Täter- und Opferstatus gewaltbereiter Jugendlicher

Ist Gewalt durch Jungen und Mädchen ein wachsendes Problem unserer Gesellschaft?


Bachelorarbeit, 2011

62 Seiten, Note: 1,0


Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

Vorwort

Zum Gewaltbegriff

A: Gewaltbereite Jungen und Mädchen als Täter und Opfer
1 Soziale Einflussfaktoren auf die Entwicklung von Gewalt bei Jungen und Mädchen
1.1 Die Familie
1.2 Die Schule
2 Typische Jungengewalt und typische Mädchengewalt?
3 Jungen- und Mädchengewalt im Laufe der Zeit
3.1 Die Polizeiliche Kriminalstatistik der letzten zwei Jahrzehnte
3.1.1 Allgemeine Gewaltdelikte
3.1.2 Körperverletzungsdelikte
3.2 Einschätzung der Jungen- und Mädchengewalt der letzten zwei Jahrzehnte

B: Gewaltwahrnehmung und -beobachtung in der Schule
4 Gewalt in der Schule
4.1 Bochumer Untersuchung zur Gewaltwahrnehmung innerhalb der Schule
4.2 Daten des Bundesverbandes der Unfallkassen in Deutschland zur körperlichen Gewalt mit Verletzungsfolgen an deutschen Schulen (2003)
5 Ethnographische Forschung in der Schule
5.1 Beobachtungsort: Die Heiligenwegschule Osnabrück
5.2 Beobachtung vom 29.09.2011 - Gewaltverhalten unter Schülern
5.2.1 Beobachtete Rahmenbedingungen
5.2.2 Beobachteter Vorfall
5.3 Hypothese
5.3.1 Begriffserklärung zur Hypothese
5.3.2 Hypothesen-/Beobachtungsanalyse

Fazit

Literaturverzeichnis

Vorwort

In den letzten Jahren häufen sich Medienberichte über offensiv gewalttätige Kinder und Jugendliche, in denen immer wieder Fälle massiver Gewalt an Schulen sowie im öffentlichen Raum ein lautes Echo finden. Während in der Vergangenheit Beleidigungen und körperliche Auseinandersetzungen Heranwachsender noch scheinbar harmlos und selten waren, so sollen sich junge Menschen heute immer häufiger ihrer verbalen und vor allem physischen Stärke bewusst sein und Gewalt zunehmend brutaler, erbarmungs- und bedenkenloser gegenüber Mitmenschen ausüben.

Beispielsweise titelte der Stern im Jahr 2004 ÄWerden Schüler immer brutaler? Mitschüler werden brutal verprügelt, andere psychisch drangsaliert, zuweilen auch von Gruppen und systematisch. Wird die Schule vom Lernort immer mehr zum Tatort?“1. 2009 hieß es ebenfalls im Stern ÄSie prügeln wahllos Passanten zusammen, schlagen und treten auf ihre Opfer ein, wenn diese schon am Boden liegen: Kinder und Jugendliche ohne Mitleid”2. Insbesondere soll die Anzahl der von jungen Frauen verübten Gewalttaten immer mehr zunehmen: So konnte man 2008 im Focus lesen Ä‚Da habe ich rotgesehen‛ - Schlagen, treten, niedermachen - die wachsende Gewaltbereitschaft junger Frauen beschäftigt Polizei und Psychologen“3. Orientiert man sich an dieser Gewaltpräsenz in den Medien, so scheint es an der Zeit, dass im Deutschen ein neues Wort gebräuchlich wird: die Macha, als das weibliche Gegenstück zum Macho. Denn wenn junge Frauen früher noch bei Gefahr mit dem großen Bruder drohen mussten, schlagen sie laut medialer Aufarbeitung immer öfter selbst zu. Letztendlich wird in den täglich auf uns einwirkenden Berichterstattungen festgestellt, dass eine stark ansteigende Anzahl der Gewalttäter/innen in und außerhalb der Schule auszumachen sei.

Ist Gewalt durch Jungen und Mädchen jedoch tatsächlich ein wachsendes Problem? Integrieren Mädchen heutzutage Gewalthandlungen auf gleiche Art in ihre Vorstellung von Weiblichkeit wie Jungen in ihre Vorstellung von Männlichkeit? Und wie steht man als Pädagoge/in zu dieser Thematik?

Wie dem Titel zu entnehmen ist, soll die Frage nach der wahrnehmungsbedingten Täter- und/oder Opferseite gewaltbereiter Jungen und Mädchen geklärt werden. Als Ergebnis soll also herauskristallisiert werden, ob und in welche Richtung sich die pädagogische

Aufmerksamkeit vermehrt lenken muss, damit diesen Gewaltphänomenen in adäquater Weise entgegengetreten werden kann.

Zu diesem Zweck werden zunächst Fragestellungen aus essentiellen Gebieten der Gewaltforschung ins Blickfeld genommen, wobei untersucht wird, wie aggressive Jungen und Mädchen selbst Opfer ihrer Sozialisation bzw. von Gewalt werden, indem soziale Faktoren in Hinsicht auf die Entstehung von Gewalt thematisiert werden.

Danach sollen im Kapitel ÄTypische Jungengewalt und typische Mädchengewalt?“ diverse Auslöser, Motive und Formen gewalttätigen Verhaltens geschlechtscharakterisiert werden, um aufzuzeigen, ob diese als genderheterogen oder -homogen bezeichnet werden können.

Im folgenden Abschnitt wird dann die andere Seite dieser Thematik durchleuchtet - aggressive Jungen und Mädchen als Täter. Zunächst steht hierfür die Thematisierung des oben angesprochenen Wachstumspotentials aus hellfeldstatistischer Perspektive im Mittelpunkt. Zu diesem Zweck wird Einsicht in die Polizeiliche Kriminalstatistik geboten, in der in genderspezifischer Art auf die Gebiete allgemeiner Gewaltdelikte und ausgewählter Körperverletzungsdelikte der letzten zwei Jahrzehnte eingegangen wird. Im letzten Unterkapitel dieses Abschnittes wird diskutiert, inwieweit sich mit Hilfe der aufgeführten Polizeilichen Kriminalstatistik das Gewalttäterpotenzial beider Geschlechter einschätzen lässt.

