"Türkisch sprechen nicht nur die Türken". Untersuchungen zur Monographie von Inci Dirim und Peter Auer


Hausarbeit, 2015
27 Seiten, Note: 2,0

Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1. Einleitung

2. Die Monographie „Türkisch sprechen nicht nur die Türken“
2.1. Untersuchungsgegenstand
2.2. Methoden und Daten der Untersuchung
2.3. Ergebnisse
2.3.1. Acts of identity
2.3.1.1. Die Affilation mit den Türken
2.3.1.2. Die Orientierung an subkulturellen Modellen der großstädtischen Außenseiterkultur (dem „Ghetto“)
2.3.1.3. Die Orientierung an jugendkulturellen Szenen
2.3.2. Aussagen über den Beginn und den Verlauf des Türkischerwerbs
2.3.3. Der Gebrauch des Türkischen
2.3.3.1. Minimaler Gebrauch
2.3.3.2. Gemischter Gebrauch
2.3.3.3. Maximaler Gebrauch
2.3.4. Code-Switching und Code-Mixing
2.3.4.1. Teilnehmerbezogenes Code-Switching
2.3.4.2. Diskursfunktionales Code-Switching
2.3.4.3. Ad hoc-Transfers von Inhaltswörtern
2.3.4.4. Transfer von Diskursmarkern und Interjektionen
2.4. Kritik

3. Fazit

4. Bibliographie

5. Anhang

1. Einleitung

„Türkisch sprechen nicht nur die Türken.“[1] Wenn man diesen Satz liest, wird man im ersten Moment wahrscheinlich sagen „Ja, na klar!“, schließlich sprechen nicht nur die Deutschen deutsch oder die Engländer englisch. Aber welchen Grund haben nicht-türkische Jugendliche in Deutschland, diese Sprache zu erlernen? Genau mit diesem Phänomen haben sich Inci Dirim und Peter Auer in ihrer Monographie auseinandergesetzt.

Im Folgenden beziehe ich mich ausschließlich auf das 2004 erschienene Buch der beiden Autoren.

Diese Arbeit beschäftigt sich im ersten Teil mit dem Untersuchungsgegenstand, sowie den Methoden und Daten der Untersuchung. Im zweiten Teil sollen dann die Ergebnisse anhand von Beispielen dargestellt werden.

Hierbei wird zunächst die Frage geklärt, warum sich die Jugendlichen die türkische Sprache angeeignet haben.

Daraufhin soll gezeigt werden, wo die Informanten selbst die Anfänge ihres Türkischerwerbs sehen und wie gut sie türkisch sprechen.

Zuletzt werde ich dann darauf eingehen, wie die Probanden zwischen dem Deutschen und dem Türkischen in ihren Redebeiträgen wechseln und die beiden Sprachen grammatikalisch vermischen.

Da eine umfassende Behandlung dieses Themas den Rahmen der vorliegenden Arbeit sprengen würde, werde ich mich nicht damit befassen, welche genauen Elemente des Türkischen übernommen werden und inwiefern sich das Deutsch der Jugendlichen und ihrer türkischstämmigen Freunde vom Standarddeutsch unterscheidet.

Ziel der Arbeit ist es die Untersuchung von Inci Dirim und Peter Auer vorzustellen und gegebenenfalls Schwachstellen des Projekts aufzuzeigen.

2. Die Monographie „Türkisch sprechen nicht nur die Türken“

2.1. Untersuchungsgegenstand

„Ziel des Projekts war die Erforschung des Status und der Verwendung des Türkischen in gemischt-ethnischen Gruppen, vor allem unter dem Aspekt der Türkischkenntnisse und des Einsatzes dieser Sprache durch Jugendliche aus einem nicht-türkischen […] Familienhintergrund.“[2]

2.2. Methoden und Daten der Untersuchung

Die Untersuchung wurde von 1997 bis 2000 in Hamburg durchgeführt. Befragt wurden 25 Jugendliche, darunter 11 männliche und 14 weibliche Teilnehmer, die zwischen 13 und 20 Jahren alt waren.

