Gewalt in den Medien ist ein Thema, welches immer dann breit diskutiert wird, wenn es zu besonders grausamen Akten physischer Gewaltanwendung gekommen ist. Dies war insbesondere nach dem Amoklauf von Erfurt zu beobachten, als der vielfache Mord eines Schülers an LehrerInnen, MitschülerInnen, einer Sekretärin und einem Polizisten überwiegend als Reaktion auf den übermäßigen Konsum gewaltverherrlichender Computerspiele beschrieben wurde. Doch auch weniger intensiv diskutierte Gewalttaten zeigen ähnliche Rezeptionsmuster:
Nach dem Mord an einem 17-jährigen Schüler im uckermärkischen Potzlow kam die Berliner Morgenpost vom 26.05.03 (Mielke, 2003) zu der Erkenntnis, dass sich das Leben und Handeln der rechtsradikalen Täter mit dem Film "American History X" vergleichen lässt. Denn genau wie im Film wurde das Opfer gezwungen, "in die Kante eines Bürgersteigs zu beißen", um "ihm einen tödlichen Tritt in den Nacken" (Mielke, 2003) zu versetzen. Diese Analyse, die gesellschaftliche Prozesse nicht beleuchten will, sondern Gewalt in der Realität immer mit Gewalt in den Medien in Verbindung bringt, indem sie diese aus jener ableitet, führt dazu, dass das Individuum von der Verantwortung für das eigene Handeln entlastet wird und endet konsequenterweise in Forderungen, bestimmte Ausformungen medialer Gewalt (zumin-dest für Jugendliche) zu verbieten, sprich den Jugendschutz zu stärken. Welche Ausformungen medialer Gewalt betroffen sein sollen, hängt dabei stark vom politischen oder gesellschaftlichen Standpunkt ab und kann von der Fernsehserie "die Simpsons" bis hin zum Computerspiel "Counterstrike" alles treffen, was als nicht akzeptabel für das Aufwachsen von Kindern und Jugendlichen betrachtet wird.
Diese Arbeit wird sich der Frage widmen, wie Kinder und Jugendliche sowohl fiktionale, als auch nichtfiktionale Gewalt im Fernsehen rezipieren und ob sich vor dem Hintergrund der Ergebnisse moralisierende Verbotsdebatten als sinnvoll erweisen.
Kapitel 2 wird versuchen den Gewaltbegriff einzugrenzen, Kapitel 3 wird sich mit der Auswertung zweier qualitativer Studien beschäftigen und Kapitel 4 wird Raum für Schlussfolgerungen bieten. Auf eine Beschäftigung mit kommunikationswissenschaftlichen Medienwirkungstheorien werde ich in diesem Rahmen aus Platzgründen verzichten. Ich verweise an dieser Stelle auf G. Maletzkes (1988) kompakte Darstellung zur Thematik.
Inhaltsverzeichnis
1. EINLEITUNG
2. DER GEWALTBEGRIFF
2.1 PERSONALE GEWALT
2.2 STRUKTURELLE GEWALT
2.3 GEWALT IN DEN MEDIEN
3. GEWALT UND MEDIEN AUS DER SICHT ZWEIER STUDIEN
3.1 DIE QUALITATIVE SOZIALFORSCHUNG
3.2 DIE REZEPTION FIKTIONALER GEWALT
3.3 DIE REZEPTION NICHTFIKTIONALER GEWALT
3.3 VERGLEICH DER VORGESTELLTEN STUDIEN
3.3.1 Gemeinsamkeiten
3.3.2 Unterschiede
4. GEWALT IN MEDIEN ALS URSACHE GESELLSCHAFTLICHER GEWALT?
5. LITERATURVERZEICHNIS:
Zielsetzung & Themen
Das Hauptziel dieser Arbeit besteht darin, den Zusammenhang zwischen der Rezeption fiktionaler sowie nichtfiktionaler Mediengewalt durch Kinder und Jugendliche zu untersuchen und die Sinnhaftigkeit moralisierender Verbotsdebatten kritisch zu hinterfragen.
- Differenzierung des Gewaltbegriffs (personale und strukturelle Gewalt)
- Analyse der Rezeption fiktionaler Mediengewalt
- Untersuchung der kindlichen Rezeption nichtfiktionaler Nachrichtengewalt
- Rolle der Sozialisation und des familiären Umfelds
- Bedeutung der Medienkompetenz anstelle von Verbotsdebatten
Auszug aus dem Buch
3.2 Die Rezeption fiktionaler Gewalt
Schorb (1995) stellt eine Studie vor, die sich mit der Rezeption fiktionaler Gewalt auseinandersetzt. Hierzu wurden jeweils zwei Folgen der Action-Serien "Knight Rider" und "Airwolf" drei nach Herkunft, Wohnort, Bildung verschiedenen Jugendgruppen im Alter zwischen 13 und 16 gezeigt, um im Anschluss mit diesen über die Serien zu sprechen. "Es ging nicht (allein) um eine Analyse und Auseinandersetzung mit den Inhalten von Serien, sondern um die Frage, wie die Jugendlichen diese Inhalte rezipieren und bewerten." (Schorb, 1995, S.133) Da diese Action-Serien zu großen Teilen aus physischen Gewaltdarstellungen bestehen, könnten die Ergebnisse der Studie Auskunft über die Frage geben, "ob hier Schädigungen in Form von problematischen Handlungsvorbildern oder sozialen Desorientierungen zu befürchten sind." (Schorb, 1995, S.133)
Die Schlussfolgerungen aus den Ergebnissen der Studie wurden von Schorb (1995, S.148-151, alle Zitate aus dem folgenden Abschnitt - wenn nicht anders gekennzeichnet - von dort) thesenhaft dargestellt:
1. "Unter den aus der Sicht des Jugendschutzes relevanten Kriterien der Desorientierung und extensiven Gewaltdarstellung lassen sich klare Unterschiede zwischen beiden Serien festhalten, die die Serie 'Airwolf' als in höherem Maße destruktiv und desorientierend ausweisen." Da Gewalt in der Serie 'Airwolf' ohne Vermittlung durch eine Rahmengeschichte erscheint, ist "der Tatbestand der Desorientierung [...] hier insofern erfüllt, als den Jugendlichen Gewalt [...] als eine Aneinanderreihung bloß destruktiver Handlungen erscheint." Diese Feststellung ist grundsätzlich nicht falsch, sagt aber nur etwas über den Inhalt von Action-Serien, nicht aber über ihre Rezeption/ Bewertung aus.