Von der differenzierten Auseinandersetzung mit den Bereichen der Opfer- sowie Täterwahrnehmung gewaltbereiter Mädchen und Jungen ausgehend soll im Verlauf von Teil B eine gewaltwahrnehmungsspezifische Beobachtung in der Sozialisationsinstanz Schule erfolgen. Hierbei wird das Augenmerk darauf liegen, wie man als Pädagoge/in mit dem erworbenen Wissen Gewaltverhalten unter Kindern und Jugendlichen (in diesem Fall Schüler) wahrnimmt und einschätzt. Ferner soll aufgezeigt werden, wie aggressiven Verhaltensweisen innerhalb dieser Zielgruppe mit dem eigenen pädagogischen Handeln, also mit dem eigenen Tun, Dulden oder Unterlassen, begegnet werden kann.

Abschließend erfolgt anhand einer Zusammenführung der wichtigsten Ergebnisse dieser Arbeit ein auf die pädagogische Arbeit mit jungen Menschen ausgerichtetes, ausführliches Fazit. In diesem Zuge soll dann die Frage, ob gewaltbereite Mädchen und Jungen in erster Linie als Täter und/oder Opfer unsere pädagogische Aufmerksamkeit bedürfen, ihre konkrete Antwort finden.

Zum Gewaltbegriff

Jungen, Mädchen und Gewalt - ein Titel, dessen Wortkombination man als Grundlage für das weitere Vorgehen differenziert betrachten muss. Bevor man in Bereichen forscht, in denen Gewalt thematisiert wird, sollte man sich zunächst über Schlüsselbegriffe wie Gewalt und Aggression Klarheit verschaffen, indem man einschlägige Erklärungsversuche sowie Unterschiede allzu weiter Begrifflichkeiten und auch zu enger Definitionen kennenlernt. ÄZwischen Gewalt und Gewalt gibt es gewaltige Unterschiede“4 heißt es laut Wassilis Kassis. Bedeutet dies aber auch, dass zwischen den Begriffen Gewalt und Aggression gewaltige Unterschiede herrschen? Oder haben beide Termini einen parallel verlaufenden Sinngehalt und eine ähnliche Mächtigkeit?

Im vorliegenden Abschnitt wird genauer auf diese Leitbegriffe eingegangen, da sie im weiteren Verlauf zentrale Rollen einnehmen. Zu diesem Zweck werden die Begriffe Gewalt und Aggression einzeln erläutert und anschließend miteinander verglichen. Auf diese Weise werden Unterschiede und Gemeinsamkeiten geklärt.

Der Terminus Aggression stammt ursprünglich vom lateinischen Wort Äaggredi“ und bedeutet Äherangehen“ oder Äsich bemächtigen“.5 Hierbei handelt es sich um eine gerichtete Aktivität.6 Man spricht von aggressivem Handeln, wenn es Äabsichtlich schädigenden Charakter besitzt und zwar im Bereich des Vollzugs, der Phantasie, der Planung oder der Androhung“7. Bei aggressivem Verhalten besteht folglich immer Absicht. Unbeabsichtigte Schädigungen (wie beispielsweise Fahrlässigkeit) erfasst dieser Begriff also nicht. Aggression ist somit ein Verhalten, das absichtliche Schädigung anderer Lebewesen, Dinge, aber auch gegen das Selbst (Autoaggressionen wie z.B. Essstörungen oder Selbstmordversuche) in Kauf nimmt.8 Berkowitz erweitert den Aggressionsbegriff mit der Information, Ädass das Opfer motiviert sein muss, das erlittene Verhalten nicht zu erleiden“9. Diese Einschränkung schließt beispielsweise sadomasochistische Praktiken10 aus der Definition von Aggression aus.

In der Aggressionsforschung wird zum einen in die offene Aggression, in der physische oder psychische Angriffe dominieren, und die indirekte Aggression unterteilt, bei der eine Verletzung Äohne direkte Konfrontation mit dem Opfer“11 erzielt wird. Nolting teilt Aggression zum anderen nach verschiedenen zugrundeliegenden Motiven für aggressives Verhalten ein: Seiner Auffassung nach gibt es reaktive Formen wie ÄVergeltungsaggressionen und ärgerliche bzw. ängstliche Abwehraggressionen“12 und aktive Formen wie ÄErlangungsaggressionen und spontane Aggressionen“13. Er führt allerdings auch an, dass diese Kategorisierung nicht idealtypisch sei, da Aggressionsformen auch gemischt auftreten können.

Böttger liefert eine aggressionsähnliche Definition von Gewalt. Er beschreibt sie als einen intentionalen Einsatz physischer oder mechanischer Kraft durch Menschen, der sich unmittelbar oder mittelbar gegen andere Personen richtet, sowie die ernsthafte Androhung eines solchen Krafteinsatzes.14 Folglich handelt es sich auch bei Gewalt um eine intentionale Schädigung von Subjekten und Objekten.

Bei der Kategorisierung von Gewalt lassen sich ebenfalls Ähnlichkeiten zu dem Phänomen Aggression aufzeigen. Es gibt auch hier die Unterteilung in spontane und reaktive Gewalt. Eine gewalttätige Handlung ist spontan, wenn für diese kein erkennbarer Grund oder Anlass auszumachen ist. Reaktiv dagegen sind Gewalthandlungen, die einen Anlass zu haben scheinen, die also als Reaktion auf ein vorangegangenes Verhalten (z.B. Provokationen) einzustufen sind.15

Eine wichtige Parallele zwischen Gewalt und Aggression zeigt sich mit der Kategorisierung beider Termini in instrumentell und feindselig. Instrumentelle Gewalt sowie Aggression wird zum Erlangen eines rationalen Ziels angewendet (z.B. zur Verschaffung von Respekt/Ansehen oder auch im Sport, um Erfolg/Leistungsverbesserung zu erreichen16 ), hierbei liegt die Handlungsabsicht nicht primär in der Schädigung anderer (dabei wird diese allerdings in Kauf genommen), sondern in der individuellen Zielerreichung des Akteurs.

Feindselige oder auch Ähostil“17 genannte Aggression und Gewalt zielt indessen ausschließlich auf die Schädigung anderer ab.

