Suchtprävention in der Grundschule als Teil der grundschulischen Gesundheitserziehung


Examensarbeit, 2004
120 Seiten, Note: 1,0

Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

Einleitung

A Theoretischer Teil
1 Gesundheitserziehung
1.1 Der Begriff Gesundheitserziehung als Aspekt der Gesundheitsförderung
1.2 Zentrale Aspekte der Gesundheitserziehung in der Grundschule
1.3 Die Notwendigkeit der Gesundheitserziehung in der Grundschule
1.4 Aufgaben, Ziele und Grenzen einer schulischen Gesundheitserziehung
2 Gesundheit
2.1 Erklärungen zum Begriff Gesundheit
2.2 Die gesundheitliche Lage deutscher Kinder
2.3 Gesundheitsriskante Verhaltensweisen
2.3.1 Falsches Ernährungsverhalten
2.3.2 Bewegungsmangel
2.3.3 Legaler Drogenkonsum
3 Sucht
3.1 Begriffserklärung: Sucht
3.2 Suchtentstehung und ihre Ursachen
3.3 Die Suchtmittel
3.3.1 Nikotin
3.3.2 Alkohol
3.4 Die gesellschaftliche Bewertung von Suchtmitteln
4 Sucht im Kindesalter
4.1 Suchtrisiken bei Kindern
4.2 Der Einfluss der Familie
5 Suchtprävention in der Grundschule
5.1 Erklärungen zum Begriff und zur Arbeit der Suchtprävention
5.2 Suchtprävention als Teil der grundschulischen Gesundheitserziehung
5.3 Richtlinien und Lehrpläne
5.4 Die Notwendigkeit der Suchtprävention in der Grundschule
5.5 Aufgaben und Ziele der schulischen Suchtprävention
5.6 Grenzen der suchtpräventiven Arbeit
6 Unterrichtsplanerische Überlegungen zur grundschulischen Suchtprävention
6.1 Ansätze und Wege des suchtpräventiven Unterrichts
6.2 Bedingungen für „erfolgreiche“ Suchtprävention
6.2.1 Die Rolle der Lehrperson
6.2.2 Elternarbeit
6.2.3 Die Motivation der Schüler
6.3 Didaktische Planung der grundschulischen Suchtvorbeugung
6.4 Offene und geschlossene Unterrichtsformen in der grundschulischen Suchtprävention
6.5 Medieneinsatz im suchtpräventiven Unterricht

B Praktischer Teil
1 Das Programm Klasse2000
1.1 Das Konzept
1.2 Die Klasse2000 -Gesundheitsförderer
1.3 Die Ziele
1.4 Erfolg des Programms Klasse2000
2 Der Klasse2000 -Unterricht
2.1 Didaktische Prinzipien
2.2 Thematische Schwerpunkte der einzelnen Jahrgangsstufen
3 Informationen zur Droste-Hülshoff-Schule
3.1 Beschreibung der Droste-Hülshoff-Schule
3.2 Das Schulprogramm
4 Die Klasse 4a
4.1 Die Schülerinnen und Schüler
4.2 Die Klassenlehrerin und ihr Unterrichtsstil
5 Die praktische Umsetzung des Programms Klasse2000 an der Droste-Hülshoff-Schule
5.1 Die Gesundheitsförderin und ihre Einschätzungen zum Programm
5.2 Das Programm Klasse2000 an der Droste-Hülshoff-Schule
5.3 Das Programm Klasse2000 in der Klasse 4a
6 Voraussetzungen für die Klasse2000 -Stunde „Glück und Werbung“
6.1 Die Absprache zwischen Gesundheitsförderin und der Klassenlehrerin
6.2 Die Vorbereitungen der Gesundheitsförderin
6.3 Soziale und thematische Lernvoraussetzungen der Kinder in der Klasse 4a in Bezug auf den Klasse2000 -Unterricht
7 Die Planung der Klasse2000 -Stunde „Glück und Werbung“
7.1 Ablauf des Unterrichts in der Theorie
7.2 Die Zielsetzung der Stunde
7.3 Didaktik des Unterrichts
8 Die Durchführung der Klasse2000 -Stunde „Glück und Werbung“ in der Klasse 4a
8.1 Einführung in die Stunde „Glück und Werbung“
8.2 Kritische Auseinandersetzung mit Werbebotschaften
8.3 Gesundheitsschädliche Folgen des Rauchens
8.4 Abschluss: Ich bin glücklich, wenn
8.5 Ergänzungen der Klassenlehrerin
9 Reflexion
9.1 Reflexion zum Unterrichtsverlauf
9.2 Fazit zur Zielerfüllung der Gesundheitsfördererstunde und des Programms Klasse2000

Ausblick

Literaturverzeichnis

Internet-Literatur

Ehrenwörtliche Erklärung

Einleitung

In der vorliegenden Arbeit habe ich mich mit der Suchtprävention als Bestandteil der Gesundheitserziehung in der Grundschule befasst.

Wenn ich an bekannten Jugendtreffs in unserer Stadt vorbeigehe, habe ich immer häufiger bemerkt, dass manche der „Jugendlichen“, die dort ihre Zeit mit Freunden verbringen, noch gar nicht im Jugendalter sind. Viele scheinen jünger als vierzehn zu sein, und bei einigen weiß ich auf Grund meiner Arbeit im Jugendhaus in Bottrop, dass sie erst zehn oder elf Jahre alt sind und manche noch zur Grundschule gehen. Sie rauchen und übernehmen viele Verhaltensweisen ihrer älteren Freunde. Es scheint als würden sie schnell aus dem Kindesalter fliehen und sich wie „coole“ Jugendliche benehmen wollen. Manchmal ist dabei auch der Alkoholkonsum eingeschlossen.

Leider haben viele Erwachsene diese schnelle Entwicklung noch nicht erkannt. Einige meiner Bekannten schienen überrascht und hielten es für unglaubwürdig, dass Kinder schon im Grundschulalter rauchen. Auch wissenschaftliche Studien beschäftigen sich nur sehr selten mit dem Nikotinkonsum von Grundschülern. Ich konnte nur eine Erhebung des Nürnberger Instituts für Pneumologie ausfindig machen, die bestätigt, dass schon in der vierten Jahrgangsstufe etwa 32% der Schüler erste Erfahrungen mit Tabak gemacht haben (vgl. Verein Programm Klasse2000 e.V. 2004). Somit ist es unbedingt notwendig, mich in meiner Arbeit mit dem Thema Suchtprävention in der Grundschule zu beschäftigen. Dazu musste ich mir vor allem über den Kontext klar werden, in dem suchtpräventive Maßnahmen an Grundschulen stattfinden können.

Als ich mir Gedanken über die Möglichkeiten der Gesundheitserziehung in der Grundschule machte und dazu die mir bekannten Anwendungsbereiche im heutigen Schulalltag betrachtete, wurden mir schnell einige Grundsatzprobleme deutlich. Ein gesundes Frühstück in der Schule oder frische Luft im Klassenzimmer sind zwar praktische Umsetzungsmöglichkeiten der Gesundheitserziehung, befassen sich aber nur mit einem kleinen Teil der gesundheitlichen Förderung. Daher stellte ich mir die Frage, welche Aspekte in der Gesundheitserziehung tatsächlich verankert sein sollten und in wie weit Suchtvorbeugung Bestandteil der Gesundheitserziehung ist.

Dazu werde ich in dieser Arbeit zunächst erörtern, was mit dem Begriff Gesundheitserziehung gemeint ist und welche Aufgaben sie erfüllen soll. Ich werde zu Anfang schon erklären, ob die Gesundheitserziehung in der Schule aus kranken Kindern gesunde machen soll und ob die reine Wissensvermittlung über gesundheitliche Gefahren ausreicht, um bei Heranwachsenden gesunde Verhaltensweisen bewirken zu können.

Die Notwendigkeit der Gesundheitserziehung kann nicht nur aus pädagogischer Sicht begründet werden, sondern auch durch Fakten zur gesundheitlichen Lage der deutschen Kinder. Es soll deutlich werden, welche Faktoren diesen gesundheitlichen Zustand hervorrufen, damit eine Gesundheitserziehung an den verursachenden Verhaltensweisen ansetzen kann. Damit diese Ausführungen im richtigen Kontext verstanden werden, gehe ich zuvor auf die Klärung des Begriffs Gesundheit ein.