Sie besuchten die Haupt- oder Realschule, gingen auf das Gymnasium, machten eine Lehre, waren berufstätig oder arbeitslos. Ganz wichtig: der Familienhintergrund der Jugendlichen war nicht türkisch.

Dies und weitere soziale Daten sollen durch Tabelle 1 nachgewiesen werden:

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten[3]

Zwölf der Befragten und vermutlich zwei weitere wohnten in dem Stadtteil Altona, in dem sich auch das Forschungsbüro der Untersuchung befand. Weitere Wohnorte waren Osdorf, Wilhelmsburg, Dulsberg, Mümmelmannsberg und Langenhorn. Charakteristisch für diese Stadtteile war vor allem der hohe Ausländeranteil, darunter eine Vielzahl von türkischen Migranten, durch die der Türkischerwerb natürlich begünstigt wurde.

Die 25 Jugendlichen wurden über Sozialeinrichtungen in Brennpunkten gefunden und kontaktiert. Sie wurden für ihre Tätigkeit als Hilfserheber bezahlt.

Wie wurde die Untersuchung durchgeführt? Die Jugendlichen bekamen Walkmans und externe Mikrofone, mit denen sie sich und ihre Freunde in Alltagssituationen aufnahmen. Dadurch erschienen in den Aufnahmen natürlich auch weitere Sprecher, darunter viele Türken und Türkinnen, die nicht weiter dokumentiert wurden.

„Diese Daten wurden durch ein nachträgliches Interview mit dem Hauptinformanten und eine Datensitzung, in der die Aufnahmen besprochen wurden, ergänzt. Dazu kamen allgemeine ethnografische Informationen, die meist im Zuge der Kontaktaufnahme gewonnen wurden.“[4]

Die Primärdaten und die Interviews wurden daraufhin transkribiert und inhaltlich ausgewertet. Die türkischen und deutschen Passagen wurden linguistisch-grammatisch und konversationsanalytisch analysiert. Dadurch ließ sich die Motivation für den Türkischerwerb, die allgemeine sozio-kulturelle Orientierung und die Funktion der Verwendung des Türkischen herausfiltern.[5]

2.3. Ergebnisse

Im Folgenden werden die Ergebnisse der Studie anhand von Beispielen aufgezeigt.

2.3.1. Acts of identity

Hinter dem Erwerb des Türkischen steht für die Jugendlichen ein act of identity. Das Türkische hat für sie eine „spezifische kulturelle Semantik, die es ihnen erlaubt, sich in einem sozio-kulturellen Raum zu positionieren. Solche Selbst-Positionierungen verbinden deshalb den individuellen Wunsch der Selbstdarstellung […] mit der kulturellen Semantik der Sprache […].“[6]

Dieser sozio-kulturelle Raum spannt sich in drei Dimensionen auf:

Die Affilation mit den Türken, die Orientierung an subkulturellen Modellen der großstädtischen Außenseiterkultur (dem „Ghetto“) sowie die Orientierung an jugendkulturellen Szenen.

2.3.1.1. Die Affilation mit den Türken

Viele der befragten Jugendlichen kamen nicht aus Deutschland und konnten sich dadurch gut mit den Türken identifizieren.

Besonders Menschen mit dem gleichen religiösen Hintergrund, wie z.B. Araber, ziehen aus dem Dasein der Türken „Profit“, da sie deren Moscheen mitbenutzen können und somit auch aus kultureller Sicht mit den Türken in Kontakt stehen.

Gerade die weibliche Jugendliche fühlen sich im Kontakt mit Türkinnen wohl, da sie mit ihnen über gleiche Themen sprechen können.

Hier ist also der Islam das herausstechende Merkmal, das den Wunsch nach Identifikation mit den Türken auslöst.

Ein gutes Beispiel für diese Gruppe ist Afsoon[7]. Sie kam mit ihren Eltern aus dem Iran nach Deutschland. Ihre Eltern unterhielten sich scheinbar untereinander oft auf „Aseri (eine mit dem Türkei-Türkischen eng verwandte Turksprache)“[8], was Afsoon natürlich übernahm und somit einen leichteren Einstieg in die Sprache fand.

