Die Freiheit des eigenen Nahbereichs im Kontext zu Lübbe


Hausarbeit, 2015

19 Seiten, Note: Teilnahme


Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1.) Einleitung

2.) Lübbes Gegenargument gegen den Diskriminierungsvorwurf von geschädigten Embryonen oder Föten

3.) Wahlfreiheit in Bezug auf die genetischen Eigenschaften des eigenen Kindes

4.) Die Erziehung

5.) Grenzen der Erziehung

6.) Das Erhalten des Rechts auf freie Entscheidungen

7.) Grenzen der Freiheit der Mutter zugunsten der Freiheit des Kindes
7.1) Erziehung zur Selbstständigkeit
7.2) Der Begriff der Lebensqualität bei Kitcher
7.3) Gewichtung der Lebensqualität

8.) Schlussbetrachtungen

Literaturverzeichnis

1.) Einleitung

In der folgenden Hausarbeit soll sich mit einem Argument Weyma Lübbes auseinandergesetzt werden, das sie in dem Text „Das Problem der Behindertenselektion bei der pränatalen Diagnostik und der Präimplantationsdiagnostik“ vorstellt.

Lübbe sieht keinen Unterschied darin, ob man einen Menschen oder das eigene Kind in seinen Nahbereich wählt. Sie setzt bei beiden potentiellen Anwärtern auf einen Platz im Nahbereich eine Analogie, sodass man bei diesen laut ihr frei entscheiden darf, wen man sich in diesen wählt, da man selbst eine Person mit dem Recht auf Freiheit ist.

Im Folgenden soll dargestellt werden, dass es gewisse Unterschiede zwischen dem Verhältnis zwischen dem eigenen Kind und dem zu anderen Personen gibt. Die Analogie wird an diesem Punkt also bereits disanalog.

Zunächst soll aufgrund dieser Betrachtung darauf verwiesen werden, dass der Mutter, es im Gegensatz zu anderen Personen zukommt, die Gene und die Umwelt, bzw. die Erziehung des Kindes auszuwählen.

Im Weiteren soll aber erklärt werden, dass es in der Erziehung des eigenen Kindes gewisse Grenzen gibt, die vorerst allerdings nur durch eine Art Unbehagen begründet sind. Auch soll dargestellt werden, dass der Ausschluss des Kindes aus dem eigenen Nahbereich ebenfalls eine Art Unbehagen hervorruft.

Aufgrund dieser Erörterungen soll bewiesen werden, aus welchem Grund dieses Unbehagen gerechtfertigt ist. Es soll argumentiert werden, dass einem Embryo oder Fötus bereits so etwas wie Lebensqualität zukommen muss, damit es später überhaupt die Möglichkeit hat, zu einem Grundrechtsträger zu werden und es deswegen nur bis zu einem bestimmten Grade durch Auswählen der Gene oder Umwelt verändert werden darf, damit es überhaupt selbst zu einer Person werden kann, die freie Entscheidungen zum Beispiel darin trifft, welche Personen sie wiederum in ihren Nahbereich lässt.

Wegen der erörterten Grenzen von Erziehung und Genauswahl soll festgestellt werden, dass die Freiheit der Mutter zugunsten der Freiheit des Kindes beeinträchtigt wird.

Im Weiteren soll dargelegt werden, dass es einer Person aber ohnehin nicht vollständig frei steht, zu wählen, mit welchen Personen sie soziale Bindungen eingeht. Es soll aber dafür argumentiert werden, dass dies die Qualität einer sozialen Bindung nicht zwingend vermindern muss.

Zudem soll darauf verwiesen werden, dass Lübbes vorgestellte Kritik am Liberalismus durch die in dieser Hausarbeit vorgestellte Kritik an der Freiheit sich Personen in seinen Nahbereich zu wählen, nicht zwingend verletzt wird.