Um die sachlichen Grundlagen weiter auszubauen, wird der Begriff Sucht erklärt und die Wege der Suchtentstehung erörtert. Wenn die Suchtprävention in die Gesundheitserziehung der Schule eingebaut werden soll, muss man sich der verschiedenen Ursachen von süchtigem Verhalten bewusst und über die verschiedenen Suchtmittel, über ihre Wirkung und ihre Stellung in der Gesellschaft informiert sein.

Gerade in Bezug auf die Grundschule und ihre Arbeitswege werde ich die speziellen Suchtrisiken bei Kindern vorstellen und den großen Einfluss der Familie näher erörtern. Hierbei wird gezeigt, dass die Mitarbeit der Eltern ein grundlegender Bestandteil der Suchtvorbeugung in der Grundschule sein muss.

Wie Suchtprävention dann konkret in der grundschulischen Arbeit aussehen kann, wird im Anschluss geklärt. Dabei erschien mir die Darlegung der Ziele und Aufgaben genauso wichtig, wie die Grenzen der schulischen Arbeit im suchtpräventiven Bereich deutlich zu machen.

Um der Umsetzung der Suchtvorbeugung in der Praxis noch näher zu kommen, werden unterrichtsplanerische Überlegungen folgen, die zeigen, wie man das Thema konkret für den Unterricht in der Grundschule vorbereiten kann. Dabei werde ich didaktische Prinzipien und auch Möglichkeiten verschiedener Unterrichtsformen berücksichtigen. Alle theoretischen Fragen zur Umsetzung der Suchtprävention im Kontext der Gesundheitserziehung werden in diesem ersten Teil der Arbeit beantwortet. So wird ein besseres Verständnis des darauf folgenden Beispiels für die praktische Umsetzung der vorausgegangenen Überlegungen ermöglicht.

Für den praktischen Teil dieser Arbeit habe ich mir ein besonderes Konzept, das Programm Klasse2000, zur Suchtvorbeugung und Gesundheitserziehung näher angeschaut und eine Unterrichtsstunde aus diesem Projekt an meiner Praktikumschule verfolgen können. Zuvor werde ich alle Aspekte, die zur Umsetzung einer solchen Unterrichtsstunde führen, aufgreifen und auf den konkreten Unterricht beziehen. Die Ausführungen basieren auf Inhalten der Interviews, die ich mit einer Klasse2000 -Gesundheitförderin, der Konrektorin der Droste-Hülshoff-Schule und der Klassenlehrerin der 4a geführt habe.

Zum Abschluss werde ich, auf Grund der gewonnen Erkenntnisse aus dem theoretischen Teil der Arbeit, die Unterrichtsbeobachtungen reflektieren. Dazu werde ich aus meiner persönlichen Sicht beschreiben, wie der Klasse2000 -Unterricht verlaufen ist und ob das Projekt seine Zielsetzungen erfüllen kann.

In der gesamten Arbeit benutze ich grundsätzlich die maskuline Form, die gleichzeitig auch die feminine beinhalten soll.

A Theoretischer Teil

1 Gesundheitserziehung

Da eine suchtpräventive Arbeit in der Grundschule in die Gesundheitserziehung eingebettet werden sollte, möchte ich zunächst erläutern womit sich die Gesundheitserziehung beschäftigt. Der Begriff wird im Zusammenhang mit der Gesundheitsförderung erklärt und anschließend im schulischen Kontext näher betrachtet. Dabei gehe ich auf einzelne Aspekte, auf die Notwendigkeit und die Aufgaben, Ziele und Grenzen der Gesundheitserziehung in der Grundschule ein.

1.1 Der Begriff Gesundheitserziehung als Aspekt der Gesundheitsförderung

Der Begriff der Gesundheitserziehung wird heute nicht mehr in seiner ursprünglichen Bedeutung verwendet. Ihm hängen häufig noch Erinnerungen an die traditionellen Methoden der Abschreckungs- und Zeigefingerpädagogik an. Mit der Gesundheitserziehung war häufig der Versuch gemeint, Krankheiten zu vermeiden. Gesundheitsfördernde Maßnahmen wurden dabei vernachlässigt. Wahrscheinlich ist diese Art der Gesundheitserziehung auch darauf zurückzuführen, dass sich die Medizin zum größten Teil nur mit der Behandlung und Therapie von bereits bestehenden Krankheitsbildern beschäftigte und sich erst allmählich mit Verhaltensweisen beschäftigt, die ein gesundes Leben beeinträchtigen oder fördern. Die häufigen chronischen Erkrankungen haben nicht zuletzt Anlass dazu gegeben, sich mit den Ursachen und deren Vermeidung zu beschäftigen.

Somit spricht man heute in einer allgemeineren Form von der Gesundheitsförderung. Die Gesundheitserziehung gilt dabei als einer der verschiedenen Bestandteile der Gesundheitsförderung. Dieser neue Begriff soll eine positive Orientierung signalisieren und umfasst thematisch ein größeres Spektrum gesundheitsfördernder Maßnahmen (vgl. Lenzen/Lintzen/Schulz/ Zimmer 1996, S. 15). Im Sinne der Weltgesundheitsorganisation WHO umfasst die Gesundheitsförderung ein zugleich politisches, soziales und pädagogisches Programm.

Da der Begriff Gesundheitserziehung hier als die schulische Ausführung der Ideen der Gesundheitsförderung verstanden werden soll, werde ich ihn auch weiterhin verwenden. Es soll also nicht die einseitige Orientierung an der Vermeidung von Krankheiten gemeint sein. Beide Begriffe, Gesundheitserziehung und Gesundheitsförderung, stehen in dieser Arbeit für ein positives Konzept, das in gleicher Weise soziale und individuelle Ressourcen gesundheitsfördernd beeinflusst.

Speziell die schulischen Maßnahmen sollen diesem Konzept entsprechend verändert werden und an die Ideen der Gesundheitsförderung anknüpfen. Die reine Wissensvermittlung soll nicht mehr im Vordergrund stehen, sondern die Aneignung von Einstellungen und Kompetenzen, die eine Persönlichkeitsentwicklung und gesundheitsbewusstes Verhalten fördern. Familie, Erziehungs- und Bildungseinrichtungen sollen dafür die entsprechenden Bedingungen schaffen (vgl. Hesse 1993, S. 14).

1.2 Zentrale Aspekte der Gesundheitserziehung in der Grundschule

Das Interesse an gesundheitsfördernden Maßnahmen ist in den letzten Jahren deutlich gestiegen und somit auch die Aufmerksamkeit auf eine allgemeine Verbesserung der Gesundheitslage von Kindern wie von Erwachsenen. Gerade Schulen sollen zu dieser Verbesserung beitragen, da sie den größten Zugang zu Kindern und Jugendlichen bieten. Die Schule scheint, formal und ökonomisch gesehen, der optimale Träger für gesundheitsfördernde Maßnahmen zu sein. Hier werden Heranwachsende in der entscheidenden Phase ihrer Persönlichkeitsentwicklung erreicht.

Gesundheits- und gesellschaftspolitisch gesehen, ist es erstrebenswert möglichst gute Bedingungen für Menschen aller Altersgruppen und aller Lebenslagen zu schaffen, damit so wenig wie möglich körperliche, psychische und soziale Beeinträchtigungen der Gesundheit auftreten können. Wenn Störungen in einem der drei Bereiche auftreten, sollten diese möglichst wirksam eingedämmt werden, damit sie nicht auf die anderen zwei Bereiche übergreifen (vgl. Kolip/Hurrelmann/Schnabel 1995, S. 7). Das Wohlbefinden in allen drei genannten Bereichen soll nicht nur durch Vermittlung von Kenntnissen, sondern vor allem durch die gemeinsame, praxisbezogene Erarbeitung von Problembewältigungen, Handlungs- und Verhaltensweisen erreicht werden.

