Der Schwerpunkt dieser Arbeit liegt auf der Liturgie und fragt, ob und inwiefern Liturgie im Spätmittelalter eine Kommunikationssituation ist. In dieser Arbeit und der darin erörterten Fragestellung wird sich auf die Zeit des Spätmittelalters beschränkt; es ist also der Zeitraum von etwa 1250 bis 1500, die Zeit der Hungersnöte, Seuchen und des Schwarzen Todes aber auch des (wissenschaftlichen) Fortschritts in Europa.
Glaube und Religion haben im mittelalterlichen Europa eine sehr große Bedeutung. Aber können die kirchlichen Laien im Mittelalter die in den Kirchen vollzogene christliche (römisch-katholische) Liturgie nachvollziehen? Wie sieht diese Liturgie überhaupt aus? Was ist wesentlich? Was meint Liturgie im Mittelalter überhaupt? Welche Rolle spielen liturgische Gegenstände? Und an wen richtet sich die Heilige Messe? An welchen liturgischen Elementen können Laien partizipieren? Können die klerikalen Laien sich in das Gottesdienstgeschehen in der Gemeinde mit einbringen? Kann bei spätmittelalterlicher Liturgie von einer Kommunikationsform gesprochen werden?
Inhaltsverzeichnis
1. Einleitung und Fragestellung
2. Liturgie
2.1 Vorbedingungen und Einordnung
2.2 Definition Liturgie
2.3 Die Liturgie der Messe im Spätmittelalter
2.3.1 Die Hochamts-Messe (Missa solemnis)
2.3.2 Die stille Messe (Missa lecta)
2.4 Liturgischer Raum und liturgische Gegenstände bei der Feier der Messe
2.4.1 Liturgischer Raum
2.4.2 Liturgische Gegenstände
3. Liturgie als Kommunikationssituation
3.1 Unterschiedliche Kommunikationsmittel in der Liturgie der Messe
3.2 Instrumentalisierung der Messliturgie durch Kommunikationssituationen im Vorfeld
3.2.1 Votivmessen (Missa votiva)
3.2.2 Offizielle öffentliche Begängnisse
3.2.3 Totenmessen und Stiftungsmessen
3.2.4 Bruderschaften
3.2.5 Prozessionen
4. Fazit und Ausblick
Zielsetzung & Themen
Die vorliegende Arbeit untersucht, inwiefern die Liturgie im spätmittelalterlichen Europa als eine Form der Kommunikationssituation zwischen Gott und Mensch verstanden werden kann. Dabei wird analysiert, wie trotz der sprachlichen Barriere des Lateinischen durch körperliche Inszenierung, rituelle Wiederholung und symbolische Handlungen eine Teilhabe stattfand und wie externe Anlässe die Messfeier instrumentalisierten.
- Struktur der spätmittelalterlichen Messfeier (Missa solemnis vs. Missa lecta)
- Die Rolle von Raum und liturgischen Gegenständen in der Kommunikation
- Die Messliturgie als Kommunikationssituation und rituelles Geschehen
- Instrumentalisierung der Liturgie durch Votivmessen und Stiftungen
- Bedeutung von Prozessionen und Bruderschaften im rituellen Kontext
Auszug aus dem Buch
3.2 Instrumentalisierung der Messliturgie durch Kommunikationssituationen im Vorfeld
Bleibt auch der Ablauf der Heiligen Messe bedingt durch das Missale und seine darin festgeschriebene Liturgie immer gleich, so kann diese Liturgie und somit die Messe doch durch Kommunikationssituationen im Vorfeld der Messe instrumentalisiert werden. Dabei folgt die unveränderliche und immer gleiche Liturgie ihren eigenen Gesetzmäßigkeiten und lässt kaum Sprünge zu – sie gibt es den Menschen auf, aus dieser Feier des Transzendenten Kraft für die jeweilige Situation zu schöpfen. Mögliche Gründe für die Instrumentalisierung werden bei den im folgenden näher erläuterten Beispielen der Votivmessen im Allgemeinen, der Ratseinführung, der gestifteten Messen und Totenmessen, Bruderschaften sowie der Prozessionen genannt.
Es gibt noch weitere Kommunikationssituationen im Vorfeld, die dazu führen können, dass die Messe für Zwecke und Gelegenheiten „dienstbar“ (Angenendt 2004, S. 96) gemacht wird. Da die Liturgie, wie in Kapitel 2 definiert, immer auch selbst Kommunikation ist, liegen hier doppelte Kommunikationssituationen vor; denn zudem kommt es nun im Umfeld und Vorfeld und bei der Durchführung von speziellen Messen zu Kommunikationssituationen, nämlich zwischen den klerikalen Laien und den Klerikern.
