Erzähltheorie nach Mona Baker

Am Beispiel der aktuellen Flüchtlingssituation


Hausarbeit, 2017

22 Seiten, Note: 1,0


Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1 Einleitung

2 Mona Baker - Leben und Forschung

3 Erzähltheorie
3.1 Kollektive und ontologische Narrative
3.2 Öffentliche Narrative
3.3 Konzeptuelle Narrative
3.4 Meta-Narrative
3.5 Übersetzung von Narrativen

4 Die politische Bedeutung von Narrativen
4.1 Flüchtlingssituation in Deutschland und Europa

5 Fazit

Literaturverzeichnis

1 Einleitung

Durch die vielen Kriege und Krisen auf der Welt, vor allem im Nahen Osten, sind in der heutigen Zeit viele Menschen auf der Flucht. Im Jahr 2016 kamen so viele Flüchtlinge nach Deutschland, wie noch nie zuvor in der Geschichte der Bundesrepublik (vgl. bamf 2017: 3). Viele Menschen fühlen sich verunsichert und wissen nicht wie sie mit der Situation umgehen sollen. Die Kultur, Sprache und Ansichten der Menschen die fliehen unterscheiden sich oft massiv von denen der Deutschen. Doch diese Verunsicherung ist nicht nur in Deutschland zu beobachten. In vielen anderen Ländern in Europa herrschen ähnliche Vorurteile, Sorgen und Ängste. Doch wie entstehen solche Ängste?

In ihrem Buch „Translation and Conflict - A Narrative Account“ untersucht Mona Baker wie Übersetzer und Dolmetscher in Konfliktsituationen funktionieren. Baker löst die Untersuchung der Narrative von ihrem strukturellen Aufbau und widmet sich stattdessen der Bedeutung, die Narrative im sozialen und politischen Bereich haben. In dieser Arbeit soll zuerst auf Baker als Übersetzungswissenschaftlerin eingegangen werden und ihr Standpunkt im Bereich der Translationswissenschaft dargestellt werden. Danach soll dargelegt werden, welche Narrative Baker unterscheidet, welche Probleme es bei deren Übersetzung gibt und welche Bedeutung sie für das Individuum, die Gesellschaft, die Politik und letztendlich das gesamte Weltgeschehen haben. Diese Bedeutung soll am aktuellen Beispiel der Flüchtlingsbewegung in Deutschland, verdeutlicht werden und die Frage beantworten wie Ängste durch Narrative geschürt werden.

2 Mona Baker - Leben und Forschung

Mona Baker ist Professorin für Übersetzungswissenschaft an der University of Manchester in Großbritannien. Sie gründete den Verlag St. Jerome Publishing, der sich auf die Veröffentlichung translatorischer Werke spezialisiert hat. Außerdem ist sie Vize-Präsidentin der International Association of Translation and Intercultural Studies (vgl. Baker 1992: 1).

Ihr wissenschaftliches Interesse gilt nicht ausschließlich der Erzähltheorie, und der Rolle, die sie für Übersetzungen spielt, sondern auch anderen Bereichen. Die wichtigste Anforderung die Baker an Übersetzer stellt, ist das Bewusstsein, dass die Übersetzungsaufgaben große Auswirkungen auf Gesellschaft und Politik haben können und der Übersetzer somit eine große moralische Verantwortung hat. Diese Forderung Bakers findet sich in ihren Überlegungen zur Erzähltheorie wieder, doch auch in anderen Gebieten der Translationswissenschaft, in denen sie tätig ist.

Baker ist deine Vertreterin der sogenannten Descriptive Translation Studies, die sich im Gegensatz zur normativen, äquivalenzorientierten Translationswissenschaft mit der Beschreibung des Phänomens der Translation beschäftigt (vgl. Prunc 2001: 226). Diese Forschungsrichtung wird als Gegenbewegung zur linguistischen Übersetzungstheorie angesehen und der linguistische Äquivalenzbegriff wird abgelehnt. Außerdem findet eine Abwendung von der Leitdisziplin der Linguistik, und eine Zuwendung zur komparativen Literaturwissenschaft statt. Dadurch wird die Translationswissenschaft als eigenständige Disziplin in Frage gestellt (vgl. Siever 2015: 169).

