sind immer universell, und Illokutionen können sowie universell als auch spezifisch sein (sie sind unterschiedlich in verschiedenen Massen in verschiedenen Sprachen dargestellt) [36: 125].
3. SA verbindet nonverbales und verbales Verhalten [35: 181]
4. SA lässt die Abgrenzung zwischen dem Text und dem, was den Text prässuponiert [67: 98].
5. Die kennzeichnende Aufgabe des SA ist der Einfluss auf die Gedanken des Adressaten, wenn er die Äußerungen des Sprechers interpretiert. [11: 249]. Die allgemeinen Eigenschaften des SA sind die Eigenschaften des kooperierenden bewussten und vernünftigen Zusammenwirkens einiger Objekte. Dies erlaubt die Vorstellung von der Angemessenheit und Akzeptanz der Rede auf die Makroebene, auf die sich die Grammatik eines einzelnen Satzes nicht verbreitet [11: 298].
6. Man kann nicht über die Auffassung des Satzes buchstäblich sprechen: es soll das Ziel des SA festgestellt werden. Deswegen gehört zur Sprache­darstellung die Offenbarung der illokutiven Kraft des Satzes. [32: 153]. Daraus folgt, dass pragmatisches und syntaktisches Herangehen an den Sprechakten eng verbunden sind.

Trotz verschiedener Deutungen der Definition „Sprechakt“ ist es einen allgemeinen Begriff zu kennzeichnen - ein Sprechakt benutzt die verbalen und nonverbalen Äußerungsmittel mit Rücksicht auf die situativ, sozial, kulturell geprägten Handlungsmustern der Kommunikationsbeteiligten, um das von ihnen implizit festgestellte Ziel zu realisieren.

Das heißt, das Erreichen des Zieles des Sprechaktes, der Intention, wird durch die entsprechend ausgewählten Sprachmittel möglich. Demnach nimmt die Intention eines Sprechaktes die Hauptrolle für die Durchführung einer Kommunikation, sie tritt in der Rolle eines „Antreibers“ der Kommunikation auf, wobei die Sprachmittel die Rolle des Helfers für das Erreichen dieses Ziel übernehmen.

Um das Beabsichtigte (Illokution) durchzuführen, stellt der Sprecher/Schreiber eine Sprechstrategie, einen Sprechplan, fest. „Ein Sprechplan ist der sprechsprachliche Teil eines Kommunikationsmusters, nach dem der jeweilige Sprecher in ständiger Rückkopplung zur Sprechsituation die taktisch und/oder strategisch wirkungsvollste Sprachmittel-/Sprechakt-Kombination wählt“ [51: 96].

Ein Sprechplan wird nicht in erster Linie unter dem Gesichtspunkt einer vorgegebenen Sprachnorm, sondern im Hinblick auf seine Wirksamkeit beim Partner ausgewählt. Weil der Sprecher sein Ziel nur in Wechselwirkung mit dem Hörer (als Gegensprecher) erreichen kann, muss er seine Strategie ständig durch Rückkopplung (Berücksichtung der Wirkung des Sprechaktes und des Situationswandels bei ständiger Bereitschaft der Strategie - Veränderung) auf die Gegenstrategie des Hörers überprüfen und gegebenenfalls ändern [50: 62].

Sprecherstrategie ist die konkrete Verwendung der Sprechpläne. Ein Sprecher verknüpft seine Sprechakte zu einem Sprechplan, - zwei Sprecher verbinden ihre Sprechpläne zu einem Kommunikationsmuster [55: 37; 42: 63]. Genau ein Kommunikationsmuster gibt die Möglichkeit einer bildhaften Untersuchung der pragmatischen Struktur.

1.3. 1 Kommunikationsmodell.