Zusammenfassung der Kapitel
1. Einleitung und Fragestellung: Das Kapitel definiert den Untersuchungsrahmen und die zentrale Fragestellung, ob spätmittelalterliche Liturgie als Kommunikationsform zwischen Gott und den Menschen gedeutet werden kann.
2. Liturgie: Hier wird der Begriff Liturgie umfassend definiert und der Ablauf sowie die kontextuellen Bedingungen der Messe im Spätmittelalter – unterteilt in Hochamt und stille Messe – detailliert dargestellt.
3. Liturgie als Kommunikationssituation: Dieses Hauptkapitel untersucht die symbolischen Kommunikationsmittel der Messe, wie Gestik und Mimik, sowie die Einflussnahme gesellschaftlicher Phänomene wie Stiftungen oder Prozessionen auf die Liturgie.
4. Fazit und Ausblick: Das Kapitel reflektiert die Ergebnisse der Untersuchung und diskutiert die Entwicklung von der aktiven Teilnahme hin zur kleruszentrierten Passivität sowie die heutige Bedeutung der Liturgiereform.
Schlüsselwörter
Spätmittelalter, Liturgie, Messfeier, Kommunikationssituation, Missa solemnis, Missa lecta, Eucharistie, Instrumentalisierung, Votivmessen, Stiftungen, Bruderschaften, Prozessionen, Ritual, Volksglaube, Klerus
Häufig gestellte Fragen
Worum geht es in dieser wissenschaftlichen Arbeit grundsätzlich?
Die Arbeit untersucht die spätmittelalterliche römisch-katholische Liturgie unter dem Aspekt, ob und in welcher Weise sie als Kommunikationssituation zwischen Gott und Mensch verstanden werden kann.
Welche zentralen Themenfelder deckt die Untersuchung ab?
Die Schwerpunkte liegen auf der Struktur der Messliturgie (Hochamt vs. stille Messe), der Rolle des liturgischen Raums und der Gegenstände sowie der instrumentellen Nutzung der Messe für soziale und religiöse Zwecke.
Was ist das primäre Ziel oder die Forschungsfrage?
Das Ziel ist es, aufzuzeigen, wie trotz der sprachlichen Distanz zum Lateinischen und der klerikalen Dominanz Kommunikation im Gottesdienst stattgefunden hat und wie diese durch externe Faktoren beeinflusst wurde.
Welche wissenschaftliche Methode kommt zum Einsatz?
Die Arbeit nutzt eine liturgiewissenschaftliche und historische Analyse, gestützt auf einschlägige Fachliteratur und Quellen zur mittelalterlichen Religiosität.
Was wird im Hauptteil der Arbeit behandelt?
Der Hauptteil gliedert sich in die Untersuchung der rituellen Abläufe (Messe) und der verschiedenen Kommunikationsmittel (non-verbal, symbolisch) sowie der verschiedenen Formen der Instrumentalisierung, wie Votivmessen oder Bruderschaften.
Welche Schlüsselwörter charakterisieren die Arbeit?
Die wichtigsten Begriffe sind Spätmittelalter, Liturgie, Eucharistie, Kommunikation, Instrumentalisierung und Rituale.
Inwiefern hat sich die Rolle der Laien bei der stillen Messe (Missa lecta) verändert?
Bei der stillen Messe reduzierte sich die Rolle der Gläubigen oft auf eine passive Teilnahme, da die aktive verbale Beteiligung durch die Konzentration auf den Priester und die lateinische Sprache zunehmend wegfiel.
Warum spielt das "Himmelsloch" in spätmittelalterlichen Kirchen eine Rolle?
Das Himmelsloch war ein architektonisches Element für rituelle Inszenierungen an hohen Festtagen, etwa um Darstellungen von Christus oder dem Heiligen Geist mechanisch durch die Kirchendecke zu führen.
Welche Rolle spielten Bruderschaften für das Seelenheil?
Bruderschaften dienten der gegenseitigen Unterstützung und Absicherung des Seelenheils durch gemeinsames Gebet und die Durchführung von Totenmessen, was die Kommunikation über den Tod hinaus strukturierte.
- Arbeit zitieren
- Bettina Rütten (Autor:in), 2016, Liturgie als Kommunikationssituation im Spätmittelalter. Alteuropa als Gegenwelt und Traditionszusammenhang, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/359470