Ein Unterschied zur Aggression ergibt sich bei Gewalt dagegen mit der Einordnung in legal und illegal. Legale Gewalt wird beispielsweise vom Staat (u.a. Polizei und Strafvollzug) angewendet, um die Sicherheit der Gesellschaft zu gewährleisten. Illegale Gewalt dient zumeist der Durchsetzung oder der Sicherung eines Machtstatus, beispielsweise bei Erpressung oder materieller Bereicherung bzw. Raub.18 Allerdings findet die hier dargestellte Gewalt in erster Linie instrumentelle Anwendung, so dass auch hier eine Überschneidung mit dem Aggressionsbegriff zu erkennen ist.

Zwischen den Termini Gewalt und Aggression bestehen somit zahlreiche Parallelen und Verbindungen, so dass eine klare Trennung der beiden Begriffe schwierig ist. Erklärungsansätze, in denen Gewalt und Aggression in Relation zueinander gesetzt und dadurch voneinander differenziert werden sollen, gibt es beispielsweise in der Psychologie: Hier beschreibt unter anderem Zimbardo Aggression als körperliches oder verbales Handeln, das mit der Absicht zu verletzen oder zu zerstören ausgeführt wird. Gewalt ist für ihn indessen Aggression in ihrer extremen und sozial inakzeptablen Form.19 Ein weiterer Ansatz mit der direkten Verbindung sowie Unterscheidung beider Begriffe ist auch bei Selg et al. zu lesen. Hier wird Aggression als vielfältigeres Verhalten aufgezeigt, bei dem Schädigung gegen einen Organismus ausgeübt wird. Sie kann offen (körperlich und verbal), verdeckt (phantasiert), positiv (von der Gesellschaft gebilligt) oder negativ (missbilligt) sein. Gewalt hingegen sei hier in erster Linie physisch.20

Laut diesen psychologischen Betrachtungsweisen ist nicht alle Aggression Gewalt, aber alle Gewalt Aggression. Demzufolge wäre Gewalt eine Dimension von Aggression, also die so genannte ÄSpitze des Eisbergs“. Hierbei muss allerdings erwähnt werden, dass diese beiden Ansätze lediglich zwei von zahllosen Versuchen darstellen, Aggression und Gewalt erklären zu wollen, wobei sich bei näherer Betrachtung jeder Version Unvereinbarkeiten aufzeigen. Mit diesen unterschiedlichen Erklärungsversuchen ist es nicht möglich, eine einheitliche bzw. objektive Definition der beiden Termini zu finden. Denn es ist für eine begriffsspezifische Auslegung und Unterscheidung dieser Begrifflichkeiten vor allem die subjektive Wahrnehmung, wie z.B. die Sensibilität gegenüber Gewalt/Aggression, die Einstufung (z.B. Jungen, Mädchen und Gewalt - Täter- und/oder Opferstatus? Zum Gewaltbegriff

Äob stärker die Täter- oder Opferseite gesehen wird“21 ) und hinzukommend die Betrachtungsweise (Äverfassungsrechtlich, theologisch, psychologisch oder pädagogisch“22 ) bedeutsam.

Vergleicht man die beiden in der pädagogischen Forschung verwendeten Termini Gewalt (nach Böttger und Silkenbeumer) und Aggression (nach Kassis, Silkenbeumer und Nolting), so finden sich in der Semantik nur kaum oder wenige Unterschiede, vielmehr haben sie eine ähnliche, parallel verlaufende Bedeutung. Diese gleichartigen Sinngehalte untermauern die Bedeutungsverwandtschaft beider Begriffe.

Im englischen Sprachgebrauch hingegen gibt es eine eindeutige Abgrenzung zwischen den beiden Termini: ÄAggression“ deutet hier auf eine körperliche und psychische Schädigung anderer, Äviolence“ verwendet man indessen für Äbesonders verletzende Sachverhalte wie Vergewaltigung, Raub, Mord und schwere Körperverletzung“.23

Betrachtet man nun diese Übersetzung, so sieht man unverkennbare Unterschiede zwischen den Begriffen, die bei einer Thematik wie gewaltbereite Jungen und Mädchen eine grundlegende Hilfe sein könnten. Allerdings muss man im Vergleich zur fremdsprachlichen Verwendung dieser Begriffe unterstreichen, dass es in der deutschen Sprache derartige Differenzen zwischen den beiden Termini in dieser Deutlichkeit nicht gibt.

Da im deutschsprachigen Raum keine objektive Grundlage für eine wissenschaftlich unterstützte Abgrenzung zwischen den Begriffen Aggression und Gewalt existiert24, sollen beide in der vorliegenden Arbeit synonym verwendet werden. Aus diesem Grund wird ein Verhalten als Aggression und Gewalt identifiziert, wenn es eine Schädigung intendiert, die sich in illegaler Weise unmittelbar oder mittelbar auf psychischer25 oder physischer26 Ebene gegen andere Personen richtet.

A: Gewaltbereite Jungen und Mädchen als Täter und Opfer

1 Soziale Einflussfaktoren auf die Entwicklung von Gewalt bei Jungen und Mädchen

Um Faktoren für die Entstehung von Heranwachsendengewalt herauskristallisieren zu können, soll zunächst das Augenmerk auf verschiedene Sozialisationsbedingungen gerichtet werden, die diese begünstigen könnten. ÄSchwierige familiäre Verhältnisse, Armut und Arbeitslosigkeit, Migrationshintergrund, ungünstige Wohnsituation und ungünstiges Wohnumfeld, Zugehörigkeit zu delinquenten Jugendgruppen, [...] Tolerierung von Gewalt zur Lösung von Konflikten sowie negative Medieneinflüsse“27 sind laut erstem periodischen Sicherheitsbericht der Bundesregierung von 2001 soziale Determinanten, die sich förderlich auf die Entwicklung aggressiver Verhalten auswirken.28 Diese Einflüsse wirken - nicht unabhängig voneinander - in einem Äkomplexen Bedingungsgefüge“29. Somit wird klar, dass es nicht wenige voneinander unabhängige Ursachen, sondern viele, sich oft wechselseitig verstärkende Faktoren gibt, die aggressive Verhaltensweisen bei Jungen und Mädchen beeinflussen.