Unter Kommunikation wird zwischenmenschlicher Austausch und Verhalten verstanden. Dabei die sprachliche Kommunikation zeigt sich sowohl als Sprechtätigkeit als auch Verstehenstätigkeit [50:64]. Sprechen und Verstehen bedeuten also unter kommunikationstheoretischem Aspekt immer Sprach-Handel. Die Sprache existiert immer in einer Gruppe von Sprechern und Hörern Für die Pragmatik ist nun wichtig, aus welchen Komponenten neben Sprecher und Hörer wird ein Modell für sprachliche Kommunikation konstruiert. Der Kommunikationsforscher K. R. Wagner [50: 120-134] führt sechs Basiskomponenten eines Kommunikationsmodels ein:

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

Diese Schema besteht aus 6 Komponente: 1. Sprecher (Sender) 2. Hörer (Empfänger). 3.Kode (Sprache). 4 Kanal (Übertragungsmedium). 5. Nachricht (Botschaft) 6. Situation (bestehend aus Zeit und Raum). Jeder dieser Komponenten trägt seine eigene pragmatische Funktion. Diese Funktionen werden im zweiten Kapitel im Rahmen der kommunikativen Forschung von I. P. Susov betrachtet werden (siehe s. 36).

Erst in der Sprechakttheorie spielt der Sprecher eine zentrale Rolle. Der Hörer, sofern er vorkommt, wird nur als notwendige Bezugsperson des Sprechers bei der Realisierung der sprecherzentriert beschriebenen Sprechakte aufgefasst. Es ist zweckmäßig weiter zu definieren und zusammenzustellen, wer mit „Sprecher“ gemeint ist:

- Positions-spezifische: der Sprecher ist immer auch Hörer, der Hörer immer auch Gegensprecher.
- Sprachformen-spezifische: der Sprecher ist in vielen Fällen auch Schreiber.
- Geschlechts-spezifische: Sprecher sind in der größeren Hälfte der Menschheit Sprecherinnen.
- Alters-spezifische: Sprecher sind nicht nur Erwachsene, sondern auch Jugendliche und Kinder.
- Areal-spezifische: Sprecher sind ebenfalls Mundart(Dialekt)- Sprecher obwohl sich die Eigenart der Dialekte mehr auf Aussprache und Wortwahl erstreckt [50: 45].

Prinzipiell und systematisch betrachtet sind Sprecher und Hörer gleichberechtigt. Denn Sprechen ist keine monologische Anwendung sprachlicher Regeln, sondern ein dialogisches, kommunikatives Geschehen zwischen Sprechpartnern.

Jeder Sprecher erlebt ein Gespräch aus seiner Sicht; jeder Sprecher führt eine Unterhaltung unter seiner Perspektive. Kommunikation findet unter der Sprecherperspektive statt [23: 52].

In erster Linie ist es sinnvoll für die Pragmatik die Fragen zu beantworten: Wie erkennen die Hörer mit einiger Zuverlässigkeit die kommunikative Funktion von Äußerungen? Welche Bedingungen soll ein Kommunikationsprozess erfühlen um es zu gelingen halten?

H. Paul Grice formuliert aus der Sicht und für die Perspektive des Sprechers eine Reihe von Anforderungen (Maximen), die für jeden Gesprächteilnehmer gelten [50:67; 56: 78]. Sie werden als Konversationsmaximen benannt. Er legt vier solche Maximen fest, die dann zusammen das Kooperationsprinzip („Gestalte deinen Beitrag zur Konversation so, wie es die gegenwärtig akzeptierte Zweckbestimmung und Ausrichtung des Gesprächs, an dem du teilnimmst, erfordert.“) bilden:

1. Qualitätsmaxime („versuche deinen Beitrag wahr zugestalten“);
2. Quantitätsmaxime („gestalte deinen Beitrag so informativ wie für die gegenwärtige Zweckbestimmung des Gesprächs nötig ist“);
3. Relevanzmaxime („mach deinen Beitrag relevant“);
4. Maxime der Art und Weise („sei klar“) [50:67; 14: 123].