Grundlegend setzen die verhaltens- und verhältnisbezogenen Maßnahmen der Gesundheitserziehung an der persönlichen und sozialen Lage der Heranwachsenden an. Die persönlichkeitsspezifischen Hauptkriterien, an denen dabei angeknüpft wird, sind zum einen die mangelnde Fähigkeit der Kinder sich mit sozialen und leistungsmäßigen Anforderungen auseinander zu setzen und sie für die eigene Lebensgestaltung nutzen zu können. Aber auch das Gefühl von Minderwertigkeit, wenn Kinder in ihren Bezugsgruppen isoliert oder an den Rand gedrängt werden und nicht die nötige Integration und Anerkennung erleben, ist für ihre Entwicklung von großer Bedeutung. Außerdem setzt Gesundheitserziehung ebenso an fehlenden Wertorientierungen an, die für Heranwachsende in unserer Gesellschaft nicht leicht zu erkennen sind (vgl. Hesse 1993, S. 88). Nur Kinder, denen bei der Bewältigung dieser Lebensaufgaben und –problemen geholfen wird, denen Lösungswege aufgezeigt und Kompetenzen zur Lebensbewältigung vermittelt werden, können sich gesund entwickeln. Gerontologische Untersuchungen zeigen, dass sich eine gute Anpassung an veränderte Lebenssituationen, eine positive Stimmungslage und ein Persönlichkeitsverhalten, das gut Stress abwehren kann, positiv auf die Gesundheit und auch auf die Lebenserwartung auswirken (vgl. Troschke 1993, S. 29).

Schule kann in der Gesundheitserziehung also nicht nur Wissen über gesundheitsrelevante Aspekte vermitteln, sondern soll auch durch soziale Angebote Einfluss auf das Arbeitsverhalten, körperliche Betätigung, soziales Verhalten und Ernährungsverhalten nehmen. Demnach kann schulische Gesundheitserziehung auf jedem erdenkbaren Feld in verschiedenen Situationen aufgegriffen und muss nicht nur fachgebunden unterrichtet werden. Die konkreten Themen der Gesundheitserziehung sind nicht mehr an ein bestimmtes Fach gebunden, sondern umfassen mehrere Aspekte. Das hat zur Folge, dass der Gesundheitsunterricht prozesshaft, altersbezogen, zielgruppen- und handlungsorientiert verläuft und mehr Möglichkeiten für Heranwachsende bietet, sich mit Gesundheit auseinander zu setzen (vgl. Schneider 1993, S. 57).

Es wird ein Ganzheitsanspruch an die schulische Gesundheitserziehung gestellt, der sämtliche gesundheitsrelevanten Bereiche abdecken soll. In dieser Hinsicht ist eine schulische Gesundheitserziehung in ihrem Handeln eingeschränkt. Die bedingten Handlungsmöglichkeiten können nicht alle Faktoren beeinflussen und Kompetenzen vermitteln, die in jeder außerschulischen Lage genutzt werden. Trotzdem kann schulische Gesundheitserziehung und –förderung viele Möglichkeiten nutzen, die im Weiteren ausgeführt werden. Zunächst wird aber aller Skepsis, die nach dieser Beschreibung verschiedener Aspekte der Gesundheitserziehung vielleicht noch besteht, entgegen getreten, indem ich die Notwendigkeit einer frühen Gesundheitsförderung in der Schule darlege.

1.3 Die Notwendigkeit der Gesundheitserziehung in der Grundschule

Gesundheit ist nicht nur der wichtigste Wunsch der meisten Menschen, sondern vor allem ein Grundrecht der Menschen und rechtfertigt so nahezu alle Bemühungen Gesundheit zu fördern. Auch angesichts der vielen gesundheitlichen Probleme von Grundschulkindern, die später genauer dargelegt werden, dürfte die Frage, ob schulische Gesundheitserziehung notwendig sei, gar nicht gestellt werden. Sicherlich ergibt sich die Skepsis durch Erinnerungen an nicht besonders wirkungsvolle traditionelle Methoden der Gesundheitserziehung. Die moderne schulische Gesundheitserziehung distanziert sich von der obsoleten Ausgrenzungs- und Abschreckungspädagogik, aber gleichzeitig auch vom derzeitigen Trend der Gesellschaft zu einem gesunden, fitten und, damit gleichgesetzt, schönen Körper (vgl. Lenzen/Lintzen/Schulz/Zimmer 1996, S. 14). Die Schule ist eher darauf bedacht, ein reelles gesundes Gefühl für den eigenen Körper zu vermitteln. Man versucht das Thema Gesundheit ganzheitlich anzugehen und grundlegende Verhaltensweisen zu ändern.

Eine Beeinträchtigung der Gesundheit ist bei Kindern zumeist auf eine Überbeanspruchung zurückzuführen. Kinder sind vielen Belastungssituationen in Familie, Schule, Freizeit und Gesellschaft ausgesetzt und können diesen nicht immer standhalten. Die Folge einer nicht gelungenen Auseinandersetzung mit einem dieser Faktoren ist eine zu hohe Beanspruchung der körperlichen und psychischen Kräfte und kann im weiteren Verlauf zur negativen Beeinträchtigung des Gesundheits- und Persönlichkeitsprozesses führen. (vgl. Kolip/Hurrelmann/ Schnabel 1995, S. 15). Kinder brauchen Hilfen, den Stressoren richtig entgegen zu wirken, damit sie nicht genau die gesundheitsrelevanten Verhaltensweisen entwickeln, die sich ergänzend zu den schon bestehenden Belastungen negativ auf ihre Gesundheit auswirken. Die Schule möchte zusammen mit den Kindern diese Hilfen entwickeln und ihre alltägliche Anwendung fördern.

Gesundheitsbezogene Gewohnheiten, Werte und Lebensstile, die sich Kinder aneignen, werden wahrscheinlich lebenslang beibehalten und bringen so auch weitreichende Konsequenzen für die Gesundheit und das Wohlbefinden mit. Eine frühe Aneignung von gesunden Verhaltensweisen trägt somit einen unmittelbaren gesundheitlichen Nutzen und verhindert oder verzögert zumindest Erkrankungen im Erwachsenenalter (vgl. Jessor/Turbin/Costa 1999, S.41). Also geht es bei der Präventionsarbeit nicht nur um die Förderung der Gesundheit sondern zu einem erheblichen Teil vor allem um die Vorbeugung von Krankheiten, die in späteren Jahren auftreten und die Folge gesundheitsriskanter Verhaltensweisen in jungen Jahren sind. Der Ausgangspunkt für gesundheitliche Langzeitschäden liegt demnach häufig im Kindes- und Jugendalter. Also muss gesundheitsförderndes Verhalten schon in diesem jungen Alter geprägt werden (vgl. Hesse 1993, S.13).

Eine Gesundheitsförderung in der Schule zu unterstützen hat auch ökonomische Aspekte. Sie ist die einzige Institution unserer Gesellschaft, die nahezu alle Kinder erreichen kann und zudem, gerade im Grundschulalter, den wichtigsten Bezugsrahmen für Heranwachsende neben der Familie darstellt. Schüler werden durch diese Institution in die Gesellschaft überführt und verinnerlichen bestimmte Werte und Normen, die ihnen im weiteren Leben hilfreich sein werden. Gemäß ihrem Erziehungsauftrag muss die Schule Heranwachsende bei ihrer Persönlichkeitsfindung unterstützen und ihre Sozialisation positiv beeinflussen (vgl. Waibel 1993, S. 75).

1.4 Aufgaben, Ziele und Grenzen einer schulischen Gesundheitserziehung

Um den Belastungsfaktoren entgegen wirken zu können, muss man die drei Bedingungsfelder, die den Bereich der persönlich empfundenen Gesundheit beeinflussen, einbeziehen. Der Bereich des Selbst umfasst persönliche Erfahrungen, Gewohnheiten, Veranlagungen etc., die nur von einer Person individuell so erlebt werden. Die Umweltbedingungen Ernährung, Schule, Wetter, Hygiene etc. wirken von außen auf eine Person ein. Genauso auch der dritte Bereich, der die sozialen Bezüge wie Freunde, Familie, Freizeit, Verein, Wohnen usw. einschließt. Diese drei Bereiche gruppieren sich um das persönliche Befinden und können es durch gesundheitsfördernde, aber auch durch hemmende Faktoren beeinflussen. Wenn diese Bereiche einen ausgewogenen und positiven Einfluss auf das Befinden eines Kindes erwirken, kann es sich gesund entwickeln, so dass keine Störungen entstehen. Eine schulische Gesundheitsförderung kann dabei leider nur auf einen Teilbereich der Umweltbedingungen direkt Einfluss nehmen. Die anderen Faktoren können nur indirekt, durch eine Vermittlung positiver Einstellungen und Verhaltensweisen, die im alltäglichen Leben reell anzuwenden sind, erreicht werden.

