Die Kulturkritik Arnold Gehlens

Gehlens Kulturkritik in "Die Seele im technischen Zeitalter"


Hausarbeit, 2016

28 Seiten, Note: 1,3


Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1. Einleitung

2. Die philosophische Anthropologie Arnold Gehlens
2.1. Der Mensch als biologisches Mängelwesen
2.2. Die Handlung
2.3. Die Institutionen

3. Die Kulturkritik Arnold Gehlens in „Die Seele im technischen Zeitalter“
3.1. Die zwei absoluten Kulturschwellen
3.2. Die Superstruktur
3.3. Neuartige kulturelle Erscheinungen im technischen Zeitalter
3.4. Das Resultat der neuartigen Erscheinungen
3.5. Gehlens Alternative

4. Kritik an Gehlens Kulturkritik
4.1. Der Mensch ein Mängelwesen?
4.2. Die Agrarkultur als DIE Kultur?
4.3. Gehlens Kulturkritik als konstruktive Kritik?

Anhang

1. Einleitung

Die Kulturkritik Arnold Gehlens in „Die Seele im technischen Zeitalter“ geführt auf der Basis seiner Anthropologie, Mängelwesen – Handlung – Institution.

Die Kulturkritik Arnold Gehlens in seinem Werk „Die Seele im technischen Zeitalter“, erstmals 1957 erschienen, beschreibt vordergründig die Entwicklungen des Industriezeitalters. Sein Anspruch ist es, die Philosophie, hier im speziellen die sozial anthropologische Philosophie, zu einer empirischen Wissenschaft zu entwickeln. Hierin ist unter anderem die besondere Bedeutung des Werkes Arnold Gehlens zu sehen. Viele seiner Beobachtungen des Industriezeitalters und die Stellung des Menschen zu diesem, wie auch der Stellungen der Menschen zueinander in Selbigem, haben sich bis in unsere heutige Zeit bewahrheitet und einige, wie z.B. die „Erfahrung zweiter Hand“, treten heute sogar noch deutlicher zu Tage.

Da jede Kulturkritik von einem Standpunkt aus geführt wird, ist es wichtig diese oben erwähnten deskriptiven Ausführungen im Kontext zu Gehlens philosophischer Anthropologie zu sehen.

Diese Anthropologie, die ich kurz mit „Mängelwesen – Handlung – Institution“, beschreiben möchte, bildet die Basis der Kulturkritik Gehlens. Von hier aus wird Gehlen dann auch normativ. Einmal etwas zurückhaltender, ein anderes mal, zum Beispiel bei Freuds Religionskritik, fällt die Bewertung auch schon mal etwas schärfer aus.

Mit der „Subjektivität“ liefert Gehlen seinen Grund der negativen Erscheinungen des Industriezeitalters, welche im Zerfall der „Institutionen“ begründet sei.

Die Institutionen als Einrichtungen in denen sich der Mensch verwirklichen soll, die menschliches Zusammenleben organisieren und in geordnete Bahnen lenken sollen und somit nach Gehlen die einzig möglichen Garanten menschlichen Zusammenlebens überhaupt sind.

Somit ist es nach Gehlen nur logisch, dass mit dem Zerfall dieser Garanten, zerstört von den Erscheinungen der Moderne selbst, die funktionierende menschliche Gesellschaft zerfällt.

Bei Alternativen, aktiv in den Prozess einzugreifen um diesen Zerfall zu verhindern, bleibt Gehlen zurückhaltend. Sein Schlusssatz „Eine Persönlichkeit, das ist eine Institution in einem Fall“, bleibt zumindest im vorliegenden Werk mehrdeutig

Ziel meiner Arbeit ist es, die deskriptiven Aussagen der vorliegenden Kulturkritik aus „Die Seele im technischen Zeitalter“ zu beleuchten. Dazu sollen Gehlens normative Ausführungen kritisch interpretiert werden, indem ich diese immer wieder in den Kontext zu seiner Anthropologie setzen werde, weiter soll der Versuch unternommen werden, seine angedeutete Alternative zu erklären.

Dazu werde ich im ersten Teil meiner Arbeit das anthropologische Modell Gehlens skizzieren. Hierbei beziehe ich mich hauptsächlich auf sein Hauptwerk „Der Mensch. Seine Natur und seine Stellung in der Welt“ Im zweiten Teil, dem Hauptteil, werde ich dann auf die Kulturkritik Gehlens eingehen und diese immer wieder im Zusammenhang zu seiner Anthropologie stellen. Dabei werde ich mich auf sein Werk „Die Seele im technischen Zeitalter“ konzentrieren.

