Herrschaftssysteme im Einklang mit der Natur? Auf der Suche nach einer menschen- und naturgerechten Lebensform


Hausarbeit (Hauptseminar), 2017

20 Seiten, Note: 1,3


Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

Einleitung

Mensch und Natur

Staat und Gewaltmonopol

Akephale Gesellschaften und Naturvölker

Anarchie und ziviler Ungehorsam

Zusammenfassung und Fazit

Quellen- und Literaturverzeichnis

Einleitung

„Wir leben in einem gefährlichen Zeitalter. Der Mensch beherrscht die Natur, bevor er gelernt hat, sich selbst zu beherrschen.“[1]

Kolonialismus und Imperialismus gelten in modernen Gesellschaften längst überwun- den und als Relikte vergangener Zeiten. In den zurückliegenden Jahrzehnten sorgten außerdem internationale Staatsabkommen, Handelsverträge sowie soziale Kooperatio- nen zahlreicher Unternehmen, Organisationen und Verbände für eine Verbesserung der wirtschaftlichen und gesellschaftlichen Situation ärmerer Länder. Dass es dennoch im- mer wieder zu kolonialen Ausbeutungen und Vertreibungen kommt sowie geltende Rechte indigener Völker missachtet werden, zeigen die jüngsten Ereignisse in den Ver- einigten Staaten von Amerika. Durch den Bau einer 1800 Kilometer langen Pipeline möchte die texanische Firma „Energy Transfer Partners“ den Transport von Rohöl aus Fracking-Förderstellen im US-Bundesstaat North Dakota nach Illinois fördern. Um das 3,5 Milliarden Euro teure Projekt, an dem auch deutsche Banken beteiligt sind, fertigzu- stellen, fehlt aktuell noch ein letztes Stück am Stausee des Missouri River. Dank des großen und friedlichen Protestes amerikanischer Ureinwohner und deren Unterstützer konnten die Pipeline-Bauarbeiten innerhalb des sensiblen Flussgebiets und Reservat der Sioux-Indianer vorläufig gestoppt werden - ein weiterer Meilenstein im bundesweiten Kampf gegen Erdölleitungen und Ölverschmutzungen.[2]

Dass jede Bevölkerung großen Wert auf eine saubere Trinkwasserversorgung und den Schutz öffentlicher Gewässer legt, scheint offensichtlich. Jedoch gerät dieses Allge- meinprinzip immer wieder in Gefahr, wie jüngst die politischen Ambitionen des neuen amerikanischen Präsidenten Donald Trump zeigen. Mit seiner politischen Nähe zur Wirtschaft sollen Öl- und Gasbohrungen gefördert und Umweltschutz-Regulierungen gelockert oder gar abgeschafft werden. Ob der Bau der Dakota Access Pipeline auf lan- ge Sicht aufgehalten werden kann und der friedliche Protest seitens der Bevölkerung weiter fruchtet, ist auf Grund des wirtschaftlichen Drucks und der politischen Situation in den USA äußerst fraglich. Auch vertragliche Vereinbarungen mit indigenen Völkern wurden in der Vergangenheit nicht eingehalten oder weitläufig interpretiert.

Nicht selten sind es dabei multinationale Konzerne, die mit politischer Unterstützung und der kurzen Sicht auf Profite gravierenden Einfluss auf die ansässige Bevölkerung und deren Umwelt und Ressourcen nehmen.[3] Die globalen Konsequenzen: Ölkatastro- phen, Abholzung des Regenwaldes, Verschmutzungen der Gewässer und Weltmeere, Treibhausgas-Emissionen und Luftverschmutzungen oder der umstrittenen Endlagerung radioaktiver Abfälle. Die Jagd nach natürlichen Ressourcen wie Öl, Erdgas, Kohle, Gold, seltenen Erden oder neuerdings Wasser konnte seit Beginn des Kolonialismus und Imperialismus nicht beendet werden. Und sollte sich am bestehenden Wirtschafts- system, welches auf immerwährendes Wachstum, Konsum und der ewigen Suche nach neuen Kapitalmärkten basiert, in naher Zukunft nichts ändern, werden Menschen stän- dig Gefahr laufen, der eigenen Lebensgrundlage beraubt zu werden. Diese traumati- schen Erfahrungen mussten besonders indigene Naturvölker im Laufe der Menschheits- geschichte machen. Von ungefähr siebentausend Kulturen sind nach Schätzungen des Worldwatch Institute rund zweitausend akut gefährdet, bis 2050 wird es aller Voraus- sicht die Hälfte aller indigenen Völker nicht mehr geben.[4] Erst Ende 2007 verabschiede- te die UNO (Vereinte Nationen) eine Deklaration zum Schutz der Rechte indigener Völker mit großer Mehrheit. Doch Länder wie Kanada, Russland, USA, Neuseeland und Australien widersprachen dem Deklarationsentwurf auf Grund der darin enthalten- den Selbstbestimmungs- und Verfügungsrechte über existierende natürliche Ressour- cen.[5] Auch in diesem Zusammenhang unterscheiden sich die Interessen des Herrschafts- systems und die der Menschen gravierend.