Gesundheitsförderung will ein umfassendes körperliches, soziales und psychisches Wohlbefinden aller Menschen bewirken. In der Grundschule ist die Gesundheitserziehung dementsprechend gefordert, sich für gesunde Lebensweisen zu engagieren. Um Gesundheitsfaktoren umfassend zu fördern, muss körperliches Wohlbefinden unmittelbar von den Kindern erlebt werden und sie sollen persönlich und gemeinsam aktiv an Veränderungen teilnehmen (vgl. Lenzen/Lintzen/Schulz/Zimmer 1996, S. 15).

Wie schon erwähnt, versagen reine Gesundheitsinformationen, die mit erhobenem Zeigefinger vor den schlimmen Folgen gesundheitlichen Fehlverhaltens warnen. Ausführliche Informationen über Strukturen und Funktionen des menschlichen Körpers müssen sicherlich vermittelt werden, aber eher durch ganzheitliche Erfahrungen der Kinder mit ihrem eigenen Körper, der als wichtigster Unterrichtsgegenstand dient, und nicht durch eine frontale Belehrung (vgl. Lenzen/Lintzen/Schulz/Zimmer 1996, S.11). Kinder befinden sich in einer stetigen Entwicklung, körperlich, geistig und vor allem bezogen auf ihre Persönlichkeit. Ihre zentralen Bedürfnisse sind der Wunsch nach sozialer Anerkennung, sinnvoller Betätigung und intensiven und aufregenden Erlebnissen. Diese Faktoren sollen in der Gesundheitserziehung berücksichtigt werden und den Grundstein für die fördernden Maßnahmen bilden.

Außerdem versuchen Kinder immer früher Verhaltensweisen der Erwachsenen zu imitieren. Sie befriedigen ihre Bedürfnisse so schnell und so einfach wie möglich und probieren schnell Dinge aus, die Erwachsene auch tun. Diese Grundbedürfnisse müssen in der Gesundheitsförderung ernst genommen werden, um Heranwachsenden genau in diesen Bereichen alternative Möglichkeiten aufzuzeigen und ihnen deutlich zu machen, dass viele Verhaltensweisen der Erwachsenen nicht gesund sind. Sie können schlauer sein als Erwachsene und nicht die Verhaltenweisen nachahmen, die ihnen vorgelebt werden.

Schulische Gesundheitsförderung will gesunde Lebensstile fördern und realistische Möglichkeiten für ein gesundes Leben aufzeigen, indem Kinder Kompetenzen erlernen, die ihnen in sozialen Prozessen helfen, nicht ausgegrenzt zu werden. Das eigene physische, mentale und soziale Fähigkeitspotenzial der Kinder wird mobilisiert, um ihr Selbstbewusstsein zu stärken. Heranwachsende lernen eigene Entscheidungen zu treffen und diese mit allen eventuellen Konsequenzen zu tragen, mit Stress umzugehen und Konfliktsituationen zu meistern. Sie sollen Verantwortung für die eigene Gesundheit übernehmen. Um diese Ziele durch gesundheitsfördernde Maßnahmen zu erreichen, muss die gesamte kindliche Entwicklung auf kognitiver, emotionaler und sozialer Ebene angesprochen werden (vgl. Leppin 1995, S. 238).

Schule selbst stellt für viele Kinder auch einen gesundheitsbelastenden Faktor dar, der durch Wissensvermittlung und die damit zusammenhängende Bewertung Druck ausübt. Schüler fühlen sich überfordert und verarbeiten dies häufig nur schwer, wodurch psychische Belastungen entstehen können. In dieser Situation hat es die Schule nicht leicht die Gesundheit der Kinder zu fördern. Daher muss in diesem Zusammenhang über Selbstwahrnehmung und darüber, wie man von anderen eingeschätzt wird, gesprochen werden. Heranwachsende sollen lernen, mit negativen Reaktionen umzugehen und generell Probleme zu bewältigen. Der Umgang mit Frustrationsgefühlen hilft dem seelischen Wohlbefinden (vgl. Leppin 1995, S. 246).

Gesundheitsförderung und Erziehung soll fächerübergreifend im ganzheitlichen Grundschulunterricht stattfinden und vor allem durch ein Lernen mit allen Sinnen nicht nur in den Sachunterricht dauerhaft integriert werden. Präventive Maßnahmen und die Erhaltung und Stabilisierung körperlicher, psychischer und sozialer Gesundheit sind die Hauptziele einer Gesundheitserziehung in der Grundschule.

Sicherlich hat gerade schulische Gesundheitsförderung auch Grenzen. Viele Lehrerinnen und Lehrer fragen sich wahrscheinlich, wie sie alle genannten Ziele in ihrem Unterricht erreichen sollen. Das gesamte Konzept scheint so umfangreich, dass es viel mehr Unterrichtsstunden benötigt, als in den Lehrplänen dafür vorgesehen sind. Viele Lehrkräfte stehen unter dem Druck vor allem das grundlegende Wissen in Deutsch und Mathematik zu vermitteln, um die Schülerinnen und Schüler mit ausreichenden Kenntnissen an weiterführende Schulen übergeben zu können. Dabei besteht die Gefahr, dass gesundheitsfördernder Unterricht wie die Suchtvorbeugung nicht ausreichend oder gar nicht in den Schulalltag integriert wird.

Außerdem grenzt die Schule an den Möglichkeiten der außerschulischen Einflussnahme. Sie bleibt auf ihren Bereich beschränkt und kann nur schwer realisieren, dass Kinder die gelernten Verhaltensweisen auch im Alltag anwenden. Daher muss eine umfassende Gesundheitsförderung auch auf andere Lebensbereiche übergreifen und vor allem in der Familie konkret gelebt werden. Dafür brauchen Lehrkräfte Unterstützung und sollten nicht auf sich alleine gestellt sein.

Es bestehen sicherlich auch noch weitere Beeinträchtigungen, die einer optimalen Gesundheitsförderung Grenzen setzten. Dennoch sollte man versuchen eine schulische Gesundheitsförderung fest zu integrieren, um eine möglichst gesunde Entwicklung der Heranwachsenden zu unterstützen und zu fördern. Man sollte als Lehrperson versuchen Grenzen zu überwinden und neue Wege beschreiten, um den Kindern ein gesundes Leben zu ermöglichen.

2 Gesundheit

Damit Gesundheit nicht einfach als das Gegenteil von Krankheit verstanden wird, gehe ich im Folgenden auf die Begriffsbedeutung ein. Einige gesundheitsrelevante Faktoren müssen hierbei berücksichtigt und auch die Gesundheit beeinflussenden Bereiche unterschieden werden. Die differenzierte Erklärung des Begriffs Gesundheit wird die darauf folgenden Ausführungen verständlicher machen.

Außerdem werden die allgemeine gesundheitliche Situation von deutschen Kindern und ihre gesundheitsriskanten Verhaltensweisen dargelegt, die deutlich machen werden, wie wichtig Präventionsmaßnahmen auf diesem Gebiet sind.

2.1 Erklärungen zum Begriff Gesundheit

Unter dem Begriff Gesundheit ist, nach einer seit 1946 bestehenden Erklärung der Weltgesundheitsorganisation WHO, die aktiv betriebene Wiederherstellung und Erhaltung der sozialen, körperlichen und psychischen Aktionsfähigkeit im gesamten Lebenslauf zu verstehen (vgl. Hesse 1993, S. 12). Demnach ist unter Gesundheit mehr zu verstehen, als nur die Abwesenheit körperlicher Krankheit. Die Weltgesundheitsorganisation überholte die einfache Ansicht, dass nur zwischen Kranken und Gesunden unterschieden wurde, und ergänzte den überwiegend physiologisch orientierten Gesundheitsbegriff mit psychischen und sozialen Komponenten. Außerdem soll Gesundheit nicht als Zustand begriffen werden, sondern als ein Prozess, an dem der Mensch aktiv beteiligt ist.

Relative Gesundheit wird immer von körperlichen, seelischen und sozialen Faktoren beeinflusst, die zwischen feststellbaren Krankheiten und dem allumfassenden Wohlbefinden schwanken. Die physiologisch und psychosozial beeinflusste Gesundheit ist somit ein Geschehen, das sich im Leben eines Menschen immer wieder verändert (vgl. Schnabel 1995, S. 112). Zudem entscheidet das objektive wie das subjektive Befinden einer Person über das persönliche Gleichgewicht, das als Gesundheit verstanden wird. Dieses Gleichgewicht kann nur empfunden werden, wenn die physische und soziale Entwicklung mit äußeren Lebensumständen und mit den eigenen Möglichkeiten und Zielvorstellungen im Einklang ist.