2. "Ist die Erzählstruktur einer Serie so, dass Jugendliche ihr inhaltlich nur schwer folgen können und ist die Dramaturgie darüber hinaus orientiert an einer Aufeinanderfolge von Gewaltszenen, so bleiben primär diese Gewaltszenen im Gedächtnis Jugendlicher haften. Mögliche negative Effekte von Gewaltdarstellungen werden so noch stärker, da sie in keinerlei Handlungskontext eingebettet quasi pur wirken." Problematisch ist hier, dass wieder nur etwas über den Inhalt der Serien gesagt wird, um aus der extensiven Gewaltdarstellung willkürlich mögliche negative Wirkungen quasi abzuleiten.
Zusammenfassung der Kapitel
1. EINLEITUNG: Einführung in die Thematik der Mediengewalt und Darlegung der zentralen Forschungsfrage bezüglich der Rezeption durch Kinder und Jugendliche.
2. DER GEWALTBEGRIFF: Theoretische Abgrenzung der verschiedenen Ebenen personaler und struktureller Gewalt sowie deren Einordnung in mediale Kontexte.
3. GEWALT UND MEDIEN AUS DER SICHT ZWEIER STUDIEN: Auswertung qualitativer Studien zur Rezeption von fiktionalen und nichtfiktionalen Gewaltinhalten bei jungen Rezipienten.
4. GEWALT IN MEDIEN ALS URSACHE GESELLSCHAFTLICHER GEWALT?: Synthese der Ergebnisse mit dem Fazit, dass Medienkonsum nicht zwangsläufig zu gesellschaftlicher Gewalt führt, sondern Sozialisation und Medienkompetenz entscheidend sind.
5. LITERATURVERZEICHNIS:: Verzeichnis der in der Hausarbeit verwendeten wissenschaftlichen Quellen und Literatur.
Schlüsselwörter
Mediengewalt, fiktionale Gewalt, nichtfiktionale Gewalt, Sozialisation, Medienkompetenz, Jugendmedienschutz, qualitative Sozialforschung, Rezeptionsanalyse, strukturelle Gewalt, personale Gewalt, Medienwirkung, Jugendkultur, Gewaltprävention, Nachrichtengewalt.
Häufig gestellte Fragen
Worum geht es in dieser Arbeit grundsätzlich?
Die Arbeit untersucht kritisch die oft aufgestellte Behauptung, dass realer gesellschaftlicher Gewalt ein direkter Konsum von gewalthaltigen Medieninhalten zugrunde liegt.
Was sind die zentralen Themenfelder?
Die zentralen Felder sind die Definition von Gewaltformen, die Rezeption von Medieninhalten durch Kinder und Jugendliche sowie der Einfluss des sozialen Umfelds und der Sozialisation.
Was ist das primäre Ziel oder die Forschungsfrage?
Das Ziel ist die Beantwortung der Frage, wie Kinder und Jugendliche reale und fiktionale Gewalt verarbeiten und ob moralisierende Verbotsdebatten angesichts der Studienergebnisse sinnvoll sind.
Welche wissenschaftliche Methode wird verwendet?
Es wird ein qualitativer Ansatz gewählt, der die Ergebnisse zweier spezifischer Studien auswertet, um tiefere Einblicke in Rezeptionsprozesse zu gewinnen als bei quantitativen Zahlenbelegen.
Was wird im Hauptteil behandelt?
Der Hauptteil gliedert sich in die theoretische Begriffsbestimmung von Gewalt, die Auswertung von Studien zur fiktionalen sowie nichtfiktionalen Gewalt und die abschließende kritische Reflexion des Kausalzusammenhangs zwischen Medien und Gewalt.
Welche Schlüsselwörter charakterisieren die Arbeit?
Die Arbeit ist geprägt durch Begriffe wie Medienkompetenz, Sozialisation, Rezeptionsanalyse und eine differenzierte Betrachtung von Gewaltformen.
Warum unterscheiden sich Jungen und Mädchen in ihrer Medienwahrnehmung?
Die Studien deuten darauf hin, dass die Rezeption stark durch gesellschaftlich vorgegebene Geschlechterrollen geprägt ist, wobei sich Jungen oft stärker mit Technik und Mädchen stärker mit den Opfern identifizieren.
Welche Rolle spielt die Familie bei der Medienrezeption?
Das Elternhaus fungiert als primärer Sozialisationsort; das familiäre Umfeld und die dort vermittelten Werte entscheiden maßgeblich darüber, wie kritisch und reflektiert Kinder mit Medieninhalten umgehen können.
- Quote paper
- Matthias Kießling (Author), 2003, Gewalt in Medien als Ursache gesellschaftlicher Gewalt? Zwei qualitative Studien und ihre Schlussfolgerungen, Munich, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/36172