Sie und ihre Freundin Hatidscha[9] sprachen offen über „geschlechtsspezifische Fragen wie das Tragen eines Kopftuchs (sie trugen keines!), Heiraten, Sexualität, rituelle Praktiken des Islams, etc.“[10]

2.3.1.2. Die Orientierung an subkulturellen Modellen der großstädtischen Außenseiterkultur (dem „Ghetto“)

Hier wird das Türkische durch die Verbundenheit als Außenseiter verwendet.

Die Jugendlichen haben sozusagen eine „Ghetto-Orientierung“[11], die sich vor allem in der Distanz zu den Ausbildungseinrichtungen zeigt. Häufige Schul- und Lehrabbrüche, Konflikte mit Behörden, wie z.B. der Polizei, sowie kriminelle Vergehen, Drogenkonsum, Zugehörigkeit in Banden und somit die Verwicklung in Bandenkämpfe und der Zugang zu Schusswaffen resultieren daraus.

Das Türkische dient quasi „als eine Art Leitmotiv der Distanz zur offiziellen Gesellschaft der Bundesrepublik.“[12]

Als Beispiele lassen sich hier Fahmi und Andreas[13] nennen, die Teil einer sehr großen „Gang“ waren. Sowohl durch ihre Körpersprache und ihre Art sich zu kleiden, als auch durch ihr Verhalten gegenüber Erwachsenen grenzten sie sich von anderen ab.

„Fahmis und Andreas Gang war eindeutig durch eine negative Orientierung an offiziellen Leitbildern sowie eine stark jugendkulturelle Orientierung gekennzeichnet […]. Ihr Leben war geprägt von der gewalttätigen und kriminellen Dynamik der Gruppe. Zugleich war diese Orientierung aber mit einer positiven Konstruktion des Türkischen und ‚der Türken‘ verbunden […].“[14]

Weibliche Informanten, die sich in diese Gruppe einordnen lassen, sind z.B. Zakiya und Suad[15].

2.3.1.3. Die Orientierung an jugendkulturellen Szenen

Die Informanten, die zu dieser Gruppe gehören, verwenden das Türkische als Zugang zu multiethnischen Jugendnetzwerken. Türkisch sprechen gilt hier als sogenannte „Eintrittskarte in eine soziale Umgebung“.[16]

Im folgenden Interviewausschnitt spricht Daniel[17] darüber, wie schnell man Kontakte knüpfen kann, wenn man türkisch spricht.

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten[18]

2.3.2. Aussagen über den Beginn und den Verlauf des Türkischerwerbs

Im folgenden Abschnitt werden die eigenen Aussagen der Informanten über ihren Türkischerwerb aus den nachträglich gemachten Interviews dargestellt.

Viele der Jugendlichen, die sehr gut türkisch sprachen, konnten gar keine Auskunft darüber geben, wann und wie sie die Sprache erlernt hatten. Dies lässt vermuten, dass sie schon sehr früh in ihrer Kindheit mit der Sprache Kontakt hatten, wie z.B. durch türkische Nachbarskinder mit denen sie spielten.

Für andere gab es allerdings einen bestimmten (biographisch wichtigen) Zeitpunkt, an dem sie das Türkische erlernten. Beispielsweise Petra[19], deren Interesse durch ein Türkeiurlaub geweckt wurde, oder Hans[20], dessen Türkischerwerb durch den Umzug in ein sehr türkisch geprägtes Stadtviertel begann. Dieser hohe Ausländeranteil beschränkt sich natürlich nicht nur auf das Viertel, sondern tritt auch in der Schule in Erscheinung, sodass die Jugendlichen vor allem türkische Freundschaften schlossen.