2.) Lübbes Gegenargument gegen den Diskriminierungsvorwurf von geschädigten Embryonen oder Föten

Weyma Lübbe behandelt in dem Text „Das Problem der Behindertenselektion bei der pränatalen Diagnostik und der Präimplantationsdiagnostik“ die Frage, ob vorgeburtliche Selektion von erblich geschädigten Embryonen bzw. Föten eine Diskriminierung behinderten Lebens ist.[1]

Dabei ist sie der Meinung, dass die vorgeburtliche Selektion keine Diskriminierung von Föten bzw. Embryonen ist. Das hier fragliche Argument lautet ungefähr wie folgt:

Während Diskriminierung an sich im öffentlichen Leben verboten ist, findet diese im Privatleben dauernd statt. Dies betreffe nach Lübbe sogar Merkmale, die nach Art. 3 Abs. 3 Satz 1 im Grundgesetz verboten sind, wie Geschlecht, Abstammung, Glauben usw.. Diese Diskriminierung findet auch in Bezug auf Menschen mit Behinderungen statt.

Diskriminiert wird laut Lübbe also im Nahbereich einer Person, ohne dass diese Diskriminierung verfassungswidrig wäre. Zwar, so sagt Lübbe, ließe sich sozialer Kontakt mit Menschen im Nahbereich erzwingen, dann habe er aber nicht mehr dieselbe Qualität wie eine freiwillig eingegangene soziale Bindung.[2]

Analog dazu lasse sich nach Lübbe auch aussuchen, welches Kind, bzw. vorerst welchen Embryo man überhaupt in seinen Nahbereich lässt, sodass eine Selektion durch Präimplantationsdiagnostik nicht illegitim ist. Vielmehr sei es sogar kontraproduktiv eine solche Selektion, die, wie Lübbe behauptet, die Chancen unterschiedlich gearteter Menschen ungleich werden lässt, zu verbieten. Diejenigen, die an diesem Argument zweifeln, verweist Lübbe, da sie zuvor bewiesen hat, dass die Abtreibung generell eine Diskriminierung vorgeburtlichen Lebens ist[3], auf das Folgende:

„Diejenigen, die sich von den dazu hier vorgetragenen Überlegungen nicht überzeugt sehen und nach wie vor der Ansicht sind, dass die Präimplantationsdiagnostik ein Recht der betroffenen Embryonen missachte, von ihrer genetischen Mutter unterscheidungsfrei angenommen zu werden, mögen bitte folgendes tun: Sie mögen ein Bild der Institutionen einer Gesellschaft entwerfen, die das Diskriminierungsverbot generell – und nicht nur, diskriminierenderweise, reproduktionswilligen Frauen gegenüber – in der Privatsphäre der Bürger zur Geltung bringt. Dann könnte man darüber sprechen, ob man in einer solchen Gesellschaft leben möchte.“[4]

Außerdem führt Lübbe an, sollte die Analogie zwischen Mutter und Frau, die nur bestimmte Personen in ihrem Nahbereich zulässt, zutreffen, dass sich die Selektion analog zu den Menschen, die man in seinen Nahbereich aufnimmt, auch auf weitere Merkmale ausweiten lassen kann, wie zum Beispiel auf die Intelligenz und des Aussehens des Kindes.

Denn, eine Frau, die sich ihr Kind passgenau aussuchen würde, würde nach Lübbe nicht unter das verfassungsrechtliche Diskriminierungsverbot fallen. Denn selbst, wenn sie, im Gegensatz zu anderen sozialen Bindungen, das Kind erzeugt, ist nicht dessen Erzeugung, sondern höchstens der Akt der Diagnose anhand von Präimplantationsdiagnostik oder Pränataldiagnostik grundrechtswidrig. Schließlich könne man auch nicht verpflichtet werden, für bereits existierende Personen seine eigene Freiheit aufzugeben, um diesen das Leben zu retten.[5]

Parallel dazu könne das dann auch nicht von einer Schwangeren, bzw. Person, die schwanger sein möchte, erwartet werden, die ein Kind bekommt, das Eigenschaften aufweist, die sie nicht an ihrem Kind aufgewiesen sehen haben will, da diese Person in so einem Fall ihre eigene Freiheit aufgeben müsste.