Die Information, die nicht im Gesagten enthalten sind, wird als Implikatur bezeichnet. Die Implikaturen sind die Schlussfolgerungen, die aus der Äußerung direkt erfolgen: „Ein Sprecher impliziert mit der Äußerung eines Satzes S, dass p der Fall ist, wenn seine Äußerung den Schluss auf p erlaubt, ohne dass er mit S wörtlich gesagt hätte, dass p“ [14:167]. Diese Maximen und Kooperationsprinzip können als allgemeine und zwischen den Kommunikationsteilnehmern stillschweigend vorausgesetzte Grundlagen eines Gesprächs aufgefasst werden.

H. P. Grice betrachtet sie als rationaler Mittel zu kooperativer Gesprächführung.

Mit dem Zustandekommen dieser Kooperationsmaximen beschäftigt sich die Diskursanalyse. Im Mittelpunkt der Betrachtung steht die Analyse des mündlichen Gesprächs (Gesprächs - und Konversationsanalyse) und des schriftlichen Textes (Textlinguistik). Für diese Arbeit ist es wichtig den Zusammenhang zwischen der Pragmalinguistik und der Diskursanalyse zu erörtern, denn unter Diskursanalyse subsumiert man die Studien, die sich auf gesprochene und geschriebene Sprache im Kontext, also Texte und ihre kommunikative Funktion, konzentrieren. „Pragmatisch betrachtet, enthält ein gesprochener oder schriftlicher Text bestimmte Präsuppositionen, folgt bestimmten Konversations­und Handlungspostulaten, bezieht sich auf die jeweilige Situation der Partner und bildet als ganzer eine zweckgerichtete, abgeschlossene Folge von elementaren Sprechakten, von denen ein jeder aus einem (expliziten oder impliziten), performativen Satz und einem davon anhängigen Satz propositionalen Gehalts besteht.“ [14:164] Das heißt, dass die betrachtete Sprechakttheorie auf den Text (in dieser Arbeit die Fußballreportage) übertragbar, anwendbar und nachprüfbar ist. Entscheidend in dem Zusammenhang ist nun, dass in dem Text nicht nur textinterne Strukturen bestehen, sondern auch sprachinternen und -externen Elemente, die mit Mitteln der Pragmalinguistik gefasst werden können.

Das Anliegen dieser Arbeit ist es in erster Linie die Mittel zum Ausführen der Sprachintentionen festzulegen. Pragmatisch betrachtet, finden die Intentionen im Kopf des Sprechers statt. Der Begriff Intention umfasst die Absichten des Denkens, Fühlens, Wollens. Wenn der Sprecher seine Intentionen verwirklichen will, muss er sich die passende Illokution aus dem sprachlichen Bestand aussuchen. „Es kommt beim Sprechen also darauf an, dass der Sprecher diejenige Illokution wählt, die zu seiner Intention am besten passt und die der Hörer versteht und durch die er wahrnimmt, welche Intention der Sprecher hat“. [42: 69] Worauf richtet ein Sprecher seine Aufmerksamkeit beim Sprechen - so lautet eine Schlüsselfrage für die Pragmatik. Beim Sprechen richtet sich die Aufmerksamkeit hauptsächlich auf die sprecherstrategische Verwendung der sprachlichen Mittel, auf ihren Zweck.

1. 3. 2 Illokutionsklassen.

Illokution ist der berühmte, der bleibende und der am meisten diskutierte Terminus. Der Terminus Illokution bezeichnet eine spezifische Kraft der Sprache, die bewirkt, dass Sprechen zur (Sprech-) Handlung wird. Der Zweck einer Sprechhandlung wird mit dem Terminus „illokutiver Punkt“ bezeichnet [50:108]. Der Adressant hat eine Intention, die er in Sprache umzusetzen gedenkt. Dazu ist er auf die Mittel angewiesen, die ihm die Sprache zur Verfügung stellt. Die Eigenschaftswörter charakterisieren die Illokutionspunkte.