2006 wurden im zweiten periodischen Sicherheitsbericht der Bundesregierung mit Hilfe neuerer wissenschaftlicher Erkenntnisse folgende Faktoren genannt: Äneben Persönlichkeitsmerkmalen und Temperamentsfaktoren [sind] vor allem Einflüsse der familiären Sozialisation, hier insbesondere die Eltern-Kind-Bindung sowie Gewalterfahrungen im familiären Nahraum [bedeutsam]. […]. Vor allem jene jungen Menschen, die als Kinder unzureichend gefördert wurden, hohen Belastungen ausgesetzt waren und selbst Opfer von Gewalt wurden“30 weisen ein erhöhtes Risiko für die Entwicklung gewalttätigen Verhaltens auf.

Bezüglich der im Folgenden diskutierten Sozialisationsinstanzen muss allerdings erwähnt werden, dass, so dominierend die familiären und allgemein außerschulischen Einflüsse laut Sicherheitsbericht auch sein mögen, gewalttätige Konflikte auch durch mangelhaftes Verhalten innerhalb der Schule entstehen: ÄDass Gewalt [durch Mädchen und Jungen] sowohl schulexterne als auch schulinterne Ursachen hat, ist in Wissenschaft und Forschung unbestritten“31. Hiermit wird unter anderem bestätigt, dass gewalttätiges Verhalten durch Heranwachsende in der Schule nicht wie von vielen Lehrkräften behauptet ausschließlich von außen in die Schule importiert wird32, sondern auch innerschulische Ursachen hat. Diese Erkenntnis ist logisch, da die Entwicklung aggressiver Verhaltensweisen durch die schulische Lebenswelt, in der Heranwachsende immerhin einen erheblichen Anteil ihrer Kindheit und Jugend verbringen, nicht unberührt bleiben kann.

Des Weiteren fanden Moffitt et al. (2001) in einer Längsschnittstudie, bei der 1.000 Heranwachsende im Alter zwischen drei und 21 Jahren begleitet und untersucht wurden, bei Jungen und Mädchen die gleichen sozialen Einflussfaktoren auf die Entwicklung aggressiven Verhaltens.33 Allerdings müssen diese gleichen Risikofaktoren nicht auch direkt eine gleiche oder identisch starke Wirkung auf beide Geschlechter haben. Denn Äauch wenn die Unterschiede bei aggressiven weiblichen und männlichen Jugendlichen klein sind, werden diese Lebensumstände offenbar von Mädchen und Jungen unterschiedlich verarbeitet.“34 Demnach werden soziale Erfahrungen hinsichtlich der Gewaltentwicklung ganz individuell verwertet, so dass man vorher nicht konkret sagen kann, in welcher Form oder wie stark/schwach sich aggressionsfördernde Erfahrungen bei Mädchen oder Jungen im Nachhinein in ihrem Handeln zeigen. Ferner kann und darf man die daraus entstehenden Aggressionsformen auch nicht miteinander verrechnen: Wie soll beispielsweise der Schweregrad von psychischer Gewalt mit physischer Gewalt verglichen werden? Oder sind Autoaggressionen weniger stark zu bewerten als die Schädigung anderer?

Somit wird der Sozialisation gewalttätiger Mädchen und Jungen in den folgenden Unterkapiteln mit dem Faktum begegnet, dass viele aggressionsbegünstigenden Faktoren für beide Geschlechter gelten, die sich daraus entwickelnde Gewalt aber individuell unterschiedliche Formen und Dynamiken annehmen kann. Demnach gibt es insbesondere für genderheterogene, aber auch für genderhomogene Gewaltentstehung kein einheitliches Auswertungsmuster.

An diesem Punkt muss hinzugefügt werden, dass neben den äußeren Einflüssen wie Familie, Schule oder auch Peergroups ebenfalls die persönlichkeitsbedingten Eigenschaften (mit biologischem/psychologischem Hintergrund) von Heranwachsenden zur Entstehung von Gewalt berücksichtigt werden müssen. So spielen Merkmale wie unter anderem der Hormonhaushalt, Impulsivität, ein schwieriges Temperament oder auch kognitive Faktoren wie niedrige kognitive Fähigkeiten bei der Aggressionsentwicklung eine Rolle.35 Es ist jedoch nicht einfach, den Einfluss von Persönlichkeitsmerkmalen auf die Gewaltentwicklung zu untersuchen, weil die Auswahl und Eingrenzung dieser Aspekte schwierig ist: ÄAlle Persönlichkeitsfaktoren können nur im größeren Kontext von Gesellschaft, Familie, Schule etc. verstanden werden und ihre Wirkung entfalten.“36

Die Persönlichkeit eines Menschen kann somit ganz klar nur begrenzt Verantwortung für seine Gewalthandlungen übernehmen. Vielmehr äußert und entwickelt sie sich in komplexen Verflechtungen mit den jeweiligen Sozialisationsbedingungen:

ÄGewalt entsteht innerhalb der Gesellschaft und ‚Gewaltkarrieren’ beginnen in sozialen Kontexten wie der Familie […] oder der Schule. ‚Gewalt’ impliziert keine isolierte Handlung einzelner Akteure, sondern meint ein Geschehen, einen Handlungsablauf, einen Interaktionszusammenhang.“37

Eine Äaggressive Persönlichkeit“ ist demnach in ihrer Entstehung und Wirkung vom sozialen Kontext abhängig. Somit will sich diese Arbeit von Theorien einer Äangeborenen Aggression“ distanzieren, indem Gewalt mehr als sozial erlernt und weniger als von Geburt an vorhanden betrachtet wird.

In den folgenden Unterkapiteln soll daher ein Blick auf zwei für Mädchen und Jungen sowie auch für Pädagogen/innen sehr bedeutende Sozialisationsinstanzen gerichtet werden: die Familie und die Schule.