Des Weiteren verweist Lübbe auch darauf, dass überhaupt kein Grundrechtsträger vorhanden ist, der Anrecht auf so etwas wie ein genetisches Inkognito durch die Unterlassung von Präimplantationsdiagnostik oder Pränataldiagnostik hat.

Vielmehr müsse in der sogenannten Fortpflanzungsgemeinschaft darauf geachtet werden, welche Effekte die individuellen Wahlakte der einzelnen Mütter für die Fortpflanzungsgemeinschaft habe. Mit dem Abschaffen eines Grundrechtsträgers bei der Erzeugung eines Kindes ließen sich Lübbe zufolge Fragen klären, die in der deutschen Debatte nicht zu klären sind. So erörtert sie wie folgt:

„Wie z.B. verändern die neuen reproduktionsmedizinischen Wahlmöglichkeiten die Grenzziehungen zwischen Privatsphäre, Marktsphäre und politischer Sphäre, an die wir uns im liberalen Rechtsstaat gewöhnt haben? Lässt sich angesichts der reproduktionstechnischen Entwicklungen überhaupt weiterhin daran festhalten, dass Reproduktionentscheidungen Privatsache sind? Was bedeutet es, wenn sich die Wunschvorstellungen potentieller Eltern [...] vor allem auf Elitestudenten richten? Und warum genau tun sie das eigentlich?“

Im Folgenden erklärt sie, dass diese Fragen den Liberalismus, der eigentlich durch die Wahlfreiheit der Eigenschaften seines Kindes gegeben war, stark einschränken könnten.

Im weiteren Verlauf der Hausarbeit soll insbesondere auf die Analogie zwischen legitimer Selektion vom Menschen in seinem Nahbereich und dem Embryo oder Fötus eingegangen werden.

3.) Wahlfreiheit in Bezug auf die genetischen Eigenschaften des eigenen Kindes

Lübbe hat dargelegt, dass man nicht dazu verpflichtet werden kann, für bereits existierende Personen seine eigene Freiheit aufzugeben.

Im Folgenden soll aber nachgewiesen werden, dass es in diesem Punkt von Lübbes Analogie zu einer gewissen Disanalogie kommt, die ihr Argument aber mehr stützt, als untergräbt.

Dazu soll folgender Fall betrachtet werden: Person A liegt bedauerlicherweise im Sterben. Es handelt sich um eine Krankheit, die sich über mehrere Wochen bis Monate erstrecken kann. Die sterbende Person zu begleiten, ist unter allen Umständen psychisch sehr belastend.

Dennoch fühlt sich Person B, die die Tochter von Person A ist, auf eine gewisse Art verpflichtet, sich um Person A täglich zu kümmern und ihr in der verbliebenen Zeit ihres Lebens möglichst viel Gesellschaft zu leisten.

Person C, die in keiner Weise mit Person A verwandt oder überhaupt bekannt ist, trifft Person A und Person B durch Zufall im Park des Person A betreuenden Krankenhauses. Auch für Person C ist aufgrund des Äußeren von Person A ersichtlich, dass diese sehr krank ist und mit hoher Wahrscheinlichkeit bald sterben wird. Jedoch fühlt Person C sich im Gegensatz zu Person B überhaupt nicht verpflichtet, sich um Person A zu kümmern. Selbst wenn ihr die Lage von Person A deutlich bewusst ist.

Weder Person B noch Person C sind rechtlich dazu verpflichtet, sich um Person A zu kümmern. Fraglich ist also, was genau Person B dazu bewegt, sich um Person A zu kümmern und Person C nicht.

