Ebenso wie Lesen und Schreiben, ist auch das Rechnen eine grundlegende Voraussetzung für eine erfolgreiche Schullaufbahn und wichtig für die spätere Berufswahl. Die Grundrechenarten müssen beherrscht werden und ein Verständnis für Rechenoperationen muss entwickelt sein.
Die Lese-Rechtschreibschwäche ist schon lange als Problemfeld bekannt, die Schwierigkeiten und Probleme beim Erlernen des Rechnens sind dagegen erst seit den 80er Jahren ins Blickfeld von Wissenschaftlern und Schulpraktikern gerückt. „Dyskalkulie“, „Rechenschwäche“, „Rechenstörung“ – die Anzahl der Begrifflichkeiten, die in der Literatur zu diesem Thema auftauchen, sind beinahe ebenso vielfältig wie die Erscheinungsformen dieser Störung. Eines ist jedoch allen gemeinsam: Manche Kinder haben von Beginn an ganz besondere Probleme beim Erlernen grundlegender mathematischer Operationen, die nicht ad hoc erklärbar sind.
In dieser Zulassungsarbeit werden die Begriffe „Dyskalkulie“, „Rechenschwäche“ und „Rechenstörung“ synonym verwendet.
Im ersten Teil der Arbeit wird zunächst auf den Begriff „Dyskalkulie“ näher eingegangen. Es wird der Versuch einer Definition gemacht, wobei verschiedene Begriffsmöglichkeiten vorgestellt werden. Anschließend werden die typischen Merkmale der Dyskalkulie erläutert.
Im zweiten Teil wird ein Überblick über die denk- und lernpsychologischen Grundlagen des Rechnens gegeben. Dieser erstreckt sich von den neuropsychologischen Voraussetzungen über das Entwicklungsmodell von Ayres bis hin zu den Modellen von Piaget und Aebli.
Das dritte Kapitel beschäftigt sich mit den Ursachen der Dyskalkulie. Individuumsbezogene, soziokulturelle und familiäre und schulische Ursachen werden hier näher beschrieben.
Der vierte Teil widmet sich der Diagnostik. Es wird sowohl auf die Diagnostik im basalen als auch im pränumerischen Bereich eingegangen. Die weiteren Unterkapitel informieren über die Fehleranalyse und informelle und formelle Testverfahren.
Im fünften Kapitel steht die Förderung rechenschwacher Kinder im Mittelpunkt. Zunächst werden einige präventive Maßnahmen vorgestellt, bevor es dann um die konkrete Intervention geht. Abschließend wird noch kurz auf die juristischen Aspekte zur Förderung in Bayern eingegangen.
Die Arbeit wird mit einer Zusammenfassung abgeschlossen.
