„The lights are literally and figuratively going out all over South Africa“ – so beschreibt ein südafrikanischer Journalist die Situation im heutigen Südafrika, vierzehn Jahre nach den ersten demokratischen Wahlen und der Geburt der „Regenbogennation“. Neben den vermeintlich korrupten Politikern und Beamten des Landes führt der Autor in seinem Artikel die misslungene Energiepolitik, Kriminalität und Gewalt als Gründe für den seit 1994 andauernden Brain-Drain auf, der sowohl Ursache als auch Folge von Problemen wie die aktuelle Stromkrise sei.
Aus der Abwanderung von qualifizierten Fachkräften nach Großbritannien, Australien, Kanada und in die USA ergeben sich einerseits Gelegenheiten für historisch benachteiligte Bevölkerungsgruppen, also für Nicht-Weiße, die nun gut bezahlte Stellen besetzen können, die ihnen während der Apartheid verwehrt wurden. Andererseits hat die Emigration von vielen (meist weißen) Fachkräften, v. a. im tertiären Sektor, zeitweise zu Störungen der Qualität und Lieferung von Diensten geführt.
Die Neubesetzung dieser Stellen durch qualifizierte Fachkräfte aus den historisch benachteiligten Bevölkerungsgruppen verläuft in bestimmten Bereichen sehr schleppend und wird dadurch erschwert, dass die Ergebnisse von Nicht-Weißen in den schulischen Abschlussprüfungen (Senior Certificate Examination), speziell in entscheidenden Fächern wie Mathematik und Naturwissenschaften, selten für ein Hochschulstudium oder eine Ausbildung ausreichen.
Rund 29 % aller emigrierenden Fachkräfte sind Ingenieure, die „der beruflich besseren Chancen wegen“ in die Industrieländer auswandern oder bereits ausgewandert sind. Dieser Brain-Drain bedingt einen akuten Mangel an qualifizierten Arbeitskräften u. a. in der Energieindustrie, der, gemeinsam mit einer schlechten Unternehmensleitung, für die heutige Stromkrise verantwortlich
sei.
In dieser Bachelorarbeit werde ich mich mit der „Musterkommune“ Orania auseinandersetzen.
Wie und warum ist sie entstanden? Wer zieht hier hin? Wie funktioniert diese reproduzierte Gesellschaft? Es gilt vor allem zu untersuchen, ob Orania ein zukunftsfähiges sozioökonomisches Eldorado für diejenigen ist, die dem „Neuen Südafrika“ entfliehen wollen. Neben der Entstehung und Ideologie dieser Gemeinde werde ich mich v. a. mit den sozialen und ökonomischen Bedingungen dieses menschlichen Experiments beschäftigen.
Inhaltsverzeichnis
1. Einleitung
2. Warum würde man in die Karoo ziehen?
2.1 Kriminalität
2.2 Arbeitslosigkeit und Armut
2.3 Verdrängung der Afrikaner-Kultur
3. Orania als Grundlage eines „white homeland“
3.1 Historischer Exkurs
3.2 Afrikaner-Nationalismus und der Volkstaat-Gedanke
3.3 Die Gründung Oranias
3.4 Zur Ideologie der Bewohner
3.5 Verwaltung und politischer Status der Gemeinde
4. Orania – ein sozioökonomisches Paradies?
4.1 Wirtschaft
4.1.1 Volkseie arbeid
4.1.2 Der Ora
4.1.3 Ist Orania wirtschaftlich tragfähig?
4.2 Gesellschaft
4.2.1 Theoretischer Ansatz
4.2.2 Sozialstruktur und soziale Ungleichheit in Orania
4.2.3 Segregation
5. Wahrnehmung von Orania
6. Fazit
7. Literatur- und Quellenverzeichnis
Zielsetzung & Themen
Die vorliegende Arbeit untersucht die Entstehung, Ideologie und sozioökonomische Funktionsweise der südafrikanischen "Musterkommune" Orania. Ziel ist es zu analysieren, ob der Ort als zukunftsfähiges soziales und ökonomisches Modell für Afrikaner dienen kann, die sich den gesellschaftlichen Veränderungen im Post-Apartheid-Südafrika entziehen möchten.
- Historische Herleitung des Afrikaner-Nationalismus und des "Volkstaat"-Gedankens
- Analyse der wirtschaftlichen Autarkiebestrebungen und des Konzepts "volkseie arbeid"
- Untersuchung der Sozialstruktur, Segregation und sozialen Ungleichheit innerhalb der Gemeinde
- Evaluation der Außenwahrnehmung von Orania in Südafrika
Auszug aus dem Buch
3.3 Die Gründung Oranias
Obwohl in der Vergangenheit von verschiedenen Afrikaner-Gruppierungen Versuche einer Volkstaat-Gründung (z. B. Morgenzon, Vierfontein, Balmoral) unternommen wurden, existieren heute nur zwei in die Praxis umgesetzte Pioniergemeinden – Kleinfontein in der Provinz Gauteng und Orania im Nordkap. Orania erweist sich in seiner geographischen Abgeschiedenheit inmitten der Karoo-Halbwüste als ein durchaus interessanteres Untersuchungsobjekt als Kleinfontein, das im verflochtenen Gauteng-Ballungsraum eher wenig Aufmerksamkeit erregt.