Die Gesundheit kann beeinträchtigt werden, wenn einer oder mehrere der genannten Lebensbereiche Anforderungen an die Person stellt, die sie nicht bewältigen kann. Eine daraus entstehende Beeinträchtigung kann sich durch soziale, psychische und somatische Auffälligkeiten äußern. Demnach müssen, im gesamten Verlauf des Lebens, die einzelnen Bereiche immer wieder ausgeglichen werden, um Gesundheit eine Möglichkeit der Entwicklung zu schaffen (vgl. Kolip/Hurrelmann/Schnabel 1995, S. 7). Zusammengefasst sind also jegliche Krankheitsbilder „Resultate einer nicht gelungenen und/oder physiologischen und/oder sozialen Anpassung an gesellschaftlich vermittelte Anforderungen“ (Lenzen/Lintzen/Schulz/Zimmer 1996, S. 14).

Gesundheit ist eine Voraussetzung für das Wohlbefinden und die Lebensqualität eines jeden Menschen. Sie ist ein fundamentales Menschenrecht, das ein grundlegender Bestandteil für das allgemeine Wohlbefinden aller Menschen darstellt. (vgl. WHO 1998, S. 8).

2.2 Die gesundheitliche Lage deutscher Kinder

Das Kindes- und Jugendalter galt in unserer Gesellschaft schon immer als das gesündeste. Auch die Wissenschaft beschäftigte sich lange Zeit fast ausschließlich mit Gesundheit und Krankheit der Erwachsenen und unterstützte so den Mythos der vitalen und gesunden Jugend. Gesundheitliche Langzeitschäden zeigen sich eben erst in späteren Lebensjahren, verursacht werden sie häufig aber schon im Kindesalter. So zeigt sich heute bei Untersuchungen von Schulkindern, dass Krankheiten und gesundheitliche Beeinträchtigungen doch eher die Regel als die Ausnahme sind.

Vermutlich hielt man es häufig für sinnvoller, Erhebungen über tatsächliche Krankheiten zu veröffentlichen, als die frühen Ursachen zu erforschen. Obwohl nun bekannt ist, dass in jungen Jahren die fundamentalen Bausteine für die weitere gesundheitliche Entwicklung gelegt werden, beschränken immer noch viele wissenschaftliche Studien ihre Untersuchungen auf das Jugend- und Erwachsenenalter und lassen dabei erste gesundheitliche Entwicklungen in der Kindheit außer Acht. Wie auch im Gesundheitsbericht über die „Gesundheit von Kindern und Jugendlichen in Nordrhein-Westfalen“ (2002) mehrfach erwähnt, ist es schwer, fundierte repräsentative Erhebungen zur kindlichen Gesundheit zu finden. Daher basieren die nachfolgenden Ausführungen meist auf allgemeinen Aussagen über Kinder und Jugendliche oder auf Studien über Jugendliche, die auf die Situation von Kindern Rückschlüsse zulassen.

Die gesundheitliche Lage von Kindern und Jugendlichen hat sich in den letzten Jahrzehnten bedeutend verbessert. Erfolge der modernen Medizin haben zahlreiche klassische Krankheiten wie Mangelkrankheiten, Epidemien und Infektionskrankheiten zu einem großen Teil durch Impfprogramme zurückgedrängt (vgl. Lenzen/Lintzen/Schulz/Zimmer 1996, S. 13). Allerdings veränderten sich auch die Lebens- und Umweltbedingungen der Kinder. Neue Gefährdungspotenziale führten so auch zu neuen erheblichen Gesundheitsproblemen der Kinder (vgl. MFJFG 2002, S. 9). Heute sind es vor allem Erkrankungen des Immunsystems, Viruskrankheiten, Allergien, chronisch-degenerative Krankheiten und psychosoziale Auffälligkeiten, die das kindliche Krankheitsgeschehen prägen (vgl. Lenzen/Lintzen/Schulz/Zimmer 1996, S. 13).

Die allgemeinen Lebensbedingungen haben sich deutlich verbessert und führen schnell zu der Annahme, dass nun auch keine gravierenden Beeinträchtigungen der Gesundheit mehr entstehen können. Durch eine ausreichende Ernährung, bessere Wohnmöglichkeiten, kürzere Arbeitszeiten, eine geringere Kinderzahl und durch den Ausbau der medizinischen Versorgung wurden gefährliche Seuchen eingedämmt und Risiken verringert. Bei Kindern führten diese veränderten Lebensbedingungen aber gleichzeitig zu mehr Stress, Reizüberflutung, Leistungsdruck, Erhöhung der Lebensgeschwindigkeit und zu mehreren anderen Belastungen des Organismus. Veränderte Umwelteinflüsse ließen neue Krankheiten entstehen und früher seltenere Krankheiten wuchsen stark an (vgl. Kolip/Hurrelmann/Schnabel 1995, S. 11).

Die Schuleingangsuntersuchung von 2000 in Nordrhein-Westfalen nach dem Bielefelder Modell zeigt, wie stark die Kinder schon im Alter von sechs und sieben Jahren gesundheitlich beeinträchtigt sind. Krankheiten scheinen dabei eher die Regel als die Ausnahme zu sein. Deutlich geschädigt ist bei über fünf Prozent der Kinder im Grundschulalter die Haltung und über 18 Prozent der Jungen und circa sieben Prozent der Mädchen zeigen Koordinationsstörungen (vgl. MFJFG 2002, S. 45). Beide Faktoren sind wahrscheinlich zum Teil durch einen erheblichen Bewegungsmangel bedingt. Chronische Erkrankungen äußern sich bei Schulkindern vor allem durch Atemwegserkrankungen wie das Asthma bronchiale. Auch psychosomatische Störungen werden immer häufiger festgestellt und sind der Grund für verschiedene falsche Essgewohnheiten (vgl. Kolip/Hurrelmann/Schnabel 1995, S. 11). Dabei ist zu ergänzen, dass viele Verhaltensweisen der Ernährung vor allem durch die Familie geprägt und in der Familie gelebt werden.

Zusätzlich zur Feststellung, dass viele Kinder nicht umfassend gesund sind, ergaben Untersuchungen, dass es Kindern aus sozial schwachen Familien allgemein gesundheitlich schlechter gehe als Kindern aus besser gestellten Verhältnissen. Sie weisen wohl häufig Sprach- und Sprechstörungen sowie körperliche und intellektuelle Entwicklungsrückstände auf. Außerdem scheinen sozial benachteiligte Kinder psychisch oftmals auffälliger zu sein und würden sich, durch die höhere gesundheitliche Belastung, in ihrer psychischen Befindlichkeit gestört fühlen (vgl. Hurrelmann/Klocke/Melzer/Ravens-Sieberer 2004, S. 13). Angaben dieser Art sind aber eher mit Vorsicht zu betrachten und nicht zu pauschalisieren. Auch in sozial besser gestellten Familien gibt es erhebliche gesundheitliche Beeinträchtigungen, die sich vielleicht anders äußern und andere Ursachen haben, aber nicht minder gefährlich sind. Gerade in diesen Familien leiden manche Kinder unter einem höheren Leistungsdruck oder erfahren weniger Zuwendung, weil beide Elternteile berufstätig sind. Dadurch werden auch erhebliche gesundheitliche Störungen hervorgerufen.

2.3 Gesundheitsriskante Verhaltensweisen

Wenn Kinder bestimmten psychischen und körperlichen Anforderungen nicht gerecht werden können und zudem soziale und physische Umweltbedingungen ihren Alltag belasten, entstehen häufig Probleme. Diese äußern sich in körperlichen, psychischen und sozialen Befindlichkeitsstörungen. Die Ursachen für diese Störungen scheinen in Defiziten des Immunsystems, im Ernährung- und Bewegungsmangel und in der allgemeinen Belastungsbewältigung zu liegen (vgl. Hurrelmann/Klocke/Melzer/Ravens-Sieberer 2004, S. 1). Gesundheit im Kindesalter und auch in späteren Lebensjahren ist wahrscheinlich von den genannten Faktoren abhängig und kann zunehmend von einer Person selbst beeinflusst werden. Somit stellt sich noch die Frage, wie Kinder und ihre Umwelt durch Verhaltensweisen die Gesundheit beeinträchtigen und welche Folgen damit verursacht werden. Im Folgenden stelle ich die Gesundheitsrisiken vor, die sich durch eine falsche Ernährung, zu wenig Bewegung und den Konsum von Suchtmitteln ergeben.