1.1 Die Familie

ÄDie Familie als primärer Ort der Sozialisation ist eine der entscheidenden Sozialisationsinstanzen. In der Familie werden Interaktionsformen gelernt und eingeübt, in der Familie bekommen [schon] die Kleinkinder Anregung und Lernchancen (oder auch nicht). Familie, Selbstkonzept und Gewaltbereitschaft stehen in einer wechselseitigen Beeinflussung.“38

Die Familie gilt somit als die wichtigste Sozialisationsinstanz, da die für Kinder und Jugendliche wichtigen Bezugspersonen zu ihrem Kreis gezählt werden. An dieser Stelle ist zu untersuchen, welchen Stellenwert die familiäre Sozialisation hinsichtlich der Entwicklung von Gewalt bei Mädchen und Jungen hat.

In der familiären Umwelt können laut Raithel und Mansel persönliche Probleme abgebaut oder auch verstärkt werden.39 Daher ist neben den gesellschaftlichen Einflüssen auf die Persönlichkeitsentwicklung die Rolle des unmittelbaren Umfelds nicht zu unterschätzen.

Kirsten Bruhns erwähnt, dass gewalttätige Verhaltensweisen in ihrem Entstehungsprozess durch gestörte Vertrauensverhältnisse zu Eltern oder anderen Bezugspersonen begünstigt werden.40 Eine belastete Beziehung zwischen Eltern und Kind oder auch ein durch Inkonsistenz und Aggression geprägter, hier insbesondere zu strenger und kontrollierender Erziehungsstil können die Entstehung von gewalttätigem Verhalten bei Kindern und Jugendlichen erheblich begünstigen. Des Weiteren kann eine (emotional) vernachlässigende Erziehung, die durch mangelnde Anerkennung und Zuwendung sowie fehlende Unterstützung gekennzeichnet ist, mit hoher Aggressionsaffinität einhergehen,41 während Mädchen und Jungen, die elterliche Unterstützung erfahren oder eine Ästarke soziale Bindung“42 zu den Eltern aufweisen, weniger Gewalt anwenden. Ein warmes und verbundenes Familienklima hilft demnach, eine hohe Ich-Stärke und eine klare Autonomie zu entwickeln.43

Anhand der oben genannten Aspekte lassen sich fehlende Integration und Anerkennung innerhalb der Familie sowie dadurch hervorgerufenes mangelndes Selbstwertgefühl als aggressionsfördernde Faktoren für Mädchen und Jungen ausmachen. Die Familienbeziehungen stehen in einem engen Zusammenhang mit dem Aufbau des Selbstwertgefühls und der Ich-Identität. ÄDas Selbstwertgefühl reguliert sich durch die innerfamiliären Mechanismen gegenseitiger Auf- und Abwertung.“44 Sind die Familieninteraktionen z.B. durch Streit, innerfamiliäre Gewalt, wenig Zusammenhalt, inkonsequentes, strenges oder emotional kaltes Verhalten der Eltern, Konflikte zwischen den Eltern oder Scheidung negativ geprägt, so ist der Selbstwert bedroht.

Eine entsprechende Minderung des Selbstwertes wird beispielsweise konkret begünstigt, wenn Kinder und Jugendliche zu hohen Leistungserwartungen der Eltern ausgesetzt sind, die ihren individuellen Fähigkeiten/Möglichkeiten nicht entsprechen und Äihre aktuellen Voraussetzungen und Probleme nicht berücksichtigen“45. Können diese rigiden Anforderungen nicht erfüllt werden, erweist sich dies als problematisch für die Entwicklung des Kindes, wenn sich infolgedessen negative Konsequenzen ergeben: Hierzu zählen einerseits verbale/soziale Abwertungen, wie z.B. die Bezeichnung des Kindes als ÄVersager/in“ oder ÄNichtsnutz“, die sich bei Häufung im Bewusstsein des Kindes verfestigen. Diese Stigmatisierungsprozesse dienen als Basis dafür, dass die als ÄVersager/innen“ Bezeichneten Strategien entwickeln, sich die in der Familie fehlende Anerkennung durch Gewalthandlungen (z.B. unter Gleichaltrigen) zu verschaffen. Andererseits sind auch häufig Bestrafungen zusätzlicher Bestandteil oder auch Begleiterscheinung der zuvor erwähnten Abwertungen, wobei gewalttätige Sanktionen aus der Betroffenenperspektive in vielen Fällen sogar als gerecht beurteilt werden - Kinder und Jugendliche fühlen sich subjektiv schuldig, weil ihnen vermittelt wird, dass sie prinzipiell anders hätten handeln können. Viele der Betroffenen geben an, dadurch gelernt zu haben, dass Gewalt generell auf eine gerechte und Äfaire“ Art ausgeübt werden könne.46 Für diese Kinder können sich somit aggressive Handlungen in Situationen legitimieren, in denen die Wiederherstellung subjektiv empfundener Gerechtigkeit durch Einsatz von Gewalt erreicht werden kann bzw. dieser Gewalteinsatz Äsubjektiv für gerechtfertigt“47 gehalten wird.

Dieser als gerecht wahrgenommenen, von Erziehungsberechtigten, Geschwistern oder anderen Familienmitgliedern gegenüber dem Kind (hier gilt aber auch durch das Kind wahrgenommene Gewalt zwischen anderen Familienmitgliedern) ausgehenden Aggression steht allerding eine weitaus höhere Anzahl der erziehungsbedingten gewalttätigen Handlungen von Eltern gegenüber, die von den betroffenen Kindern als willkürlich bzw. ungerecht beurteilt wird. Die in der Erziehung von den Kindern als willkürlich erlebte Gewalt kann bei den Leidtragenden zu Ästarken Aggressionen“48 führen. Diese werden nicht nur gegen Gleichaltrige, sondern verbal und - wenn es physische Voraussetzungen erlauben - auch körperlich gegen die gewalttätigen Erziehenden gerichtet.

Somit zeigt sich bei diversen Jungen und Mädchen ein komplexer zirkulärer Aggressionsprozess, da manche von ihnen einen Versuch starten, subjektiv empfundene Ungerechtigkeit durch Aggression in Gerechtigkeit umzuwandeln. In solch einem Teufelskreis kann dies wiederum mit einer Verfestigung der aufgezeigten Gewaltlegitimation einhergehen. An dieser Stelle gilt es hervorzuheben, dass gewalttätige Bestrafungen im familiären Rahmen häufig auf einer sehr repressiven sowie autoritären, aber auch auf einer das Kind vernachlässigenden Erziehung fußen.49 Folglich finden heranwachsende Menschen unter diesen familiären Umständen keine sozialen Ressourcen, um bestimmte Konfliktsituationen gewaltfrei lösen bzw. subjektiv empfundener Ungerechtigkeit gewaltfrei begegnen zu können.

