Im Rahmen der Auseinandersetzung mit dem Menschenbild an sich und der Einordnung von Menschen mit geistiger Behinderung in dieses Gefüge erlebt man oft Enttäuschungen oder Verständnislosigkeiten, wenn man mit „normalen“ Mitmenschen diese Thematik bespricht.
Die Bandbreite der Meinungen reicht von mitleidigen Kommentaren, wie „Ach die armen Wesen, womit haben sie das verdient...“ bis zu sehr extremen Äußerungen: „Warum muss der Staat soviel Geld in Einrichtungen und andere Hilfemaßnahmen stecken, es bringt ja doch nichts, den Behinderten geht es doch fast besser als mir...“.
Durch meine unmittelbare berufliche Betroffenheit, die Arbeit im heilpädagogischen Sektor, möchte ich die Gelegenheit nutzen, eine Auseinandersetzung mit dem Menschenbild einerseits, und seiner Bedeutung für die heilpädagogische Arbeit andererseits, zu diskutieren.
Inhaltsverzeichnis
I. Einleitung
II. Anthropologische Grundgedanken
1. Anthropologie
2. Die Spezies Mensch
3. Menschenbild und Erziehung
III. Das Menschenbild in der Heilpädagogik
1. Allgemeiner Grundansatz
2. Geschichtlicher Rückblick
3. Menschenbild und geistige Behinderung
3.1. Geistige Behinderung
3.2. Erziehung von Menschen mit geistiger Behinderung, ein Widerspruch?
IV. Resümee
Zielsetzung und thematische Schwerpunkte
Die vorliegende Arbeit setzt sich kritisch mit dem Menschenbild in der Heilpädagogik auseinander. Ziel ist es, das Verständnis von Menschen mit geistiger Behinderung im Kontext anthropologischer Grundlagen zu reflektieren und eine heilpädagogische Praxis zu begründen, die den Menschen in seiner Ganzheit und Einzigartigkeit wahrnimmt, anstatt ihn auf Defizite zu reduzieren.
- Anthropologische Grundlagen des Menschseins
- Der Zusammenhang von Erziehung und Menschenbild
- Historische Entwicklung der Sichtweise auf behinderte Menschen
- Definition und Verständnis von geistiger Behinderung
- Ressourcenorientierte heilpädagogische Erziehungspraxis
Auszug aus dem Buch
3.1. Geistige Behinderung
„Die Schnecke, langsam, nackt und völlig wehrlos, scheint mir ein gutes Bild für die Wehrlosigkeit eines Kindes mit geistiger Behinderung, das langsam tastend weiterzukommen sucht und dabei mit seinem empfindlichen Fühlhorn allenthalben an Widerstände stößt, die es nicht erkennen kann und die es in seinen Versuchen, weiterzukommen, behindern.
Welche Widerstände sind das, und was bewirken sie in dem kleinen Menschen, der im Begriff ist, geistig behindert zu werden? >Den Körper lähmt die physische Verletzung, den Geist der Schrecken. Beides ist im Ursprung gar nicht zu trennen.< Im Ursprung nämlich, der ersten Lebenszeit, im Mutterleib und von Geburt an, sind Körper und Geist noch eins, ungetrennt. Und gerade in dieser Zeit ist die Körper-Seele-Geist-Einheit noch so weich und ungeschützt und verletzlich wie das Fühlhorn einer Schnecke. Verletzungen des Körpers erleben Embryo und Säugling als namenlosen Schrecken, seelische werden ihm zu physischen Schmerzen: zu Koliken, Ekzemen, Durchfällen, Magenpförtnerkrämpfen. Erst in der Ausdifferenzierung von Körper und Geist entsteht geistige Behinderung, und es ist müßig, trennen zu wollen zwischen Psychischem und Organischem. “Geistigbehindertsein“ ist das Produkt eines Prozesses, einer Auseinandersetzung....“
Zusammenfassung der Kapitel
I. Einleitung: Der Autor erläutert seine berufliche Motivation und die Notwendigkeit, das oft von Vorurteilen geprägte Menschenbild im heilpädagogischen Kontext zu hinterfragen.
II. Anthropologische Grundgedanken: Dieses Kapitel definiert den Begriff Anthropologie, beleuchtet die Spezies Mensch aus biologischer und philosophischer Sicht und beschreibt die fundamentale Bedeutung der Erziehung für das Individuum.
III. Das Menschenbild in der Heilpädagogik: Das Hauptkapitel diskutiert den Übergang vom allgemeinen Menschenbild zur heilpädagogischen Praxis, reflektiert historische Fehlentwicklungen und definiert den Umgang mit geistiger Behinderung als Prozess.
IV. Resümee: Der Autor zieht Bilanz über die aktuellen gesellschaftlichen Veränderungen und betont, dass trotz ökonomischer Kürzungen der Mensch mit Behinderung als Individuum im Mittelpunkt bleiben muss.
Schlüsselwörter
Anthropologie, Heilpädagogik, Menschenbild, geistige Behinderung, Erziehung, Vermenschlichung, Ganzheitlichkeit, Entwicklung, Resilienz, Ressourcenorientierung, Lebensqualität, Diskriminierung, gesellschaftliche Normen, Individualität, Behindertenfeindlichkeit.
Häufig gestellte Fragen
Worum geht es in dieser Arbeit grundsätzlich?
Die Arbeit untersucht das Menschenbild in der Heilpädagogik und reflektiert, wie Menschen mit geistiger Behinderung innerhalb dieses Gefüges wahrgenommen und behandelt werden.
Was sind die zentralen Themenfelder?
Im Zentrum stehen anthropologische Grundlagen, die Bedeutung der Erziehung für die Entwicklung des Menschen sowie der kritische Rückblick auf die gesellschaftliche und historische Sichtweise auf behinderte Menschen.
Was ist das primäre Ziel der Untersuchung?
Das Ziel ist die Etablierung eines ganzheitlichen Menschenbildes, das den behinderten Menschen nicht defizitorientiert betrachtet, sondern ihn als Individuum mit gleichen Rechten auf Hilfe zur Vermenschlichung achtet.
Welche wissenschaftliche Methode wird verwendet?
Der Autor stützt sich auf eine theoretische Literaturanalyse anthropologischer und heilpädagogischer Fachliteratur, ergänzt durch Reflexionen aus der eigenen beruflichen Praxis.
Was wird im Hauptteil behandelt?
Der Hauptteil befasst sich mit der Definition von geistiger Behinderung, der historischen Einordnung, dem Problem des Etikettierens und der Frage, wie eine ressourcenorientierte heilpädagogische Erziehung gestaltet sein muss.
Welche Schlüsselwörter charakterisieren die Arbeit?
Die Arbeit wird maßgeblich durch die Begriffe Anthropologie, Heilpädagogik, Menschenbild, Individualität und Ressourcenorientierung charakterisiert.
Warum ist der Begriff „geistige Behinderung“ laut Autor als Prozess zu verstehen?
Er argumentiert, dass geistige Behinderung aus der Wechselwirkung zwischen organischen Schädigungen und den Auseinandersetzungen im individuellen Lebenslauf entsteht und somit keine statische Eigenschaft ist.
Welche Gefahr sieht der Autor in der aktuellen gesellschaftlichen Entwicklung?
Er warnt davor, dass ökonomischer Druck und soziale Unsicherheiten zu einer neuen Behindertenfeindlichkeit führen können, da in Krisenzeiten vermehrt „Feindbilder“ auf schwächere Gruppen projiziert werden.
- Quote paper
- Jochen Hermann (Author), 2003, Menschenbild in der Heilpädagogik, Munich, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/36108