Natürlich müsste auch Person B sich nicht um Person A kümmern, dennoch tut sie es. Es könnte davon ausgegangen werden, dass Person A mit Person B verwandt ist und diese Verwandtschaft für Person B wichtig genug ist, sich um Person A zu kümmern. Immerhin hat Person A das als Person B noch klein war, für diese auch getan. Sicherlich ist Verwandtschaft ein wichtiger Faktor, aber es gibt genauso Freunde, die andere Freunde während ihrer verbleibenen Zeit begleiten und dafür sogar an ihre eigenen Grenzen gehen. So ist zum Beispiel in der Geo nachzulesen, dass zwölf Freunde einer Krebskranken eine Wohngemeinschaft gegründet haben, um zu jeder Zeit für die erkrankte Freundin da zu sein. Auch als diese bereits auf der Palliativstation gelegen hat, war, auch nachts, mindestens einer der Freunde immer anwesend.[6]

Es scheint sich hier also vielmehr um eine soziale Bindung an sich zu handeln, die Menschen zwar nicht rechtlich, aber sozial dazu verpflichtet, sich um die sterbende Person zu kümmern.

Diese soziale Bindung besteht vermutlich dadurch, dass die eine Person die andere Person in einem gewissen Sinne kennt und das Wesen dieser Person, die Identität oder das was diese Person ausmacht, mag oder gar liebt.

Allerdings verpflichtet die soziale Bindung eine Person nicht absolut, sich um die andere Person zu kümmern. Wenn sie nicht möchte, kann sie nichts davon abhalten, sich nicht um eine erkrankte Person zu kümmern.

Bis heute gibt es zum Beispiel noch nicht einmal ein Gesetz, das in dem soeben beschriebenen Fall eine Person von der Arbeit freistellen würde, um sich um eine erkrankte Freundin zu kümmern.

Analog dazu hat eine werdende Mutter noch keine soziale Bindung zu dem Embryo, der unter Umständen zu ihrem Kind werden kann. Auch weiß sie noch nichts über das Wesen dieses potentiellen Kindes. Sie kann also im Gegensatz zu einer bereits existierenden Person nicht entscheiden, ob ihr die soziale Bindung groß genug ist, um sich mindestens neun Monate, in den meisten Fällen natürlich sehr viel länger, um die betreffende Person zu kümmern und somit ihre eigene Freiheit bis zu einem gewissen Grade einzuschränken.

Die Disanalogie ist also bei dem Punkt der sozialen Bindung zu sehen. Da aber noch nicht mal diese einen Menschen verpflichten kann, sich um einen anderen zu kümmern, ist es, um Lübbes Argument zu stärken, erst recht nicht verpflichtend, sich um eine potentielle Person zu kümmern, die man nicht einmal kennt. Es scheint plausibel, wenn man eine potentielle Person in den Nahbereich aufnimmt, wenigstens Teile des Wesens der Person, durch Auswahl der bestimmten Gene für zum Beispiel Intelligenz oder Aussehen, bestimmen zu können.

Zwar ist es bis dato noch nicht möglich, solche Eigenschaften durch die Auswahl von Genen zu bestimmen, aber, um es mit Nicholas Agar zu halten, auf den im folgenden Kapitel noch rekurriert werden soll:

[...]


[1] Lübbe, Anna; Das Problem der Behindertenselektion bei der pränatalen Diagnostik in der Präimplatationsdiagnostik. - In: Ethik in der Medizin: S. 203-220, online publiziert: Springer-Verlag, 21. Februar 2003, S. 203.

[2] Ebd., S. 214 f..

[3] Ebd., S. 207.

[4] Ebd., S. 215.

[5] Ebd., S. 216.

[6] Langer, Fred; Weiss, Bertram: Freunde-Warum sie wichtiger sind denn je-. - In: Geo 06: Juni 2015, S. 88-99.

Ende der Leseprobe aus 19 Seiten

Details

Titel
Die Freiheit des eigenen Nahbereichs im Kontext zu Lübbe
Hochschule
Universität Erfurt
Note
Teilnahme
Autor
Jahr
2015
Seiten
19
Katalognummer
V365486
ISBN (eBook)
9783668448599
ISBN (Buch)
9783668448605
Dateigröße
532 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
Lübbe, Freiheit, Mutter, pränatale Diagnostik, Behindertenselektion, Präimplantationsdiagnostik, Freie Entscheidung, Lebensqualität, Rechte, Embryo, Fötus
Arbeit zitieren
Saskia Janina Neumann (Autor), 2015, Die Freiheit des eigenen Nahbereichs im Kontext zu Lübbe, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/365486

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