Selbstorganisation von Organisationen


Ausarbeitung, 2005
18 Seiten, Note: gut

Leseprobe

Gliederung

1. Einleitung/Fragestellung/Vorgehensweise

2. Konzepte der Selbstorganisation
2.1. Die Selbstorganisation in den Naturwissenschaften
2.1.1 Synergetik
2.1.2 Autopoiese

3. Grenzen der Selbstorganisation
3.1 Überführung vom naturwissenschaftlichen Konzept in eine soziale Sichtweise
3.2 Hemmnisse von spontanen Ordnungen

4. Übertragung in die Organisationstheorie

5. Steuerung sozialer Systeme
5.1 Ist Steuerbarkeit in sozialen Systemen möglich?
5.2. Steuerung zwischen Selbst- und Fremdorganisation

6. Systemische Beratung
6.1 Organisationsverständnis des systemischen Beraters
6.2 Der Beratungsprozess

7. Kritische Würdigung

Literaturverzeichnis

1. Einleitung/Fragestellung/Vorgehensweise

Die Organisationstheorie hat neben der Auffassung, das Organisationshandeln sei von außen steuerbar einen alternativen Ansatz der Selbststeuerung ausgebildet.

Gegensätzlich zu der klassischen Organisationsidee, nach der Organisationen durch spezifische Regelungen steuerbar sind, geht der zweite Ansatz davon aus, dass es in Organisationen – oder allgemeiner in komplexen sozialen Systemen - zu spontanen Ordnungsbildungen kommt. Es stellt sich also bei der Steuerung komplexer Sozialsysteme die Frage nach Fremd- oder Selbstorganisation. Wir wollen dabei der Frage nachgehen, welche Form der Steuerung besser dazu in der Lage ist, ein System zu lenken. Vor allem unter der Annahme, sich verändernder Umwelten und Anforderungen werden Grenzen und Möglichkeiten der beiden Modelle deutlich. Hier soll also zunächst das Konzept der Selbstorganisation erläutert werden. Danach sollen Möglichkeiten und Grenzen dieses Modells im Vergleich zur Fremdorganisation aufgezeigt werden und anschließend soll das Modell auf seine Relevanz für die Praxis überprüft werden.

2. Konzepte der Selbstorganisation

Konzepte der Selbstorganisation entstanden vor allem in den 1960er und 1970er Jahren. Im Folgenden werden einige naturwissenschaftliche Konzepte der Selbstorganisation aufgegriffen und erläutert, da sie teilweise in die Organisations- und Managementtheorie übertragen wurden.

2.1 Die Selbstorganisation in den Naturwissenschaften

2.1.1 Synergetik

Anfang der 1960er Jahre war die Synergetik aus der Theorie des Lasers hervorgegangen, dessen Begründer Hermann Haken, ein Professor für theoretische Physik, ist.

Er untersuchte anhand des Lasers wie durch das Zusammenwirken vieler unabhängiger Teile (der Lichteilchen) kohärentes – also zusammenhängendes – Verhalten (das Laserlicht) entsteht. Die Synergetik kann daher beschrieben werden als ein Forschungsgebiet, dass sich mit dem Zusammenwirken der einzelnen Teile eines Systems befasst, das räumliche, zeitliche und funktionelle Strukturen hervorbringt (Paslack, 1991: 100). Das heißt, wie sich natürliche Systeme selbst organisieren.

Normales Licht – z.B. aus einer Lampe – und Laserlicht unterscheiden sich nur in dem Zusammenwirken der einzelnen Lichtteilchen. Die Lichtteilchen als solches sind in beiden Systemen identisch, lediglich die Lichtwellen, die sie erzeugen sind unterschiedlich. Im Licht der Lampe herrscht ein Gemisch von Lichtwellen mit unterschiedlicher Frequenz und Phase, also Unordnung. Im Laserlicht dagegen herrscht kohärente Ordnung, es besteht praktisch nur aus einem einzigen Wellenzug, der die gesamte Energie des lichtelektrischen Feldes bündelt (ebd.: 103).