Im dritten und letzten Teil werde ich dann, basierend auf der These, dass Erkenntnis subjektiv und historisch ist, andere Deutungen der Phänomene des Industriezeitalters aufzeigen. Diese haben als Ausgangspunkt das anthropologische Modell von Helmuth Plessner, welches Gehlen, ohne es namentlich zu benennen, des öfteren kritisiert.

2. Die philosophische Anthropologie Arnold Gehlens

Ein Merkmal einer jeden Kulturkritik ist, dass diese von einem bestimmten Standpunkt aus geführt wird. Ein Standpunkt der geprägt ist, von zum Beispiel einer Ideologie oder einer Religion, welche die Werte festlegt und diese dann vergleichend gegen die zu kritisierenden stellt.

Bei Arnold Gehlen werden die Werte, die menschliches Zusammenleben garantieren, die Fundamente der menschlichen Gesellschaft, bestimmt von seiner philosophischen Anthropologie, also wie er das Wesen des Menschen sieht und was ich kurz mit „Mängelwesen → Handlung → Institutionen“ beschreiben und weiter unten erklären möchte.

Den Rahmen für menschliches Zusammenleben auf das Wesen des Menschen selbst rückzuführen, ist eine einleuchtende Basis einer Kritik an dieser.

Somit setzt die Auseinandersetzung mit der Kulturkritik Arnold Gehlens die Auseinandersetzung mit seiner Anthropologie voraus.

Diese Anthropologie muss nach Gehlen nun zwei Anforderungen erfüllen.

Erstens, Erkenntniss muss aus Erfahrung gewonnen werden. Ergebnisse müssen empirisch belegbar sein. Hier erteilt Gehlen aller metaphysischen Erkenntnis eine Absage.

Zweitens müssen diese Erkenntnisse in einem systematischen Zusammenhang gestellt werden. Die Einzelwissenschaften können nach Gehlen nicht DAS Wesen des Menschen beschreiben, sondern nur Teilaspekte dazu liefern.

Die Philosophie hat nun die Aufgabe diese Teilaspekte zu einem Ganzen zusammensetzen und das Wesen des Menschen zu beschreiben, wodurch die Anthropologie zu einer spezifisch philosophischen wird.

Darin zeigt sich Gehlens Anspruch an die Philosophie, im speziellen Fall an die philosophische Anthropologie. Sie soll eine empirische Wissenschaft sein.

In „Der Mensch. Seine Natur und seine Stellung in der Welt“2 stellt Gehlen, sein Bild des Wesens des Menschen dar, welches er in komprimierter Form gleich am Anfang seiner Kulturkritik in „Die Seele im technischen Zeitalter“ stellt.

2.1. Der Mensch als biologisches Mängelwesen

Den Begriff des „Mängelwesen“ prägt Gehlen selbst und beruft sich dabei inhaltlich auf Johann Gottfried Herder1.

Diesen Begriff füllt Gehlen nun mit Inhalt, weit über das seiner Vorgänger hinaus, indem er den Menschen in Abgrenzung zum Tier beschreibt.

Diese Mangelhaftigkeit untergliedert Gehlen in morphologische und ontogenetische Merkmale.

2.1.1. Die morphologischen Mängel

Unter den morphologischen Mängeln versteht Gehlen eine Reihe verschiedener Eigenschaften, die die körperliche Gestalt des Menschen und deren Aufbau betreffen.

Dazu zählt dem Mensch seine unspezialisierte Lebensweise, welche sich unter anderem in nicht festgelegter Ernährungsweise widerspiegelt. Der Mensch ist weder Pflanzen- noch Fleischfresser.

Weitere morphologische Mängel sind nach Gehlen die organische Mittellosigkeit, die Instinktreduktion und die Weltoffenheit.

Die organische Mittellosigkeit sieht Gehlen unter anderem in dem Fehlen von speziellen Flucht- und Angriffswerkzeugen.

Unter Instinktreduktion versteht Gehlen nicht, dass der Mensch weniger oder abgeschwächtere Instinkte als das Tier hat, sondern dass er Instinkte kontrollieren, lenken und unterdrücken kann.

Schließlich ist die Weltoffenheit bei Gehlen ein weiterer Mangel. Sie ist somit eine Beschreibung von unspezialisierten sinnlichen Wahrnehmungen, für die Gehlen das Wort „Reizüberflutung“ prägte, welcher der Mensch ausgesetzt ist.

