Diese Arbeit setzt sich mit dieser vom 09.-16.06.2000 durchgeführten Aktion und der daraus entstandenen Dokumentation „Ausländer raus! Schlingensiefs Container“ von Paul Poet, die im Jahr 2002 veröffentlicht wurde, auseinander. Sie wird vor allem unter dem Aspekt des Politischen analysiert, und es soll der Frage nachgegangen werden, inwiefern sie die Betroffenen in ein „Realitätsdilemma“ stürzte und ob die Aktion an sich einen politischen Effekt erzielte, demnach, in Bezug auf die Beuys´sche Definition, „die Welt veränderte“.
Greift man die Beuys‘sche Definition des erweiterten Kunstbegriffs und der Sozialen Plastik auf, ist jeder Mensch ein Künstler, weil in seinem Inneren ein Potenzial von Kreativität und individueller Gestaltungskraft schlummert, über das er verfügen kann und somit die Fähigkeit besitzt, Ungewöhnliches zu kreieren. Die Soziale Plastik ist folglich ein Kunstkonzept, welches menschliches Handeln miteinschließt und das die Strukturierung und Formung der Gesellschaft zum Ziel hat. Jedes kreative Handeln, das dahingehend wirkt, wird – heutzutage insbesondere unter Einbeziehung der Medien – zur künstlerischen Praxis.
Nach Beuys sei es die Aufgabe der Kunst, diesen Prozess in den Fokus der Aufmerksamkeit zu rücken und damit auch zu zeigen, dass jeder einzelne durch sein Sprechen und Denken zur Veränderung der Welt beitragen oder dem Bestehenden zustimmen könne. Auch Christoph Schlingensiefs Filme, Happenings und Objekte erheben sich über den unmittelbar sinnlich wahrnehmbaren Gegenstand hinaus. Er arbeitete stets am „Puls der politischen, gesellschaftlichen und medialen Entwicklungen“, wodurch seine Projekte und Aktionen häufig politisch motiviert, teils provokativ zum Einsatz kamen.
Die Hinterfragung von konventionellen Wahrnehmungsmustern, dem Spiel mit dem Verhältnis von Kunst und Leben, Fiktion und Realität sowie Bühne und öffentlichem Raum spiegelt sich auch in seiner Container-Aktion „Bitte liebt Österreich – Erste österreichische Koalitionswoche“ im Rahmen der Wiener Festwochen wieder. Auch dort verschob er bewusst und unbewusst die Grenzen oder hob sie gänzlich auf, was die zufälligen oder durch die Medien aufmerksam gewordenen Menschen zum Teil in große Verwirrung versetzte.
Inhaltsverzeichnis
I. Einleitung
II. Schlingensiefs Container - als politische Aktion erfolgreich?
II.1. Ausgangslage und Intention der Container-Aktion
II.2. Der politische Aspekt
III. Verschiedene Ebenen von Realität
III.1. Wenn die Grenzen aufgehoben werden: Zwischen Kunst und Leben
III. 2. Der Unterschied zwischen Skandal und Skandalisierung
VI. Fazit
Zielsetzung & Themen
Die vorliegende Arbeit untersucht Christoph Schlingensiefs Container-Aktion „Bitte liebt Österreich“ aus dem Jahr 2000 unter dem Aspekt des Politischen. Dabei steht die Forschungsfrage im Mittelpunkt, inwiefern die Aktion die Betroffenen in ein „Realitätsdilemma“ stürzte, welche politischen Effekte sie erzielte und ob sie – in Anlehnung an den erweiterten Kunstbegriff von Joseph Beuys – einen tatsächlichen gesellschaftlichen Wandel anstoßen konnte.
- Analyse der Container-Aktion als politisches Instrument.
- Untersuchung der Grenzen zwischen Kunst, Fiktion und Realität.
- Reflektion über die mediale Inszenierung und den Mechanismus von Skandalisierung.
- Beurteilung der Reaktionen von Öffentlichkeit und Politik.
- Bezugnahme auf den erweiterten Kunstbegriff und die „Soziale Plastik“.
Auszug aus dem Buch
II.1. Ausgangslage und Intention der Container-Aktion
Nachdem Adolf Hitler als Führer der NSDAP von 1933-1945 ursprünglich aus Österreich stammte, waren die Reaktionen innerhalb und außerhalb der österreichischen Bevölkerung geteilt, als die Freiheitliche Partei Österreichs (FPÖ) im Jahr 2000 mit einer Stimmenmehrheit in den Bundestag gewählt und mit ihrem „Ausländer raus“-Wahlkampf zur zweitstärksten Partei wurde. Sie bildete mit der konservativen österreichischen Volkspartei (ÖVP) eine blauschwarze Koalition.
Es handelte sich somit um ein Wahlergebnis bedenklicher Natur, das deutlich aufzeigt, wie rasch sich geschichtliche Vergesslichkeit einstellen kann und wie wenig Protest es damals zur Folge hatte. Schließlich geschah all dies kaum 55 Jahre nach dem Ende des „Dritten Reichs.“ Wieder einmal wurde Österreich - das ohnehin, wie sich später in der Erörterung der Dokumentation von Schlingensief zeigen wird, einen hohen Bevölkerungsanteil von Menschen rechtsradikaler, politischer Ansichten bzw. Tendenzen aufweist, unter dem Aspekt des „österreichischen Führers“ - zu einem Vorreiter rassistischen Gedankenguts.