Inhaltsverzeichnis
1. Begrifflichkeit und Phänomen
1.1 Der Begriff „Rechenschwäche“ / „Dyskalkulie“
1.1.1 Der Terminus „Dyskalkulie“
1.1.2 Verschiedene Definitionen
1.1.3 Grissemanns „Diskrepanzdefinitionen“
1.1.4 Grundformen der Rechenschwäche
1.1.5 Primäre und sekundäre Dyskalkulie
1.2 Erscheinungsformen der Rechenschwäche
1.2.1 Probleme bei der Sinneswahrnehmung
1.2.2 Häufige Wahrnehmungsstörungen
1.2.3 Defizite in den kognitiven Fähigkeiten
1.2.4 Typische Rechenprobleme
1.2.5 Wie rechnet das Kind?
1.2.6 Verhaltensauffälligkeiten
2. Denk- und lernpsychologische Grundlagen des Rechnens
2.1 Neuropsychologische Voraussetzungen für mathematisches Denken
2.2 Das Entwicklungsmodell nach Ayres
2.3 Entwicklung des operatorischen Denkens nach Piaget
2.4 Aeblis mathematische Operationstheorie
3. Ursachen für Rechenstörungen
3.1 Teilleistungsschwächen
3.2 Individuumsbezogene Ursachen
3.2.1 Kongenitale Ursachen
3.2.2 Neuropsychologische Ursachen
3.2.3 Psychische Komponenten
3.3 Soziokulturelle und familiäre Ursachen
3.4 Schulische Ursachen
4. Diagnostik
4.1 Aspekte der Diagnostik im basalen Bereich
4.2 Diagnostik im pränumerischen Bereich
4.3 Fehleranalyse
4.4 Informelle Diagnostik des Leistungsstandes
4.5 Formelle Testverfahren
5. Förderung von Kindern mit Rechenschwäche
5.1 Prävention
5.1.1 Vom zählenden Rechnen zur Abrufbarkeit der Basisfakten
5.1.1.1 Fallbeispiel
5.1.1.2 Hängen bleiben am zählenden Rechnen
5.1.1.3 Strukturgelenktes Rechnen
5.1.1.4 Rechenausdrücke als Handlungsanweisungen und als Namen für mathematische Objekte
5.1.1.5 Hinweise zum methodischen Vorgehen
5.1.2 Rechnen erlebt
5.1.2.1 Addition und Subtraktion
5.1.2.2 Multiplikation und Division
5.1.3 Edukinestetik im Unterricht
5.2 Intervention
5.2.1 Fallbeispiel
5.2.2 Beratung des Umfelds
5.2.2.1 Beratungsgrundsätze
5.2.2.2 Beratung von Lehrern
5.2.2.3 Beratung von Eltern
5.2.2.4 Grenzen der Beratung
5.2.3 Private Institute: A.L.F. e.V. in Nürnberg
5.2.4 Die Elterninitiative IFRK e.V.
5.3 Juristische Aspekte zur Förderung in Bayern
5.3.1 Unterstützung außerhalb der Schule
5.3.2 Schulrechtliche Gesichtspunkte
6. Zusammenfassung
Zielsetzung & Themen
Die vorliegende Arbeit setzt sich intensiv mit dem Phänomen der Dyskalkulie auseinander. Das primäre Ziel ist es, ein tiefgreifendes Verständnis für die Erscheinungsformen, Ursachen und diagnostischen Möglichkeiten bei rechenschwachen Kindern zu entwickeln sowie effektive Förderansätze für den schulischen und außerschulischen Bereich aufzuzeigen.
- Grundlagen und Definitionen der Rechenschwäche
- Denk- und lernpsychologische Perspektiven auf mathematisches Lernen
- Ursachenanalyse und Risikofaktoren bei Rechenstörungen
- Diagnostische Verfahren im basalen und pränumerischen Bereich
- Präventions- und Interventionsmöglichkeiten in der Schulpraxis
Auszug aus dem Buch
Die ersten Anzeichen für eine mögliche Rechenschwäche
Die ersten Anzeichen für eine mögliche Rechenschwäche können sich schon im frühen Kindesalter zeigen, besonders, wenn die Ursache in Wahrnehmungsschwächen liegt. Wie sich dieses Problem vom Kleinkind bis zum Schulkind in der Entwicklung eines wahrnehmungsgestörten Kleinkindes zu einem rechenschwachen Schulkind äußern kann, schildert Monika Malchau (Schwarz 1999, 30f):
„Weil es sich auf seine Sinne nicht verlassen konnte, hatte es als Baby keinen Gefallen daran gehabt, mit dem Mund die Oberfläche, Struktur und Form seiner Spielsachen zu erforschen, es überging die Phase des Krabbelns und es versäumte dabei, aus der Sicht des Vierfüßlers die Dimension seiner Umgebung zu erforschen. Das Kind schaffte es mit zwei Jahren nicht, unter einem Stuhl durchzukrabbeln, ohne sich den Kopf zu stoßen, einen stabilen Turm zu bauen oder für eine Dose den dazugehörigen Deckel zu finden und sie damit zu verschließen. Mit drei Jahren fand es keinen Weg, ein Spielzeug aus dem obersten Schrankfach zu holen oder ein kleines Brot in eine kleine Tüte und ein großes Brot in eine große Tüte zu packen. Als Vierjähriges merkte es nicht, dass sein Bruder ihm von seinen fünf Bonbons eines weggenommen hatte, und glaubte, mit einem DIN-A4-Bogen einen Schuhkarton einwickeln zu können. Mit fünf Jahren malte es sich noch selbst als Kopffüßler ohne Finger und sagte zu ‚neulich’ ‚gestern’. Noch mit sechs Jahren übersprang es beim Abzählen einige Gegenstände und zählte andere doppelt. Mit sieben Jahren kam es zur Schule und konnte sich nicht merken, dass (+) ein Zeichen für ‚dazutun’ und (-) ein Zeichen für ‚wegnehmen’ ist. Als es acht Jahre alt war, wurde eine Rechenschwäche bei ihm festgestellt.“
Zusammenfassung der Kapitel
Begrifflichkeit und Phänomen: Dieses Kapitel erläutert die verschiedenen Definitionsmöglichkeiten der Dyskalkulie und beschreibt die vielfältigen Erscheinungsformen der Rechenschwäche bei Kindern.