Die Ursache dafür liegt in der Koordination der Emissionen der Laseratome. Und diese Koordination wird vom Laserlicht selbst geleistet. Bedingt durch den Aufbau der Laserapparatur erhält ein bestimmter Wellenzug einen minimalen Vorteil gegenüber allen anderen, sich zu verstärken. Damit werden automatisch alle anderen Laserelektronen dazu gezwungen ihre Lichtwellen in gleicher Phase mit der bevorzugten Welle auszusenden. Dadurch entsteht das Laserlicht schließlich aus nahezu vollkommen kohärenten Wellenzügen – aus der unordentlichen Basis der verschiedenen Phasen und Frequenzen entsteht eine nahezu perfekte Ordnung (ebd.: 104)

Dabei ist die „siegreiche“ Welle keinesfalls als Zerstörer der anderen Wellen anzusehen, diese existieren weiter. Lediglich die Wechselwirkung untereinander bewirkt, dass diese Welle als Ordner auftritt. Die Elektronen selbst – also die Systemmitglieder – bringen durch ihr gleichmäßiges Schwingen diesen Ordner allerdings selbst hervor. Das Auftreten des Ordners und das kohärente Verhalten der Elektronen bedingen sich demnach gegenseitig (Richter, 1994: 13).

Der Laser stellt jedoch nur einen Spezialfall in einer viel größeren Wirklichkeit dar, wie Haken später feststellte. Das Prinzip der Selbstorganisation lässt sich seiner Auffassung nach auch auf viele andere – z.B. biologische und soziale – Systeme ausweiten (Paslack, 1991: 106-107). Die Synergetik ist seit dieser Zeit der Wissenschaftsbereich, der die Prinzipien und Mechanismen für das Zusammenwirken der einzelnen Teile in einem System untersucht und versucht die daraus resultierenden Strukturen zu erklären.

2.1.2 Autopoiese

Die chilenischen Neurobiologen Humberto Maturana und Francisco Varela, die sich mit den Prinzipien der Organisation von Lebewesen sowie der Arbeitsweise des Nervensystems auseinandersetzten, begründeten die Theorie der Autopoiese in den frühen 1970er Jahren.

Maturana sah in der klassischen Beschreibung der Systeme einen großen Nachteil, nämlich, dass bisher diese Beschreibung immer von außen vorgenommen wurde. Der Betrachter des Systems schrieb dabei dem Zusammenspiel der Komponenten bzw. ihrem interaktiven Verhalten einen funktionalen Sinn zu. Dieses darf dann jedoch nicht als objektives Wissen ausgegeben werden, sondern muss als relativ zu dem Beobachterkontext gesehen werden Paslack, 1991: 153).

Das autopoietische System zeichnet sich dann nach Maturana auch dadurch aus, dass es seine Komponenten selbst durch das Netzwerk der Operationen herstellt, das durch eben diese Komponenten definiert wird. Das System ist dabei selbstreferentiell und operativ geschlossen (Richter, 1994: 14), d.h. die Komponenten interagieren derart miteinander, dass sie an der Erzeugung der weiteren Komponenten teilhaben und diese Komponenten nicht aus einer Umwelt heraus entstehen, sondern vollständig aus den systeminternen Operationen heraus.

Ein weiterer wichtiger Gesichtspunkt von autopoietischen Systemen ist auch die informationale Geschlossenheit des Systems (Paslack, 1991: 14). Damit ist gemeint, dass das System nicht in einem klassischen Input-Output-Verhältnis mit seiner Umwelt steht, sondern sich seine Umwelt selbst erschafft.

Von Maturana und anderen wurde dies anhand von Untersuchungen über die Aktivität von Nervenzellen bei der Farbbetrachtung experimentell belegt. Die Experimente zeigten, dass die Aktivitäten der Nervenzellen keine vom Lebewesen unabhängige Umwelt spiegeln, sondern lediglich einen Rahmen von Relationen bilden. Die Netzhaut nimmt dabei zwar Informationen von der Umwelt auf, allerdings werden diese Informationen von der Netzhaut - also einer Systemkomponente – selektiert. Dies geschieht durch die Interaktion mit der Umwelt, also z.B. des scharf/unscharf Sehens in Folge von unterschiedlicher Aktivierung der Ganglienzellen. Und zum anderen wird auch schon der Zusammenhang in Bezug auf die Bedeutung der Parameter definiert, ob also eine bestimmte Farbe eine bestimmte Wirkung erzielt oder eine bestimmte Handlung begründet (Paslack, 1991: 158 ff).