1993 forderte Baker ein Umdenken in der Translationswissenschaft. Die Korpuslinguistik sollte in der Forschung stärker beachtet werden. Ein großer Korpus bietet Wissenschaftlern Möglichkeiten, sich mit dem Objekt ihrer Studien genauer auseinanderzusetzen (vgl. Baker 1993: 235). Der Begriff „Korpus“ bezeichnet eine Sammlung von Texten die zur literarischen oder linguistischen Forschung benutzt werden. Um besser mit diesen Texten arbeiten zu können werden diese elektronisch aufbereitet und mit verschiedenen Markierungen versehen, beispielsweise für bestimmte Satzteile oder Anmerkungen (vgl. Kenny: 2009: 59). Baker unterscheidet drei Arten von Korpora: multilinguale Korpora, Parallelkorpora und Vergleichskorpora (vgl. Baker 1995 in Siever 2015: 74). Multilinguale Korpora werden durch verschiedensprachige, monolinguale Korpora aufgebaut und eigenen sich deswegen nicht für translationswissenschaftliche Forschungen, sondern für kontrastive linguistische Studien (vgl. Baker 1995 in Siever 2015: 75). Als Parallelkorpora werden Texte einer bestimmten Sprache, mit den dazugehörenden Übersetzungen, bezeichnet. Diese Art von Korpora eignet sich dafür, das Übersetzverhalten von bestimmten Sprachpaaren zu analysieren. Dabei können Äquivalenzbeziehungen bezogen auf Wort-, Satz- oder Syntagmaebene zwischen den Texten untersucht werden (vgl. Baker 1995 in Siever 2015: 74). Vergleichskorpora sind Texte, die in eine oder mehrere Sprachen übersetzt werden. An diesen Texten können Besonderheiten übersetzter Texte untersucht werden. Durch Vergleichskorpora lassen sich außerdem sogenannte Übersetzungsuniversalien feststellen. In ihnen beschreibt Baker Tendenzen, die sich häufig bei Übersetzungen betrachten lassen. Als Simplifizierung bezeichnet sie eine Tendenz zur Vereinfachung von Texten, bei der Übersetzung. Bei der Explizierung werden Übersetzungen ausführlicher übersetzt, teilweise werden Erklärungen hinzugefügt Als Konventionalisierung, wird die Tendenz bezeichnet, auf bekannte Muster der Zielsprache zurückzugreifen und als Angleichung, die Tendenz, dass sich übersetzte Texte stärker ähneln, als die Ausgangstexte (vgl. Baker 1993: 243- 244).

3 Erzähltheorie

Narrative werden von vielen Wissenschaftlern als eine optionale Kommunikationsform angesehen. Sie konzentrieren sich auf strukturelle Merkmale und sehen den Zweck von Narrativen alleine darin, sich die Aufmerksamkeit der Adressierten zu sichern (vgl. Baker 2006: 8). Baker wendet sich von dieser Ansicht ab und vertritt die These, dass alle Kommunikation durch Narrative stattfindet. Sie widerspricht außerdem der Annahme, dass Narrative nur im Bereich von Literatur besteht. Narrative sollen losgelöst von Genres betrachtet werden. Nur so lässt sich der Begriff ganzheitlich begreifen (vgl. Baker 2006: 9). In den folgenden Unterkapiteln sollen die verschiedenen Arten der existierenden Narrative betrachtet werden, wie sie funktionieren und welche Auswirkungen sie haben können.