Laut J. Searle gibt es nur 5 illokutive Punkte, die sich dank den Verben herausgebildet haben, die einen Sprechakt bezeichnen, und die sich in 5 dementsprechende illokutive Typen und Klassen verbunden haben. Dabei entspricht jeder illokutive Punkt einer bestimmten Sprechhandlungsart(weiter SH).

1) Der direktíve Punkt besteht darin zu versuchen andere Leute dazu zu bringen, dass sie etwas tun. - Direktiva SH: stellen Versuche des Sprechers dar, den Adressaten dazu zu bringen, etwas zu tun.

1) Der kommissive Punkt besteht darin, dass der Sprecher sich verpflichtet, etwas zu tun. - Kommissiva SH: verpflichten den Sprecher zu einer zukünftigen Handlung.

2) Der deklarative Punkt besteht darin, die Welt durch Sagen zu verändern, durch Worte zu schaffen. - Deklarativa SH: bewirken sofortige Veränderungen am Zustand der Dinge und neigen dazu, von komplexen außersprachlichen Ereignissen abzuhängen.

3) Beim assertiven Punkt werden die Dinge so dargestellt, wie sie sind. Repräsentativa SH: verpflichten den Sprecher zur Wahrheit der auszudrückenden Proposition.

4) Der expressive Punkt besteht darin, Gefühle und Einstellungen auszudrücken. - Expressiva: drücken einen psychischen Zustand des Sprechers aus [42:76; 85:44; 50: 108-109].

Der Sprachwissenschaftler D. Wunderlich schlägt seine Gliederung der Illokutionstypen vor:

1) Direktive - dazu gehören Anregungen, Bitten, Befehle, Anweisungen, Instruktionen, normative Akten.
2) Kommissive - Versprechungen, Bekanntmachungen, Drohungen.
3) Erothetische - Fragen.
4) Repräsentative- Behauptungen, Feststellungen, Rechenschaft, Versicherung.
5) Satisfaktive - Entschuldigungen, Dankbarkeiten, Rechtfertigungen, Antworten.
6) Retraktive - Erlaubnisse, Anträge auf Unterlassung des Versprechens.
7) Deklaration - Benennungen, Bezeichnungen, Verurteilungen, Eröffnung der Sitzung.
8) Vokative- Anrede, Einladung, Ruf [85: 45].

Die Klassifizierung von D. Wunderlich wird in verschiedenen wissenschaftlichen Quellen betrachtet, wobei eine wesentliche Überprüfung in dem empirischen Feld angefordert wird.

In dieser Arbeit richtet sich die Aufmerksamkeit auf die zwei Illokutionstypen: assertive und expressive (emotive als Teil der expressiven). Im Unterschied zu T. van Dijk, der die Reportage als eine informierende Textart betrachtet, wird in dieser Arbeit die Meinung vertreten, dass neben der neutralen und sachlichen Information die reichliche Kommentierung immer stärker präsent wird. Außer Fakten werden auch Beurteilungen vermittelt, nachträgliche Erklärungen von Ereignissen gegeben und Hintergründe gezeigt, und das besonders im Sport - Fußball [18: 51]. Das bedeutet, dass Expressivität und Emotionalität dem Textschöpfer auch eigen sind.

Als eine Darstellungshandlung, mit der pragmatischen Intention - zu informieren, sollte die Reportage zu den assertiven Illokutionsklassen gezählt werden, als eine Ausdrucks-, Äußerungshandlung, mit der pragmatischen Intention - expressiv-emotional zu bewerten, sollte sie zu den expressiven- emotiven Illokutionsklassen gehören. Der Linguist K. R. Wagner, der sich in seiner Arbeit auf die Klassifizierung von J. Searle beruft, erforscht die Anwendung von diesen fünf Illokutionstypen durch Analyse und Systematisierung der Sprechakt bezeichnenden Verben. So gehören zur assertiven Illokutionsklassen -136 und zur expressiven und emotiven - entsprechend 95 und 56 Illokutionstypen [50: 138­163].

