Die Besonderheiten des Tagelieds Walthers von der Vogelweide und sein ironisch-performativer Charakter


Hausarbeit, 2015

18 Seiten, Note: 1,7


Leseprobe

Gliederung

Einleitung

1. Walthers Tagelied Friuntlîchen lac ein rîter
Mittelhochdeutscher Text
Neuhochdeutsche Übersetzung

2. Besonderheiten des Tagelieds
Inhaltlich
Formal

3. Kritik an Walthers Tagelied

4. Ironie im Mittelalter

5. Walthers Tagelied als parodistisches Kunstwerk nach Asher

Fazit

Literaturverzeichnis

Einleitung

Das Tagelied Friuntlîchen lac ein rîter von Walther von der Vogelweide wird in der Forschung aufgrund angeblicher Unzulänglichkeiten mehrfach scharf kritisiert. Diese Arbeit möchte, angelehnt an Asher, einen anderen Blick auf das Tagelied ermöglichen. Hierfür werden zunächst das Tagelied in mittelhochdeutscher Sprache und eine neuhochdeutsche Übersetzung desselben aufgeführt. Anschließend soll auf inhaltliche und formale Besonderheiten eingegangen und deren Interpretation ausgearbeitet werden. Daraufhin werden Beispiele für die mannigfaltige Kritik bekannter, wissenschaftlicher Autoren an Walthers Tagelied geliefert. Schließlich werden basierend auf Ashers Aufsatz, sowie einem kurzen Überblick, wie Ironie im Mittelalter eigentlich aussah, Merkmale des Tagelieds erläutert, die es vielmehr zu einem absichtlich parodistischen Kunstwerk als zu einem Versagen Walthers machen. Im Fazit sollen abschließend noch einmal beide Seiten kurz zusammengefasst und gegeneinander abgewogen werden.

1. Walthers Tagelied Friuntlîchen lac ein rîter

Mittelhochdeutscher Text

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten1

Neuhochdeutsche Übersetzung

1 Liebend lag ein sehr stattlicher Ritter in den Armen einer Dame. Er erblickte das Morgenlicht, das er durch die Wolken in der Ferne scheinen sah. Die Dame sprach in ihrem Schmerz: ʻVerflucht seist du, Tag, dass du mich nicht länger bei meinem Geliebten bleiben lässt. Was sie da Minne nennen, das ist nichts als sehnendes Leid.ʼ
2 “Meine Freundin, du sollst dein Trauern lassen. Ich will mich von dir trennen: das ist für uns beide gut. Der Morgenstern hat es hier drinnen hell gemacht.ˮ ʻMein Freund, nun tu dies nicht, lass dieses Gerede sein, dass du mir nicht so sehr mein Gemüt beschwerst. Wohin willst du so bald schon gehen? Das ist nicht rechtens.ʼ
3 “Meine Dame, so sei es, ich will besser bleiben. Nun sag mir in kurzer Zeit, alles was du willst, sodass wir unsere Aufpasser abermals trügen können wie bisher.ˮ ʻMein Freund, das tut mir weh, bevor ich wieder bei dir liegen kann, wird mir mein Kummer leider allzu groß. Nun meide mich nicht zu lange: das wäre mir sehr lieb.ʼ
4 “Das muss also geschehen, selbst wenn ich es nicht kann, und ich dich, Dame, einen Tag lang meiden sollte: so kann mein Herz doch niemals vor dir loskommen.ˮ ʻMein Freund, nun folge mir. Du sollst mich bald wiedersehen, wenn du mir mit treuer Beständigkeit ohne Wanken ergeben bist. Ohweh dieser Anblick! Nun erkenne ich den Tag.ʼ
5 “Was bringen mir rote Blumen, nun, da ich von hier fort soll? Liebste Freundin, die sind mir verhasst, so wie den Vögelchen die kalten Wintertage.ˮ ʻFreund, das ist auch meine Klage und meine immerwährende Not. Wahrhaftig weiß ich kein Ende, wie lange ich deiner entbehren muss. Nun liege bloß noch eine Weile: Das wäre das Beste, was du je tun könntest.ʼ
6 “Herrin, es ist Zeit: befiehl es mir, lass mich gehen. Ja, mache ich es doch für dein Ansehen, dass ich fortgehe. Der Wächter hat das Tagelied so laut angestimmt.ˮ ʻFreund, was soll ich tun? Da überlasse ich dir die Entscheidung. Ohweh, der Abschied. Dass ich dich fortschicken muss! Von dem ich die Seele habe, der soll dich beschützen.ʼ
7 Der Ritter ging fort: Da verzehrte er sich vor Sehnsucht und auch die schöne und tugendhafte Dame ließ er weinend zurück. Doch vergalt er ihr mit Treue, dass sie sich ihm hingegeben hatte. Sie sprach: ʻWer auch immer Tagelieder singt, der will mir am Morgen mein Herz beschweren. Nun liege ich ohne den Geliebten recht als eine sehnende Frau.ʼ