Weiter ist es unumstritten, dass ÄSchläge und Misshandlungen in der Erziehung [...] lang anhaltende Folgen für das eigene Handeln“50 der betroffenen Mädchen und Jungen haben können. Ob gerecht oder ungerecht empfunden, Kinder lernen so in ihrer Erziehung vor allem in der Opferrolle die Wirkung physischer Gewalt kennen, hier besonders die Ohnmacht körperlich Unterlegener bei gewalttätigen Auseinandersetzungen. Auf diese Weise gedemütigt, übertragen Kinder und Jugendliche die in den Familien gelernten Äsuboptimalen Interaktionsformen“51 auf ihre Beziehungen zu anderen Mitmenschen (z.B. in der Schule, Peergroup oder auch innerhalb der Familie).

Die Studie von Lösel und Bliesener aus dem Jahre 2003 zeigt, dass besonders Mädchen gefährdet sind, familiäre Gewalterscheinungen als Handlungsstrategien zu übernehmen. Hier wurde festgestellt, dass die Aggressionsentwicklung bei Mädchen vermehrt auf Gewalt- /Opfererfahrungen oder psychische Belastungen in der Familie zurückzuführen ist.52

In Verbindung mit der Familie ist allerdings der Peereinfluss ein wichtiger Zusatzfaktor bei der Entwicklung von Gewaltverhalten bei Jungen und vor allem auch bei Mädchen: Die familiäre Legitimation aggressiver Verhaltensweisen findet vor allem dann Verstärkung bei beiden Geschlechtern, wenn sie sich zusätzlich in einer gewaltbefürwortenden Peergroup befinden. Insbesondere Mädchen benötigen zusätzliche Lernerfahrungen und die Bestärkung durch Peers, um gewalttätig handeln zu können. So finden sich laut Heeg aggressiv agierende Mädchen verhältnismäßig öfter in gewaltbefürwortenden Peergroups als gewalttätige Jungen.53

Ausgehend von der qualitativen Analyse von Gewaltbiographien durch Böttger (1998) sollen nun familiäre Rahmenbedingungen thematisiert werden, bei denen gewalttätige Mädchen und Jungen Ratschläge ihrer Väter (Eltern), sich mit Gewalt gegenüber Gleichaltrigen durchzusetzen54, erhalten haben. Auswirkungen solcher Gewaltempfehlungen zeigen sich darin, dass Heranwachsende im legitimen Rahmen lernen, sich durch den Einsatz von Gewalt zu behaupten, und dass sie von dieser Fertigkeit in ihrer weiteren Entwicklung Gebrauch machen. Des Weiteren erfolgen diese Ratschläge, in denen den Heranwachsenden vom Erziehungsberechtigten nahegelegt wird, in bestimmten Situationen Gewalt anzuwenden, oder in denen die Eltern eine solche Gewalt ihrer Kinder immerhin akzeptieren, größtenteils im Rahmen einer sehr autoritären Erziehung, in der zumeist auch Aggression gegen die eigenen Kinder eingesetzt wird. Demnach können die Heranwachsenden in bestimmten Konfliktsituationen dann selbst die Gewalt als Durchsetzungsmethode bzw. zur Lösung anwenden, die von den Erziehenden, welche selbst häufig darauf zurückgreifen, akzeptiert oder sogar gewünscht wird.

Im Kontext dieser elterlichen Gewaltempfehlungen an die eigenen Kinder gibt es junge Frauen, die davon sprechen, dass sie den elterlichen Ratschlägen zur Gewaltanwendung eher Folge leisten würden, wenn sie Jungen wären.55 Anhand dieses Aspektes lässt sich erkennen, dass die weibliche Geschlechterrolle und die Angst davor diese zu schädigen, ein wichtiger Punkt für die Gewaltverneinung weiblicher Heranwachsender sein kann. Ferner unterstreicht diese Furcht die durch Heeg aufgezeigte Wichtigkeit der aggressionsbefürwortenden Peergroup als zusätzlich bestärkenden Faktor - neben der Familie - für die Entstehung von Aggression bei jungen Frauen.

Demzufolge spielen Geschlechterrollenstereotype für die Gewaltentwicklung junger Menschen eine bedeutende Rolle. Im familiären Kontext werden diese Stereotype primär durch die Art der Erziehung kreiert. Der im Verlauf erwähnte rigide Erziehungsstil kann hier beispielsweise eng mit der ÄEntwicklung von Geschlechterrollenstereotypen der Jungen“56 in Verbindung gesetzt werden. Bei männlichen Jugendlichen kann ein durch die Erziehung vermittelter Glaube an traditionelle Männlichkeit bzw. an männliche Geschlechterrollenstereotype neben einer geringen geistigen Autonomie eine latente Aggressionsbereitschaft nach sich ziehen. Des Weiteren dient Aggression dem Erlangen/Erhalt traditioneller Männlichkeit.57 Laut Schubarth (2000) kann Gewalt auch als eine Form männlicher Lebensbewältigung und Ägelebte Männlichkeit“58 bezeichnet werden. Während auf der traditionell-männlichen Seite also eine latente Gewaltbereitschaft auszumachen ist,59 lässt sich anhand der gesammelten Aspekte postulieren, dass die erziehungsbedingte Vermittlung traditioneller Weiblichkeit bei Mädchen mit einer latenten Abneigung gegenüber Aggression einhergeht, was wiederum Heegs Ergebnisse bezüglich des zusätzlichen Peereinflusses bekräftigen würde.

Wichtigste Erkenntnis aus den in diesem Kapitel aufgezeigten Faktoren ist, dass eine negative familiäre Atmosphäre (wie auch alle anderen Sozialisationseinflüsse) verstärkt in Kombination mit anderen Faktoren zur Aggressionsentwicklung männlicher und weiblicher Heranwachsender führen kann. Die familiäre Sozialisation ist dabei allerdings primär, denn Gewalt ist besonders dann für Mädchen und Jungen eine Option, wenn ihnen die in der Familie ersehnte Wertschätzung fehlt und diese in einer anderen sozialen Umwelt durch Gewalt erlangt werden kann. Somit sind die sozialen Einflussfaktoren auf die Entwicklung aggressiven Verhaltens umfassend und Heranwachsende finden unter bestimmten Bedingungen (wie z.B. in gewaltbefürwortenden Gruppen60 /Peergroups) Plattformen für ihre Gewalthandlungen.