1. 3. 3 Assertive Illokutionsklasse.

Assertive sind Darstellungshandlungen. Ihr illokutiver Punkt besteht darin, den Sprecher darauf hinzuweisen, dass etwas wirklich passiert ist. Assertive müssen sich der Beurteilung in der wahr/falsch- Dimension stellen. Die Welt der Assertive ist die Außenwelt und die Innenwelt, „alles was der Fall ist“. Der Sprecher muss von dem überzeugt sein, was er über die Welt aussagt. Die Assertive ist als einzige Illokutionsklasse wahrheitsfähig. Sie dienen dem Aufbau eines Wissenssystems und der Beantwortung von Wann- und Wo-Fragen [50: 152-157].

Folgende assertive Illokutionstypen sind für diese Arbeit relevant:

1) Informieren ist deutlich auf den Hörer ausgerichtet, dem eine Angelegenheit zur Kenntnis gebracht wird, was u. U. in einem formalisierten Kommunikationsrahmen geschieht und rechtliche Konsequenzen haben kann. Der Sprecher übermittelt dem Hörer eine Nachricht, von der er meint:

- dass sie neu für den Hörer ist,
- dass sie wichtig für ihn ist,
- dass er sie deswegen (unbedingt) zur Kenntnis nehmen müsse.

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

Tabelle 1.1. Informierende Sprechakte

2) Beschreiben ist eine ausführliche, genauere Wiedergabe sichtbarer und fühlbarer Tatbestände (ein Bild, die Eindrücke...) Der Sprecher stellt etwas so ausführlich und so detailliert mit sprachlichen Mitteln dar, dass sich der Hörer ein Bild vom Dargestellten machen kann, - jedenfalls nach Meinung des Sprechers.

3) Bewerten: Aufgrund von Wertvorstellungen, die als Vergleichbasis dienen, ordnet der Sprecher ein Objekt/eine Begebenheit einem bestimmten Bewertungsaspekt zu und gibt das Ergebnis einem Hörer zur Kenntnis. Die Wertvorstellung der Vergleichbasis können sowohl subjektiv (Geschmack) als auch sozialgesellschaftlich (schichtspezifisch) als auch institutionell­staatlich Gebrauchsnormen, Gesetzen u.a. vorgegeben sein, wobei alle drei Bereiche sich gegenseitig beeinflussen.

4) Kritisieren: der Sprecher nimmt für sich „Urteils- und Bewertungskompetenz“ in Anspruch und stellt vor dieser Position aus fest, dass eine Angelegenheit schlecht ist. Er drückt sein Missfallen darüber aus und verweist auf Verantwortlichkeiten.

5) Fragen (rhetorisch): der Sprecher stellt lokutiv eine Frage, deren Antwort er kennt. Illokutiv handelt es sich jedoch nicht um ein Fragen, sondern um ein Behaupten, mit dem Sprecher dem Hörer die eigene Meinung aufzudrängen versucht.

6) Sich Berufen: Der Sprecher glaubt, dass seine Meinung vor dem Hörer aus eigener Überzeugungskraft nicht bestehen kann, sondern erst akzeptiert wird, wenn zu ihrer Unterstützung gleich oder ähnlich lautende Ansichten von Autoritäten angeführt werden. Sich Berufen ist also Begründen durch Verweis auf Autoritäten.