2. Besonderheiten des Tagelieds

Inhaltlich

Die erste Strophe beschreibt eine typische Tageliedsituation, wobei ein Ritter bei seiner Dame liegt und in der Ferne die ersten Sonnenstrahlen bemerkt. Die Dame gerät darüber in Trauer und verflucht den Tag als Schuldigen für ihren Schmerz. Auffällig ist, dass die erste Strophe mit einer Erzählinstanz beginnt, die die Lage im Präteritum schildert. Darauf folgt die wörtliche Rede der Dame im Präsens. Die doppelte Alliteration lâst bîliebe langer blîben nieht von Vers neun bis zehn verlangsamt den Sprechfluss und verleiht somit dem Wunsch der Dame nach Verweilen Ausdruck. Außergewöhnlich ist auch, dass die Dame mit einer sentenzartigen Aussage schließt, in der sie die minne als senede leit definiert. Das ist insofern untypisch für Walther von der Vogelweide, da er sonst genau die gegenteilige Auffassung von minne vertritt. In Saget mir ieman, waz ist minne? definiert er nämlich: „ Minne ist minne, tuot sie wol: tuot sie w ê , sôenheizet sie niht rehte minne.2 Das könnte bereit ein Hinweis auf eine Parodie des Tagelieds sein, aber dieser Aspekt soll in Kapitel fünf noch genauer behandelt werden. Des Weiteren springt einem die Ähnlichkeit zu Wolframs von Eschenbachs Tagelied ins Auge:

Den morgenblic bîwahtaeres sange erkôs

ein vrowe, dâsi tougen

an ir werden vriundes arm lac. (Den morgenblic bîwahtaeres sange erkôs, Str. 1, 1-3).

In der zweiten Strophe beschwichtigt der Ritter seine Dame, indem er sich auf ihr beider Ansehen beruft und erwähnt erneut, dass der Tag anbricht. Die Dame bleibt aber uneinsichtig und verbietet ihm, weiterhin davon zu sprechen, da es sie unglücklich macht. Schließlich schilt sie ihn sogar für seine Absicht, bald aufzubrechen, ohne zu erkennen, dass die Trennung eine unumgängliche Notwendigkeit darstellt. Der Ritter vertritt also den gesellschaftlichen Aspekt, wohingegen die Dame nur ihre eigenen Gefühle beachtet. Während der Ritter in der ersten Strophe das Licht noch so verre schînen sach, macht es nun schon hinne lieht. Daraus geht hervor, dass der Abschied nun schon dringlicher wird. Auffällig ist auch die Anrede beider mit Friundinne mîn oder mîn friunt, welche den Eindruck von werthafter personaler Zuwendung vermittelt, während beide einen eigentlich eher konflikthaltigen Dialog führen. Dieses Phänomen setzt sich über das ganze Tagelied fort.

Der Ritter gibt in der dritten Strophe schließlich nach und willigt ein, doch noch zu bleiben. Aber anstatt dieses Angebot, das sie ja eigentlich die ganze Zeit durch ihr Drängen bewirken wollte, glücklich anzunehmen, geht sie abermals nicht auf die Aussage des Ritters ein. Stattdessen ist sie weiterhin betrübt und bittet ihn, nicht allzu lange fortzubleiben, obwohl er sich doch gerade zum Verweilen bereit erklärt hat. In dieser Strophe fällt die Erwähnung der huote auf, die eine zweite Instanz des Dritten neben dem Wächter darstellt. Doch während der Wächter auf der Seite der Liebenden ist, und sie warnen will, repräsentiert die huote die Gesellschaft, die das Zusammensein von Ritter und Dame nicht billigt und die es zu täuschen gilt.

Der Ritter geht in der vierten Strophe auf die Forderung der Dame, nicht zu lange fortzubleiben ein, indem er ihr versichert, dass sein Herz, auch wenn er es nicht schaffen sollte, sie jeden Tag zu sehen, trotzdem immer ihr gehören wird. Dieser Ausdruck innerer Nähe bei gleichzeitiger räumlicher Ferne ist typisch für die Gattung des Tagelieds.

[...]


1 Walther von der Vogelweide, Friuntlîchen lac ein rîter.

2 Walther von der Vogelweide, Saget mir ieman, waz ist minne?, Str. 1, 5-6.

Ende der Leseprobe aus 18 Seiten

Details

Titel
Die Besonderheiten des Tagelieds Walthers von der Vogelweide und sein ironisch-performativer Charakter
Hochschule
Ludwig-Maximilians-Universität München
Note
1,7
Autor
Jahr
2015
Seiten
18
Katalognummer
V358954
ISBN (eBook)
9783668433519
ISBN (Buch)
9783668433526
Dateigröße
467 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
Tagelied, Walther, Vogelweide, Mediävistik, Mittelalter
Arbeit zitieren
Nadine Fischer (Autor), 2015, Die Besonderheiten des Tagelieds Walthers von der Vogelweide und sein ironisch-performativer Charakter, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/358954

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