Das autopoietische System verarbeitet also keine Umweltinformationen, sondern erzeugt immer nur netzwerkinterne Relationen. Die Umwelt wirkt lediglich in Form von Störeinflüssen auf das System ein, während die Selektion und Interpretation vollkommen systeminterne Vorgänge sind.

Jedoch ist das Überleben des Systems davon abhängig, ob diese internen Vorgänge zu mit der Umwelt kompatiblen Interaktionen führt. Nach Maturana herrscht demnach zwischen dem System und seiner Umwelt eine „strukturelle Kopplung“ (ebd.: 165).

Die Selbstorganisation autopoietischer Systeme lässt sich also an der spontanen Interaktion von ansonsten unabhängigen Elementen festmachen. Und sobald diese Elemente miteinander interagieren werden sie gleichzeitig zum Bestandteil des Organismus.

3. Grenzen der Selbstorganisation

3.1 Überführung vom naturwissenschaftlichen Konzept in eine soziale Sichtweise

Nun soll versucht werden die naturwissenschaftlichen Kontexte mit sozialwissenschaftlichen Gegebenheiten zu verknüpfen.

Die Selbstorganisation gilt dabei laut Fredmund Malik als das Hauptmerkmal von spontanen Ordnungen. Hierbei ergeben sich die Ordnungen nicht aus dem Willen oder den Gestaltungsabsichten der Systemmitglieder, sondern sie sind das Resultat aus deren Handeln. Die ordnungsschaffenden Kräfte sind keine Naturgesetze und auch kein Schöpfungswille (Malik, 1993: 211). Das Licht wird nicht zum Laser, weil es eine Kraft gibt, die die Lichtteilchen dazu zwingen, wie die Gravitationskraft den Apfel dazu zwingt vom Baum zu fallen. Es ist lediglich das angenommene Verhalten der Teilchen, das zum Laser führt.

Auf ein soziales System übertragen bedeutet dies, dass eine spontane Ordnung als unvorhergesehenes Ergebnis von Verhalten gilt, das die Menschen angenommen haben, ohne ein solches Resultat im Sinn zu haben. Grundlage bilden dabei bestimmte Regeln, denen jedes Systemmitglied folgt – bewusst und unbewusst. Diese Regeln lenken das Verhalten der Mitglieder, aus deren regelgeleiteten Interaktionen entsteht dabei die Ordnung (Malik, 1993: 212).

Die Ordnung wirkt dabei sowohl auf das Mitgliederverhalten als auch auf die Regeln selbst zurück. Dieser Kreislauf der Wirkungsbeziehungen spiegelt die Selbstreferenz wider, das System bezieht sich immer wieder auf sich selbst, produziert sich dabei selbst und entwickelt sich somit auch stets aus sich selbst heraus weiter. Dabei ist das Verhalten jedes einzelnen Individuums auf seine eigenen Ziele und Zwecke ausgerichtet, die einzelnen Regeln – und damit auch die Ordnung als ganzes – sind nicht auf diese Ziele und Zwecke der Einzelnen ausgerichtet. Sie sind der „Leitfaden“ an dem sich das Verhalten der Einzelnen orientiert.