2.1.2. Die ontogenetischen Mängel

Die ontogenetischen Mängel fasst Gehlen zu dem Grundmangel der Unfertigkeit zusammen. Unfertig in dem Sinn, dass der Mensch unfertig zur Welt kommt und der Zeitraum bis zum fertigen erwachsenen Menschen unnatürlich verzögert ist. Hier beruft sich Gehlen unter anderem auf Adolf Portmann, der den Mensch als eine normalisierte Frühgeburt beschreibt und so in der Natur eine Sonderstellung einnimmt. Diese besteht darin, dass der Mensch sich nach seiner Geburt noch in einer fötalen Unselbstständigkeit befindet. Diese Fötalphase, in welcher der „Fötus“ zwar außerhalb des Mutterleibes lebt, aber noch voll von ihr abhängig ist, bestimmt Portmann mit 12 Monaten. Nach dieser fötalen Phase nimmt der Mensch nun die Stellung des „Nesthockers“ ein, in der er im Schoße der Familie wegen seiner weiteren „Unfertigkeit“ bleiben muss. Von der Familie und anderen Institution erzogen, wird er erst zum fertigen Menschen und kann das „Nest“, die Familie, erst dann verlassen.

Aus dieser Reihe von Unfertigkeit und Unspezialisiertheiten gestaltet nun Gehlen seine gesamte Anthropologie und erklärt den Menschen zum noch nicht festgestellten Tier.

Während das Tier seinen festen Platz in der Natur hat, muss der Mensch sich diesen erst erarbeiten. Der Mensch ist zum Handeln gezwungen. Der Mensch ist Kulturwesen. Hierbei versteht Gehlen unter Kultur, die Mittel die der Mensch durch Handlung geschaffen hat, um mit diesen die Natur so umzugestalten, dass er in ihr überleben kann.

2.2. Die Handlung

„..., dass der Mensch infolge seines Mangels an spezialisierten Organen und Instinkten in keine artbesondere, natürliche Umwelt eingepasst und infolgedessen darauf angewiesen ist, beliebig vorgefundene Naturumstände intelligent zu verändern.“3 Hieraus leitet Gehlen nun die Notwendigkeit der Handlung und im speziellen Fall die der Technik ab.

Diese Tätigkeiten mit der der Mensch die Mittel zur Umgestaltung der Natur schafft, führt Gehlen auf zwei, dem Wesen des Menschen eigenen Grundlagen zurück – der Weltorientierung und der Handlungsführung.

Das Tier kennt kein Handeln, da Handlungen bewusste, rationale Reaktionen auf Reize sind.

Genauso wenig können noch brauchen Tiere ihre Weltorientierung verbessern, da sie einen festen Platz in der Natur haben. Durch selektive Merkmuster sind sie in der Lage, sich von ihrem Platz in der Natur heraus zu orientieren.

Anders der Mensch, dem dieser Reizfilter fehlt und der somit von einer Unmenge von Reizen überflutet wird.

Die entlastenden Leistungen zur Kompensierung dieser Reizüberflutung zu einer verbesserten Weltorientierung liegen in der Wahrnehmung, der Phantasie und der Sprache, wobei diese Reihenfolge zugleich normativ zu verstehen ist und eine Folge vom Niederen zum Höheren darstellt. Hierbei übernimmt das jeweilig Höhere die Tätigkeiten des Niederen mit, bzw. im Falle der Sprache DER niederen Funktionsfelder.

Mit den Leistungen der Weltorientierung, ist der Mensch nun zu Entlastungsleistungen durch die Handlungsführung in der Lage. Dazu zählen nach Gehlen unter anderem die Hemmbarkeit und Verschiebbarkeit, zeitlich wie auch verschiebbar in der Zweck – Mittel Reihe, von Bedürfnissen.

Da Gehlen den Menschen aber als ein instinktarmes Wesen kennzeichnet und die Instinkte als Motivation und Antrieb zu den Entlastungsleistungen wegfallen, muss er den Motor zu menschlichen Kulturleistungen genauer erklären und tut dies mit dem konstitutionellen Antriebsüberschuss.

Sind bei den Tieren die drei Instinktkreisläufe „Nahrungsinstinkt“, „Sexualinstinkt“ und „Brutpflegeinstinkt“ getrennte Kreisläufe, verschmelzen die Energien aller drei Kreisläufe beim Menschen in einen und die Energien multiplizieren sich somit.

[...]

Ende der Leseprobe aus 28 Seiten

Details

Titel
Die Kulturkritik Arnold Gehlens
Untertitel
Gehlens Kulturkritik in "Die Seele im technischen Zeitalter"
Hochschule
FernUniversität Hagen
Note
1,3
Autor
Jahr
2016
Seiten
28
Katalognummer
V366945
ISBN (eBook)
9783668456440
ISBN (Buch)
9783668456457
Dateigröße
649 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
kulturkritik, seele, zeitalter, Arnold Gehlen
Arbeit zitieren
Karsten Wollersheim (Autor), 2016, Die Kulturkritik Arnold Gehlens, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/366945

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