Die Organisationstheorie hat neben der Auffassung, das Organisationshandeln sei von außen steuerbar einen alternativen Ansatz der Selbststeuerung ausgebildet. Gegensätzlich zu der klassischen Organisationsidee, nach der Organisationen durch spezifische Regelungen steuerbar sind, geht der zweite Ansatz davon aus, dass es in Organisationen – oder allgemeiner in komplexen sozialen Systemen - zu spontanen Ordnungsbildungen kommt. Es stellt sich also bei der Steuerung komplexer Sozialsysteme die Frage nach Fremd- oder Selbstorganisation. Wir wollen dabei der Frage nachgehen, welche Form der Steuerung besser dazu in der Lage ist, ein System zu lenken. Vor allem unter der Annahme, sich verändernder Umwelten und Anforderungen werden Grenzen und Möglichkeiten der beiden Modelle deutlich. Hier soll also zunächst das Konzept der Selbstorganisation erläutert werden. Danach sollen Möglichkeiten und Grenzen dieses Modells im Vergleich zur Fremdorganisation aufgezeigt werden und anschließend soll das Modell auf seine Relevanz für die Praxis überprüft werden.
Inhaltsverzeichnis
1. Einleitung/Fragestellung/Vorgehensweise
2. Konzepte der Selbstorganisation
2.1. Die Selbstorganisation in den Naturwissenschaften
2.1.1 Synergetik
2.1.2 Autopoiese
3. Grenzen der Selbstorganisation
3.1 Überführung vom naturwissenschaftlichen Konzept in eine soziale Sichtweise
3.2 Hemmnisse von spontanen Ordnungen
4. Übertragung in die Organisationstheorie
5. Steuerung sozialer Systeme
5.1 Ist Steuerbarkeit in sozialen Systemen möglich?
5.2. Steuerung zwischen Selbst- und Fremdorganisation
6. Systemische Beratung
6.1 Organisationsverständnis des systemischen Beraters
6.2 Der Beratungsprozess
7. Kritische Würdigung
Zielsetzung & Themen
Der Projektbericht untersucht die Eignung und Grenzen von Selbstorganisationsmodellen im Vergleich zur klassischen Fremdsteuerung in komplexen sozialen Systemen und Organisationen. Dabei wird der Frage nachgegangen, ob und wie moderne Organisationen unter sich wandelnden Umweltbedingungen effizient gelenkt werden können.
- Grundlagen naturwissenschaftlicher Konzepte der Selbstorganisation (Synergetik, Autopoiese)
- Übertragung selbstorganisatorischer Prinzipien auf die soziale Organisationstheorie
- Analyse von Hindernissen spontaner Ordnungen in gesellschaftlichen Strukturen
- Diskussion der Steuerbarkeit komplexer sozialer Systeme durch Kontextsteuerung
- Anwendung systemischer Beratung als praktisches Beispiel der Selbstorganisation
Auszug aus dem Buch
2.1.1 Synergetik
Anfang der 1960er Jahre war die Synergetik aus der Theorie des Lasers hervorgegangen, dessen Begründer Hermann Haken, ein Professor für theoretische Physik, ist. Er untersuchte anhand des Lasers wie durch das Zusammenwirken vieler unabhängiger Teile (der Lichteilchen) kohärentes – also zusammenhängendes – Verhalten (das Laserlicht) entsteht. Die Synergetik kann daher beschrieben werden als ein Forschungsgebiet, dass sich mit dem Zusammenwirken der einzelnen Teile eines Systems befasst, das räumliche, zeitliche und funktionelle Strukturen hervorbringt (Paslack, 1991: 100). Das heißt, wie sich natürliche Systeme selbst organisieren.
Normales Licht – z.B. aus einer Lampe – und Laserlicht unterscheiden sich nur in dem Zusammenwirken der einzelnen Lichtteilchen. Die Lichtteilchen als solches sind in beiden Systemen identisch, lediglich die Lichtwellen, die sie erzeugen sind unterschiedlich. Im Licht der Lampe herrscht ein Gemisch von Lichtwellen mit unterschiedlicher Frequenz und Phase, also Unordnung. Im Laserlicht dagegen herrscht kohärente Ordnung, es besteht praktisch nur aus einem einzigen Wellenzug, der die gesamte Energie des lichtelektrischen Feldes bündelt (ebd.: 103).