2.3.1 Falsches Ernährungsverhalten

Das Ernährungsverhalten hat sich in den letzten Jahrzehnten deutlich verändert. Das Essen außer Haus hat zugenommen und findet allgemein immer häufiger unkontrolliert statt. Das Nahrungsmittelangebot ist nahezu unüberschaubar geworden und die Ernährung ist zu unausgewogen (vgl. Hesse 1993, S. 27). Nahrung wird schadstoffintensiver angebaut und verliert durch bestimmte Bearbeitungswege wertvolle Nährstoffe. Zudem erschwert der zunehmende Bewegungsmangel die körperliche Verarbeitung der Nahrung.

Inzwischen sind, Schätzungen zu Folge, ungefähr ein Viertel aller deutschen Schulkinder übergewichtig. Die Kinder leiden an quantitativer Überversorgung und dazu noch an qualitativer Unterversorgung. Das heißt, sie weisen Mängel an Mineralstoffen, Vitaminen und Faserstoffen auf. Die daraus resultierenden Vitamin- und Mineralmangelerkrankungen können in verschiedenen Formen auftreten und haben sich in den letzten Jahren enorm verbreitet. Dazu gehören vor allem sogenannte Zivilisationskrankheiten, die in jahrelanger Entwicklung entstehen und deren Grundlagen schon in der Kindheit gelegt werden können (vgl. Lenzen/Lintzen/Schulz/Zimmer 1996, S. 13). Außerdem besteht im Kindesalter ein höherer Bedarf an Vitaminen, der den Wachstumsprozess, das vitale Verhalten und die Bewältigung der Leistungsanforderungen, unter anderem auch durch die Schule, unterstützen soll.

Die Ursachen für Übergewicht sind sehr vielfältig und beginnen bei familiären Koch- und Essgewohnheiten, gehen über den Mangel an Bewegung und den Gebrauch des Essens als Ersatzbefriedigung, und enden schließlich im allgemeinen Fehlverhalten bei der Ernährung. Die Nahrungsbestandteile sind häufig unausgewogen zusammengesetzt, da sie einen zu hohen Anteil an Kohlenhydraten, Fett und Salz aufweisen. Folge der übermäßigen Energieaufnahme ist Übergewicht, das bei den meisten auch im Erwachsenenalter beibehalten wird. Das hohe Körpergewicht belastet den kindlichen Körper stark, so dass X-Beine und Knickfüße häufig diagnostiziert werden und seelische Störungen auftreten. Übergewichtigen Erwachsenen drohen dann Herz- und Kreislauferkrankungen, Zuckerkrankheit, Gicht, Verschleißerscheinungen und eine herabgesetzte Lebenserwartung (vgl. Hesse 1993, S. 27ff.).

Aber nicht nur die falsche Zusammensetzung der Nahrung wirkt negativ auf die Gesundheit, sondern auch das unregelmäßige Essen. Manche Mahlzeiten, wie etwa das Frühstück, werden einfach ausgelassen und sind gerade für den Stoffwechsel von Kindern besonders wichtig (vgl. Kolip/Hurrelmann/Schnabel 1995, S. 12). Ernährungsgewohnheiten wie diese werden schon früh innerhalb der familiären Sozialisation gelernt und somit auch in späteren Lebensjahren häufig beibehalten. Zudem machen sich Heranwachsende wenig Gedanken über die Wahl ihrer Nahrung und essen zu wenig Salat, Brot, Obst und Gemüse und zu viel Wurst, Süßwaren und zusätzlich gesalzenes Essen. Zudem besteht bei den meisten Kindern eine zu geringe Flüssigkeitsaufnahme (vgl. Hesse 1993, S. 27).

Durch die veränderte Ernährungsumwelt, haben sich auch die Ernährungsgewohnheiten und Motive der Nahrungswahl dem neuen Lebensmittelangebot angepasst. Qualität wird meistens mit dem Anspruch an Schönheit überprüft und die Auswahl der Lebensmittel wird zusätzlich durch den ökonomischen und kulturellen Aspekt beeinflusst. Somit entsteht schon vor der Nahrungsaufnahme ein Fehlverhalten, in dem die Wertschätzung verloren geht, die Lebensmittel an Qualität verlieren und nur an Schönheit gewinnen und keine originäre Beziehung zur Herkunft mehr besteht (vgl. Hesse 1993, S. 31).

Um dieser negativen Entwicklung im Ernährungsverhalten entgegen zu wirken, bedarf es präventiver Maßnahmen, die grundlegende Verhaltensweisen in den sozialen Kontext integrieren und eine Wertschätzung der Nahrung vermitteln. Gesunde Ernährung soll einen Genusswert erhalten und der angemessenen Dosierung „ungesunder“ Lebensmittel ein Maß bieten.

2.3.2 Bewegungsmangel

Die sportlichen Aktivitäten von Kindern, Jugendlichen und der gesamten Bevölkerung haben in den letzten Jahren sicherlich deutlich zugenommen. Jedoch nur ein geringer Teil der sportlich Aktiven treibt wirklich ausreichend Sport, um die Gesundheit umfassend beeinflussen zu können. Ein gesundheitswirksames Training wird nur erreicht, wenn bestimmte Maßstäbe in Bezug auf Intensität, Häufigkeit und Regelmäßigkeit befolgt werden. Diese Faktoren berücksichtigen aber die meisten der Sporttreibenden nicht.

So werden Zivilisationskrankheiten, wie zum Beispiel Herz-Kreislauf-Krankheiten und Haltungsschäden, durch zu wenig regelmäßige und angemessen dosierte Bewegung zum Teil verursacht oder zumindest begünstigt. Konkrete Folgen des Bewegungsmangels sind ein leistungsschwacher und verkümmerter Organismus und eine mangelhaft ausgebildete Muskulatur, dass auch die Rumpfmuskulatur derart geschwächt ist, dass die Haltefunktion nicht mehr erfüllt werden kann und die Wirbelsäule frühzeitig abgenutzt wird. So werden schon in jungen Jahren degenerative Haltungsschäden verursacht. Außerdem sind die Defizite des Organismus teilweise für Allergien und Übergewicht verantwortlich (vgl. Hesse 1993, S. 19ff.). Das fehlende frühe Training des Körpers führt zu auffälligen Entwicklungsdefiziten. Vor allem ist die psychomotorische Koordinationsfähigkeit bei erstaunlich vielen Kindern schon bei der Einschulung gestört (vgl. MFJFG 2002, S. 45).

Kinder, die sich nicht ausreichend bewegen und zu wenig Sport treiben, sind sicherlich nicht gleich krank, aber sie sind anfällig für Beeinträchtigungen ihrer Gesundheit. Körperliche Betätigung kann das Kreislaufsystem, den Fettstoffwechsel, den Bewegungsapparat und die psychische Verfassung positiv beeinflussen. Dazu muss aber auch die Belastungsdosierung, gemäß des Alters und des Niveaus, beachtet und eine Kontinuität eingehalten werden. Falsche Belastungen und zu exzessiv betriebener Sport können die Gesundheit auch negativ beeinträchtigen.

Gesundheit an sich bietet keinen ausreichenden Anreiz für Kinder sich sportlich zu betätigen. Eher das soziale Wohlbefinden bei der Zusammenkunft mit Gleichaltrigen motiviert Kinder zu sportlichen Aktivitäten. Zudem werden im Sport die Informationen über Gesundheit direkt verhaltenswirksam umgesetzt und Gesundheit kann von den sportlich Aktiven, über die theoretische Auseinandersetzung hinaus, sofort erfahren und erlebt werden (vgl. Hesse 1993, S. 24ff.).

2.3.3 Legaler Drogenkonsum

Der Gebrauch von legalen Drogen ist ein weiterer Faktor gesundheitsriskanter Verhaltensweisen, der auch schon im Kindesalter eine Rolle spielt. Es wird Einfluss auf die gesunde Entwicklung des gesamten Lebens genommen und kann eine Ausdrucksform von psychischen und sozialen Spannungen sein. Der Gebrauch von legalen Drogen wird zwar von der Justiz und weitestgehend von der Gesellschaft im Erwachsenenalter erlaubt, das heißt aber nicht, dass legale Drogen die Gesundheit nicht schädigen. Im Gegenteil, es können erhebliche degenerative Schäden verursacht werden. Auch legale Drogen, wie das in Tabakwaren enthaltene Nikotin und Alkohol, enthalten Stoffe, die das Nervensystem beeinflussen und viele Organe des Körpers belasten.