In diesem wissenschaftlichen Aufsatz soll nun die zentrale Frage beantwortet werden, ob der Mensch grundsätzlich in einem Herrschaftssystem mit sich selbst, seiner Umwelt und der Natur im Einklang leben kann. Stehen Staatsgewalt und wirtschaftliche Aktivitäten seitens zahlreicher Konzerne im Widerspruch der menschlichen Natur? Was ist überhaupt die menschliche Natur? Für diese Analyse soll ein Blick auf akephale Gesellschaften und Naturvölker geworfen werden. Weiter soll untersucht werden, auf welche grundsätzlichen Prinzipien Herrschaftssysteme beruhen, welche Auswirkungen Herrschaftssysteme auf Mensch und Natur haben und wie mögliche egalitäre Bewegungen und herrschaftslose Alternativen aussehen können.

Mensch und Natur

Dass der Mensch von Natur aus böse sei und beherrscht werden müsse, darüber war sich bereits der englische Staatstheoretiker und Philosoph Thomas Hobbes im 16. Jahr- hundert im Klaren. Sein berühmter Sinnspruch „der Mensch ist des Menschen Wolf“ (Homo homini lupus) veranschaulichte schon in der damaligen Zeit ein überaus düsteres Bild der Menschen, welche nur im egoistischen Eigeninteresse und ihrem Selbsterhal- tungstrieb nach handeln. Dieser menschliche Naturzustand, so Hobbes, führe zwangs- läufig dazu, dass jeder gegen jeden Krieg führe und ein friedliches Leben, ohne eine politische Instanz, unmöglich wäre. Auf Grund der angeborenen Fähigkeit des Men- schen, sich gegenseitig zu benachteiligen und zu schädigen, postulierte er die Gleichheit der Menschen und ebnete den Weg vom Naturzustand hin zu einem bürgerlichen Zu- stand.[6] Seine staatstheoretische Schrift „Leviathan“ aus dem Jahr 1651 gilt noch heute als Meilenstein der politischen Philosophie und neuzeitlichen Politikwissenschaft. Staat und Kirche stellte er dabei ins Zentrum seiner Ausführungen und sah darin eine not- wendige Form des Zusammenlebens. Während der Staat in der Antike noch als Teil des Kosmos gesehen wurde, verstand Hobbes den Staat als Kunstwerk, welches der Mensch im Sinne eines Gesellschaftsvertrages selbst gestalten könne.

"Ich übergebe mein Recht, mich selbst zu beherrschen, diesem Menschen oder dieser Gesellschaft unter der Bedingung, dass du ebenfalls dein Recht über dich ihm oder ihr abtretest. Auf diese Weise werden alle Einzelnen eine Person und heißen Staat oder Gemeinwesen."[7]

Im Sinne des gesellschaftlichen Friedens und Gemeinwohls müsse also jeder Bürger, so Hobbes, eigene Rechte einer höheren Gewalt überlassen. Da jedoch die höchste Gewalt selbst keine vertragliche Partei darstellt und somit keine vertraglichen Verpflichtungen einginge, kann gegen diese staatliche Institution - erst einmal in Kraft getreten - kein Widerstandsrecht seitens der Staatsbürger mehr geltend gemacht werden. Auch der eng- lische Philosophen John Locke war sehr darum bemüht, den natürlichen Zustand der Menschen zu überwinden und selbige in eine "zivilisierte Gesellschaft" einzuordnen.

Im Gegensatz zu Hobbes, in dessen Thesen jegliche politische Autorität legitim war, schreibt Locke dem Menschen in seinem Naturzustand völlige Freiheit und moralisches Verhalten zu. Alle Menschen waren in seinen Augen gleich, friedvoll und mit den gleichen natürlichen Rechten ausgestattet. Zum Schutz und Erhalt privaten Eigentums sowie gesellschaftlicher Normen benötigte es dennoch, so Locke, die Obhut einer Regierung mit festen Gesetzen. Noch heute basieren seine Verfassungsprinzipien auf die im Jahre 1776 verfasste US-amerikanische Unabhängigkeitserklärung.

