Seit den Anfängen der Europäischen Gemeinschaft werden Menschen Rechte über die Grenzen des Nationalstaates hinaus zugestanden, ursprünglich einzig aus dem Grund, dem europäischen Markt Arbeitskräfte zur Verfügung zu stellen. Heute ist die Unionsbürgerschaft durch Gesetzgebung, Rechtsprechung und Bürgerschaftspraxis zu einem viel umfassenderen Konzept geworden, welches auch politische und soziale Rechte beinhaltet. Dennoch ist die Identifikation des Bürgers mit der EU gering, der Bezug zur Staatsbürgerschaft ist in den allermeisten Fällen deutlich größer als zur Unionsbürgerschaft. Aktuelle Entwicklungen, wie die Flüchtlingsbewegung und die Unfähigkeit der EU-Staaten, diese Herausforderung gemeinsam anzugehen, sowie nationale Bewegungen, die eine größere Unabhängigkeit von der Union und zum Teil sogar den Austritt der jeweiligen Länder aus der EU zum Ziel haben, verstärken anti-europäische Tendenzen noch.
Diese Arbeit soll herausstellen, welche Elemente der EU-Bürgerschaft gestärkt werden können, um diesem Zustand entgegenzuwirken. Außerdem soll diskutiert werden, ob sich zusätzlich zu einer weiteren Ausarbeitung des Bürgerschaftskonzeptes auf europäischer Ebene auch die Praxis der europäischen Politik - unabhängig von Bürgerrechten – verändern muss, um Unionsbürger stärker mit einzubeziehen. Auch soll die Frage mit einbezogen werden, ob die Akzeptanz der EU als politisches Gemeinwesen und die Identifikation mit der Unionsbürgerschaft für die nahe Zukunft überhaupt ein realistisches Szenario ist. Eingenommen wird an erster Stelle ein theoretischer Blick auf die Materie, allerdings sollen, dort wo es möglich ist, auch Bedingungen und Erwartungen der Realpolitik in die Analyse mit einbezogen werden.
Inhaltsverzeichnis
1. Einleitung
2. Grundüberlegungen zum Konzept Bürgerschaft
2.1 Elemente von Bürgerschaft nach Marshall
2.2 Ebenen von Bürgerschaft nach Wiener
3. Die EU-Bürgerschaft
3.1 Entwicklung der EU-Bürgerschaft
3.2 EU-Bürgerschaft heute – Rechte und Pflichten
3.3 Bedeutung der europäischen Bürgerschaft und Identität
3.4 Rezeption der EU-Bürgerschaft
4. Lösungsansätze
4.1 Stärkung des sozialen Elements von Bürgerschaft
4.2 Stärkung der politischen Partizipation und Legitimität
4.3 Stärkung der europäischen Identität
5. Fazit und Ausblick
Zielsetzung & Themen
Die Arbeit untersucht die Ursachen für die Entfremdung der Bürger von der Europäischen Union und analysiert, welche Elemente der EU-Bürgerschaft gestärkt werden können, um das Vertrauen und die Identifikation mit der Union zu fördern. Dabei wird kritisch hinterfragt, ob die Akzeptanz der EU als politisches Gemeinwesen unter den gegebenen theoretischen und realpolitischen Rahmenbedingungen realistisch ist.
- Analyse des Bürgerschaftskonzepts nach T. H. Marshall und Antje Wiener
- Untersuchung der Entwicklung und des Status Quo der EU-Bürgerschaft
- Bewertung des Demokratiedefizits und der Legitimität der EU
- Diskussion von Lösungsansätzen in den Bereichen soziale Rechte, Partizipation und Identität
Auszug aus dem Buch
3.1 Entwicklung der EU-Bürgerschaft
Die Gründerverträge der Europäischen Gemeinschaft behandelten das Individuum vor allem als ökonomischen Faktor, als Arbeiter. Früh bildete sich daher ein „Grundstock an EG- (bzw. EWG-) bezogenen Binnenmarkt-Bürgerrechten“ (Wiesner 2006: 198). Außerdem ließen die Verträge Spielraum für Bürgerschaftspraxis und damit sozusagen die Tür offen für eine „personal dimension of European integration“ (Blome et al. 2012: 385). Indem europäische Arbeiter die Freizügigkeit nutzten, in andere Länder der Europäischen Gemeinschaft zogen und dort nicht nur in ihrer ökonomischen Funktion, sondern auch mit ihren kulturellen und sozialen Bedürfnissen lebten, stießen sie schnell an die Grenzen der Regelungen:
„However, the image of the worker as a mere factor of production was gradually replaced by the ideal of the migrating worker as a human being who, together with his or her family, has a legitimate right to reside and work in another Member State without being discriminated against.” (Wind 2009: 249)
Hinzu kam, dass die politischen Akteure der Gemeinschaft in den frühen 1970er Jahren die Notwendigkeit erkannten, eine europäische Identität zu entwickeln. Für diesen Zweck sollte es mehr spezielle Rechte für Bürger der Mitgliedsstaaten geben, außerdem wurde die „passport union“ als Ziel definiert. Die Idee von der Entwicklung einer europäischen Identität ging dabei mit der Hinwendung zu einer politischen Union anstelle des bisherigen rein ökonomischen Zusammenschlusses einher (vgl. Wiener 1997: 538).
