In ihrem Buch „Die gesellschaftliche Konstruktion der Wirklichkeit“ stellen die Autoren Peter L. Berger und Thomas Luckmann einen wissenssoziologischen Versuch vor, die intersubjektiven Prozesse zu beschreiben, mit denen Menschen ihr Wissen um die Welt erwerben, es gesellschaftlich verfestigen, kontrollieren und weitergeben und entwickeln somit auch eine Theorie des Aufbaus von Gesellschaften. Diese bestehen nicht aus sich heraus, sondern konstituieren sich über verschiedene kommunikative und institutionelle Prozesse. Gesellschaften werden somit zur objektiven Wirklichkeit aller und nicht nur zur subjektiven Wirklichkeit des Einzelnen. Eine besondere Rolle bei diesen Vorgängen kommt dabei den Experten zu. Die vorliegende Hausarbeit soll zum einen die Funktionsweise von Experten und Intellektuellen bei Berger und Luckmann genauer beleuchten, aufzeigen, wie sie als Gesellschaftsakteure an der Konstruktion und Aufrechterhaltung objektiver Wirklichkeiten beteiligt sind. Dazu wird in Kapitel 2 zunächst beschrieben, wie Berger und Luckmann die Figur des Experten sehen, welches die gesellschaftlichen Konflikte sind, die rund um seine Person entstehen und welchem geschichtlichen Wandel die Wirklichkeitsbestimmung durch Experten unterlegen ist. Darüber hinaus wird noch ein Spezialfall des Experten, nämlich der Intellektuelle betrachtet, der für die Autoren eine besondere Stellung genießt. Dies bietet die Überleitung zum Intellektuellenkonzept von Jeffrey C. Goldfarb, welches in Kapitel 3 vorgestellt und mit dem Ansatz von Berger und Luckmann verglichen wird. Kapitel 4 soll anschließend einen Einblick in andere Betrachtungsweisen von Experten geben, mit den Ansatz von Ivan Illich einen äußerst kritischen und demjenigen von Ronald Hitzler einen aktuellen. Danach soll in Kapitel 5 ein kurzes Fazit zu den vorgestellten Theorien gezogen werden.
Inhaltsverzeichnis
1. Einleitung
2. Der Begriff des Experten bei Berger und Luckmann
2.1 Experten und gesellschaftliche Konflikte
2.2 Die Erkenntnis struktureller Grundlagen
2.3 Gesellschaftliche Organisation als Stütze für Sinnwelten
2.4 Der Intellektuelle
3. Intellektuellenkonzepte im Vergleich
4. Expertenkonzepte im Vergleich
5. Fazit
Zielsetzung & Themen
Die vorliegende Arbeit untersucht die Rolle von Experten und Intellektuellen als Akteure bei der Konstruktion und Aufrechterhaltung gesellschaftlicher Wirklichkeiten, basierend auf dem theoretischen Rahmen von Berger und Luckmann, und vergleicht diese Konzepte kritisch mit alternativen Ansätzen.
- Wissenssoziologische Analyse der Expertenrolle bei Berger und Luckmann
- Untersuchung von Experten und gesellschaftlichen Konflikten
- Vergleichende Analyse der Intellektuellenkonzepte (Berger/Luckmann vs. Goldfarb)
- Diskussion moderner Expertenkonzepte (Hitzler, Illich)
- Reflektion über Macht, Sinnwelten und gesellschaftliche Transformation
Auszug aus dem Buch
2.4 Der Intellektuelle
Der Intellektuelle stellt unter den Experten einen Sonderfall dar. Berger und Luckmann beschreiben ihn als einen Experten, „dessen Expertise von der Gesellschaft nicht gewünscht wird“. Seine Expertise besteht dabei jedoch weniger darin, das bestehende offizielle Wissen abweichend auszulegen, als es (gänzlich) neu zu bestimmen. Damit vollzieht sich der Ausschluss des Intellektuellen aus der Gesellschaft, deren Grundlage ja die (bestehende) Wissensauslegung ist, und es definiert sich seine Aufgabe, nämlich seinen eigenen Entwurf der Gesellschaft durchzusetzen. Berger und Luckmann folgen damit maßgeblich Mannheim in seiner Beschreibung der Außenseiterstellung des Intellektuellen und der Funktionsweise (revolutionär-) intellektueller „Oppositionswissenschaft“; letztere zielt ab auf die Zersetzung von Ideen. Dabei beschränkt sie sich nicht darauf, Ideen „einfach zu negieren, für falsch zu erklären oder anzuzweifeln, sondern [trachtet danach,] sie zu zersetzen, und zwar in einer Weise, dass dadurch zugleich das Weltbild einer sozialen Schicht zersetzt wird.“
Zusammenfassung der Kapitel
1. Einleitung: Diese Einleitung führt in das wissenssoziologische Werk von Berger und Luckmann ein und definiert das Ziel der Arbeit, die Rolle von Experten und Intellektuellen bei der Konstruktion von Wirklichkeit zu beleuchten.
