Adolph Diesterweg. Sein Bildungsideal und sein Scheitern


Hausarbeit, 2015

19 Seiten, Note: 1,0


Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1. Einleitung

2. Diesterwegs pädagogischer Werdegang
2.1. Der Weg zur Pädagogik
2.2. Der Beginn des pädagogischen Schaffens
2.3. Das Königliche Seminar für Stadtschullehrer Berlin

3. Das Bildungsideal Diesterwegs
3.1. Die Lage der Lehrer
3.2. Die „neue Schule“
3.3. Die „wahre Religion“ in der Erziehung

4. Sieg der Restauration
4.1. Entlassung aus dem Staatsdienst
4.2. Märzrevolution 1848/1849

5. Ausblick

6. Werke und Literatur

1. Einleitung

Preußen stand im frühen 19. Jahrhundert vor der völligen Vernichtung: Nach der katastrophalen Niederlage in der Schlacht bei Jena und Auerstedt, war das besiegte Preußen am Boden. Erst diese schmerzliche Niederlage machte den Weg frei, für einen Umbau des politisch und gesellschaftlich erstarrten preußischen Staat. Dieser Umbau manifestierte sich in den preußischen, oder auch Stein- Hardenbergschen Reformen. Diese umfassten Umgestaltungen im Bereich der Verwaltung, des Militärs, der Landwirtschaft und schließlich auch im Bereich der Bildung.[1]

In dieses Umfeld des geistigen Aufbruchs wuchs der spätere Pädagoge Friedrich Adolph Wilhelm Diesterweg auf: Nur ein Jahr nach der französischen Revolution geboren, wurde er Zeuge einer politisch, sowie kulturell ereignisreichen Zeit, in die Ereignisse fielen, welche ihn und sein Schaffen entscheidend prägen sollten, wie der Wiener Kongress, die Julirevolution 1830, die bürgerlich-demokratische Revolution 1848/49, die Amtszeit Bismarcks und die industrielle Revolution.[2] Den weitreichenden politischen und gesellschaftlichen Ereignissen entspricht die Fülle an technischen, naturwissenschaftlichen und nicht zuletzt ideengeschichtlichen Entwicklungen, die Adolph Diesterwegs auf seinem Weg entscheidend beeinflussen sollten: Johann Heinrich Pestalozzi lieferte entscheidende Impulse zur Professionalisierung und Institutionalisierung der Pädagogik, Johann Friedrich Herbart entwickelte den nach ihm benannten Herbatismus, Friedrich Schleiermacher erarbeitete eine feinere Erziehungslehre, Friedrich Fröbel schuf wesentliche Grundlagen für die vorschulische Erziehung und Friedrich Eduard Beneke war entscheidend an der Weiterentwicklung der pädagogischen Psychologie beteiligt.[3]

Vor diesem Hintergrund entwickelte Adolph Diesterweg seine auf die idealistische Bildungstradition aufbauende Philosophie von der Unabhängigkeit der Schule von der Kirche und der Notwendigkeit einer naturgemäßen Erziehung, also einer begleitenden Unterstützung der natürlichen Reifungsprozesse der Schüler und damit verbundenen völligen Abkehr vom schulischen Formalismus. Mit diesen Ansichten nahm Diesterweg die Ideen der späteren Reformpädagogik bereits 100 Jahre zuvor vorweg. Er arbeitete er mit einigem Erfolg daran, sein Bildungsideal in die Praxis umzusetzen. Allerdings musste er dabei gegen die an Einfluss gewinnenden restaurativen Kräfte und dem damit verbundenen Nachlassen des preußischen Reformeifers ankämpfen.[4]

Wie dieses pädagogische Ideal Diesterwegs aussah und warum, beziehungsweise ob seine Umsetzung letztendlich scheiterte, soll in dieser Arbeit erörtert werden. Zu diesem Zweck werden eingangs, anhand der Biografie Diesterwegs, die Stationen seines Lebens behandelt, die für die Entwicklung seines Bildungsideals von Bedeutung waren. Daran anknüpfend soll Diesterwegs Ideal, anhand seiner Meinungen zur Lehrerbildung, der Rolle der Kirche in der Erziehung und seinem Model einer „ neuen Schule “ behandelt werden. Anschließend soll dann die Problematik der Umsetzung, mit der Diesterweg in seinen letzten Lebensjahren zu kämpfen hatte besprochen werden. Das Ergebnis dieser Arbeit soll zum Schluss in einem abschließenden Ausblick diskutiert werden. Die Grundlage dieser Arbeit bilden die Schriften Adolph Diesterwegs, als auch weiterführende Literatur, wobei insbesondere die Arbeiten Gert Geißlers zu nennen sind.