Um dies zu veranschaulichen dient folgender Interviewausschnitt mit Patricia[21]:

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten[22]

Der Eintritt in die Pubertät bis hin zum Erwachsenenalter war für einige Informanten ein weiterer Grund für den Türkischerwerb. Damit zusammenhängend ist natürlich der Aufbau einer eigenen Identität, die möglichst unabhängig von den Erwachsenen sein sollte. Bianca und Monir[23] sagten:

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten[24] [25]

„In der Erinnerung vieler Informantinnen und Informanten ging der Türkischerwerb quasi von selbst vonstatten […].“[26] Teilweise wurde die Sprache schneller oder langsamer erlernt und einige Jugendlichen betonten sogar, man lerne türkisch „automatisch“[27]. Aus den Interviews ergaben sich sechs Maxime, die zum Erlernen der türkischen Sprache hilfreich sind:

1. Maxime: Höre aufmerksam zu!
2. Maxime: Frage nach!
3. Maxime: Trau dich zu sprechen!
4. Maxime: Merke dir neue Wörter und Wendungen!
5. Maxime: Schau den Türken auf den Mund, während sie sprechen!
6. Maxime: Lass dich korrigieren![28]

2.3.3. Der Gebrauch des Türkischen

Vorweg muss gesagt werden, dass für die Informanten das Türkische „keine formal vermittelte, an kodifizierte Normen ausgerichtete Varietät“[29] ist, sondern in ihrem Alltag erlernt wurde. Sie lernten türkisch also nicht, wie Jugendliche heutzutage Englisch, Französisch oder Spanisch in der Schule, mit Vokabeln und der zugehörigen Grammatik. Sondern schnappten vielmehr diejenigen Wörter auf, die sie sozusagen „gebrauchen“ konnten.

Man kann die 25 Informanten schemenhaft in 3 Gruppen eingeteilt: Sprecher, die das Türkische minimal, gemischt oder maximal gebrauchen.

[...]


[1] Inci Dirim/Peter Auer (2004)

[2] Inci Dirim/Peter Auer (2004), S.32

[3] Dirim/Auer (2004), S.34

[4] Dirim/Auer (2004), S. 33

[5] Vgl. Dirim/Auer (2004), S. 32-35

[6] Dirim/Auer (2004), S. 36

[7] Vgl. Tabelle 1, S. 2

[8] Dirim/Auer (2004), S. 53

[9] Vgl. Tabelle 1, S. 2

[10] Dirim/Auer (2004), S.53

[11] Dirim/Auer (2004), S. 44

[12] Dirim/Auer (2004), S. 45

[13] Vgl. Tabelle 1, S. 2

[14] Dirim/Auer (2004), S.49-50

[15] Vgl. Tabelle 1, S. 2

[16] Dirim/Auer (2004), S.46

[17] Vgl. Tabelle 1, S. 2

[18] Dirim/Auer (2004), S.46

[19] Vgl. Tabelle 1, S. 2

[20] Vgl. Tabelle 1, S. 2

[21] Vgl. Tabelle 1, S. 2

[22] Dirim/Auer (2004), S. 136

[23] Vgl. Tabelle 1, S. 2

[24] Dirim/Auer (2004), S. 137

[25] Dirim/Auer (2004), S. 137

[26] Dirim/Auer (2004), S. 137

[27] Dirim/Auer (2004), S.138

[28] Vgl. Dirim/Auer (2004), S. 134-141

[29] Dirim/Auer (2004), S. 70

Ende der Leseprobe aus 27 Seiten

Details

Titel
"Türkisch sprechen nicht nur die Türken". Untersuchungen zur Monographie von Inci Dirim und Peter Auer
Hochschule
Ludwig-Maximilians-Universität München  (Institut für Deutsche Philologie)
Veranstaltung
Kontaktlinguistik
Note
2,0
Autor
Jahr
2015
Seiten
27
Katalognummer
V366554
ISBN (eBook)
9783668453876
ISBN (Buch)
9783668453883
Dateigröße
2249 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
Kontaktlinguistik, Linguistik, Inci Dirim, Peter Auer, Germanistik, Türkisch sprechen nicht nur die Türken
Arbeit zitieren
Marie-Lyce Plaschka (Autor), 2015, "Türkisch sprechen nicht nur die Türken". Untersuchungen zur Monographie von Inci Dirim und Peter Auer, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/366554

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