Als das südafrikanische Ministerium für Wasserwesen in den 60er Jahren mit dem Bau des Vanderkloof-Staudamms und diverser Bewässerungskanälen begann, musste für die Unterkunft der Belegschaft ein Dorf gegründet werden. 1963 wurde die vorerst namenlose Siedlung am Ufer des Orange-Flusses, auf halbem Wege zwischen Hopetown und Petrusville, errichtet. Die Gemeinde wurde schließlich auf den Namen Vluytjeskraal getauft, später wurde jedoch ein Preisausschreiben für einen geeigneten Namen organisiert und es wurde Orania aus den zahlreichen Vorschlägen gewählt. Die Infrastruktur (Straßen, Kirche, Postamt, Klinik, Gästehaus, Kaufladen, Schule) musste von Grund auf neugelegt werden, sodass Orania schnell zum hochentwickeltsten Dorf in der Region wurde. Als jedoch zwanzig Jahre später der Bau der Bewässerungsanlagen abgeschlossen war, zog die gesamte Arbeiterschaft des Ministeriums aus und das Dorf begann sich zu einer verfallenen Geisterstadt zu entwickeln (Pienaar 2007, S. 57f.).
Zusammenfassung der Kapitel
1. Einleitung: Einführung in die aktuelle Situation in Südafrika nach 1994 und Vorstellung der "Musterkommune" Orania als Gegenentwurf zur multikulturellen Gesellschaft.
2. Warum würde man in die Karoo ziehen?: Untersuchung der Push-Faktoren wie Kriminalität, Armut und das Gefühl der kulturellen Verdrängung der Afrikaner im neuen Südafrika.
3. Orania als Grundlage eines „white homeland“: Historische Einordnung des Volkstaat-Gedankens und Darstellung der Gründung sowie Ideologie der Gemeinde Orania.
4. Orania – ein sozioökonomisches Paradies?: Detaillierte Analyse der wirtschaftlichen Mechanismen wie der lokalen Währung "Ora" und der Sozialstruktur der Bewohner.
5. Wahrnehmung von Orania: Analyse der nationalen und internationalen Rezeption von Orania als Symbol der Apartheid oder als Zufluchtsort für Selbstbestimmung.
6. Fazit: Zusammenfassende Bewertung der Zukunftsfähigkeit Oranias im Kontext der südafrikanischen Gesellschaft.
7. Literatur- und Quellenverzeichnis: Auflistung der für die Arbeit herangezogenen wissenschaftlichen Literatur und Quellen.
Schlüsselwörter
Orania, Südafrika, Apartheid, Afrikaner, Volkstaat, Sozioökonomie, Segregation, Identität, Selbstbestimmung, volkseie arbeid, Migration, Karoo, soziale Ungleichheit, politische Ideologie.
Häufig gestellte Fragen
Worum geht es in dieser Bachelorarbeit grundsätzlich?
Die Arbeit analysiert das Phänomen Orania, eine von weißen Afrikanern bewohnte Gemeinde in der südafrikanischen Karoo, die als Versuch einer räumlichen Abgrenzung und kulturellen Selbstbestimmung gilt.
Was sind die zentralen Themenfelder der Untersuchung?
Die zentralen Themen sind die historische Genese des Afrikaner-Nationalismus, die ökonomischen Bestrebungen nach Autarkie sowie die Untersuchung der sozialen Struktur und Segregation innerhalb der Siedlung.
Was ist das primäre Ziel der Forschungsarbeit?
Das Ziel ist es, kritisch zu hinterfragen, ob Orania als sozioökonomisches Modell zukunftsfähig ist und wie es sich in den Kontext des post-Apartheid Südafrikas einfügt.
Welche wissenschaftliche Methode wird verwendet?
Die Arbeit basiert auf einer Literatur- und Quellenanalyse sowie einer Auswertung soziologischer Daten und Experteninterviews zur Sozialstruktur von Orania.
Was wird im Hauptteil der Arbeit behandelt?
Der Hauptteil gliedert sich in die Untersuchung der Motive für die Ansiedlung, die theoretische und historische Herleitung des Volkstaat-Gedankens, die wirtschaftliche Tragfähigkeit und die Analyse der gesellschaftlichen Schichtung.
Welche Schlüsselwörter charakterisieren die Arbeit am besten?
Die wichtigsten Begriffe sind Orania, Volkstaat, Selbstbestimmung, Afrikaner-Kultur, soziale Segregation und sozioökonomische Autarkie.
Wie spielt das Prinzip "volkseie arbeid" eine Rolle für die Wirtschaft in Orania?
Das Prinzip besagt, dass Bewohner ihre Arbeit selbst verrichten oder nur durch andere Afrikaner verrichten lassen dürfen, um Abhängigkeiten von anderen ethnischen Gruppen zu vermeiden.
Welche Rolle spielt die Währung "Ora" innerhalb der Gemeinde?
Der "Ora" wurde als lokales Zahlungsmittel eingeführt, um den Handel innerhalb Oranias zu fördern und eine eigene ökonomische Identität zu stärken.
Ist Orania nach den Erkenntnissen der Arbeit als "Paradies" zu bezeichnen?
Nein, die Arbeit stellt fest, dass Orania mit wirtschaftlichen Schwierigkeiten, einer Überalterung der Bevölkerung und einer künstlich aufrechterhaltenen Sozialstruktur kämpft, die weit von einer idealen ökonomischen Unabhängigkeit entfernt ist.
- Arbeit zitieren
- Andreas Mittag (Autor:in), 2008, Die Gemeinde Orania. Reproduktion und Abgrenzung in einer weißen Musterkommune, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/366646