Die Ursache dafür liegt in der Koordination der Emissionen der Laseratome. Und diese Koordination wird vom Laserlicht selbst geleistet. Bedingt durch den Aufbau der Laserapparatur erhält ein bestimmter Wellenzug einen minimalen Vorteil gegenüber allen anderen, sich zu verstärken. Damit werden automatisch alle anderen Laserelektronen dazu gezwungen ihre Lichtwellen in gleicher Phase mit der bevorzugten Welle auszusenden. Dadurch entsteht das Laserlicht schließlich aus nahezu vollkommen kohärenten Wellenzügen – aus der unordentlichen Basis der verschiedenen Phasen und Frequenzen entsteht eine nahezu perfekte Ordnung (ebd.: 104).
Zusammenfassung der Kapitel
1. Einleitung/Fragestellung/Vorgehensweise: Die Einleitung definiert das Spannungsfeld zwischen klassischer Fremdsteuerung und alternativen Ansätzen der Selbststeuerung in komplexen Organisationen.
2. Konzepte der Selbstorganisation: Dieses Kapitel erläutert naturwissenschaftliche Grundlagen der Selbstorganisation, insbesondere die Synergetik und die Autopoiese, als theoretisches Fundament.
3. Grenzen der Selbstorganisation: Es wird diskutiert, wie sich spontane Ordnungen in soziale Kontexte übertragen lassen und welche Hemmnisse dabei ihre Effektivität einschränken.
4. Übertragung in die Organisationstheorie: Das Kapitel beleuchtet den Wandel innerhalb der Organisationstheorie, die durch zunehmende Komplexität neue, evolutionäre Managementkonzepte erfordert.
5. Steuerung sozialer Systeme: Hier werden unterschiedliche Modelle der Steuerbarkeit diskutiert, wobei insbesondere der Kompromiss zwischen Marktmechanismen und hierarchischer Kontrolle untersucht wird.
6. Systemische Beratung: Die systemische Beratung wird als praktisches Anwendungsfeld vorgestellt, in dem das Verständnis von Organisationen als selbstreferentielle Systeme zentral ist.
7. Kritische Würdigung: Das Fazit fasst zusammen, dass eine totale Selbstorganisation in der Praxis nicht existiert und auch die Übertragung wissenschaftlicher Modelle auf soziale Bereiche eine kritische Hinterfragung erfordert.
Schlüsselwörter
Selbstorganisation, Fremdorganisation, Organisationstheorie, Synergetik, Autopoiese, Systemtheorie, soziale Systeme, Steuerbarkeit, systemische Beratung, Kontextsteuerung, evolutionäres Management, Komplexität, Selbstreferenz, spontane Ordnung.
Häufig gestellte Fragen
Worum geht es in dieser Arbeit grundsätzlich?
Die Arbeit untersucht das theoretische Spannungsfeld zwischen der klassischen Vorstellung, dass Organisationen von außen steuerbar sind, und dem alternativen Konzept der Selbstorganisation in komplexen sozialen Systemen.
Was sind die zentralen Themenfelder?
Die Arbeit umfasst Themen wie Synergetik, Autopoiese, Systemtheorie, Managementlehre, moderne Steuerungsproblematiken in Demokratien sowie systemische Beratungsmethoden.
Was ist das primäre Ziel der Forschungsfrage?
Das Ziel ist es, zu ermitteln, welche Form der Steuerung (Fremd- vs. Selbstorganisation) besser in der Lage ist, ein komplexes System in sich verändernden Umwelten zu lenken.
Welche wissenschaftliche Methode wird verwendet?
Die Arbeit basiert auf einer theoretischen Analyse und dem Vergleich existierender Konzepte aus der Systemtheorie und der Organisationsforschung.
Was wird im Hauptteil behandelt?
Der Hauptteil analysiert naturwissenschaftliche Grundlagen, deren Übertragung auf soziale Systeme, die Grenzen spontaner Ordnungen, Steuerungsmodelle sowie die praktische Anwendung der systemischen Beratung.
Welche Schlüsselwörter charakterisieren die Arbeit?
Wichtige Begriffe sind Selbstorganisation, Systemtheorie, Autopoiese, Steuerbarkeit, Komplexität und systemische Beratung.
Wie bewerten die Autoren die "totale Selbstorganisation"?
Die Autoren stellen fest, dass eine "totale Selbstorganisation" von der Mehrheit der Fachautoren abgelehnt wird, da in der Praxis immer ein gewisser ordnender Einfluss vorhanden ist.
Warum ist der Begriff der "Kontextsteuerung" von Bedeutung?
Kontextsteuerung dient als Kompromiss zwischen "Laissez-faire" und Hierarchie, bei dem Rahmenbedingungen geschaffen werden, die die Elemente eines Systems zu einer eigenständigen Selbststeuerung anregen.
- Quote paper
- Benjamin Behrens (Author), G. Schiecke (Author), 2005, Selbstorganisation von Organisationen, Munich, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/35961