Anhand einer vergleichenden Analyse seiner Aufzeichnungen und Arbeiten sowie der Forschungsdiskussion zu Malinowskis Forschungsansatz soll die Entwicklung der Denkart zur teilnehmenden Beobachtung und dem Funktionalismus Malinowskis diskutiert werden. Unter Zuhilfenahme der langjährigen Feldforschung Malinowskis und deren Einbettung in die koloniale Situation sollen Probleme und Möglichkeiten dieser neuen Methode der teilnehmenden Beobachtung herauskristallisiert werden, die sich von der zuvor propagierten „Lehnstuhl-Anthropologie“ durch die Nähe des Forschers zum „Objekt“ gravierend unterscheidet.
In welchen Punkten unterscheiden sich Feldforschung und insbesondere die Methode der teilnehmenden Beobachtung von sonstigen Forschungsreisen beziehungsweise Forschungsarbeiten? Wie drückt sich der Konflikt des europäisch-überlegenden Denkmusters in Malinowskis Forschungsarbeiten aus und wie begegnet er den Schwierigkeiten auf seinen langjährigen Forschungsaufenthalten? Welche Kritikpunkte (an Malinowski) werden in der Forschungsdiskussion angesprochen?
Inhaltsverzeichnis
1. Einleitung
2. Koloniale Situation zu Beginn des 20.Jahrhunderts und Verflechtung von ethnologischer Forschung mit Kolonialismus
3. Bronislaw Malinowski
3.1. Malinowskis Funktionalismus
3.2. Die teilnehmende Beobachtung
3.3. Malinowskis „Kultur-Konzept“
4. Malinowskis Forschungsreisen
4.1. Malinowskis Aufenthalt in Mailu und auf den Trobriand-Inseln
4.2. „Die eigene und die fremde Kultur“ - Kulturtransfer und eurozentrischer Blickwinkel in Malinowskis Forschungsansatz
5. Fazit
Zielsetzung und Themen
Die vorliegende Hausarbeit untersucht die Wurzeln der Feldforschung als spezifische Reiseform und deren Einbettung in das koloniale Umfeld des beginnenden 20. Jahrhunderts. Im Zentrum steht Bronislaw Malinowski als Begründer des Funktionalismus; dabei wird analysiert, inwiefern ihm der Bruch mit eurozentrischen Denkmustern durch seine Methode der teilnehmenden Beobachtung gelang oder wo dieses Unterfangen aufgrund kolonialer Machtstrukturen scheiterte.
- Funktionalismus als neues anthropologisches Paradigma
- Die Methode der teilnehmenden Beobachtung in Theorie und Praxis
- Wechselwirkungen zwischen Ethnologie und Kolonialismus
- Bronislaw Malinowskis Feldforschung auf den Trobriand-Inseln
- Eurozentrischer Blickwinkel und Kulturtransfer in der ethnographischen Forschung
Auszug aus dem Buch
Die teilnehmende Beobachtung
Die teilnehmende Beobachtung als Begrifflichkeit wurde zwar erst 1924 von Edward C. Lindemann angewandt, wird aber mit der Methodik des Funktionalismus Malinowskis seitdem in Verbindung gebracht und soll auch im Folgenden für die etablierte Arbeitsweise seiner Feldforschungen stehen. Das Grundkonzept der teilnehmenden Beobachtung besteht in der sozialen Interaktion des Ethnologen mit den zu Erforschenden, wobei die Problematik darin besteht die szientifische Distanz zu wahren, aber dennoch soweit in das Leben und die Gesellschaft der zu Erforschenden einzudringen und teilzuhaben, um als “Gleicher unter Gleichen” akzeptiert zu werden.
Der Methode der teilnehmenden Beobachtung liegt demzufolge ein Dualcharakter zugrunde, der gewissermaßen als Oxymoron bezeichnet werden kann, da mit dem Wort “teilnehmend” eine Nähe impliziert wird, die sich für das Wort “Beobachtung” wieder zu einer zunehmenden Distanz entfernt. Die Distanz wird jedoch nicht nur durch die Beobachtung und den Prozess der Verarbeitung der Informationen durch Notizen und Protokolle herausgebildet, sondern liegt auch immer in der unvermeidbaren Voreingenommenheit des Forschers, welche durch die Eingebundenheit in einen anderen fremden Kulturkreis geschuldet ist. Diese Voreingenommenheit ist sowohl für eine differenzierte Wahrnehmung des divergenten Kulturkreises verantwortlich, wie sie vom Ethnologen erwartet wird, gleichzeitig jedoch führt sie zu einer selektiven Aufnahme, Verarbeitung und Reproduktion von Kulturmerkmalen.
Zusammenfassung der Kapitel
1. Einleitung: Diese Einleitung führt in die Problematik der Feldforschung im kolonialen Kontext ein und erläutert die methodische sowie theoretische Herangehensweise an das Werk von Bronislaw Malinowski.
2. Koloniale Situation zu Beginn des 20.Jahrhunderts und Verflechtung von ethnologischer Forschung mit Kolonialismus: Das Kapitel beleuchtet das koloniale Machtgefüge und dessen Wechselwirkung mit der aufkommenden ethnologischen Forschung, insbesondere unter dem Aspekt der britischen Herrschaftspraxis.