In mehreren Studien wurde festgestellt, dass zahlreiche Krankheiten gerade durch den Konsum legaler Drogen begünstigt oder auch hervorgerufen werden können. Außerdem verläuft der Einstieg in den Gebrauch illegaler Drogen meist über den legalen Drogenkonsum. Vor allem das Rauchen und der Konsum von Alkohol spielen im Feld der legalen Drogen in unserer Gesellschaft eine große Rolle, nicht zu letzt, weil diese Suchtmittel das niedrigste Einstiegsalter vorweisen.

Die häufigsten gesundheitlichen Schäden des Tabakkonsums werden im Bewusstsein von Kindern, Jugendlichen und jungen Erwachsenen nicht wahrgenommen, da sie erst mit einer erheblichen zeitlichen Verzögerung auftreten. Die konkreten Folgen werden in Kapitel drei eingehend dargelegt. Der Tabakkonsum kann aber auch schon in jungen Jahren zu einem erhöhten Risiko an Beeinträchtigungen der oberen Atemwege oder sogar zu einer Asthmaerkrankung führen. Allgemein gilt, dass die Wahrscheinlichkeit an tabakbedingten Krankheiten zu leiden wächst, je früher mit dem Rauchen begonnen wird (vgl. Farke 2003, S. 9). Das gilt in gleichem Maße für den Alkoholkonsum. Besonders das Nervensystem junger Menschen reagiert sehr empfindlich auf Alkohol und kann langfristig stärker beeinträchtigt werden als bei Erwachsenen.

Der Tabakkonsum der Jugendlichen hatte 1998 im Vergleich zum Jahr 1994 zugenommen, im Gegensatz zum allgemeinen Tabakkonsum, der leicht zurückgegangen ist. Konkrete Angaben für den Raum Nordrhein-Westfalen sind im Gesundheitsbericht von 2002 nur über den Zigarettenkonsum der Elfjährigen und älteren zu finden. Demnach rauchen 1,3 Prozent der elfjährigen Jungen und 2,5 Prozent der gleichaltrigen Mädchen mindestens einmal pro Woche (vgl. MFJFG 2002, S. 72). Die aktuelle HBSC-Studie hat ermittelt, dass 14,1 Prozent der elfjährigen Mädchen und 22,9 Prozent der gleichaltrigen Jungen in Deutschland bereits eine Zigarette geraucht haben. Dabei ist festzustellen, dass Mädchen häufig nicht so früh mit dem Rauchen beginnen, aber später die stärkeren Raucher sind (vgl. Meurer 2004).

Das Einstiegsalter ist in den letzten Jahren wieder gesunken. Fünfzehnjährige tägliche Raucher gaben 2002 an, durchschnittlich im Alter von 11,7 Jahren mit dem Rauchen begonnen zu haben (vgl. Farke 2003, S. 9). Eine Studie des Instituts für Pneumologie in Nürnberg hat im Rahmen einer Evaluation zum grundschulischen Präventionsprojekt Klasse2000 festgestellt, dass etwa 10 Prozent der Schüler in der ersten Klasse und in der vierten Klasse sogar 32 Prozent bereits einmal geraucht haben (vgl. Verein Programm Klasse2000 e.V. 2004). Diese Studie wurde zwar in der ersten Klasse nur mit 5584 Schülern und in der vierten mit 3494 Schülern durchgeführt, kann aber sicherlich eine Tendenz des Einstiegsalters zum Rauchen aufzeigen.

Der Alkoholkonsum ist bei Grundschülern noch nicht so akut wie der Tabakgebrauch. Daher gibt es zu dieser Altersstufe auch keine repräsentativen Erhebungen. Unter 5 Prozent der deutschen Elfjährigen konsumieren wohl einmal oder häufiger pro Woche Alkohol. Aber im Alter von dreizehn Jahren geben schon 10 Prozent der Mädchen und 13 Prozent der Jungen an, mehr als zweimal betrunken gewesen zu sein. Im europäischen Vergleich ist Deutschland eines der Länder mit einem niedrigen Einstiegsalter in den Alkoholkonsum. (vgl. Meurer 2004). Erste Erfahrungen mit Alkohol werden sicherlich auch schon im Grundschulalter gemacht, da in vielen deutschen Haushalten Getränke mit Alkohol unbeaufsichtigt aufbewahrt werden. So haben viele Kinder die Möglichkeit ihre erste Neugier zu befriedigen. Nicht selten habe ich von Grundschülern gehört, dass sie schon einmal das Bier von Papa oder einen Schluck Sekt zum Anstoßen probieren durften.

Diese Angaben zeigen, wie früh demnach auch schon mit Präventionsmaßnahmen begonnen werden muss, um den Einstieg in den Drogenkonsum zu verhindern oder wenigstens hinauszuzögern. Denn, je früher Kinder das Rauchen oder Trinken beginnen, umso mehr kann ihre Gesundheit belastet und langfristig beeinträchtigt werden. Wie genau die Drogen Nikotin und Alkohol wirken und was ihr Konsum verursacht, wird in Kapitel drei genauer erklärt.

3 Sucht

Der Begriff Sucht ist im Alltagsverständnis immer mit Schwäche und Versagen verbunden. Die Krankheit wird meistens nicht als solche anerkannt. Wahrscheinlich assoziieren noch viele mit Sucht ein Bild eines Heroinsüchtigen, der sich am Bahnhof herumtreibt und sein Leben nicht in den Griff bekommt. Dass uns süchtiges Verhalten in vielen alltäglichen Situationen begegnen kann oder wir gar selbst davon betroffen sein könnten, möchten die meisten gar nicht wissen.

Darum soll hier eine umfassende Erklärung dafür abgegeben werden, was unter dem Begriff Sucht wirklich zu verstehen ist. Vorurteilen soll auch in der Weise begegnet werden, dass die vielschichtigen Ursachen für ein süchtiges Verhalten angesprochen werden.

Oft wird Sucht nur im Zusammenhang mit dem konkreten Drogenkonsum gesehen und andere Süchte werden dabei außer Acht gelassen. Zudem schließt im alltäglichen Gebrauch der Begriff Drogen meistens nur die illegalen Substanzen ein. Somit müssen hier auch alle Möglichkeiten von Suchtmitteln differenziert betrachtet werden, um Missverständnissen vorzubeugen. Vor allem die Suchtmittel Nikotin und Alkohol werden, im Hinblick auf ihre hohe gesellschaftliche Relevanz und den schon im Kindesalter beginnenden Konsum, genauer beschrieben und untersucht. Außerdem wird die Suchtbewertung der Gesellschaft und ihre Doppelmoral im Bezug auf legale und illegale Drogen als Erklärungsansatz für den hohen legalen Suchtmittelkonsum vorgestellt.

3.1 Begriffserklärung: Sucht

Schon die Ableitung aus dem Germanischen gibt Aufschluss darüber, dass die Sucht als Krankheit zu verstehen ist. Der Wortursprung liegt im germanischen Wort „siech“, das auf Siechtum und damit auf den Begriff Krankheit verweist. Erst im 19. Jahrhundert hat der Suchtbegriff auch einen moralischen Aspekt erhalten.

„Unter Sucht versteht man ein unabweisbares, starkes Verlangen nach einem Erlebniszustand“ (Schulz 2000, S. 581). Man wird nicht konkret nach einer Droge süchtig, sondern eher nach dem Erlebniszustand, der wiederum durch die Droge hervorgerufen wird (vgl. Gross 1995, S. 13). Ein Betroffener zeigt süchtiges Verhalten, wenn er den Konsum nicht mehr willentlich kontrollieren kann. Sein Verlangen muss immer wieder neu befriedigt werden. Es bestehen ein Zwang zum Konsum der Droge und eine körperliche und/oder psychische Abhängigkeit. Zudem kommt es häufig zu einer Steigerung der Dosis. Auch psychische oder sogar körperliche Entzugserscheinungen bei Reduktion oder Absetzen der Droge und der weitere Drogenkonsum trotz belegter schädlicher Wirkung sind Kriterien auf Grund dessen ein süchtiges Verhalten festgestellt werden kann (vgl. Die Drogen- und Suchtkommission 2002, S. 6). Die Folgen süchtigen Verhaltens zeigen sich oft in Beeinträchtigungen der Gesundheit auf psychischer, körperlicher und sozialer Ebene.