Bereits in der griechischen Antike verwendeten Philosophen Begriffe wie Natur, Natur- zustand oder Naturrecht. Doch was ist damit im Wesentlichen gemeint? Was bedeutet Natur? Der griechische Begriff Natur (physis) beschreibt das Wesen, die Essenz einer Sache. Damit stark verknüpft steht der Prozess des Wachsens (phyein). Heutige moder- ne Volkswirtschaften verwenden wie selbstverständlich den Begriff des Wachstums, um ein natürliches Prinzip anzudeuten. Doch ursprünglich repräsentierte dieser Begriff all jenes, was aus sich selbst zum Vorschein kommt, wächst, gedeiht und wieder vergeht, sprich einem zyklischen Prozess.[8] Alle vom Menschen geschaffenen Ideen, Werte und Normen stammten folglich von der Natur ab und waren Teil der Welt. Kultur, Kunst oder Technik gelten in diesem Kontext eher als gegensätzliche Phänomene. Darüber hinaus war der Begriff Natur lange Zeit mit der Ontologie des Mythos sowie der Theo- logie verbunden. Der Ursprung des Naturrechts entsprang im Wesentlichen der theisti- schen Vorstellung eines göttlichen Gesetzes, sprich Gott als Schöpfer der Welt. Deu- tungen der griechischen Antike hingegen, die bis ins 17. und 18. Jahrhundert anhielten, ähnelten dieser christlichen Verbundenheit. Dennoch standen diese, auf Grund der Ab- kehr Gottes als Zentrum eines naturalistischen Weltbildes, weitestgehend im Wider- spruch. Thomas von Aquin, einer der einflussreichsten Theoretiker des Mittelalters, sah in der griechischen Naturphilosophie und -wissenschaft Synonyme einer göttlichen Schöpfung respektive eines Höchsten. Die Monarchie, das heißt der König als Vertreter Gottes, verkörperte für Thomas von Aquin die beste aller Regierungsformen. Damit verurteilte er die Herrschaftsform der Tyrannei, die lange Zeit während der griechischen Antike anhielt. Die Debatte um den ursprünglichen Naturzustand des Menschen wurde vielerorts geführt und reicht Jahrhunderte zurück. Der französische Schriftsteller und Philosoph Jean-Jacques Rousseau interpretierte es als das Leben des Menschen im Ein- klang mit der Natur, Georg Wilhelm Friedrich Hegel sah in der sozialen Anerkennung von außen den stärksten Antrieb der Menschen, der Naturphilosoph und Historiker Sa- muel von Pufendorf betrachtete den Naturzustand schlichtweg als Fiktion und Abstrak- tion.[9] Letzterer ging, wie Hobbes, vom ursprünglichen Selbsterhaltungstrieb des Men- schen aus, in dem der Mensch sowohl als Einzelgänger als auch innerhalb einer Ge- meinschaft leben kann. Hobbes verstand das Leben der Menschen als chaotisch und konfliktreich, für Pufendorf hingegen herrschte prinzipiell eine Friedensordnung. Um den Frieden und die Pflichterfüllung der Menschen zu garantieren, rechtfertigten viele Gelehrte infolgedessen ein allgemein geltendes staatliches Gemeinwesen. Neben den sich parallel entwickelnden Staatsreligionen bekam die Debatte bezüglich des Naturzu- stands des Menschen und der Begründung staatlicher Herrschaft im 19. Jahrhundert neue wissenschaftliche Impulse. Durch die von Charles Darwin und Alfred Russel Wallace postulierte Evolutionstheorie, welche neuste biologische Erkenntnisse zur Re- produktion, Vererbung und Selektion menschlicher, tierischer und pflanzlicher Orga- nismen sowie Verhaltensweisen und Entwicklungsprozesse größerer Populationen um- fasste, gewann der Ausdruck "Survival of the fittest" zur damaligen Zeit zunehmend an Bedeutung. Der Erhalt und Überlebenskampf des am besten angepassten Individuums als grundlegendes Prinzip menschlichen Lebens übernahm Charles Darwin seinerseits vom britischen Sozialphilosophen Herbert Spencer.[10] Spencer sah in diesem Prinzip ein Gesellschaftsmodell, Darwin lediglich den Fortpflanzungserfolg einer Spezies. Doch bis heute wird Darwin fälschlicherweise mit dem Begriff „Sozialdarwinismus“ in Verbin- dung gebracht. Besonders im Rahmen politischer Diskurse stützte das gesellschaftliche Konzept des Sozialdarwinismus (das Recht des Stärkeren) die grundlegende Auffas- sung, dass wirtschaftliche wie soziale Konkurrenzkämpfe ausschließlich durch einen Staat und staatlichen Institutionen gelenkt und geregelt werden könne.[11]