Hinzukommend können sich in Folge der aufgezeigten familiären Merkmale auch depressive Syndrome und Autoaggressionen (wie z.B. ÄRitzen“) entwickeln.61 Letztendlich sind alle genannten familiären Determinanten für die Entstehung der Gewalt mitverantwortlich, die dann von Mädchen und Jungen in den öffentlichen Raum exportiert sowie in die Schule importiert werden kann. Jedoch ist nicht davon auszugehen, dass jedes Opfer familiärer Gewalt später gewalttätig wird oder gar dass gewalttätige Kinder und Jugendliche auch Opfer innerfamiliärer Gewalt sind oder in problematischen Familien leben.

1.2 Die Schule

Die Schule stellt neben der Familie eine weitere wesentliche Sozialisationsinstanz für Kinder und Jugendliche dar. In der Schule verbringen heranwachsende Menschen nicht nur einen erheblichen Teil ihrer Kindheit und Jugend, vielmehr entstehen hier normalerweise ihre sozialen Netzwerke mit Gleichaltrigen.62 Die Signifikanz der Schule für die Entstehung aggressiver Verhaltensweisen bei Mädchen und Jungen soll die leitende Fragestellung in dem vorliegenden Kapitel sein.

Die Sozialisationsinstanz Schule hat ihre spezifische Eigenheit, welche in Hinsicht auf das Verhalten von Kindern und Jugendlichen nicht ganz unproblematisch ist. Die prinzipiellen Forderungen der Schule und der Lehrkräfte nach Gehorsamkeit und Wohlverhalten stellen einen latenten Widerspruch zu den Bedürfnissen der heranwachsenden Menschen nach Selbstbestimmung, Spaß und Ausagieren dar. Hieraus kann beispielsweise Konfliktpotential entstehen, wenn Heranwachsende - vor allem in der Pubertät - Äschuldistanzierte und abweichende Identitäten präsentieren und dabei auch Gewaltverhalten zeigen“63. Die Schule bietet hinsichtlich dieser Verhaltensweisen Raum für Äphysische, psychische, sexuelle, geschlechterfeindliche als auch fremdenfeindliche Gewalt“64.

Laut Schwind et al. hat Äetwa jede dritte Schule mit Gewaltproblemen zu tun“65. Des Weiteren steigt nach dem Grundschulalter die Anzahl an aggressiv agierenden Schülern mit sinkendem Bildungsniveau der Schulform.66 Genaue Zahlen zu kennen ist allerdings nicht notwendig, Äum politisches und pädagogisches Handeln“67 zu legitimieren. Ferner sollten die zuvor genannten Eigenheiten ausreichen, um die Durchleuchtung dieser Sozialisationsinstanz auf begünstigende Entstehungsfaktoren hinsichtlich Aggression durch Heranwachsende zu rechtfertigen.

In der Schule sind mehrere Einflussfaktoren nachgewiesen worden, die mit Jungen- und Mädchengewalt in Verbindung gebracht werden können. Ein besonders auffälliger Punkt sind die unterdurchschnittlichen schulischen Leistungen vieler gewalttätig agierender Kinder und Jugendlicher:68

[...]


1 GRIMM 2004.

2 EIßELE 2009.

3 ESSER, STURM 2008.

4 KASSIS 2009.

5 Vgl. ebd. 2003, S. 54.

6 Vgl. SILKENBEUMER 2000, S.13.

7 KASSIS 2003, S. 54.

8 Vgl. SILKENBEUMER 2000, S. 14.

9 BERKOWITZ 1993, S. 3, zit. nach KASSIS 2003, S. 57.

10 Für den Ausschluss dieser Praktiken aus der Aggressionsdefinition muss ein zwischen dem Masochisten und seinem sadistischen Partner abgemachtes Maß eingehalten werden, Äda es eine Grenze der motivational geduldeten körperlichen und psychischen“ (KASSIS 2003, S. 57) Schädigung gibt.

11 SILKENBEUMER 2000, S. 16.

12 NOLTING 1997, S. 152ff., zit. nach SILKENBEUMER 2000, S. 14.

13 Ebd.

14 Vgl. BÖTTGER 1999, S. 158.

15 Vgl. SILKENBEUMER 2000, S. 18.

16 Im Sport werden Aggressionen durch Regeln manifestiert, wie z.B. das Tackling im Rugby oder der Bodycheck im Eishockey. Diese regelkonformen Verhaltensweisen sind in der Sportwissenschaft nur scheinbar aggressiv und werden als Assertivität bezeichnet. Hier ist in Einzelfällen jedoch eine große Nähe zum Aggressionsbegriff erkennbar. Dieser tritt nämlich in Kraft, sobald eine sportliche Handlung eine Abweichung von sportlichen Normen und Regelwerk intendiert und so einer anderen Person Schaden im Sinne einer Äpersonalen Schädigung“ (z.B. Tätlichkeiten oder verletzende Verbalitäten und Gesten im Fußball) zufügt (vgl. BORNEWASSER 1998, THIRER 1993, zit. nach. TIETJENS 2006, S. 206). Demnach kann man - unter Ausgrenzung der pädagogischen Betrachtung - die erlaubte Aggression im Sport als assertives Verhalten bezeichnen.

17 TIETJENS 2006, S. 206.

18 Vgl. SILKENBEUMER 2000, S. 18.

19 Vgl. ZIMBARDO 1995, S. 425.

20 Vgl. SELG et al. 1997, S. 7-8.

21 REDWANZ 2000, S. 12.

22 Ebd.

23 KASSIS 2003, S. 55.

24 Vgl. ebd., S. 54.

25 Zur psychischen Aggression/Gewalt werden für die im Kapitel 3 aufgeführten Daten folgende Delikte gezählt: Beleidigung, Beschimpfung, Erniedrigung, Drohung, Diskriminierung, Einschüchterung, Ausgrenzung, provozierende Gebärden und Erpressung.