Denk- und lernpsychologische Grundlagen des Rechnens: Hier werden neuropsychologische Grundlagen sowie die Entwicklungsmodelle von Ayres, Piaget und Aebli dargestellt, um die Bedingungen für mathematisches Verständnis zu beleuchten.
Ursachen für Rechenstörungen: Das Kapitel analysiert verschiedene Ursachenfelder, darunter individuelle Voraussetzungen sowie soziokulturelle, familiäre und schulische Faktoren, die zur Entstehung von Rechenstörungen beitragen können.
Diagnostik: Dieser Teil widmet sich den diagnostischen Verfahren, von basalen und pränumerischen Tests bis hin zur Fehleranalyse und der Anwendung formeller Testmethoden.
Förderung von Kindern mit Rechenschwäche: Im Zentrum stehen präventive Maßnahmen gegen das zählende Rechnen, die Bedeutung der Intervention, die Beratung des Umfelds sowie rechtliche Aspekte zur schulischen Förderung.
Zusammenfassung: Das letzte Kapitel resümiert die wesentlichen Erkenntnisse der Arbeit und betont die Notwendigkeit individueller Hilfen bei der Förderung rechenschwacher Kinder.
Schlüsselwörter
Dyskalkulie, Rechenschwäche, Rechenstörung, Mathematiklernen, Förderdidaktik, Neuropsychologie, Lernpsychologie, Diagnostik, Wahrnehmungsstörungen, Invarianz, Förderung, Intervention, Prävention, Teilleistungsschwäche, Schulerfolg
Häufig gestellte Fragen
Worum geht es in dieser Arbeit grundsätzlich?
Die Arbeit beschäftigt sich mit dem komplexen Phänomen der Dyskalkulie (Rechenschwäche) und untersucht deren theoretische Grundlagen, Ursachen sowie praktische Ansätze zur Diagnose und Förderung von betroffenen Kindern.
Welche zentralen Themenfelder behandelt das Werk?
Die thematischen Schwerpunkte liegen auf der Definition des Begriffs, den lernpsychologischen Grundlagen des mathematischen Denkens, den vielfältigen Ursachen von Rechenstörungen sowie der praktischen Umsetzung diagnostischer und förderpädagogischer Maßnahmen.
Was ist das primäre Ziel der Untersuchung?
Das Ziel der Arbeit ist es, Lehrkräften und Eltern ein fundiertes Verständnis für die Problematik der Dyskalkulie zu vermitteln und konkrete Wege für eine individuelle, auf das Kind abgestimmte Förderung aufzuzeigen.
Welche wissenschaftliche Methode kommt zum Einsatz?
Die Arbeit basiert auf einer Literaturanalyse, die verschiedene theoretische Ansätze (z.B. von Piaget und Aebli) sowie diagnostische und therapeutische Konzepte aus der sonderpädagogischen Forschung zusammenführt.
Was steht im Hauptteil der Arbeit im Fokus?
Der Hauptteil behandelt die theoretischen Grundlagen des mathematischen Lernens, analysiert die Ursachenfelder von Rechenstörungen und widmet sich ausführlich den diagnostischen Verfahren sowie verschiedenen Förderstrategien, inklusive Fallbeispielen.
Welche Schlüsselbegriffe charakterisieren die Publikation?
Zentrale Begriffe sind Dyskalkulie, Förderdidaktik, pränumerischer Bereich, Teilleistungsschwäche, diagnostische Verfahren und präventive Interventionsstrategien.
Warum ist das "zählende Rechnen" so kritisch zu betrachten?
Zählendes Rechnen ist bei größeren Aufgaben zeitaufwendig, fehleranfällig und verhindert den Aufbau eines strukturellen Zahlverständnisses, da keine Beziehungen zwischen Zahlen verknüpft werden, was zu einer Überlastung des Arbeitsgedächtnisses führt.
Welche Rolle spielt die Edukinestetik bei der Förderung?
Die Edukinestetik dient als ergänzender Baustein, um durch gezielte Bewegungsübungen (z.B. Überkreuzbewegungen) Entwicklungsschritte nachzuholen und Energieblockaden abzubauen, was wiederum die neurologischen Voraussetzungen für das Lernen verbessert.
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- Christine Erdel (Author), 2004, Dyskalkulie. Diagnostik und Förderung rechenschwacher Kinder, Munich, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/36566