Den natürlichen Zustand des Menschen sowie historische Entwicklungen des Naturrecht weiter zu analysieren würde weit über den Rahmen dieser Arbeit hinausgehen, gleichwohl sollten die vorangegangenen Darstellungen grob veranschaulichen, wie eng naturphilosophische, biologische und theologische Interpretationsversuche des Menschen, politische Staatstheorien sowie Herrschafts- und Machtansprüche miteinander verflochten sind und bis in die heutige Gegenwart reichen.

[...]


[1] Albert Schweitzer, Naturwissenschaftliche Rundschau, Band 16, Stuttgart 1963, S. 89.

[2] Vgl. Zilm, Kerstin: Proteste gegen Öl-Pipeline. Donald Trump und die Sioux, Köln 2017, o.S. 3

[3] Vgl. Schlatzer, Martin: Tierproduktion und Klimawandel. Ein wissenschaftlicher Diskurs zum Einfluss der Ernährung auf Umwelt und Klima, Wien 2011, S.140.

[4] Vgl. Groh, Arnold: Bericht über die im Rahmen einer DAAD-geförderten Kamerun-Exkursion 2008 durchgeführten Forschungsprojekte, Berlin 2009, S.9.

[5] Vgl. Humanrights: UNO-Deklaration über die Rechte der indigenen Völker, Bern 2016, o.S. 4

[6] Vgl. Na, Jong-Seok: Praktische Vernunft und Geschichte bei Vico und Hegel, Würzburg 2002, S. 279.

[7] Braun, Dietmar: Theorien rationalen Handelns in der Politikwissenschaft, Wiesbaden 1999, S. 21. 5

[8] Vgl. Bargatzky, Thomas: Ethnologie. Eine Einführung in die Wissenschaft von den urproduktiven Gesellschaften, Hamburg 1997, S. 170.

[9] Vgl. Medick, Hans: Naturzustand und Naturgeschichte der bürgerlichen Gesellschaft, 2. Aufl. Göttingen 1973, S. 44.

[10] Vgl. Metzner, Andreas: Probleme sozio-ökologischer Systemtheorie. Natur und Gesellschaft in der Soziologie Luhmanns, Opladen 1993, S. 78.

[11] Vgl. Vom Brocke, Bernhard; Laitko, Hubert: Die Kaiser-Wilhelm-/Max-Planck-Gesellschaft und ihre Institute. Studien zu ihrer Geschichte: Das Harnack-Prinzip, Berlin 1996, S. 412. 7

Ende der Leseprobe aus 20 Seiten

Details

Titel
Herrschaftssysteme im Einklang mit der Natur? Auf der Suche nach einer menschen- und naturgerechten Lebensform
Hochschule
Universität Augsburg  (Katholisch-Theologische Fakultät)
Veranstaltung
Seminar - "Einklang mit der Natur"? Kosmologische Religion, Rezeption und Esoterik am Beispiel der Hopi-Kultur und des Taoismus
Note
1,3
Autor
Jahr
2017
Seiten
20
Katalognummer
V366669
ISBN (eBook)
9783668453630
ISBN (Buch)
9783668453647
Dateigröße
462 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
Natur, Kosmologie, Naturvölker, Herrschaftssysteme, Mensch, Staat, Gewaltmonopol, Akephale Gesellschaften, Anarchie, ziviler Ungehorsam, Naturzustand, natürlichen Zustand, natürlichen Rechten, Philosophie, Naturphilosophie, Darwin, Sozialdarwinismus, Machtansprüche, Imperialismus, Kolonialismus, militärische Organisationen, Subsistenzwirtschaft, militärische Gewalt, Stammesvölker, Indigene Völker, Segmentäre Gesellschaften, Volksgemeinschaft, regulierten Anarchie
Arbeit zitieren
Sebastian Scholz (Autor:in), 2017, Herrschaftssysteme im Einklang mit der Natur? Auf der Suche nach einer menschen- und naturgerechten Lebensform, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/366669

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