3.1 Kollektive und ontologische Narrative

Ontologische Narrative sind Geschichten, die sich Menschen selbst über sich, ihre Vergangenheit und ihren Platz in der Welt, erzählen. Sie konstituieren durch sie ihr Leben und geben ihm einen nachvollziehbaren Sinn. Diese Narrative sind von sozialer Art und werden mit anderen Individuen ausgetauscht (vgl. Whitebrook 2001: 24). Das bedeutet, dass sie immer von kollektiven Narrativen abhängig sind, genauso wie deren Überleben von den ontologischen Narrativen abhängig ist. Kollektive Narrative sind Narrative, die von unzähligen Mitgliedern einer Gemeinschaft immer wieder erzählt und somit verbreitet werden. Sie beinhalten die Werte und Lebensentwürfe, die in einer Gemeinschaft anerkannt sind. Somit sind Menschen durch diese Art der Narrative in ihrem Handeln und Denken eingeschränkt, da sie sich nur im vorgegebenen Bereich bewegen können (vgl. Baker 2006: 29). Kollektive Narrative werden auf verschiedenen Wegen verbreitet, beispielweise durch das Fernsehen, Kino, Literatur, professionelle Vereinigungen oder Bildungseinrichtungen. Die Gesellschaft spielt eine große Rolle für die Narrative, mit denen sich Individuen ihren Platz in der Welt erklären und rechtfertigen. Die einzelnen ontologischen Narrative tragen dazu bei, ob eine Gesellschaft funktionieren und auf Dauer bestehen kann. Das führt dazu, dass dominante Institutionen in der Gesellschaft Rollenbilder für ihre Mitglieder bzw. Untergebenen schaffen, die zu deren Natur, Interessen und Bedürfnissen passen. Als Beispiel kann hierfür die Kirche genannt werden, die ihren Mitgliedern gottesfürchtige Verhaltensmuster vorgibt, und somit ihr Fortbestehen sichert (vgl. Baker 2006: 29). Um zu einem kollektiven Narrativ zu werden, muss in einer Gesellschaft ein Narrativ von einer bestimmten Anzahl ihrer Mitglieder unterstützt werden, um als „normal“ angesehen zu werden. Beispielsweise wurde die deutsche Bevölkerung im Dritten Reich ermutigt, sich als eine höhere Rasse anzusehen. Der einzige Grund, weshalb dieses Narrativ zu einem kollektiven Narrativ werden konnte war, dass Unzählige diesem Narrativ folgten, ohne es zu hinterfragen. Diese grundlegende Bereitschaft von Menschen, ihre ontologischen Narrative einem kollektiven Narrativ zu unterwerfen, kann dazu führen die soziale Ordnung komplett zu verändern. (vgl. Baker 2006: 30). Doch nicht nur die Gesellschaft als Ganzes, sondern die Interaktion mit einzelnen Individuen, prägt und formt unsere ontologischen Narrative, definiert das Selbstverständnis eines Individuums, zeigt Handlungsmöglichkeiten auf und schränkt diese gleichzeitig ein (vgl. Baker 2006: 30). Besteht ein zu großer Unterschied zwischen ontologischen und kollektivem Narrativ, kann dies schwerwiegende Folgen für das Individuum haben. Dies wird beispielsweise bei Flüchtlingen deutlich, die im Laufe des Asylprozesses, in sehr kurzer Zeit, ihr ontologisches Narrativ dem neuen kollektiven Narrativ des Landes, in das sie geflohen sind, anpassen müssen und dies manchmal nicht schaffen (vgl. Barsky 2005: 226). Doch nicht nur ontologisches und kollektives Narrativ der neuen Kultur müssen in Einklang gebracht werden, sondern auch das kollektive Narrativ des alten Landes, mit dem des neuen um sich in der neuen Kultur erfolgreich integrieren zu können (vgl. Baker 2006: 35).

Für den Übersetzer kann es zu einer schwierigen Aufgabe werden solche persönlichen Narrative in eine andere Sprache zu übertragen, da das Narrativ in der Zielsprache immer durch die sprachlichen Möglichkeiten derselben eingeschränkt ist (vgl. Baker 2006: 28 ff.). Auch kann das Übersetzen und vor allem das Dolmetschen von ontologischen Narrativen traumatisch sein, wenn beispielsweise Aussagen von Opfern und Tätern in die andere Sprache übertragen werden müssen (vgl. Baker 2006: 32).

3.2 Öffentliche Narrative

Öffentliche Narrative sind den kollektiven Narrativen sehr ähnlich. Geteilte oder kollektive Narrative sind allerdings lose Begriffe, die sich außerhalb jedes wissenschaftlichen Modells befinden. Der Begriff „öffentliche Narrative“ bezieht sich auf jede Art von Narrativ, das in einer Gesellschaft von Bedeutung ist (vgl. Baker 2006: 33). Nach Somers (1994) sind es Erzählungen die von einer Gesellschaft akzeptiert und immer wieder erzählt werden, von Institutionen die größer sind als das einzelne Individuum, wie beispielsweise die Familie, religiöse Institutionen oder Bildungseinrichtungen sowie Medien oder eine gesamte Nation. Auch Literatur spielt eine große Rolle in der Verbreitung kollektiver Narrative (vgl. Somers 1994: 619). Mitglieder einer jeden Gesellschaft unterstützen entweder diese öffentlichen Narrative oder wenden sich von ihnen ab. Dies geschieht, wenn das öffentliche Narrativ nicht in das eigene, ontologische Narrativ, in die eigene Identität, integriert werden kann (vgl. Whitebrook 2001: 145). Öffentliche Narrative sind keine starren, unveränderbaren Erzählungen. Sie können sich schnell ändern, manchmal bereits in der kurzen Zeit von ein paar Jahren oder sogar Monaten. Nelson Mandela wurde beispielsweise von den 1960er Jahren ab, bis in die späten 80er Jahre als Terrorist angesehen, da er gewalttätige Maßnahmen zur Beendigung der in Südafrika herrschenden Apartheid befürwortete. Als in den 70er und 80er Jahren die Anti-Apartheid Bewegung stärker wurde, änderte sich dieses Narrativ. Er wurde als Symbol des Widerstands angesehen, als internationaler Held, der 1993 sogar den Friedensnobelpreis erhielt (vgl. Baker 2006: 34).