Die Weltgesundheitsorganisation WHO hat 1968 den Begriff der Abhängigkeit eingeführt, der in mancher Fachliteratur bevorzugt wird. Abhängigkeit beschreibt die einschränkende Bindung an Stoffe, Menschen und Ideen, wird aber im Allgemeinen häufig auf eine Substanzabhängigkeit beschränkt. Der Suchtbegriff hat den Vorteil, dass er geläufig und für Außenstehende sofort verständlich ist. Da er zudem die stoffgebundenen und die stoffungebundenen Süchte gleichermaßen berücksichtigt, erfasst der Begriff Sucht die komplexe Problematik des süchtigen Verhaltens besser (vgl. Schulz 2000, S. 581). Daher werde ich im weiteren Verlauf der Arbeit den Begriff Sucht verwenden.

Es gibt jedoch auch Einschränkungen bei der Verwendung dieses Begriffs. Im Hinblick auf Kinder muss vor allem folgendes angemerkt werden: Heranwachsende können vor der Pubertät noch nicht richtig reflektieren, welche Konsequenzen Drogenkonsum nach sich zieht. Ihnen fehlen die physischen, psychischen und sozialen Voraussetzungen für einen bewussten Umgang mit Suchtmitteln. Daher sollte in dieser Altersgruppe jeglicher Gebrauch von Substanzen als schädlich bezeichnet werden, da die gesunde Entwicklung auch hier schon beeinträchtigt werden kann (vgl. Die Drogen- und Suchtkommission 2002, S. 7).

3.2 Suchtentstehung und ihre Ursachen

Süchtiges Verhalten entsteht, wenn ein bestimmtes Mittel zur Verfügung steht, ein Anlass für den Erstgebrauch gegeben ist, Gründe für einen anhaltenden Gebrauch bestehen und andere begünstigende Faktoren zusammentreffen. Dann erfolgt die Entwicklung von Sucht über drei Etappen: vom ausweichenden Verhalten über eine Gewöhnung bis hin zum süchtigen Verhalten. Unterschiede zwischen ausweichendem Verhalten, Gewöhnung und Sucht bestehen in der Zwanghaftigkeit und Intensität und führen zur nächsten Etappe, je stärker das Verlangen ist (vgl. Schulz 2000, S. 582).

Die Ursachen werden durch verschiedene Ansätze erklärt. Nach heutiger Auffassung ist man sich aber zumindest im Grundgedanken einig, dass die Zusammenwirkung verschiedener Ursachenbereiche für süchtiges Verhalten verantwortlich ist, die individuelle und überindividuelle Faktoren beinhalten. Wechselwirkungen entstehen im Gefüge der Person selbst, ihrer Umwelt und der Droge und können letztlich zum Drogenmissbrauch führen.

Die Person selbst, mit ihrer persönlichen Entwicklung, ihren Problemen und Eigenschaften und mit ihren physischen Voraussetzungen, wird häufig als entscheidender Faktor der Suchtentstehung angesehen. Aber auch die Umwelt trägt ihren Teil zum Drogenkonsum eines Menschen bei. Sie beinhaltet soziokulturelle Einflüsse, wie die allgemeinen Lebensbedingungen, der soziale Stand und die Einflüsse von Familie, Freunden und anderer sozialer Gruppen. Zudem spielt in diesem Bereich auch die Gesellschaft und ihre Akzeptanz des Suchtmittels beziehungsweise des süchtigen Verhaltens eine tragende Rolle. Als dritter Faktor kommt die Droge an sich, mit ihren spezifischen Bedingungen zum tragen (vgl. Glöckner 1997, S. 28). Das Trias-Modell zeigt in einer abstrahierten Form, welche Faktoren den Drogenkonsum bedingen (siehe Abb. 1). Sucht ist folglich nicht als ein individuelles Problem anzusehen, sondern wird auch durch soziale und gesellschaftliche Einflüsse ausgelöst.

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

Abbildung 1: Trias-Modell (Pellenbach/Ditzel 2003, S. 18)

Da dieses Konzept noch sehr allgemein ist und keine expliziten Ursachen in diesem Interaktionsgefüge nennt, werden nun etwas konkretere Erklärungsansätze aus psychologischer, soziologischer und pädagogischer Sicht kurz angerissen, um die Komplexität der verschiedensten Ursachen für Suchtentstehung deutlich zu machen.

Psychologische Ansätze

Psychologische Suchttheorien beruhen überwiegend auf bekannten lerntheoretischen, kognitiv-behavioralen und psychoanalytischen Modellen. Die meisten dieser Konzepte basieren in ihrer grundsätzlichen Idee auf dem oben beschriebenen Ansatz (vgl. Hapke 2000, S. 469).

Lerntheoretische Konzepte gehen davon aus, dass Sucht, genau so wie andere Verhaltensweisen auch, durch die klassischen Lernprinzipien der Konditionierung und des Imitationslernens verinnerlicht werden kann. Nach dem Prinzip des Lernens durch Imitation erlebt der Erstkonsument die positive Wirkung des Drogengebrauchs durch Beobachtungen zum Beispiel eines Freundes. Dabei wird die positive Wirkung des Drogenkonsums umso stärker empfunden, je anerkannter die Modellperson ist (vgl. Glöckner 1997, S. 31). Die Grundsätze der lerntheoretischen Konzepte werden häufig durch kognitiv-behaviorale Überlegungen ergänzt, die Drogenkonsum auch als Mittel der Problemlösung ansehen. Dieser Konsum sollte durch adäquate Bewältigungsstrategien ersetzt werden, indem neue Verhaltensweisen wahrgenommen und verinnerlicht werden (vgl. Hapke 2000, S. 473).

Der psychoanalytische Ansatz beruht vor allem auf den Erkenntnissen von Siegmund Freud. Demnach hat das triebbeherrschende „Ich“ bei einem Drogenkonsumenten keine Kontrolle über die Triebe, die die Person zum Konsum verleiten. Die Sucht wird als Symptom für eine neurotische Persönlichkeitsstörung angesehen. Zudem wird eine besondere Anfälligkeit gegenüber Sucht angenommen, die durch eine Störung in der individuellen Entwicklung, meist in der Mutter-Kind-Beziehung, verursacht wurde (vgl. Niebaum 2001, S. 107ff.).

Soziologische Ansätze

Soziologische Modelle beschäftigen sich neben der Persönlichkeit des Konsumenten vor allem mit dem Faktor Umwelt und den gesellschaftlichen Strukturen, die das Suchtverhalten beeinflussen. Familienbedingungen, familiäre Erziehung, der soziale Stand, Freunde und Clique und auch die Situation in der Schule sind Variablen, die Entwicklung von Sucht begünstigen können. Im Allgemeinen wird Suchtverhalten soziologisch als abweichendes Verhalten erklärt. Dieses entsteht, wenn gesellschaftlich geforderte Ziele nicht erreicht werden oder sogar schon der institutionell festgelegte Weg zum Ziel versperrt ist (vgl. Glöckner 1997, S. 33).

[...]

Ende der Leseprobe aus 120 Seiten

Details

Titel
Suchtprävention in der Grundschule als Teil der grundschulischen Gesundheitserziehung
Hochschule
Universität Duisburg-Essen
Note
1,0
Autor
Jahr
2004
Seiten
120
Katalognummer
V36583
ISBN (eBook)
9783638361651
Dateigröße
940 KB
Sprache
Deutsch
Anmerkungen
Die Arbeit handelt zunächst theoretisch das Thema Gesundheitserziehung und Suchtprävention ab, mit Definitionen von Gesundheit, Sucht und konkreten Bezügen zur gesundheitlichen Lage deutsche Kinder, warum Gesundheitserziehung wichtig ist etc. Im zweiten Teil wird ein konkretes Projekt zur Suchtprävention an Grundschulen vorgestellt, das Konzept "Projekt Klasse2000", und mit einem Praxisbeispiel in der vierten Klasse näher ergründet.
Schlagworte
Suchtprävention, Grundschule, Teil, Gesundheitserziehung
Arbeit zitieren
Nina Rörtgen (Autor), 2004, Suchtprävention in der Grundschule als Teil der grundschulischen Gesundheitserziehung, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/36583

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