26 Zur physischen Aggression/Gewalt werden für die im Kapitel 3 aufgeführten Daten folgende Delikte gezählt: Absichtliche Verletzung von Menschen, Freiheitsberaubung, sexueller Missbrauch, Vergewaltigung, Sachbeschädigung, Diebstahl/Raub und Vandalismus.

27 BUNDESMINISTERIUM DES INNERN 2001, S. 608.

28 Da durch diese Aufreihung im Sicherheitsbericht die Annahme entstehen kann, dass Migrationshintergrund die direkte Förderung aggressiver Handlungen beinhaltet, ist es an dieser Stelle wichtig zu erwähnen, dass der Migrationshintergrund von Kindern und Jugendlichen nicht als direkte Ursache für gewalttätiges Verhalten herangezogen werden darf. Vielmehr sind Zuwandererfamilien eher von Armut und Arbeitslosigkeit, ungünstiger Wohnsituation und Wohnumfeld und anderen aggressionsfördernden Faktoren betroffen. An diesem Punkt gilt es zu erinnern, dass weitaus mehr Familien ohne Migrationshintergrund von den genannten Aspekten beeinträchtigt sind. Des Weiteren zeigen Versicherungsdaten, dass Kinder und Jugendliche mit Migrationshintergrund im proportionalen Verhältnis zu Gleichaltrigen ohne Migrationshintergrund seltener - sei es aktiv oder passiv - an körperlichen Gewalthandlungen mit Verletzungsfolgen beteiligt sind (vgl. BUNDESVERBAND DER UNFALLKASSEN 2005, S. 15).

29 BRUHNS, WITTMANN 2002, S. 21.

30 BUNDESMINISTERIUM DES INNERN/BUNDESMINISTERIUM DER JUSTIZ 2006a, S. 57. 7

31 TILLMANN et al. 2000, zit. nach GUGEL 2009.

32 Vgl. SCHWIND et al. 1999, S. 95.

33 Vgl. HEEG 2009, S. 32-33.

34 Ebd., S. 33.

35 Vgl. HEEG 2009, S. 49.

36 HEEG 2009, S. 50.

37 POPP 2002, S. 30, zit. nach HEEG 2009, S. 31.

38 HEEG 2009, S. 40.

39 Vgl. RAITHEL, MANSEL 2003, S. 26.

40 Vgl. NANO 2006.

41 Vgl. RAITHEL, MANSEL 2003, S. 26.

42 FUNK 1996, zit. nach FUNK, PASSENBERGER 1999, S. 249.

43 Vgl. SILKENBEUMER 2007 et al., zit. nach HEEG 2009, S. 40. 10

44 SIMON, STIERLIN 1984, S. 317, zit. nach HEEG 2009, S. 40.

45 BÖTTGER 1998, S. 137.

46 Vgl. ebd., S. 132.

47 Ebd.

48 BÖTTGER 1998, S. 135.

49 Vgl. ebd., S. 132ff.

50 Ebd., S. 127.

51 KASSIS 2009.

52 Vgl. LÖSEL, BLIESENER 2003, S. 175.

53 Vgl. HEEG 2009, S. 43.

54 Vgl. BÖTTGER 1998, S. 129.

55 Vgl. ebd.

56 KASSIS 2003, S. 165.

57 Vgl. KASSIS 2003, S. 164.

58 SCHUBARTH 2000, S. 64, zit. nach PANYR 2004, S. 18.

59 Um dem geschlechterrollenstereotypbedingten Gewaltpotential der Jungen entgegen zu wirken, bietet die reflexive Koedukation als erzieherischer Grundpfeiler einige Lösungsansätze: Hierbei sollen alle erzieherischen Gestaltungen daraufhin durchleuchten werden, ob sie die bestehenden Geschlechterverhältnisse/-rollen eher stabilisieren oder ob sie eine kritische Auseinandersetzung und damit Veränderung fördern (vgl. FAULSTICHWIELAND, HORSTKEMPER 1995).

60 Gruppenzentrierter Erklärungsansatz zur Entstehung von Aggression: Gewalt kann insbesondere in aggressionsbefürwortenden Gruppen zur Norm werden, wenn Deindividuation entsteht, in der es zu geringer kognitiver Kontrolle des Verhaltens kommen kann und sich der Aufbau von Anonymität, Verantwortungsdiffusion, Erregungs- und veränderten Bewusstseinszuständen sowie der Abbau von Hemmungen und sozialen Normen anschließen. Hieraus kann eine verringerte Selbstbeobachtung/-bewertung entstehen und die Schwelle zu pro- oder antisozialen Verhaltensweisen erheblich gesenkt werden, so dass Aggression die Folge sein kann (vgl. ZIMBARDO 1969, MUMMENDEY 1996, zit. nach TIETJENS 2006, S. 210).

61 Vgl. SILKENBEUMER 2000, S. 50.

62 Vgl. EISNER, RIBEAUD 2003, S. 194.

63 KLEWIN et al. 2002, S. 1080, zit. nach GUGEL 2007.

64 HURRELMANN, BRÜNDEL 2007, S. 63.

65 SCHWIND et al. 1999, S. 99.

66 Vgl. SILKENBEUMER 2000, S. 55.

67 BÖTTGER 1999, S. 157.

68 Vgl. EISNER, RIBEAUD 2003, S. 194.

Ende der Leseprobe aus 62 Seiten

Details

Titel
Täter- und Opferstatus gewaltbereiter Jugendlicher
Untertitel
Ist Gewalt durch Jungen und Mädchen ein wachsendes Problem unserer Gesellschaft?
Hochschule
Universität Osnabrück
Note
1,0
Autor
Jahr
2011
Seiten
62
Katalognummer
V365316
ISBN (eBook)
9783668483989
ISBN (Buch)
9783668483996
Dateigröße
1110 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
Kriminalstatistik, Gewalt, Jugendliche, Sozialisation, Gewaltsozialisation, Gewaltstatistik, Ethnographische Forschung
Arbeit zitieren
Sebastian Rauch (Autor), 2011, Täter- und Opferstatus gewaltbereiter Jugendlicher, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/365316

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