Christoph Schlingensief, ein schon durch seine provozierenden, ungewöhnlichen und kaum fassbaren Filme, Theaterhappenings und Kunstaktionen bekannt gewordener Regisseur und Künstler, war bereits mit seiner Aktion Chance 2000 in politische Gegebenheiten eines Wahlkampfs verwickelt gewesen, als er sich im Jahr 2000 dazu entschloss, einmal „real werden lassen“, was Politiker propagieren.
Zusammenfassung der Kapitel
I. Einleitung: Dieses Kapitel führt in den erweiterten Kunstbegriff von Joseph Beuys ein und erläutert Schlingensiefs Arbeitsweise als politische und provokative künstlerische Praxis am Beispiel der Container-Aktion.
II. Schlingensiefs Container - als politische Aktion erfolgreich?: Hier wird die politische Ausgangslage Österreichs im Jahr 2000 analysiert und die Intention Schlingensiefs beleuchtet, die fremdenfeindliche FPÖ-Kampagne durch ein mediales „Eliminationsspielchen“ zu entlarven.
II.1. Ausgangslage und Intention der Container-Aktion: Dieses Unterkapitel beschreibt das Entstehen der Container-Aktion vor dem Hintergrund des Wahlerfolgs der FPÖ und Schlingensiefs Wunsch, die politische Rhetorik in die Realität zu übersetzen.
II.2. Der politische Aspekt: Die Untersuchung befasst sich mit Schlingensiefs Strategie, latente gesellschaftliche Konflikte durch gezielte Provokation sichtbar zu machen und Randgruppen in den Fokus der öffentlichen Aufmerksamkeit zu rücken.
III. Verschiedene Ebenen von Realität: Dieses Kapitel behandelt das Spiel mit der Wahrnehmung, bei dem der Künstler die Grenzen zwischen Kunst und Leben durch Zitate und Inszenierungen verschwimmen lässt.
III.1. Wenn die Grenzen aufgehoben werden: Zwischen Kunst und Leben: Der Fokus liegt hier auf der Irritation der Passanten und der Verselbständigung der Aktion, die dazu führte, dass die Grenzen zwischen Inszenierung und Realität für die Akteure unkenntlich wurden.
III. 2. Der Unterschied zwischen Skandal und Skandalisierung: Es wird erörtert, wie Schlingensief bewusst mit dem Begriff „Skandal“ spielte und die Rolle der Medien bei der Konstruktion einer gesellschaftlichen Skandalisierung hinterfragt.
VI. Fazit: Das Fazit resümiert, dass die Aktion zwar nicht die Welt verändern konnte, aber eine notwendige Diskussion über gesellschaftliche Kontinuationslinien und Fremdenfeindlichkeit angeregt hat.
Schlüsselwörter
Christoph Schlingensief, Container-Aktion, Soziale Plastik, Joseph Beuys, politische Kunst, Realitätsverschiebung, Fremdenfeindlichkeit, FPÖ, Wiener Festwochen, Inszenierung, Skandal, Skandalisierung, Medialisierung, Ausgrenzung, Zeitgeschehen.
Häufig gestellte Fragen
Worum geht es in dieser wissenschaftlichen Arbeit?
Die Arbeit analysiert die Container-Aktion „Bitte liebt Österreich“ von Christoph Schlingensief aus dem Jahr 2000 als politisch motiviertes Kunstprojekt im Kontext der damaligen österreichischen Regierungspolitik.
Welche zentralen Themenfelder werden behandelt?
Zentrale Felder sind die Wechselwirkung zwischen politischem Zeitgeschehen und Kunst, die Dekonstruktion von Fremdenfeindlichkeit sowie das Spiel mit medialen Wahrnehmungsmustern.
Was ist das primäre Ziel der Untersuchung?
Das Ziel ist die Beantwortung der Frage, ob die Aktion einen politischen Effekt erzielte und ob sie als „Soziale Plastik“ im Sinne von Beuys tatsächlich zur Veränderung der gesellschaftlichen Wahrnehmung beitragen konnte.
Welche wissenschaftliche Methode kommt zum Einsatz?
Es wird eine kunst- und medienwissenschaftliche Analyse vorgenommen, die auf der Auswertung der Dokumentation „Ausländer raus!“ und theoretischen Texten über Schlingensief basiert.
Was steht im inhaltlichen Hauptteil im Fokus?
Der Hauptteil konzentriert sich auf die Intentionen der Aktion, die Verschiebung der Grenzen zwischen Fiktion und Realität sowie die Analyse, wie durch die Aktion öffentliche Skandale produziert und politisch instrumentalisiert wurden.
Welche Schlagworte charakterisieren das Werk?
Schlüsselbegriffe sind „Soziale Plastik“, „Realitätsdilemma“, „Bildstörung“, „politische Aktion“ und „mediale Inszenierung“.
Wie reagierte die Öffentlichkeit auf Schlingensiefs Container?
Die Reaktionen reichten von extremer Irritation und Unverständnis bei Passanten bis hin zu hitzigen Debatten und tätlichen Angriffen durch politisch orientierte Gruppen, was die Aktion zu einem hochdynamischen und unvorhersehbaren Ereignis machte.
Welches ethische Problem wird im Fazit angesprochen?
Das Fazit problematisiert das „Realitätsdilemma“ der Asylbewerber in den Containern, die als Teil der Kunstaktion massiven Belastungen ausgesetzt waren, ohne dass deren Einverständnis und Schutz vollständig gewährleistet waren.
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- Caroline Thon (Author), 2017, Christoph Schlingensiefs Container. Zwischen Realitätsverschiebung und politischer Aktion, Munich, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/366696