Zusammenfassung der Kapitel
1. Einleitung: Diese Einleitung führt in die Problematik der Entfremdung von Bürgern gegenüber der EU ein und erläutert die methodische Herangehensweise der Arbeit anhand theoretischer Konzepte.
2. Grundüberlegungen zum Konzept Bürgerschaft: Es werden die Bürgerschaftsmodelle von T. H. Marshall und Antje Wiener vorgestellt, um einen theoretischen Rahmen für die Analyse der EU-Bürgerschaft zu schaffen.
3. Die EU-Bürgerschaft: Dieses Kapitel behandelt die historische Entwicklung, den aktuellen Stand der Rechte und Pflichten sowie die Rezeption der EU-Bürgerschaft durch die Bevölkerung.
4. Lösungsansätze: Hier werden Ansätze zur Stärkung der EU-Bürgerschaft diskutiert, wobei der Fokus auf sozialen Rechten, politischer Partizipation, Legitimität und der Förderung einer europäischen Identität liegt.
5. Fazit und Ausblick: Das Fazit fasst die Ergebnisse zusammen und bewertet die Möglichkeiten zur Stärkung der europäischen Integration vor dem Hintergrund realpolitischer Gegebenheiten.
Schlüsselwörter
EU-Bürgerschaft, Europäische Union, Bürgerschaftskonzept, Europäische Identität, Demokratiedefizit, Politische Partizipation, Soziale Rechte, Freizügigkeit, Legitimität, Unionsbürger, Entfremdung, Europäische Öffentlichkeit, Antje Wiener, T. H. Marshall, Integration.
Häufig gestellte Fragen
Worum geht es in dieser wissenschaftlichen Arbeit grundsätzlich?
Die Arbeit beschäftigt sich mit dem Phänomen der Entfremdung von Bürgern gegenüber der Europäischen Union und sucht nach Wegen, diese Entwicklung zu stoppen.
Was sind die zentralen Themenfelder der Untersuchung?
Die zentralen Themen sind das Konzept der Bürgerschaft, die Rechte und Pflichten der Unionsbürger, die politische Legitimität der EU sowie die Möglichkeiten zur Förderung einer europäischen Identität.
Was ist das primäre Ziel oder die Forschungsfrage?
Ziel ist es zu identifizieren, welche Elemente der EU-Bürgerschaft gestärkt werden können, um die Entfremdung der Bürger zu verhindern und die Bindung an die EU zu erhöhen.
Welche wissenschaftliche Methode wird verwendet?
Die Arbeit wendet einen theoretischen Analyseansatz an, indem sie etablierte Bürgerschaftskonzepte (Marshall, Wiener) auf die europäische Realpolitik und die institutionelle Struktur der EU überträgt.
Was wird schwerpunktmäßig im Hauptteil behandelt?
Der Hauptteil analysiert die historischen Grundlagen, den aktuellen Status der Unionsbürgerschaft, das Demokratiedefizit der EU und konkrete Lösungsansätze im sozialen und politischen Bereich.
Welche Schlüsselwörter charakterisieren die Arbeit am besten?
Zu den wichtigsten Begriffen zählen EU-Bürgerschaft, Europäische Identität, Demokratiedefizit, Partizipation und die theoretischen Konzepte von Marshall und Wiener.
Wie bewertet die Autorin die Rolle der sozialen Rechte in der EU?
Die Autorin verdeutlicht, dass soziale Rechte bisher nicht direkt aus dem Unionsstatus abgeleitet werden, was deren Durchsetzung erschwert und ein zentrales Hindernis für die Identifikation mit der EU darstellt.
Warum ist eine europäische Öffentlichkeit für die Autorin von so großer Bedeutung?
Die Autorin argumentiert, dass eine europäische Öffentlichkeit notwendig ist, um Transparenz zu schaffen, grenzüberschreitende Debatten zu ermöglichen und die Legitimität politischer Entscheidungen zu stärken.
- Citation du texte
- Lisa Schrader (Auteur), 2017, EU-Bürgerschaft in der Krise. Was kann die Entfremdung des Bürgers von der Union verhindern?, Munich, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/365404