2. Der Begriff des Experten bei Berger und Luckmann: Hier wird die Figur des Experten als Legitimatoren gesellschaftlicher Sinnwelten sowie deren Konfliktpotenziale und Organisationsformen analysiert.
2.1 Experten und gesellschaftliche Konflikte: Dieser Abschnitt beschreibt die Spannungsfelder zwischen Theorie und Praxis sowie die Konkurrenz zwischen verschiedenen Wirklichkeitsbestimmungen.
2.2 Die Erkenntnis struktureller Grundlagen: Hier wird erörtert, wie strukturelle Bedingungen und die Trägerschaft durch soziale Gruppen den Erfolg von Wirklichkeitsbestimmungen beeinflussen.
2.3 Gesellschaftliche Organisation als Stütze für Sinnwelten: Dieser Teil kontrastiert die Monopolsituationen archaischer Gesellschaften mit dem Pluralismus moderner Gesellschaften hinsichtlich der Absicherung von Sinnwelten.
2.4 Der Intellektuelle: Dieser Abschnitt charakterisiert den Intellektuellen als Experten, dessen Expertise gesellschaftlich unerwünscht ist und der zur Zersetzung bestehender Ordnungen beiträgt.
3. Intellektuellenkonzepte im Vergleich: Hier wird das Konzept von Berger und Luckmann mit der konstruktiveren Sichtweise von Jeffrey C. Goldfarb verglichen, der Intellektuelle als Triebfedern der Demokratie sieht.
4. Expertenkonzepte im Vergleich: Dieser Abschnitt beleuchtet modernere, stärker ausdifferenzierte Expertenkonzepte von Ronald Hitzler und Ivan Illich.
5. Fazit: Das Fazit bewertet den Ansatz von Berger und Luckmann kritisch als theoretisch grundlegend, jedoch in Details zu vereinfachend, und betont die Bedeutung ergänzender aktuellerer Theorien.
Schlüsselwörter
Wissenssoziologie, gesellschaftliche Konstruktion, Experten, Intellektuelle, Wirklichkeitsbestimmung, Sinnwelten, Legitimation, soziale Konstruktion, gesellschaftliche Organisation, Macht, Wissensvorrat, Expertenherrschaft, Pluralismus, Diskurs, Professionelle.
Häufig gestellte Fragen
Worum geht es in dieser Hausarbeit grundsätzlich?
Die Arbeit analysiert die soziologische Rolle von Experten und Intellektuellen als aktive Akteure bei der Konstruktion und Aufrechterhaltung gesellschaftlicher Wirklichkeiten, basierend auf dem Wissenssoziologie-Konzept von Berger und Luckmann.
Was sind die zentralen Themenfelder der Analyse?
Die Arbeit fokussiert sich auf die Definition von Experten, ihre Rolle bei der Legitimation von Sinnwelten, die Abgrenzung zum Intellektuellen als Sonderfall sowie den Vergleich dieser klassischen Positionen mit moderneren Theorien.
Was ist das primäre Ziel oder die Forschungsfrage?
Das Ziel ist es, die Funktionsweise von Experten und Intellektuellen als Gesellschaftsakteure zu beleuchten und kritisch zu prüfen, wie sie Wirklichkeit konstruieren und legitimieren.
Welche wissenschaftliche Methode wird verwendet?
Die Arbeit verwendet eine theoretisch-vergleichende Methode, indem sie das Modell von Berger und Luckmann mittels Literaturanalyse mit den Ansätzen von Jeffrey C. Goldfarb, Ronald Hitzler und Ivan Illich konfrontiert.
Was wird im Hauptteil der Arbeit behandelt?
Der Hauptteil gliedert sich in die Untersuchung des Expertenbegriffs bei Berger und Luckmann, den Vergleich von Intellektuellenkonzepten sowie die Gegenüberstellung moderner Expertenkonzepte.
Welche Schlüsselbegriffe charakterisieren die Arbeit?
Die zentralen Begriffe umfassen Wissenssoziologie, Wirklichkeitsbestimmung, soziale Konstruktion, Legitimation und Expertenherrschaft.
Wie unterscheidet sich der Intellektuelle bei Berger und Luckmann vom Ansatz von Goldfarb?
Während Berger und Luckmann den Intellektuellen als destruktiven Außenseiter im "institutionellen Vakuum" zeichnen, sieht Goldfarb ihn als konstruktiven Akteur, der die öffentliche Diskussion in demokratischen Gesellschaften bereichert.
Welche Kritik übt Ivan Illich an der modernen Expertenschaft?
Illich kritisiert die "Expertenherrschaft" und die damit einhergehende Entmündigung der Bevölkerung durch professionelle Berufe, deren Machtanspruch er kritisch hinterfragt.
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- Bene Schuhholz (Author), 2005, Experten und Intellektuelle, Munich, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/36351