3. Bronislaw Malinowski: Hier wird der Begründer des Funktionalismus und sein methodisches Konzept vorgestellt, das den Übergang von der "Lehnstuhl-Anthropologie" zur aktiven Feldforschung markiert.
3.1. Malinowskis Funktionalismus: Dieses Kapitel erläutert die Definition von Kultur als funktionales System zur Befriedigung menschlicher Bedürfnisse und deren Bedeutung für die soziokulturelle Forschung.
3.2. Die teilnehmende Beobachtung: Es wird das methodische Kernstück Malinowskis analysiert, das auf sozialer Interaktion und der Auflösung der Distanz zwischen Forscher und Beforschten basiert.
3.3. Malinowskis „Kultur-Konzept“: Dieser Abschnitt behandelt die kulturtheoretischen Grundlagen Malinowskis, insbesondere die institutionelle Organisation und die Bedeutung der Kooperation innerhalb menschlicher Gesellschaften.
4. Malinowskis Forschungsreisen: Dieses Kapitel widmet sich den konkreten Feldforschungsaufenthalten Malinowskis, insbesondere unter Berücksichtigung der politisch-historischen Rahmenbedingungen.
4.1. Malinowskis Aufenthalt in Mailu und auf den Trobriand-Inseln: Die praktische Durchführung der Forschung, der Einfluss des kolonialen Umfelds und die Bedeutung der langen Aufenthaltsdauer für die Datengewinnung werden hier dargelegt.
4.2. „Die eigene und die fremde Kultur“ - Kulturtransfer und eurozentrischer Blickwinkel in Malinowskis Forschungsansatz: Dieser Abschnitt diskutiert die Schwierigkeiten der Überwindung eurozentrischer Sichtweisen und das Spannungsfeld zwischen eigener kultureller Herkunft und der Beobachtung des Fremden.
5. Fazit: Das Fazit fasst die Rolle Malinowskis innerhalb der Ethnologie zusammen und reflektiert die koloniale Vergangenheit der Disziplin sowie die kritische Aufarbeitung in der Writing Culture Debate.
Schlüsselwörter
Feldforschung, Bronislaw Malinowski, Funktionalismus, Teilnehmende Beobachtung, Kolonialismus, Ethnologie, Kulturkonzept, Trobriand-Inseln, Eurozentrismus, Akkulturation, Sozialwissenschaften, Kulturwandel, Writing Culture Debate, Indirect rule, Feldtagebuch.
Häufig gestellte Fragen
Worum geht es in dieser Arbeit grundsätzlich?
Die Arbeit untersucht die Anfänge der modernen ethnologischen Feldforschung am Beispiel von Bronislaw Malinowski und hinterfragt deren Verschränkung mit den Machtstrukturen des Kolonialismus.
Was sind die zentralen Themenfelder?
Die zentralen Themen sind der Funktionalismus, die Methode der teilnehmenden Beobachtung sowie das Spannungsfeld zwischen kolonialen Machtinteressen und dem Anspruch auf objektive ethnologische Forschung.
Was ist das primäre Ziel der Arbeit?
Das Ziel ist es zu erörtern, ob Malinowskis Methode tatsächlich eine unvoreingenommene Begegnung mit fremden Kulturen ermöglichte oder ob sie trotz seiner Ansätze im eurozentrischen Weltbild verhaftet blieb.
Welche wissenschaftliche Methode wird verwendet?
Die Arbeit nutzt eine vergleichende Analyse von Malinowskis eigenen Arbeiten und Aufzeichnungen sowie eine kritische Untersuchung der aktuellen Forschungsdiskussion über ethnologische Forschungsmethoden.
Was wird im Hauptteil der Arbeit behandelt?
Der Hauptteil gliedert sich in theoretische Erläuterungen zu Malinowskis Funktionalismus und seiner Kulturdefinition sowie in die empirische Betrachtung seiner Feldforschungsreisen nach Mailu und auf die Trobriand-Inseln.
Welche Schlüsselwörter charakterisieren die Arbeit?
Wichtige Begriffe sind insbesondere Feldforschung, Teilnehmende Beobachtung, Kolonialismus, Funktionalismus und Eurozentrismus.
Warum gilt die teilnehmende Beobachtung als Oxymoron?
Der Begriff vereint den Anspruch auf soziale Nähe ("teilnehmend") mit dem wissenschaftlichen Ziel der Distanz ("Beobachtung"), was zu einer inherenten Spannung und selektiven Wahrnehmung führt.
Welche Rolle spielten die Feldtagebücher bei der Kritik an Malinowski?
Die Tagebücher offenbarten emotionale Konflikte und teils rassistische Äußerungen Malinowskis, die von Kritikern genutzt wurden, um aufzuzeigen, dass er seine eigenen methodischen Ansprüche nicht vollständig erfüllen konnte.
- Quote paper
- Antje Klünder (Author), 2013, Die Begründung der Feldforschung. Bronislaw Malinowski und eine besondere Form der Reise, Munich, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/364692