Ein typisches Beispiel für Malik sind die Sprache oder die Moral (Malik, 1993: 212). Diese gesellschaftlichen Institutionen werden nicht von einem zentralen Gestaltungswillen geordnet, sondern bedienen sich der Informationen, Kenntnisse und des Wissens der gesamten Masse der Mitglieder. Das Verhalten der Mitglieder wird dabei von den Regeln geleitet, also z.B. der Grammatik, um Verständlichkeit zu gewährleisten. Die Ordnung (also die Sprache als Ganzes) hat sich dabei dynamisch weiterentwickelt in einem fortlaufenden Prozess der Interaktion der Mitglieder - in diesem Falle des Sprechens der Menschen miteinander. Die Sprache wirkt dabei gleichzeitig auf das Verhalten (=das Sprechen) der Mitglieder, denn nur wer die Sprache beherrscht, kann an der Interaktion teilnehmen.

3.2 Hemmnisse von spontanen Ordnungen

Fredmund Malik sieht die spontanen Ordnungen als nicht verhinderbar an, sie können lediglich behindert werden. Eine totale Verhinderung wäre nur möglich, wenn die persönliche Freiheit jedes einzelnen vollkommen eliminiert werden würde. Selbst die totalitärsten Staatsformen haben es bisher nicht geschafft jeden erdenklichen Winkel von sozialen Strukturen festzulegen (Malik, 1993: 214).

Als größtes Hemmnis spontaner Ordnung gilt augenscheinlich eine zentrale Steuerung aller menschlichen Aktivitäten, aber aus oben genannten Gründen ist dies nicht das gefährlichste Hemmnis. Dies sieht Malik in 4 Hauptgruppen von Hindernissen (vgl. Malik, 1993: 215 ff):

1. Eine Form des Rationalismus, der die Allmacht des menschlichen Verstandes zu Grunde hat. Alle sozialen Entscheidungen werden dann dem persönlichen Gestaltungswillen von Individuen zugeschrieben. Dabei bezieht sich der Autor auf F.A. von Hayek, der in dieser „Anmaßung des Wissens“ dann allerdings eine große Überschätzung des menschlichen Verstandes sieht, da keine zentrale Instanz dazu in der Lage wäre, die Informationsmenge, die für die Steuerung erforderlich wäre zu beschaffen, zu verbreiten und weiterzuleiten (ebd.: 216).
2. Bestimmte Arten der Management- und Organisationslehre setzen die grundsätzliche Prognostizierbarkeit wirtschaftlicher und sozialer Entwicklungen und somit die Machbarkeit aller Dinge voraus, sofern nur richtig geplant und organisiert wird. In dieser Sichtweise sind Organisationen ein Paradebeispiel für Strukturen, die nach vorher festgelegten Zwecken bewusst gestaltet sind. Also reinste Fremdorganisation (ebd.: 217).
3. Menschliche Gefühle des Mitleids, der Solidarität und der Nachbarschaftshilfe, stehen im Kontrast zu den abstrakten, unpersönlichen und großen spontanen Ordnungen. Die Emotionen entwickelten sich seit jeher in kleinem Rahmen (Stamm, Familie, Freundeskreis,...), wo Schutz, Gehorsam, Solidarität u.ä. wichtige Bestandteile sind. Die Emotionen lösen demnach ein sehr zweckgebundenes Verhalten aus, was konträr der spontanen Ordnung ist (ebd.: 218).
4. Das Missverständnis des „Sozialdarwinismus“, angelehnt an die biologische Evolutionstheorie von Charles Darwin. Es würde bedeuten, dass das stärkste oder am besten angepasste Individuum sich durchsetzt und damit die spontane Ordnung erklärt. Jedoch geht es in der sozialen Evolution nicht um Individuen oder Gruppen, sondern um Verhaltensweisen, die ja gerade nicht von Instinkten und Trieben gelenkt werden sollen, sondern durch die allgemeinen Regeln (ebd.: 219).

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Ende der Leseprobe aus 18 Seiten

Details

Titel
Selbstorganisation von Organisationen
Hochschule
Gottfried Wilhelm Leibniz Universität Hannover
Note
gut
Autoren
Jahr
2005
Seiten
18
Katalognummer
V35961
ISBN (eBook)
9783638357203
Dateigröße
533 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
Selbstorganisation, Organisationen
Arbeit zitieren
Benjamin Behrens (Autor)G. Schiecke (Autor), 2005, Selbstorganisation von Organisationen, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/35961

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