2. Diesterwegs pädagogischer Werdegang

2.1. Der Weg zur Pädagogik

Friedrich Adolph Wilhelm Diesterweg kam am 19. Oktober 1790 im nassauschen Siegen, als Sohn eines Advokaten und Amtmannes zur Welt. Nach seiner Schulzeit hatte der junge Diesterweg für sich zunächst keine pädagogische Laufbahn im Sinn: Erst nach einem mathematisch-naturwissenschaftlich geprägten Studium in Herborn, Heidelberg und Tübingen (1808-1811),[5] wandte sich Adolph Diesterweg langsam der Pädagogik zu. Zunächst aber nur als Hauslehrer, da er den Plan verfolgte, ein Ingenieursexamen abzulegen. Dieser Plan zerschlug sich jedoch aufgrund der auch in Westfalen beginnenden Kriegsvorbereitungen Napoleons. Aus diesem Grund übernahm Diesterweg zu Beginn des Jahres 1812 in Worms die Stelle des zweiten Lehrers an der dortigen Sekundarschule, an der er die Fächer Mathematik und Geographie unterrichtete.[6] Ein Jahr später gelang es ihm an die Frankfurter Musterschule zu wechseln, einer im Geiste Pestalozzis geführten Real- und höheren Mädchenschule. Hier begann Diesterweg sein Lehramt als pädagogische Herausforderung zu betrachten. Er fing an sich intensiv mit Ideen zur Bildung zu beschäftigen, was sich anhand seiner ersten pädagogischen Publikationen äußerte. Auch seine persönlichen Ansichten zur Bildung begannen sich in Frankfurt sichtlich zu formten, so bekannte er sich bereits in dieser frühen Zeit seiner pädagogischen Laufbahn zur strikten Ablehnung jeder Form von methodischen Formalismus.[7]

Diesterweg fand in seinen fünf Jahren in Frankfurt Zugang zum kulturellen und politischen Leben der Stadt. Er machte Bekanntschaft mit den Pestalozzianern De I'Aspée und Gottlieb Anton Gruner, welche die Ideen des Schweizer Pädagogen in ihrer Arbeit praktizierten. Neben der Arbeit an der Musterschule arbeitete Diesterweg in seiner Frankfurter Zeit an einer Sonntagsschule für Erwachsene. Ihm galt es nicht nur Kinder zu erziehen, sondern auch Erwachsene an der Bildung teilhaben zu lassen. Weiterhin betrieb er die Einrichtung einer im Sinne Jahns gehaltenen Turnschule.[8] Dieser nicht ganz unpolitische Schritt war Teil der Hinwendung Diesterwegs in Richtung Politik: Nach dem Kampf um die Beseitigung der napoleonischen Fremdherrschaft, fasste auch Diesterweg die Forderung nach einer Errichtung eines deutschen Nationalstaates, sowie dessen Einbettung in eine Verfassung. Im Zuge dieser Forderung wuchs in ihm der Wunsch, selbst für eine solche politische und gesellschaftliche Erneuerung zu arbeiten. Er sah seine Aufgabe darin, anhand der Erziehung eine Erneuerung von innen heraus herbeizuführen.[9] So ließe sich seiner Auffassung nach „ Außerordentliches von einer grundmäßig-elementarischen Erziehung eines ganzen Volkes ...[10] erreichen. Aus diesem Grund hegte er ab 1816 der Wunsch, an eines der im Zuge der preußischen Bildungsreformen zwischen 1806 und 1837 neugegründeten Schullehrerseminare zu wechseln.[11]

2.2. Der Beginn des pädagogischen Schaffens

Zuvor jedoch verließ Adolph Diesterweg Frankfurt, um seine Position durch die Übernahme des Amtes als Zweiter Rektor an der Elberfelder Lateinschule zu verbessern. Bloth beschreibt die Elberfelder Zeit als eine der prägendsten Stationen in Diesterwegs Leben.[12] Wenngleich Diesterweg in Elberfeld einer größeren Einengung und Belastung hinsichtlich seiner Arbeit aussetzt war, so erhielt jedoch in der von sozialen Problemen gekennzeichneten Industriestadt, einen bleibenden Eindruck vom Leben des neuentstandenen Industrieproletariats, als auch der Lage der Volksschullehrer, unter denen er häufig verkehrte. Er begann sich nach zahlreichen Besuchen von Volksschulen und dem regen Kontakt mit reformwilligen und ambitionierten Volksschullehrern stark für das Volksschulwesen zu interessieren, was dazu führte, dass er den Lehrerberuf und insbesondere den des Volksschullehrers als ideales Mittel betrachtete, seine in Frankfurt gewonnen politischen und gesellschaftlichen Ansichten umsetzten zu können.[13]