Zur assertiven Illokutionsklasse gehören überwiegend informierende Sprechakte. Nach T.A. van Dijks Texttypologie gehört die Reportage zu den informierenden Texttypen [11: 356], dementsprechend ist es zweckdienlich die pragmatische Analyse der Fußballreportage in Anbetracht der assertiven Illokutionstypen durchzuführen, was das Anliegen des zweiten Kapitels ist (sieh. s. 51)

1.3.4. Expressive und Emotive Illokutionsklassen

Die Expressive und Emotive Illokutionsklassen gehören beide zur Gefühls­Klassen. Sie unterschieden sich nicht in dem Gefühlswort, sondern im den semantischen Sprechakt bezeichnenden Verb: bei Expressiven werden die Gefühle gezeigt, bei Emotiven werden die Gefühle geäußert.

Emotive sind im Vergleich zu den Expressiven Gefühlsäußerungen ohne Mitteilungsabsicht an einen Hörer. Deswegen werden sie of als „halb - illokutiv“ bezeichnet [50:158]. Es fehlt ihnen die kommunikative Funktion, welche die Expressive als voll- illokutive Klasse auszeichnet. Die Eigenart der Emotive besteht darin, dass in ihnen und mit ihnen die psychischen Zustände des Sprechers zum Ausdruck kommen, - jedoch nicht - wie bei den Expressiven - vom Sprecher mit Absicht zum Ausdruck gebracht werden.

Expressive lassen sich als Weiterentwicklung der Emotive begreifen. Die emotiven Gefühle, die der Sprecher von sich aus hat, werden ergänzt von expressiven Gefühlen, die der Sprecher für einen Hörer zum Ausdruck bringt. Expressive Illokutionsklassen gehören zu den Gefühls-Ausdruckshandlungen. Ihr expressiver illokutiver Punkt besteht darin, Gefühle und Einstellungen auszudrücken [50:161]. Die Bezeichnungen der expressiven Typen setzen sich zum einen Teil aus dem Gefühlswort plus Verb- Zeigen. Darüber hinaus werden die positiven und negativen Gefühle durch Gefühlswörter oder - Verben die entsprechenden Illokutionsfelder der Expressiven und Emotiven Illokutionsklassen bestimmen. Folgende positiven und negativen Gefühle werden gekennzeichnet:

1. Positive: Zufriedenheit, Glücklich- sein, Mitgefühl, Vertrauen, Zuneigung, Liebe, Sehnsucht, Bewundern, Bejubeln, Applaudieren, Gratulieren, Loben, Preisen, Danken, Ergebenheit, Verzeihen, Ermuntern, Ermutigen, Mitgefühl-, Mitleid-, Sorge- Zeigen, Bedauern, Klagen, Trauern, Jammern, Sich- Beklagen.

2. Negative: Unzufriedenheit, Misstrauen, Aggression, Zürnen, Quengeln, Protestieren, Enttäuschen, Entmutigen, Frustrieren, Verzweifeln, Verachtung - Zeigen, Ausschimpfen, Abkanzeln, Schmähen, Verhöhnen, Verspotten, Bespötteln, Beleidigen, Lästern, Ironisieren, Necken, Ärgern, Triumphieren.

3. Neutral: Interesse-, Neugier-, Gleichgültigkeit- Zeigen.

Beide Illokutionsklassen, expressive und emotive, widerspiegeln eine positive oder negative Sprechaktsbewertung aus der Sicht der Kommunikationsbeteiligten.

[...]

Ende der Leseprobe aus 106 Seiten

Details

Titel
Fußballreportagen in der Pragmalinguistik. Sprachwissenschaftliche Untersuchungen deutscher und russischer Berichterstattung
Note
1,3
Autor
Jahr
2008
Seiten
106
Katalognummer
V358654
ISBN (eBook)
9783668432727
ISBN (Buch)
9783668432734
Dateigröße
1034 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
Linguistik, Pragmatik, Pragmalinguistik, Sprachwissenschaft, Deutsch, Russisch, Berichterstattung, Sportjournalismus, Fußballreportage
Arbeit zitieren
Elena Reznik (Autor), 2008, Fußballreportagen in der Pragmalinguistik. Sprachwissenschaftliche Untersuchungen deutscher und russischer Berichterstattung, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/358654

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