Übersetzer spielen eine zentrale Rolle, bei der Verbreitung und Aufbereitung von öffentlichen Narrativen in ihren eigenen Gemeinschaften. Sie müssen außerdem dafür sorgen, dass alle Mitglieder einer Gesellschaft, auch neue Migranten, Sozialisierung, durch diese geteilten Narrative, erfahren. Übersetzer beschäftigen sich außerdem immer öfter mit öffentlichen Narrativen, die außerhalb ihrer eigenen Gesellschaft liegen (vgl. Baker 2006: 36-37). Öffentliche Narrative existieren oft in einem eingeschränkten Umfeld wie der Familie, dem Arbeitsplatz oder der Stadt, in der man lebt. Trotzdem hängt ihr langfristiges Fortbestehen davon ab, dass sie in anderen Dialekten und Sprachen weitergetragen werden. Übersetzer spielen also nicht nur eine zentrale Rolle bei der Verbreitung von öffentlichen Narrativen in ihren eigenen Gemeinschaften, sondern auch bei der Verbreitung von fremden, öffentlichen Narrativen, die es in und um jede Gesellschaft, zu jedem Zeitpunkt (vgl. Baker 2006: 38).

3.3 Konzeptuelle Narrative

Konzeptuelle oder disziplinarische Narrative sind das Produkt von Forschung, also Narrative, die Nachforschungen festhalten. Jede Forschungsrichtung, Translationswissenschaft eingeschlossen, stützt sich auf eigene disziplinarische Narrative, auf denen die Forschung aufgebaut wird (vgl. Baker 2006:39). Konzeptuelle Narrative können große Wichtigkeit für die ganze Welt erlangen, während andere nur Wissenschaftlern in einem bestimmten Bereich bekannt sind. Ein Beispiel dafür ist Darwins Evolutionstheorie, die auf der ganzen Welt bekannt ist, auch unter Laien, die sich nicht wissenschaftlich mit dem Thema Biologie befassen (vgl. Baker 2006: 39). Da Narrative letztendlich immer dazu da sind, Meinungen und Positionen in der realen Welt zu legitimieren und zu rechtfertigen, so auch wissenschaftliche Narrative, können diese zu einer großen Gefahr in der Gesellschaft oder Politik werden (vgl. Baker 2006: 11).

3.4 Meta-Narrative

Meta-Narrative sind Narrative, in denen Individuen als kontemporäre Schauspieler in der Geschichte auftreten. Beispiele für „Schauplätze“ solcher Narrative können beispielsweise die Industrialisierung oder Aufklärung sein. Sie können auch die epischen Dramen unserer Zeit darstellen, zum Beispiel zu Zeiten des Kalten Krieges Kapitalismus gegen Kommunismus (vgl. Baker 2006: 44). Der Kalte Krieg ist ein Narrativ das jahrzehntelang Bestand hatte und die Leben von unzähligen, einfachen Individuen auf der Welt beeinflusst hat. Medien sind für Meta-Narrative das wichtigste Verbreitungsmittel. So wurde das Narrativ des Kalten Krieges beispielsweise durch Hollywood in vielen Filmen verarbeitet und fand somit eine weite Verbreitung, abseits seiner eigentlichen, geographischen Grenzen (vgl. Baker 2006: 45).

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Details

Titel
Erzähltheorie nach Mona Baker
Untertitel
Am Beispiel der aktuellen Flüchtlingssituation
Hochschule
Johannes Gutenberg-Universität Mainz  (Sprache, Kultur, Translation)
Veranstaltung
Europäische Translationswissenschaftler
Note
1,0
Autor
Jahr
2017
Seiten
22
Katalognummer
V359290
ISBN (eBook)
9783668442092
ISBN (Buch)
9783668442108
Dateigröße
454 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
Erzähltheorie, Mona Baker, Flüchtlinge, Narrative, Übersetzung, Hebbsche Regel, Vorurteile, Wortwahl, öffentliche Meinung, Salient Exemplar Effect, Contested Concept, Flüchtlingsdebatte, Frames, Kollektiv, Frame-Ambiguität, Meta-Narrativ, Ontologisches Narrativ, Kollektives Narativ, konzeptuelles Narrativ, Translationswissenschaft, Linguistik
Arbeit zitieren
Ines Wiedmann (Autor), 2017, Erzähltheorie nach Mona Baker, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/359290

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