Mit dem Gedanken die Gesellschaft anhand einer neuen Lehrerschaft zu erneuern, bewarb sich Diesterweg im Jahr 1820 erfolgreich um die Direktorenstelle des in Moers am Niederrhein neuentstandenen Lehrerseminars. Er sollte dieses Amt 12 Jahre ausfüllen.[14] Im Bewusstsein nun selbst Teil des preußischen Staatsapparats zu sein, verfolgte Diesterweg die Wirkung der Reformpolitik mit besonderem Interesse. Tatsächlich konnte er eine deutliche Verbesserung der Lehrerbildung beobachten, welche er vor allem auf die Bemühungen zur Durchsetzung der allgemeinen Schulpflicht, sowie den zahlreichen Neugründungen von Schulen und Universitäten zurückführte. Diesterweg nutzte während seiner Moerser Zeit die Gelegenheit diese Fortschritte, beziehungsweise den aktuellen Stand des Schulwesens anhand zahlreicher Reisen, Diskussionen, sowie Besuchen von Schulen und Lehrerseminaren zu begutachten, wodurch er Anregungen für seinen eigenen Unterricht gewann,[15] als auch Kritikpunkte fand, wie beispielsweise die Situation an den Seminaren. Dort stießen vor allem die Lehrmethoden und der wenig kollegiale Umgang zwischen Seminarleitung und Seminaristen bei ihm auf Kritik.[16]

Sein durch Beobachtungen und Lektüre gewonnenes Wissen, verwandte Diesterweg für mehrere Lehrbücher für den Rechenunterricht. Ab 1827 gab er zudem die bis zu seinem Tod erschienen „Rheinischen Blätter für Erziehung und Unterricht, mit besonderer Berücksichtigung des Volksschulwesens“ heraus. In den demokratisch geprägten und bei der Lehrerschaft gleichermaßen beliebten, wie weitverbreiteten „Rheinischen Blättern“ fand Diesterwegs pädagogische Erfahrung anhand von Artikeln und Rezensionen Verwendung.[17]

Die Erfahrungen und Überzeugungen Diesterwegs führten allerdings auch zu Anstoß bei den im preußischen Staatsapparat an Einfluss gewinnenden restaurativen Kräften: Nicht nur, dass Diesterweg der einzige Nichttheologe unter allen preußischen Seminardirektoren war, auch seine der Tradition der Aufklärung folgende Forderung nach einem überkonfessionell gestaltetem und an der Entwicklung moralischer Maßstäbe ausgerichteter Religionsunterricht löste bei restaurativen Stimmen Empörung aus.[18]

[...]


[1] NIPPERDEY, Deutsche Geschichte 1800-1866, S. 31-33.

[2] WEIß, Adolf Diesterweg, S. 18-19.

[3] GEIßLER/GÜNTER, Friedrich Adolph Wilhelm Diesterweg, S. 11 ff.

[4] BÖHM, Winfried, Geschichte der Pädagogik, S. 109

[5] BLOTH, Adolph Diesterweg. Sein Leben und Wirken für die Pädagogik, S. 42 ff.

[6] GEIßLER, Friedrich Adolph Wilhelm Diesterweg, S. 5.

[7] Ebd., S. 5.

[8] WEIß, Adolf Diesterweg, S. 24-27.

[9] GEIßLER, Friedrich Adolph Wilhelm Diesterweg, S. 5-6.

[10] DIESTERWEG, Bd. IV, S. 275.

[11] WEIß, Adolf Diesterweg, S. 42-43.

[12] BLOTH, Adolph Diesterweg. Sein Leben und Wirken für die Pädagogik, S. 74.

[13] GEIßLER, Friedrich Adolph Wilhelm Diesterweg, S. 6-7.

[14] GOEBEL, Schule im Schatten, S. 9 ff.

[15] GEIßLER, Friedrich Adolph Wilhelm Diesterweg, S. 7-8.

[16] GOEBEL, Schule im Schatten, S. 9 ff.

[17] SCHRÖDER, Adolph Diesterweg, S. 128.

[18] GEIßLER, Friedrich Adolph Wilhelm Diesterweg, S. 7-8.

Ende der Leseprobe aus 19 Seiten

Details

Titel
Adolph Diesterweg. Sein Bildungsideal und sein Scheitern
Hochschule
Westfälische Wilhelms-Universität Münster
Note
1,0
Autor
Jahr
2015
Seiten
19
Katalognummer
V365616
ISBN (eBook)
9783668449053
ISBN (Buch)
9783668449060
Dateigröße
550 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
adolph, diesterweg, sein, bildungsideal, scheitern
Arbeit zitieren
Christian-Wilhelm Wehebrink (Autor:in), 2015, Adolph Diesterweg. Sein Bildungsideal und sein Scheitern, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/365616

Kommentare

  • Noch keine Kommentare.
Im eBook lesen
Titel: Adolph Diesterweg. Sein Bildungsideal und sein Scheitern



Ihre Arbeit hochladen

Ihre Hausarbeit / Abschlussarbeit:

- Publikation als eBook und Buch
- Hohes Honorar auf die Verkäufe
- Für Sie komplett kostenlos – mit ISBN
- Es dauert nur 5 Minuten
- Jede Arbeit findet Leser

Kostenlos Autor werden